Ihr gehorsamer Sohn

Wilhelm.

St. Petersburg, 16./28. Februar 1828.

.... wenn ich Ihnen nicht die Nachricht zu geben hätte, daß die

gestrigen Meldungen des Grafen Paskiwitsch allerdings die Ihnen

vorgestern als Gerücht mitgeteilten Ereignisse bestätigten. Seine

Berichte sind vom 5./17. Januar aus Deygurgan freilich sehr lange

unterwegs gewesen. Der Hauptinhalt ist folgender: Als am bestimmten

Termin die Zahlung der auferlegten Kontribution von Seiten des Schahs

nicht erfolgte, zugleich aber auch die Nachrichten eingingen, daß ein

Sohn des Schahs seinen Bruder Abbas Mirza beim Vater anzuschwärzen

gesucht habe, als einen Feind des Landes, der durch den Friedensschluß

Rußland in Besitz so schöner Provinzen zu setzen suche, die sein

Erbteil sind, und ihm wohl gar noch andere Pläne zugedacht haben mag

und dieser andere Mirza sich erbeten habe, die verlorenen Provinzen

wieder zu erobern und dazu Anstalten treffe, so hat Graf Paskiwitsch

seinerseits die Friedens-Unterhandlungen abgebrochen und seine Truppen

in Marsch gesetzt. Er hofft, daß diese ganze Unternehmung nur eine

bloße Demonstration sein wird und zum gewünschten Ziele, nämlich

der prompten Zahlung, führen wird. Denn die verlangte Contribution

ist bereits vor den Augen eines russischen Bevollmächtigten und

des englischen Konsuls, der die richtige Zahlung sehr betrieben

hat, in Teheran verladen worden und ist bereits auf halbem Wege

nach Tawris, in Zengun, angelangt. Während dem ist nur der Mirza

aus Korhassan mit seinen Intriguen durchgedrungen, zugleich sind

aber auch türkischerseits Aufforderungen an den Schah ergangen, die

Feindseligkeiten fortzusetzen, indem auch ein Bruch der Pforte mit

Rußland bevorstände und dadurch letzteres in große Verlegenheit kommen

könnte; und so hat der Schah dem Mirza Vollmacht gegeben, seine Schätze

anzugreifen und den Krieg fortzusetzen und die verlorenen Provinzen

wiederzuerobern, welche er zu seinem Erbteil erklärt hat und Abbas

Mirza so gut wie enterbt hat. Dieser ist demnach zu den Seinigen

zurückgekehrt, hat aber einen sehr gerührten Abschied von den Russen

genommen, bei denen er sich sehr gefiel, einer sehr traurigen Zukunft

entgegen gehend... Paskiwitsch will... gegen Zangan marschieren, um so

zu sagen der Contribution entgegen zu rücken, deren Auszahlung durch

diese Demonstration wie gesagt gehofft wird, der Kaiser hofft und

wünscht sehr, daß es nur bei dieser Demonstration sein Bewenden haben

werde.

Aus Paris hat der Kaiser gestern sehr zufrieden stellende Nachrichten

erhalten, da das Cabinett ganz in seine Ansicht eingeht... Der Kaiser

sagte mir soeben, daß er indirekte Nachrichten aus London habe, die

immer mehr das Anschließen des englischen Cabinetts an das russische

für die orientalischen Verhältnisse bestätigen[26]. Die offiziellen

Mitteilungen erwartet er täglich. Aus Constantinopel wird geschrieben,

daß Herr v. Ottenfels sich zur Abreise rüste oder abberufen sei; der

wahre Zusammenhang sei nicht klar. Auch der holländische Gesandte in

Constantinopel hat Schiffe zu seiner Abreise gemietet.

St. Petersburg, 20. Februar/3. März 1828.

Vor einigen Posttagen benachrichtigte ich Sie von der Äußerung des

Kaisers, daß der Marsch der Garde binnen Kurzem erfolgen könne und

setzte ich hinzu, daß mir dazu noch keine Veranstaltungen getroffen

zu sein scheinen. Gestern jedoch sagte er mir, daß die Ordres zur

Mobilmachung der Garde in der Ausfertigung begriffen seien und binnen

wenig Tagen publiciert werden würden... Die Mobilmachung soll höchstens

in 6 Wochen beendigt sein. Auf meine Bemerkung, daß mir der Kaiser vor

6 Wochen ungefähr sagte, er würde die Garden marschieren lassen, falls

ein Nachschub durch den Gang des Krieges erforderlich sei -- wie dies

jetzt mit diesem frühzeitigen Marsch derselben zu vereinbaren sei,

wiederholte er, daß die Distance dies erforderte, indem die Garden doch

erst im September an der Donau eintreffen würden und daß es jedenfalls

sehr gut sei, eine solche Reserve ~à tout événement~ bereit und in

Bewegung zu haben. Bis heute ahndet noch Niemand in Petersburg diese

Maßregel und wird natürlich sie bei ihrem Erscheinen im Auslande viel

Lärm machen, daher ich mich beeile, Sie davon in Kenntnis zu setzen.

Der famose Hatischeriff[27] sehe ich, ist auch nun in Berlin bekannt;

der Kaiser ist sehr aufgebracht über die Sprache, die dieses

Aktenstück über Rußland führt und namentlich über die Stelle, wo die

Pforte erklärt, daß alle Nachgebungs-Demarchen und namentlich das

Einwilligen in die Forderungen zu Akkerman nur geschehen seien, um

Zeit zu gewinnen, um die Rüstungen und die Reorganisation der Armee zu

bewerkstelligen. Zugleich sieht der Kaiser diesen Hatischeriff als eine

Herausforderung an die ganze Christenheit und namentlich an Rußland

(an), so daß nun wohl nichts mehr den Bruch verhüten kann. In diesem

Sinne sind auch die letzten Couriere nach Paris und London abgefertigt

worden.

Die letzten Nachrichten aus Persien lauten sehr erfreulich. Die

feindlichen Kräfte, welche sich bei Maralega sammelten, sind auf die

Nachricht des Vormarsches der russischen Truppen auseinander gelaufen.

Die russische Avant-Garde, die während der Unterhandlungen schon in

Mijana stand, hatte von dort aus ihren Marsch sogleich vorwärts gegen

Zangan angetreten, hat also einen bedeutenden Vorsprung.

Soeben sagt mir der Kaiser, daß die Garden heute die Marsch-Ordre

erhalten haben und gegen den 1./13. April abmarschieren sollen...

St. Petersburg, 25. Februar/3. März 1828.

Gestern Abend kamen wiederum gute Nachrichten aus Persien; der Marsch

der russischen Truppen hat so auf den Schah gewirkt, daß er sogleich

die Abzahlung der Contribution befohlen hat, welche auch bereits ganz

bis Zangan gekommen sein soll; 45 Millionen Papier-Rubel, woselbst der

russische Commissar aufgefordert wurde, zu seiner eignen Überzeugung

irgend einen Sack zu öffnen, um sich zu versichern, daß keine

Betrügereien obwalten. Der geöffnete Sack ist auch voller Geld gefunden

worden. Außerdem hat sich Ardebil, wo das linke Seitendetachement

stand, ohne Schwertstreich ergeben... Wo die Unterhandlungen angeknüpft

werden sollen, ist nicht entschieden, indem der dazu geeignetste

Ort Mijana durch eine dort einheimische giftige Wanze, welche nur

Ausländer sticht und oft tötet, nicht sehr angenehm aus diesem

Grunde erscheint. Die Sterblichkeit unter den russischen Truppen ist

unglaublich in Persien. Aus London sind Nachrichten gekommen, die aber

(noch) immer keine Antwort brachten auf die an Fürst Lieven gegebenen

Instruktionen, indem das englische Ministerium völliges Stillschweigen

beobachtet. Aus Paris sind dagegen die Mitteilungen stets erfreulicher

und anschließender. Der Kaiser hofft, daß der Hatischeriff in London

vielleicht noch gut wirken wird; aber wenn auch nicht, so ist der Plan

und Wille des Kaisers unabänderlich derselbe.

St. Petersburg, 27. Februar/10. März 1828.

Der Kaiser sieht durch den Hatischeriff seine ganze Lage in sofern

verändert an, daß er den Ausbruch der Feindseligkeiten nicht mehr von

der Zustimmung Frankreichs und Englands abhängig zu machen braucht,

sondern der Pforte geradezu den Krieg erklären wird, indem sie ihm

denselben durch jenen Parlamentär angekündigt hat. Denn es kommt

jetzt dem Kaiser momentan nicht auf die Pacifierung Griechenland

an, sondern darauf, sein Ansehen und seinen Einfluß auf die Pforte

aufrecht zu erhalten und die Beleidigung zu rächen, die durch die

Nichterfüllung und durch die Darstellungsart des Akkermanschen Tractats

Rußland zugefügt ist, nebst den übrigen beleidigenden Ausdrücken.

Bei Ergreifung dieser Maßregel erklärt der Kaiser von Neuem, stets

dieselben Grundsätze zu befolgen, welche ihn bei Schließung des

trilateralen Vertrages leiteten. Erhält Rußland bis in den nächsten

Wochen die Beistimmung Englands zu den vorgeschlagenen coërcitifen

Maßregeln, welche in der Instruktion an Fürst Lieven vom 6. Januar

enthalten sind, bisher aber trotz eines 14tägigen Hinausschiebens des

Antworttermines unbeantwortet geblieben sind, so würde alsdann das

Ultimatum von den drei Alliierten der Pforte übergeben werden; trifft

aber die Erwartung von Englands Anschließen bis dahin nicht ein, so

wird der Kaiser allein ein Ultimatum übersenden und abwarten, was

England später beschließen wird. Dieser Schritt kann keine Störung

unter den Alliierten erzeugen, weil Rußland für Erscheinung des

Hatischeriffs individuelle Zwecke gegen die Pforte zu erkämpfen hat.

Frankreich hat sich vollkommen mit Rußlands vorgeschlagenen Maßregeln

einverstanden erklärt und England nach Kenntnis des Hatischeriffs

inständigst zur Annahme dieser Maßregeln erneuert aufgefordert,

indem diese Kriegs-Erklärung nur mit den Waffen beantwortet werden

könne und dies die Ehre der Alliierten erfordere. Es schlägt vor,

den Flotten einige Landungstruppen mitzugeben, um die Schlösser der

Dardanellen zu nehmen und zu behaupten, um den Flotten das Vordringen

gegen Konstantinopel und die Beschießung desselben dadurch möglich

zu machen. (Diese heute eingetroffenen Nachrichten sind mir als

ein großes Geheimnis nur vom Kaiser mitgeteilt worden.) Es stehet

also noch immer zu hoffen, daß England nachgeben wird und der Krieg

gemeinschaftlich erklärt wird. Wo nicht, so würde es seine später zu

ergreifenden Maßregeln in der griechischen Angelegenheit den alsdann

schon russischer Seits ergriffenen anschließen. Frankreich erklärt

es mit Rußland zu halten, selbst wenn England ganz abspringen sollte

(was wohl schwerlich zu erwarten ist.) Rußland würde also, falls

England dem Krieg nicht beistimmt, seine individuellen Interessen durch

denselben verfolgen und also darin nicht von England gehindert werden

können; natürlich handelt Rußland dadurch auch indirekt zum Besten

der Griechen, mit Frankreich eng verbunden aber direkt zum Besten

derselben, denn Frankreich hat ja nur das griechische Interesse vor

Augen. Dies giebt allerdings etwas complicierte Verhältnisse.

Aus Wien erfuhr der Kaiser, wie er mir heute sagte, daß auf bestimmten

Antrag des Erzherzogs Ferdinand zwei Operations-Pläne ausgearbeitet

wurden, der eine, um während der Operationen die Defensive zu

beobachten, der andere ein Offensiv-Plan, um eine österreichische

Armee mit der russischen operieren zu lassen. Es soll darüber jedoch

ein großes Geheimnis obwalten. Doch hat dies den Kaiser sehr erfreut

zu erfahren, weil er doch daraus die Möglichkeit sieht, daß Österreich

sich zu einer tätigen Teilnahme zuletzt noch entschließen wird. Er

ist daher sehr begierig auf die Schritte, die Sie getan haben werden,

sowohl gegen Österreich als für sich selbst.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 20 / 54 题