Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn

Wilhelm.

Weimar, den 20. Oktober 1828.

Von hier und meinen hiesigen Verhältnissen kann ich Ihnen die besten

Nachrichten geben, wenngleich ich noch nichts officielles mitteilen

kann, indem von oben herab man noch schweigt. Aber in den unteren

Haupt-Regionen ist es nicht mehr so stumm geblieben und dies ist

allerdings die Hauptsache. Da ich nach einigen Tagen Aufenthalt hier

bemerkte und nach den Äußerungen der Großfürstin es vielleicht mit

Bestimmtheit ersah, daß sie wünschte, die Sache wenigstens nicht zu

übereilen, wenn nicht auf die lange Bank zu schieben, dem ich mich

ruhig unterworfen haben würde, wenn ich bemerkt hätte, daß Prinzessin

Augusta mit dieser Hinausschiebung aus Unentschlossenheit einverstanden

war, ich dies Letztere von der Prinzessin keineswegs gewahr ward,

sondern mir aus hingeworfenen und sehr gut aufgenommenen und wohl

verstandenen Worten die Überzeugung wurde, daß ich Alles zu hoffen

hätte, so beschloß ich meinen Angriff direkt zu machen. So kam es denn,

daß ich am 16. Abends nach dem Souper allein im Salon stand mit ihr,

ihren zerbrochenen Eventail[42] in der Hand haltend; sie verlangte

denselben zurück und indem ich ihr denselben hinhielt, legte ich meine

Hand in die ihrige, sie fragend: wollen Sie diese behalten? Sie verlor

fast alle Contenance vor Rührung, reichte mir aber gleich darauf die

Hand hin und dieser Händedruck und ihr Blick sprachen Alles aus, was

ihr Mund nicht auszusprechen vermögend war. Sie können denken, wie

glücklich ich war und daß die Nacht ziemlich schlaflos dahinstrich.

Den ganzen anderen Tag ließ ich ruhig vorübergehen, um die Prinzessin

nicht in Verlegenheit zu setzen und nur einzelne Anspielungen erlaubte

ich mir. Den 16. erfuhr ich dann von ihr, daß sie der Großfürstin von

jener Scene gesprochen habe. Natürlich wollte ich nun gern auch mit

dieser sprechen, aber doch abwarten, ob sie nicht zuerst mir ihrer

Tochter Antwort sagen würde, die sie mir mitzuteilen gleich in der

ersten Unterredung versprach, als ich ihr sagte, daß ich dieselbe

ruhig erwarten würde. Da dies aber gestern, am 19., nicht geschah,

so erfragte ich durch Prinzessin Augusta, ob ich heute kommen könnte

und soeben brachte mir Mary die Antwort, daß ich morgen früh erst zur

Groß-Fürstin kommen solle und ließ sie dabei fallen, als wünsche man

die Entscheidung bis zum 26.[43], dem Geburtstag der Kaiserin-Mutter,

hinauszuschieben. Das würde mich nun gar nicht arrangieren, weil ich,

wie Sie sehen, mit der Prinzessin so ziemlich im Klaren bin, diese 8

Tage also noch als eine Comödie verstreichen müssen.

Nach dem Vorgefallenen sehen Sie, daß ich das Ja-Wort der Prinzeß

eigentlich bereits habe. Ich glaube mit Zuversicht Ihnen sagen zu

können, teuerster Vater, daß ich Ihnen eine Tochter zuführe, mit der

Sie zufrieden sein, die Ihnen ihre ganze Liebe schenken wird und der

Sie gewiß die Ihrige dann nicht versagen werden. Es ist nicht gut, zu

viel Gutes im Voraus weder über innere noch äußere Vorzüge zu sagen;

mein Urteil über die letzteren kennen Sie bereits und ich glaube

aussprechen zu können, daß die inneren die äußeren übertreffen. Sie

werden sich leicht denken können, in welcher Stimmung ich mich befinde,

in diesen entscheidenden Tagen, in denen ich mein bisher so bewegtes

Leben sich einem sicheren, frohen Ziele sich nähern sehe. Gott schenke

mir in Gnaden die Erfüllung der Absichten, zu denen ich mich jetzt

berechtigt sehe.

Weimar, den 25. Oktober 1828.

Kaum weiß ich die Feder zu führen, um Ihnen endlich zu melden, daß der

geheimnisvolle Schleier von dem Verhältnis aufgezogen ist, welches sich

seiner Entscheidung näherte oder eigentlich im Factum schon entschieden

war.

Heute, ~à la veille~ des Geburtstages der Kaiserin-Mutter, war

dazu ausersehen, um im Familienkreise mir das Ja-Wort der Prinzessin

Augusta förmlich zu geben! Die Familie war dazu um 11 Uhr bei der

Großfürstin versammelt; die Großfürstin empfing mich im Neben-Zimmer,

wohin mich der Großherzog geleitet hatte und umarmten mich beide

dort zum Erstenmale als zu ihnen gehörig; sie führten mich nun zu

den Übrigen, legten unsere Hände in einander, worauf ich Augusten

in die Arme sank, freilich, ohne ein Wort sprechen zu können!!! Die

Großherzogin umarmte mich mit einer Herzlichkeit und Innigkeit und

solcher Rührung, daß ich fast alle Fassung verlor; so waren denn auch

Mary und Carl von einer Herzlichkeit und von einem so tiefen Gefühl,

daß ich nie, niemals diese Scene schon wegen Aller Teilnahme vergessen

werde, wenn nicht sie es wäre, welche mein Lebensglück mir sichert!

Ja! dies kann ich mit aller Überzeugung aussprechen, denn ich habe

Augusten in diesen Tagen so ganz kennen gelernt und gesehen, daß ich

mich nicht einen Moment in ihr getäuscht habe und sie von jeher richtig

beurteilte. Ich preise Gott, der mir in seiner Gnade dies Glück nach so

manchem Sturm zu Teil werden läßt und kann nur zu ihm flehen, daß er

mich würdig erhalte, dies Glück zu genießen und der Prinzeß das Glück

zu bereiten, was mein einziges Streben von nun an sein wird!

Ihr Segen und der der teueren, unvergeßlichen Mutter wird mir nahe

sein, jetzt und immerdar, wenn ich mich dessen würdig zeige! Dazu gebe

Gott mir die Kraft!

Seit meinem letzten Briefe an Sie hatte ich die Unterredungen mit den

zwei Eltern und der Großmutter. Ich kann nicht genug rühmen und loben,

wie sehr sämtliche Herrschaften mich mit Gnade und Barmherzigkeit

empfingen bei diesem entscheidenden Schritte. Da die Großfürstin sehr

wünschte, den heutigen Tag abzuwarten, so konnte ich nach einigem

Sträuben doch nichts dagegen einwenden, und ich gab nach.

Wie unendlich gut und liebevoll Augusta in diesen Tagen für mich war

und wie ich nun heute seit dem entscheidenden Moment so ganz ihre

Liebe zu mir erkannt habe, vermag ich nicht zu schildern. Ich verstehe

mich manchmal selbst nicht, denn so wenig bin ich gewohnt, ein Glück

festzuhalten und zu besitzen. Die ersten Worte, die mir Augusta heute

sagte, zeigten mir eine Tiefe des Gefühls, die sie mir über Alles teuer

macht; sie sagte: Möchte ich Ihnen doch jemals +die+ ersetzen

können, die ich ersetzen soll! Zweimal wiederholte sie diese Worte!

Mehr vermag ich nicht zu sagen!

Sie werden mir wohl erlauben, nun noch 8 bis 10 Tage hier zu

bleiben; den Oberst von Lützow sende ich aber nach Berlin mit dieser

Freuden-Post, zugleich, weil er meine Geschäfte endlich übernehmen muß.

Sie erlauben doch gewiß auch an Karl und Mary nun noch einige Tage über

Urlaub zu bleiben, da der erteilte vierwöchentliche Urlaub das heutige

schöne Ereignis nicht voraussah.

Die Briefe für Petersburg hat der Oberst Lützow und Sie haben wohl die

Gnade, wie bei Karls Versprechung einen Feldjäger mit denselben an die

Kaiserin-Mutter zu senden[44]. Den Brief für den Großfürsten Konstantin

werde ich morgen nachsenden. Die Großfürstin wünscht, daß bis zur

Antwort von der Kaiserin-Mutter Alles noch in Nebel gehüllt bleibe; ich

soll es Ihnen ausdrücklich als ihren Wunsch mitteilen. Die Antwort aus

Warna[45] wird aber wohl nicht abzuwarten nötig sein. Gott sei Dank,

daß Warna über ist. Das war eine Freude und ein Jubel gestern, als

ich beim Diner die Estafette mit dieser Nachricht erhielt. Also heute

lauter Freude und Frohsinn.

Ich umarme Sie in Gedanken, teuerster Vater, und bitte, der Fürstin

mich mit meinem Glück zu Füßen zu legen. Sie wird die Namens-Schwester

gewiß freundlich empfangen. Ihren Segen anflehend

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 25 / 54 题