Wilhelm.
St. Petersburg, 8./20. Februar 1828.
Des Kaisers erste Frage, gleich nachdem ich ihm Mitteilung von
Ihrem Anerbieten auf Unterhandlungen gemacht hatte, war: gehet das
Anerbieten auf Unterhandlungen oder auf Anschließen zum Handeln zu
gemeinschaftlichem Zweck? Ich mußte natürlich näher bezeichnen, daß
nur von erneutem, aber gemeinschaftlichem Unterhandeln die Rede sei.
In dem Fall, sagte der Kaiser, werde ich den Vorschlag nicht annehmen
können. Seit zwei Jahren habe ich die größte Nachgiebigkeit dadurch
bewiesen, daß ich der Pforte Termin auf Termin gesetzt habe, um sie
zur Nachgiebigkeit zu stimmen, stets mit der Drohung, daß ernstere
Maßregeln ergriffen werden würden, wenn diese Nachgiebigkeit nicht
erfolge. Die Unterhandlungen mit den verbündeten Mächten haben Zeit
gebraucht und so ist es bis vorigen Herbst also erst zur Ergreifung
solcher ernsteren Maßregeln gekommen. Die unerwartete Katastrophe
von Navarin hat aber dennoch nicht die Pforte biegsam gemacht, die
darauf erneuerten Aufforderungen zur Annahme der Intervention wurden
verworfen und somit der Abgang der Gesandten unvermeidlich. Alle
direkten Unterhandlungen und Verbindungen sind demnach von Seiten
der Verbündeten mit der Pforte abgebrochen und die im trilateralen
Vertrag angedeuteten ernsteren Maßregeln sind jetzt der Gegenstand der
Unterhandlungen der drei Mächte, um sie zur Ausführung zu bringen. Ein
erneuerter Versuch, mit der Pforte zu unterhandeln, um auf diesem Wege,
der so unzählige Male fruchtlos geblieben ist, zum Ziele zu gelangen,
wäre nicht mehr von den drei Verbündeten zu erwarten, da Alles sein
Ziel hätte; die Zeit der Nachsicht, die ~Longanimité etc.~ sei
abgelaufen und aus allen diesen Gründen an die Wiederanknüpfung von
friedlichen Unterhandlungen seitens der drei Mächte nicht mehr zu
denken. Ganz etwas anderes wäre es, wenn ein Antrag von Seiten Preußens
oder Österreichs erfolgte, um sich den Verbündeten anzuschließen, um
mit ihnen durch Ergreifung gemeinschaftlicher kriegerischer Maßregeln
zum gewünschten Ziele zu gelangen. Oder: wenn Preußen und Österreich
ihrerseits bei der Pforte nochmals kräftige Schritte täten, um sie zur
Nachgiebigkeit zu zwingen, welchem Schritte jedoch als energischer
Nachsatz beigefügt werden müsse, im Weigerungsfalle auch die Gesandten
dieser Mächte Constantinopel verlassen würden und daß die Pforte
auch von diesen Mächten kriegerische Maßregeln und Anschließen an
die drei anderen Mächte zu erwarten habe. Ob eine solche, offene und
energische Sprache von Österreich zu erwarten sei, sei freilich nicht
mit Bestimmtheit vorauszusehen, dies dürfte aber wohl Preußen nicht
abhalten, seinerseits diese bestimmten Schritte zu tun, Österreich
dann ~au fait~ setzend und dringend zu gleichen auffordernd.
Preußens Ansichten in der orientalischen Angelegenheit ständen ganz
in Übereinstimmung mit einem solchen Handeln; es sei dem trilateralen
Vertrage nicht beigetreten, indem es die in demselben vorgeschlagenen
Mittel als nicht zum Zwecke führend erkannt hätte, jedenfalls aber
keinen tätigen Teil an deren Ausführung hätte nehmen können, weil
es aus diesem letzteren Grunde daher weniger auffallend und weniger
störend für das äußere Bestehen der großen Alliance gewesen sei, daß
nur drei Seemächte einen Tractat schlossen, der nur Seeoperationen zum
Zwecke vorläufig hatte, während es als eine Spaltung der alten Alliance
erschienen sein würde, wenn Preußen als keine Seemacht einem dergl.
Tractat beigetreten sei und Österreich als eine Seemacht es nicht
tat. So sei also auch dieser Schein für die große Alliance erhalten
geblieben, während freilich Preußens und Österreichs Nichtbeitritt
aus ganz und gar verschiedenen Principien entsprungen sei. Jetzt
jedoch handele es sich nicht mehr um eine bloße Seeoperation, sondern
um Ergreifung solcher Maßregeln, die leicht zum Kriege führen
dürften, und daß diese zum Ziele führen würden, werde Preußen wohl
anerkennen und also, da es das Ziel zu erreichen wünsche, sich auch
zu Maßregeln entschließen, die zur Erreichung desselben förderlich
sind, d. h. also nochmalige dringende Vorstellungen bei der Pforte,
mit dem Nachsatze, wie ich ihn bereits angab, dem dann aber auch Folge
gegeben werden müßte. Ich selbst hatte ja mündlich Ihre Ansicht hier
mitgeteilt, die dahinginge, daß ein Angriff der Mächte der großen
Alliance auf die Pforte als allein zum Ziele führend erkannt von Ihnen
werde. Über das wie weit eines solchen Angriffs wäre freilich noch
nichts zu entscheiden jetzt. Und wenn ich Ihre Ansicht jedoch dahin
bestimmt ausgesprochen hätte, daß Sie einen solchen Angriff nur dann
als vollständig ansehen würden, wenn Österreich sich zu demselben
verstünde, so sei dadurch wohl auch Ihr Wunsch dahin abzusprechen, daß
man sich dadurch vergewissere, daß diese Macht nicht etwa gegen die
anderen Verbündeten zu Gunsten der Pforte sich erklärte, nicht aber,
daß es Ihre Ansicht sei, daß Österreichs Kriegsmacht durchaus notwendig
zu verwenden sei, um das Ziel zu erreichen, wozu die russische Armee
allein wohl hinreichen würde. Die letzten Nachrichten Tatischtscheffs
seien aber über diesen Punkt sehr beruhigend, indem er ja versichere,
daß Österreich nicht daran denke, sich den kriegerischen Maßregeln
zu widersetzen, die Rußland ect. jetzt zu ergreifen für nötig fände,
daß der Kaiser ja mündlich dem Grafen Tatischtscheff versprochen habe,
offene und kräftige Maßregeln bei der Pforte zu ergreifen, um sie zur
Nachgiebigkeit zu bewegen, alles Schritte, die nicht mehr auf die
gefürchtete Opposition dieser Macht deuten, so daß also auch dieselbe
nicht mehr zu fürchten sei, selbst wenn auch, wie zu vermuten wäre,
dieselbe sich zum Anschließen an die anderen Mächte zur Ergreifung
kriegerischer Maßregeln nicht verstehen sollte. Jede und jegliche
Besorgnis, daß Österreich doch noch die Opposition selbst kriegerisch
ergreifen könnte, ja selbst die Möglichkeit dazu bei dessen inneren und
militärischen Verhältnissen würde verschwinden müssen, sobald Preußen
sich öffentlich zum Beitritt zum trilateralen Vertrage erklärt, dem es
ja eigentlich dem Sinn nach im Geheimen schon beigetreten sei, da die
jetzigen zu ergreifenden Maßregeln zum Ziele führend sein würden und
an die Störung der großen Alliance nicht bei den oben geschilderten
Verhältnissen zu denken sei. Ob es überhaupt doch noch möglich wäre,
wenn Preußen dem österreichischen Cabinette seinen Beitritt zum
dreiseitigen Vertrage bekannt macht, mit der dringenden Aufforderung
und Vorstellung, ein Gleiches zu tun, indem von dem Augenblicke an
alle Interessen vereint sein würden, -- diese Macht zu dem Beitritt zu
bewegen wäre zum wenigsten ein Versuch, der nicht von der Hand gewiesen
werden dürfte und den Sie gewiß deshalb unternehmen würden, ohne jedoch
Ihre weiteren Schritte deshalb von Österreichs Erklärung abhängig zu
machen. Dies ganze Raisonnement gründet sich natürlich darauf, daß die
drei verbundenen Mächte fest am Tractat vom 6. Juli halten und nur
dessen Ausführung vorläufig vor Augen haben; ja selbst ein weiteres
Vorschreiten durch die kriegerischen Operationen ist in dem Vorschlag
Rußlands ja nur als Erpressungsmittel und nicht als eine zu machende
Eroberung bezeichnet, wenn gleich ein so weites Vorschreiten nur durch
die verlängerte Halsstarrigkeit der Pforte erzeugt werden würde, dann
auch den Griechen zu Statten kommen solle, indem sie als frei und
unabhängig erklärt werden sollen. Bei dem vorgefallenen Ministerwechsel
in England und Frankreich und beim Zusammentritt des Parlamentes und
der Kammern war eine Veränderung der Grundsätze beider Kabinette in
Beziehung auf die orientalische Frage vielleicht zu befürchten. Ich
fragte daher auch heute den Kaiser, was er davon hielte, worauf er
erwiderte, daß nach den letzten Nachrichten Wellington sich mehr
und mehr an Rußland anzuschließen scheine und daß von Frankreich
die Erklärung gekommen sei, daß es mit Rußlands Maßregeln sich
einverstanden erkläre und fest an dem Bündnis halten werde, selbst wenn
England abspringen sollte. Demnach hätte sich also nichts in der Lage
der Sachen geändert.
Wenn Sie nun also wirklich dem trilateralen Vertrag beitreten, so
fragte der Kaiser, ob Sie dann aber auch gewiß wohl ein Corps stellen
würden, welches tätigen Anteil an etwa ausbrechendem Kriege nehmen
würde. Ich erwiderte, daß ich Sie nicht danach gefragt hätte, früher
aber, als von einer bestimmten Alliance zu dem vorliegenden Zwecke
nicht die Rede gewesen sei (wie bis zum Jahre 1826), Ihre Ansicht nicht
dahin gegangen wäre, einen tätigen Teil an einem dergleichen Kriege
zu nehmen. Jetzt freilich schienen mir die Dinge anders zu liegen.
Der Kaiser griff dies so gleich auf und meinte, daß auch die Stellung
eines Corps ja am allermeisten die Übereinstimmung und Einigkeit der
alten Alliance zu erkennen geben würde und ob es nicht auch der Wunsch
unserer Armee sei, Teil am Kriege zu nehmen. Ich konnte seiner Ansicht
nur beistimmen und was den letzten Punkt beträfe, so wäre freilich der
Wunsch sehr allgemein in unserer Armee, dem Kriege beizuwohnen. Ich
komme hierdurch auf einen Punkt zu sprechen, dessen große Wichtigkeit
ich vollkommen erkenne und muß daher denselben etwas näher beleuchten.
Dieser gedachte Wunsch ist mir nicht etwa allein aufgestiegen, sondern
mir von sehr viel Generalen ausgesprochen worden, und wie wäre es auch
anders möglich, ihn nicht zu haben, wenn man einmal Soldat ist und
ein Krieg bereit ist auszubrechen, für den sich die Regierung erklärt
und zu welchem sie sogar in Alliance tritt. Aber namentlich aus dem
militärischen Gesichtspunkt betrachtet wird der Wunsch für die Armee
nur noch lauter, indem ein Auffrischen des kriegerischen Geistes in
jeder Armee nach langem Frieden gewiß eine schöne Sache ist. So weit
ich freilich entfernt bin zu meinen, daß dieserhalb von Zeit zu Zeit
Krieg +gesucht+ werden müßte, so sehr glaube ich doch auch, daß
eine Gelegenheit wie die vorliegende nicht +unbenutzt+ gelassen
werden sollte, indem die Politik schon dahin weist. Die Generale,
welche mir darüber sprachen,... kamen darin überein, daß eine solche
Gelegenheit ja benutzt werden möchte, um Teilen der Armee den Krieg
einmal wieder ~in natura~ zu zeigen. Und da natürlich die ganze
Armee nicht marschieren könne, so würde, um der ganzen doch die Wohltat
der Auffrischung dieses Kriegsgeistes, wenigstens ~per tradition~
zu gewähren, ein Corps aus allen Regimentern der Armee zu combinieren
sein, wie im Jahre 1812. Ob die Rheinprovinz und Westfalen ihr freilich
spät eintreffendes Contingent zu stellen hätten, oder ob sie wegen
des doch stets zu beobachtenden Nachbarn im Westen ganz von dieser
Gestellung zu deponieren wären, hat unser Kriegsrat alles in Weisheit
erwogen, wie Sie leicht denken können; wenn einmal so etwas aufs Tapet
kommt, so geht es auch munter vorwärts mit Plänen und Projekten. Sie
werden meine Dreistigkeit verzeihen, diesen Gegenstand hier behandelt
zu haben und das mit einiger Weitläufigkeit und nur nach eigner und
einiger Anderer Ansicht, durchaus die Ihrige in diesem Punkte nicht
kennend. Ich muß daher Ihre Verzeihung und Ihre Nachsicht hiermit
nachsuchen und nur noch hinzufügen, daß mir Minister Motz[24] vor
meiner Abreise sagte, er fürchte aus finanziellen Rücksichten die
Mobilmachung der Armee jetzt schon nicht mehr, um wieviel weniger also
eines Corps nur.
Graf Tatischtschew hat berichtet, daß bei Übergabe des Briefes von
Nicolaus an den Kaiser von Österreich vom 7./19. Januar, auf den jedoch
noch keine Antwort erfolgt ist, letzterer ihm gesagt habe: er höre, daß
man in Rußland unruhig über die militärischen Zurüstungen in Österreich
sei; ob man glaube, daß er Rußland angreifen wolle? Wie könne man sich
so etwas nur einbilden im Entferntesten und wenn er es wolle, ob er es
wohl könne bei der Verfassung seiner Armee. Alle Rüstungen geschehen
nur, um, im Falle im Oriente der Krieg ausbräche, Österreichs Grenzen
zu schützen gegen jede Invasion...[25]