Ewig ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 1. März 1829.

Ihre Wünsche sowie die meinigen sind hinsichtlich des Termines und

Ortes glücklich erreicht... ich habe mich mit der Großfürstin vor

mehreren Tagen völlig über Alles ausgesprochen, Vergangenes und

Zukünftiges; über das Vergangene sagt sie, sei Friede geschlossen

durch die gegenseitig zuletzt gewechselten Briefe. Über die Zukunft,

d. h. Termin und Ort der Vermählung[50], erklärte ich, daß ich Ihnen

Alles übergeben hätte, seitdem Sie die Gnade gehabt hätten, auf jenen

Brief der Großfürstin an mich zu antworten, ich also ganz nach Ihren

Ansichten handeln würde und gleich Ihnen ruhig der Entscheidung

entgegen sähe. Schon in dieser Unterredung merkte ich, daß sie

entschlossen war, in Alles einzuwilligen, daß aber, wie sie damals

sagte Mühe haben würde, den Großherzog zu disponieren.

Weimar, den 10. März 1829.

Gerade in +diesem+ Jahre den heutigen[51] Tag entfernt von

Ihnen und dem teueren Ort zu begehen, der uns in der Mittagstunde

zusammenführt, können Sie leicht denken, ist mir eine unendlich

schmerzliche Entbehrung. Denn wie viel umfassend müßte heute wohl

ein Gebet sein, daß an jener Stelle nur um so inbrünstiger und

bedeutungsvoller gewesen sein würde. Ich habe +ihren+ Segen

erfleht auf Alles, was in diesem Jahre mich so entscheidend treffen

soll. Wäre +sie+ noch unter uns, so hoffe ich, würde sie mit der

getroffenen Wahl zufrieden gewesen sein und die neue Tochter geliebt

haben. An dem heutigen bedeutungsvollen Tag muß ich Ihnen also Augusta

von Neuem empfehlen und Ihnen allein, da keine Mutter sie bei uns

empfängt, deren Segen aber immer unter uns bleiben wird und so sich

auch auf Augusten ausbreiten wird...

Die Mitteilungen kürzlich über unsern Finanz-Zustand haben allgemeines

Interesse erregt, da sie den Flor desselben ankündigen. Mir, als

Militär, ist dabei natürlich die ersparte Summe von 600000 Tlr. beim

Kriegs-Etat in die Augen gesprungen und wenn ich freilich vermuten

muß, daß diese Ersparnis für andere militärische oder allgemeine

Staats-Haushalts-Angelegenheiten verwandt worden ist, so hat sich bei

mir der Wunsch aufgedrängt, ob nicht ein Teil dieser Summe zum Etat

des Kriegsministers gebracht werden könnte und zwar, um dafür unsere

Cavallerie-Regimenter zu verstärken. Diese Argumentation scheint mir

dasjenige zu sein, was Ihre Armee am notwendigsten bedarf, sobald

die Finanzen es erlauben. Da Sie selbst vor Kurzem die Ansicht

aussprachen und ich durch die Anschauung der starken russischen und

österreichischen Cavallerie-Regimenter erneut auf die Wichtigkeit der

Argumentation der unsrigen aufmerksam ward, so habe ich mich mit diesem

Gegenstande beschäftigt... bei der Wichtigkeit des Gegenstandes und der

vielleicht disponiblen Fonds unterstehe ich mich, hierauf aufmerksam

zu machen, hoffend, daß diese freilich unberufene Einmischung mir von

Ihnen nicht ungnädig aufgenommen werden wird.

Weimar, den 6. Juni 1829.

Um 11 Uhr bin ich hier angelangt und habe Alles wohl angetroffen,

wenngleich auch Alles durch die bevorstehende Trennung und die vielen

Abschieds-Scenen recht wehmütig gestimmt ist.

Vor allem soll ich aber melden, daß die Groß-Fürstin und der Großherzog

sich entschlossen haben, nunmehr auch zur Vermählung nach Berlin zu

kommen. Die Großfürstin fragte mich, ob sie es ohne Ihre Einladung tun

dürfe; ich erwiderte, daß es den Eltern wohl nie benommen werden könne,

ihr Kind zur Vermählung zu begleiten. Nun, dann soll mich der Kaiser

beim König melden, sagte die Groß-Fürstin; der Großherzog wird Ihnen

selbst dieserhalb schreiben... Sie können sich denken, wie froh Augusta

und ich über diesen Entschluß ihrer Eltern sind, der den Abschied noch

etwas hinausschiebt. Es ist kaum möglich, unter schöneren und froheren

äußeren Auspizien eine Vermählung zu feiern; man könnte ganz hochmütig

werden, wenn man nicht die Demut zu Hilfe nimmt. Gott gebe eine so

glückliche Zukunft, als der Moment schön ist.

Halle, den 7. Juni 1829.

Die glücklich erfolgte Ankunft Augustens an Ihrer Grenze und im ersten

Nachtquartier Merseburg eile ich Ihnen sogleich zu melden. Der heutige

Morgen war natürlich ein schwerer Moment für meine arme Braut. Früh 7

Uhr waren wir in der Kirche, wo wir Stärkung und Fassung erflehten. Der

Lehrer Augustens predigte und recht von Herzen. Bis 11 Uhr blieben wir

dann beisammen ~en famille~. Um halb 12 erfolgte die Abreise. Ich

fuhr fort, als das Abschiednehmen begann. An der Grenze erwartete ich

Augusta, wo sie kaum eine halbe Stunde nach mir eintraf und ich sie im

neuen Vaterlande bewillkommnete. Im starken Regen verließen wir Weimar,

aber an der Grenze schien die Sonne herrlich und warm. Möge es ein

günstiges Vorzeichen meiner Zukunft sein. Wie glücklich ich mich fühle,

Augusta bei uns zu wissen, begreifen Sie. Und nun auch zu sehen, wie

sie sogleich nach der schweren Trennung eine Stütze in mir sucht, ist

mir unbeschreiblich rührend und tröstlich.

Von der Grenze bis Merseburg fehlte es denn auch nicht an unzähligen

Ehrenpforten, Reden, Gedichten, weißgekleideten Mädchen. Alles war sehr

hübsch geordnet, ordentlich und herzlich. Morgen will Augusta noch

in Merseburg dem Gottesdienste beiwohnen und um 10 Uhr abreisen. Ich

habe mich der Etikette wegen hierher begeben, werde aber zur Kirche in

Merseburg sein. Gott geleite uns gnädig in Ihre Arme und in die Mitte

der teueren Familie.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 28 / 54 题