Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 12. November 1828.

Ach! Sie können sich denken, in welchem Zustande wir hier sind. Nein,

wie war es denkbar, daß diese teuere Kaiserin[47], die so noch in

der Kraft und Fülle der Gesundheit dazustehen schien, so bald uns

entrissen werden würde. Ich betrauere in ihr ein Herz, das mir während

11 Jahren mit mütterlicher, wahrhaft mütterlicher Liebe zugetan war und

das sich gerade jetzt diesen Namen mit Recht erringen sollte. O wie

rührend ist sie noch in ihren letzten Stunden mit meiner Augusta und

mir beschäftigt gewesen. Ich kann es nicht verschmerzen, daß sie nicht

mehr die Kunde erhielt, daß Alles am Ziel sei...

Weimar den 22. November 1828.

.... Sonst hat die Großfürstin sehr viel Fassung dies Mal gezeigt ...

hauptsächlich sagt sie immer, daß ihr der Anblick meines Verhältnisses

zu Augusta Ruhe und Frieden wiedergäbe. Sie ist gegen mich von

unendlicher Liebe und Herzlichkeit, denn sie sieht mich wie ein

Vermächtnis der Kaiserin an, die mich viel mehr kannte als sie bisher

und ihr immer so gnädig und liebevoll von mir gesprochen hat...

Wie mir bangt, Sie nach Allem wiederzusehen und zu umarmen, können Sie

sich denken. Auf 14 Tage nahm ich von Ihnen Abschied und nun bin ich im

dritten Monat schon abwesend.

Wegen des Wiederkommens[48] wird gegenseitig die Zeit zu Weihnachten

gewünscht, wo Sie mir vielleicht erlauben, auf 8-10 Tage herzugehen.

Die Zeit der Verlobung ist hier noch unschlüssig, teils zum 30. Januar

als dem Geburtstag der alten Großherzogin, teils zum 15. Februar als

dem Geburtstag der Großfürstin gewünscht, weil dann auch die Hälfte

der neuen Trauer um ist. Ich hätte nicht gewünscht, vor der Verlobung

wieder herzukommen; doch bei der nun eingetretenen Verzögerung muß ich

diesen Plan wohl aufgeben, um so mehr, weil die Verzögerung jetzt einen

anzuerkennenden Grund hat, der früher, in meinen Augen, mangelte...

Auch habe ich der Großfürstin gesagt, daß ich vermutete, daß nunmehr

bei uns wenigstens kein Geheimnis mehr aus meiner Versprechung gemacht

werden würde, da keine Antwort mehr, leider, abzuwarten sei.

Weimar, den 8. Januar 1829.

.... Es scheint ja am politischen Himmel ganz einig mit einem Male

auszusehen, in Beziehung auf Griechenland, indem Rußland, Frankreich

und England jenes Land als unabhängig gegen die Pforte erklärt haben

sollen und daß jeder Schritt von Seiten der Türkei, durch gewaffnete

Hand diese Unabhängigkeit anzutasten als ein Angriff auf die drei

führenden Mächte betrachtet werden würde. Da dies ganz und gar die

Ansicht ist, welche der Kaiser von Österreich und noch mehr Fürst

Metternich mir aussprach und es auch wohl die Ihrige gewiß ist, so wäre

also in dieser Beziehung eine völlige Einheit der Ansicht eingetreten,

wenn nicht Österreich seit den zwei Monaten wieder umgesattelt hat[49].

Berlin, den 5. Februar 1829.

Gestern Abend habe ich die Einlage als Antwort der Großfürstin auf

meinen Brief erhalten, in welchem ich ihr in Ihrem Auftrage von dem

Zeit-Punkt meiner Vermählung sprach. Daß diese Antwort nicht gleich

günstig ausfallen würde, konnte ich wohl vermuten. Daß sie aber so

abgefaßt sein würde, wie Sie sehen werden, mußte ich weit entfernt

sein zu erwarten, da sie in Ausdrücken und einem Tone geschrieben ist,

die ich noch niemals gehört habe. Zum Glück habe ich eine Abschrift

der gedachten Stelle meines Briefes behalten, welche ich hier beifüge,

um Ihrem eignen Urteile es zu überlassen, ob eine solche Antwort zu

erwarten war und jemals zu billigen ist.

.... ich bemerke, daß jene einzige Conversation, welche ich mit der

Großfürstin über den Vermählungs-Termin hatte, gar nicht oberflächlich

und unvollständig war, denn wir hatten eine Stunde conferiert, als wir

unterbrochen wurden; aber Alles war ~de part et d’autre~ völlig

durchgesprochen, wie ich es Ihnen damals schrieb.

Daß ich neulich nicht wieder von dem Gegenstande sprach, war bei der

erneuten Trauer sehr begreiflich. Und jetzt, wo also ein Austausch

der Ansichten eingeleitet wird, erhalte ich diese Antwort, die mir

vorwirft, im vernichtenden Tone geschrieben zu haben und die Pretension

aufstellt, daß Sie hätten selbst schreiben müssen...

Weimar, den 16. Februar 1829.

Schon in Wittenberg hatte ich eine Antwort der Großfürstin auf meinen

Brief erhalten, die ich beilege, und also Frieden geschlossen war.

Den fand ich also auch durch die Art meines Empfanges als etabliert

bestätigt und so störte nichts die Freude des Wiedersehens.

Ich habe gestern meiner Prinzeß das Brautgeschenk, die Perlen,

überreicht, die sehr gütig von Allen aufgenommen wurden. Heute übergab

die Groß-Fürstin an Augusta ihr Braut-Geschenk, in einem Kamm und

Collier von Rubis balais bestehend, ganz superbe.

Um Mitternacht. Die Verlobung ist vorüber und ich dadurch um einen

bedeutenden und wichtigen Schritt näher dem so lang ersehnten Ziel.

Gott wolle mir stets die Zukunft so heiter und zufrieden gestalten, als

sie mir jetzt leuchtet und wie es die Gegenwart ist. Dies ist Alles

sagen, was ich vermag, indem es ja alles sagt, was ich über Augustens

Eigenschaften aussprechen kann. Die wichtigen Momente im Leben weiß

sie gerade auf eine so schöne und hohe Art zu nehmen und mit mir zu

besprechen, daß sie mir täglich edler und besser erscheint. Zu Gott

flehe ich, daß er sie mir so erhalte und mich ihr würdig.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 27 / 54 题