Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 26. Oktober 1829.

Preußen scheint in einem nie gekannten Ansehen in Süddeutschland

zu stehen und wohl sehr mit Recht. Ein Aufsatz im Hesperus, einer

Dresdner Zeitschrift[52], zeugt hiervon aufs deutlichste, den ich mit

großem Interesse gelesen habe. Hier ist der Preußen-Sinn noch nicht

der stärkste, was sich neuerdings durch den auf 12 Jahre verlängerten

Zoll-Verband der kleinen Mächte erweiset. Ich habe hier mehrere der

Herren gesprochen, die Alle wünschen sich anzuschließen an Preußen und

Bayern ect., aber eine gewisse Rückschau ist allenthalben bemerkbar,

die sie nie mit ganzer Sprache herauskommen läßt. Ich habe ihnen also

die Zunge zu lösen gesucht und gesagt, daß wir wohl wüßten, daß Preußen

von Wien aus als eine gefährliche, sich vergrößernde Macht geschildert

würde, daß ich aber ersuchte, den Weg zu beobachten, den Sie seit

15 Friedensjahren gegangen wären, ob da wohl im geringsten eine

solche Tendenz bemerkbar sei? Die embarassierten und widersprechenden

und nichtssagenden Antworten, die ich darauf erhielt und die mir

große Genugtuung waren, vermag ich hier nicht aufzuzeichnen. Auch an

diesen Antworten habe ich gesehen, daß die Wahrheit ohne Rückhalt

gesagt, Wunder wirkt, da man noch selten gewohnt ist, die Sachen und

Verhältnisse beim rechten Namen zu nennen. Trotz dem 12jährigen Bunde

kamen jetzt Deputierte nach Berlin, um zu einem gemeinsamen Bunde zu

unterhandeln, also sind jene 12 Jahre eine reine Chimäre...

Weimar, den 5. November 1829.

Ich habe noch eine sehr lange und interessante Unterredung mit dem

hiesigen Faiseur, Geheimrat Schweitzer[53], gehabt, den mir der

Großherzog schickte, um über die Handels-Verhältnisse zu sprechen. Ich

habe gegen ihn wie gegen Alle die gleiche offene und wahre Sprache

geführt und die Satisfaction gehabt, zu sehen, daß auch dieser aus

Verstand und Finesse zusammengesetzte Mann nichts einwenden konnte

gegen die Tatsache, die ich anführte, nämlich daß ich niemals ein

freundschaftliches Verfahren und kein annäherndes gegen Preußen darin

finden könnte, wenn man sich in einem anti-Preußischen Bund auf 12

Jahre länger bindet, während man zugleich mit Preußen unterhandeln

will. Da ich ganz und gar die Stellung Preußens so erkannt habe, wie

Sie es angeben, so hoffe ich durch die freie Darlegung dieser unserer

Stellung hier vielleicht Gutes bewirkt zu haben. Die Groß-Fürstin

sprach mir heute ganz in diesem Sinne, nachdem sie noch vor wenigen

Tagen, wie ich durch Augusta weiß, eine ziemlich andere Gesinnung

offenbart hatte. Ja, sie ging sogar so weit, daß sie sagte: Sie müßten

mehr tun, um Deutschland zu sich und von Österreich abzuziehen. Ich

erwiderte, daß ich nicht glaubte, daß Sie dies tun würden, da mir

dies auch nicht nötig schien, indem es nur Jalousie geben könne, auf

der andern Seite aber Sie die Satisfaction bereits hätten, viele

Mächte sich Ihnen nähern zu sehen, und in einem Worte faßte ich es so

zusammen: ~Le Roi verra venir les autres~.

Eine Klage, die ich öfters schon hörte und hier auch wieder, ist

die, daß die Beamten nicht immer in dem geziemenden Tone zum

Auslande sprechen und daß namentlich die Räte in den Ministerien und

Regierungen darin fehlen und dadurch, daß sie in anmaßendem Ton reden

und schreiben, sie mehr die Stimmung gegen Preußen als für dasselbe

gewinnen. Eine Prüfung der Befehle in diesem Punkte dürfte gewiß

nicht überflüssig sein, obgleich ich meine Überzeugung darüber dahin

ausgesprochen habe, daß die Arrogance einiger Beamten doch unmöglich

eine Mißstimmung gegen eine sonst so anerkannt erleuchtete Regierung

erzeugen könne.

Das eigene Heim.

Berlin, den 11. März 1830.

Nachdem Sie so gnädig gewesen sind, für Carl und Albrecht bestimmte

Palais zu ihren immerwährenden Wohnungen anzuweisen, darf auch ich

wohl erneut mit der Bitte herantreten, auch uns ein wirkliches

Palais verleihen zu wollen. Da freilich nun alle vorhanden gewesenen

prinzlichen Palais, außer der Universität, zu ihrer ursprünglichen

Bestimmung zurückgekehrt sind, so kann erklärlich nichts anderes übrig

bleiben, wenn Sie die Gnade haben wollen, mich mit meinen Brüdern

gleich zu stellen, als ein Privathaus zu wählen und dasselbe nach

Palaisdimensionen einzurichten und umzubauen oder ein ganz neues zu

erbauen. Zu letzterem Projekte lag Ihnen bereits früher ein Plan vor.

Wir können aber nicht leugnen, daß seitdem wir unser jetziges Haus

bewohnen, uns die Lage desselben in jeder Beziehung so angenehm und

so jeder anderen Lage vorzuziehen erscheint, daß wir den Plan gefaßt

haben, dasselbe uns von Ihnen als bleibende Palais zu erbitten und

es dieserhalb dem notwendigen Umbau zu unterwerfen. Wir haben daher

einen Plan zu diesem Umbau selbst entworfen, ihn auch durch Geh. Rat

Schinkel[54] prüfen und corrigieren lassen, und dieser Plan ist es, den

ich Ihnen in der Anlage untertänigst vorlege[55].

[Illustration: Das Palais Wilhelms I. vor dem Umbau

Miniaturbild auf einem Prunktisch in den sogenannten Großherzoglichen

Gemächern im Palais]

Der große Übelstand, der unserem jetzigen Hause anklebt, ist, daß es

weder Hofraum noch Stallungen hat und wegen seiner geringen Ausdehnung

und Terrainbesitz keine Vergrößerung erlaubt, ohne das Grundstück,

welches der Minister von Schuckmann jetzt inne hat, zu überschreiten.

Ohne Zuziehung dieses Grundstückes zu dem unsrigen ist daher eine

Palais-Einrichtung hier für uns unmöglich. Der anliegende Plan zeigt,

in welcher Art allein auf eine bequeme Art die Ställe und Remisen

angelegt werden können und wie dadurch ein Hofraum noch übrig bleibt,

der die notwendigste Größe hat.

Was nun unser Haus an und für sich anbetrifft, so glaubten wir

anfänglich die Mauern der unteren Etage conservieren zu können: es

hat sich aber gezeigt, daß sie viel zu schwach sind, um einen höheren

Bau zu tragen; auch daß die Balkenlagen der Etagen schon so verdorben

sind, daß sie erneuert werden müssen. Das Haus wird daher müssen ganz

abgerissen werden; die dadurch entstehenden Kosten werden durch das

dabei gewonnene Material wiederum gedeckt. Um dem Hause aber einige

etwas größere und Palaisdimensionen im Innern geben zu können sowie

eine regelmäßige Mitte, die ihm bisher fehlte, so ist eine Vertiefung

nach dem Hofe zu, eine Erweiterung auf die Hälfte des kleinen Gartens

und ein Überbau über die Gasse nach dem Niederländischen Palais[56]

projektiert, wozu die Genehmigung der Tante[57] einzuziehen sein

würde. Die so zu gewinnende Mitte ward bedingt durch das Grundstück

der Bibliothek, von welchem dennoch einige Fuß genommen werden mußten

und daher nicht noch mehr vom kleinen Garten zugezogen werden konnte.

Der Rest des Gartens würde in eine Art Terrasse verwandelt werden

können. Der kleine Hof hinter dieser Terrasse mußte wegen einiger

Bibliotheksfenster ausgespart werden.

Die Einteilung der Wohnungen in den verschiedenen Etagen geht aus den

Plänen hervor. Was die Wohnung anbetrifft, so ist sie für den Fall

der möglichen Nachkommenschaft bestimmt. Das jetzige Schuckmannsche

Haus würde nur die drei Wohnungen der Oberhofmeisterin und der

beiden Hofdamen aufnehmen, sowie das Hofmarschallamt, meine beiden

Militärbureaus und die Wohnung für das auf Quartier Anspruch habende

Domesticale. Sollte dann noch Raum übrig bleiben, so würde ich einige

meiner alten Diener, welche bis zu meiner Verheiratung freie Wohnung

hier hatten, dort unterbringen, die es wohl verdienen, da einer

derselben jetzt 30 Jahre, ein anderer 28 Jahre, 20 Jahre bei mir ist.

Außerdem reicht das Kellergelaß im zu erbauenden Palais nicht aus, so

daß die des Schuckmannschen Hauses ebenfalls gebraucht würden.

Sie werden sich hiernach gnädigst überzeugen, daß, wenn streng genommen

nicht das ganze Schuckmannsche Haus vielleicht gebraucht würde, doch

eine Teilung desselben unmöglich ist, es auf der anderen Seite wiederum

gar nicht zu entbehren ist. Auch in der Zukunft dürfte es vielleicht

noch sehr nützlich werden.

Die Unterbringung des Ministeriums des Innern dürfte keine

Schwierigkeiten haben, indem das Haus des Staatskanzlers in sofern

disponibel ist, als der Geheimrat v. Stägemann[58] in demselben zur

Miete wohnt. Die Bureaus des Ministers Graf Lottum[59], welche sich in

jenem Hause befinden, oder die des Ministers v. Schuckmann[60] würden

die Acquisition eines kleinen Locals nötig machen. (Als Carl sein

Palais erhielt, mußten für den Generalstab und für das Ministerium

der auswärtigen Angelegenheiten gleichfalls Locale beschafft werden.)

Übrigens wird die Deplacierung des Ministeriums des Innern ungefähr

erst in zwei Jahren nötig, da der ganze Bau und die Einrichtung bis

zum Einziehen wohl drei Jahre erfordern würde, im dritten Jahre

aber erst mit dem Bau der Stallungen vorgeschritten zu werden

braucht. Im Schuckmannschen Hause selbst würden nur unbedeutende

Wohnungseinrichtungen vorkommen, wie dies in jedem lang bewohnt

gewesenen Hause der Fall ist, die Damen sich überdies selbst möblieren

müssen und für die Bureaux-Einrichtung alles existiert.

Demungeachtet kommt der Kostenanschlag schon hoch genug und erreicht

dieselbe Summe, welche alle diejenigen Projecte erreichten, die ich

Ihnen voriges Jahr vorlegte. Der Geh. Rat Schinkel hat nämlich den

Bau nach den höchsten Sätzen (die des Museums) angeschlagen, um eher

dahinter in der Ausführung zu bleiben, als sie zu übersteigen, wonach

derselbe mit der ganzen Einrichtung bis zum Einziehen 340000 Thlr.

beträgt. Von den hierin begriffenen 80000 Thlr. Einrichtungskosten

gehen die sämtlichen Möbel ab, welche bei der Einrichtung unsers

jetzigen Hauses angeschafft wurden, wodurch die Summe noch um Etwas

also sich ermäßigt.

Was für eine Einrichtung hinsichtlich unsers jetzigen Hauses und des

Schuckmannschen getroffen werden soll, wird von Ihrem Befehl abhängen,

ob dieselben nämlich von ihren jetzigen Behörden erkauft werden

oder ob sie wie bisher auf deren Rechnung benutzt werden sollen.

Das unsrige gehört nämlich dem Militärfond und das Schuckmanns der

Landeswitwenkasse. Der Kauf beider Grundstücke würde ungefähr 100000

Thlr. betragen.

Wenn Sie nun die Gnade hätten, diesen Bau zu genehmigen, so würde

ich vorschlagen, denselben unter Schinkels Leitung durch einen

Militärcommissarius, Capitän Moser, ausführen zu lassen, weil derselbe

gewiß manche Ersparnis erzielen wird.

Während des Baues selbst würden wir Sie gnädigst ersuchen, uns im

Schloß eine Wohnung zu bestimmen, vielleicht einen Teil des großen

Appartements des seligen Königs, sodaß ich meine alten Zimmer wieder

bewohnen könnte. Auf diese Art wird keines des gewöhnlich im Gebrauch

seienden Fremden-Appartements der Disposition entzogen.

Wir dürfen vielleicht um so rascher einer Entscheidung von Ihnen

entgegensehen, da für diesen Sommer unserm Hause, wenn wir es so ferner

bewohnen müßten, eine Hauptreparatur bevorsteht, indem das Dach fast

ganz neu gebaut werden muß, die Schornsteine so baufällig sind und so

feuergefährlich angelegt, daß die Balken seit mehreren Wochen, vom

Putz abgefallen, in den Schornstein frei hineinstehen, daß sie neu

gebaut werden müssen, wobei sämmtliche Plafonds ruiniert werden und

wahrscheinlich auch die Tapeten; die Balkenlage zwischen den Etagen

teilweise erneuert werden muß, wodurch also die Parquets und die ganzen

Stuben ruiniert würden. Somit würde diese Hauptreparatur sehr viel

Geld kosten und doch nur ein sehr schlechtgebautes Haus nur teilweise

ausflicken.

Wie schön übrigens das neu zu schaffende Palais den Platz hier zieren

würde, brauche ich kaum anzuführen, da es zu den übrigen schönen

Gebäuden ein schöner Schluß sein würde, um so mehr, da, wie ich höre,

die Statue Friedrichs des Großen hier vor unsern Fenstern errichtet

werden soll.

Der Geheimrat Schinkel hängt freilich sehr an seinem früheren Projekt

auf dem Packhofe, was gewiß sehr schön ist, aber wegen seiner

zurückgezogenen Lage uns mit der hiesigen Lage nicht vergleichbar

erscheint. Ich lege dieses Projekt auch wiederum bei[61] und bemerke

nur, daß der Kostenbetrag desselben, wie ich ihn voriges Jahr angab,

viel zu gering war und er nach den jetzt für den hiesigen Bau von

Schinkel angenommenen Sätzen sich nicht auf 300000 Thlr. beläuft,

sondern auf 415760 Thlr., wobei der Bau von zwei Quais und der Ankauf

des Platzes (aus dem Museumsfond) nicht mit inbegriffen ist.

Um die Übersicht zu haben, wie die jetzigen Grundstücke, welche wir

und Schuckmann bewohnen, zu einander liegen und gebaut sind und wie

die projektierten Veränderungen sich dazu verhalten, habe ich den Plan

~C~ beigefügt. So sehr wir nun erwartungsvoll Ihrer gnädigen

Entscheidung entgegen sehen, wohl einsehend, daß es nichts Geringes

ist, was für uns wir von Ihrer Gnade erbitten, namentlich wenn ein

Vergleich der nötig werdenden Summen gegen die Summe gezogen wird,

welche Sie für Carl und Albrecht bewilligt haben, aber dies gehet

lediglich aus dem Verhältnis hervor, daß bei uns nicht wie bei den

Brüdern von der Einrichtung eines Palais zum Palais, sondern von der

Umformung eines Privathauses in ein Palais die Rede ist, da keine

Palais mehr vorhanden sind, wenn nicht das Projekt wieder aufgenommen

würde, die Universität dadurch wieder disponibel zu machen, daß man sie

nach dem dazu einzurichtenden Academiegebäude überträgt.

Sollten wir von Ihrer Gnade die Bewilligung der hier gemachten

Vorschläge erlangen, so würden wir Ihnen unendlich dankbar sein, wie

wir es schon für so viele Beweise Ihrer Liebe und Gnade ewig sein

werden.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 29 / 54 题