Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 31. Oktober 1828.

.... Vor allem war Augusta so gerührt, über Ihre gnädigen Ausdrücke

und Bestellungen[46], daß sie kaum die Bestellung dafür an Sie mir

auftragen konnte, die jedoch dahin zuletzt lautete: daß sie eigentlich

keine Worte in solchem Augenblicke für Sie finden könne, daß sie zu

gerührt und beschämt über Ihre Gnade sei und sich so glücklich fühle,

Ihnen von nun an näher anzugehören und daß sie nur wünsche, auch in

der Folge Ihre Gnade und Liebe zu verdienen. Daß sie sich derselben

würdig zeigen wird, kann ich täglich mit mehr Überlegung aussprechen,

denn täglich gewinnt Augusta mehr in meinen Augen, in meiner Liebe und

Achtung. Doch ich mag ihr Lob nicht zu hoch im Voraus spannen, um sie

nicht in der Wirklichkeit hinter demselben zurückbleiben zu sehen...

Wie haben wir uns gefreut über die Rückkehr Nicolaus’ nach Petersburg;

welche enorme Freude wird es gewesen sein. Gott sei gepriesen, daß

die Campagne doch noch so endigte; denn die letzten Momente waren gar

sehr beängstigend. Hoffentlich wird ~le grand Turc~ nun im Winter

~traitable~ werden.

Weimar, 11. November 1828.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auffallend es mir oft ist, in

welchem Grade unsere Ansichten über fast alle Lebens-Verhältnisse und

überhaupt über alle Gegenstände, die wir besprechen, zusammentreffen

und übereinstimmen und wie dennoch Augusta Alles von demselben

Gesichtspunkte aus ansieht wie ich. Wie sehr dadurch unser

gegenseitiges Vertrauen wächst, läßt sich ermessen und wie froh wir

zusammen einer glücklichen Zukunft entgegen sehen. Oft sagt man: die

verschiedensten Charaktere geben die besten Ehen; ich denke aber, wir

wollen beweisen, daß auch übereinstimmende es recht gut zusammen haben

können.

Vorgestern hat die Großfürstin die Unterredung mit mir auf den

Zeitpunkt der Vermählung gebracht und gleich damit angefangen zu sagen:

~nous en sommes pas du tout empressés de marier notre fille~. Ich

erwiderte, daß in dem Grade, wie man es hier vielleicht nicht sei, man

es gerade bei uns im Gegenteil sei; doch ich müßte bitten, zu sagen,

was für einen Termin man sich hier denke. Gegen Ende des Sommers,

Anfang August, war die Antwort. Ich erwiderte, daß Ihre Ansichten

und meine Wünsche darin nicht sehr abwichen, indem wir den Monat Mai

wünschten, es also vielleicht nur auf einen Unterschied von zwei

Monaten ankäme; doch müßte dieser Unterschied nach unseren Ansichten

ausgeglichen werden, indem der Sommer und namentlich der August eine

Periode sei, wo ein Beilager in Berlin gar nicht mit dem nötigen

Glanze, der doch zu solchen Dingen gehöre und den ich durchaus wünschen

müßte, begangen werden könne. Darauf meinte die Großfürstin: dann

könnte man ja die Vermählung hier begehen. Dagegen opponierte ich auf

das allerbestimmteste, ausführend, daß dies bei keinem Ihrer Söhne der

Fall gewesen sei, daß alle meine Verhältnisse und Interessen zu innig

mit der Idee, meine Vermählung in Berlin begangen zu sehen, vereint

seien, daß ich nie davon abgehen würde. Die Großfürstin sagte darauf,

daß, wenn man ihr alle Wünsche abschlüge, sie ihrerseits gewiß in dem

des Termines nicht nachgeben werde, denn es sei ihre letzte Tochter

und die wäre sie gar nicht expressiert zu verlieren, auch könnte das

Trousseau nicht fertig werden, ~etc.~ Ich entgegnete, daß Sie

gewiß nachgeben würden über den Punkt des Termines, wenn Ihnen Gründe

vorgeführt würden, die haltbar seien; die bisher angeführten seien es

in meinen Augen keineswegs und würden es auch in den Ihrigen nicht

sein, um so mehr, da, wenn der Mai nicht bestimmt werde zur Vermählung,

dieselbe bis zum November, December aufgeschoben bleibe, weil die

Manöver bis zum Oktober dauerten, die Sie einen Teil des Septembers

am Rhein beschäftigten, und dann auch Berlin bis zum December nicht

so gefüllt sei, um den gehörigen Glanz den Festlichkeiten zu geben.

Da meinte die Großfürstin, das sei um so besser, um so länger behalte

sie ihre Tochter, worauf ich aber entgegnete: um so schlimmer, denn

um so länger entbehrte ich ihre Tochter, und ich sei alt genug

geworden, um keinen langen Aufschub mehr erdulden zu wollen, um so

mehr, da auch Karl und Marie nur vom November bis Mai versprochen

gewesen wären und Karl doch damals nur 25 Jahre alt war. Kurzum, Jeder

blieb bei seiner Meinung und ich endigte damit, daß ich durch den

intentionierten Aufschub auch noch die Unannehmlichkeit hätte, nicht

einmal häufiger Besuche hier machen zu können, indem ich es mit meiner

Pflicht nicht vereinbaren könnte, noch ein zweites Jahr so lange von

meinem Wirkungskreise entfernt zu sein, wie in diesem Jahre, indem die

Geschäfte nur zu sehr darunter litten, wenn man sie so lange anderen

Händen anvertrauen müßte.

Ein ebenso streitiger Punkt war der des Termines der Verlobung. Die

Großfürstin will ihn nach Neu-Jahr, weil da die halbe Trauer um ist und

man auf einige Tage farbige Kleider und Diamanten usw. anziehen könnte,

Conzerte geben ect. Ich versicherte, daß, da die Verlobung doch nur

eine Ceremonie sei, ich nicht darauf halte, daß alle jene Dinge dabei

sich zutrügen, ich aber durch den gewünschten Termin verhindert würde,

früher wiederzukommen, indem ich gehofft hätte, nach Karls Beispiel,

gleich nach den Petersburger Antworten verlobt zu werden, also etwa zu

Weihnachten; denn daß ich noch einmal herkäme, ohne verlobt zu werden,

würde ich natürlich und ganz gewiß nicht tun. Es hinge also nur davon

ab, ob ich in 4 Wochen oder in 2 Monaten wiederkommen sollte. Ich werde

nun noch mit dem Großherzoge vor meiner Abreise über Alles sprechen und

mündlich die Resultate berichten...

Der Fürstin lege ich mich zu Füßen. Seien Sie versichert, daß wir

gewiß Alle täglich Gott danken und preisen für das Glück und die

Zufriedenheit, die Sie in Ihrem Besitz finden und wir mit Ihnen. Möge

es Ihnen lange, lange erhalten werden.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 26 / 54 题