28. Februar/11. März.

Auch ist die Nachricht eingegangen, aus Bukarest oder Odessa, daß Herr

v. Ottenfels im Begriff sei, Constantinopel zu verlassen, weil kein

Christ seines Lebens mehr sicher sei. Ob er dies ohne Erlaubnis seines

Hofes darf, weiß ich nicht zu entscheiden. Doch meint der Kaiser, daß

die Verfolgungen, welche in Constantinopel und in der Türkei gegen

die Christen beginnen, nur zu deutlich beweisen, daß der Hatischeriff

eine Kriegserklärung gegen die gesamte Christenheit sei und aus diesem

Gesichtspunkt betrachtet hofft er, daß Österreich seine bisherigen

Grundsätze in der griechischen Angelegenheit wird fahren lassen und

dann gemeinschaftliche Sache mit den Alliierten machen wird, womit dann

die große Alliance wieder kräftig und ungeteilt dastände, ja es würde

ein wahrer Kreuzzug werden (~il serait une véritable croisade~).

Falls der Krieg ausbricht, so sagt der Kaiser, würde sich die

Campagne in drei Abschnitte teilen. Der erste vom April bis Juni;

der zweite eine Ruhe bis zum September wegen der großen Hitze und

wegen des Mangels an Furage in den Monaten, ehe die Ernte gemacht ist

und der dritte vom September bis dahin, wohin die Operationen oder

die Nachgiebigkeit der Pforte führen wird. Der Winter sei nicht zu

fürchten und also wegen der Jahreszeit kein Abschnitt nötig zu machen.

Im ersten Abschnitt müsse der Balkan erreicht werden, die Ruhe also

daselbst eintreten, während dem zweiten würden alle Reserven und die

Garden zur Armee stoßen (den 1./13. September) und so alsdann mit

erneuten Kräften die Operationen des dritten Abschnittes beginnen. Die

vorteilhafteste Operations-Linie wird natürlich die längs dem Meere

sein von Anfang an, weshalb auch die Flotte des Schwarzen Meeres zur

Protegierung der Operationen beordert ist. Nach einigen Nachrichten

sollen sich bedeutende türkische Streitkräfte bei Rusdschuk sammeln,

dagegen aber auch bei Babatag (in der Gegend, wo die Donau vor ihrem

Abflusse die Ecke bildet) Verteidigungsmaßregeln ergriffen sein, als

auf der Operations-Linie längs dem Meere liegend, die ihnen wohl auch

gefährlich erscheinen mag.

Nach dem Gang, den die Dinge jetzt in der Türkei nehmen, glaubt der

Kaiser, daß auf keine Nachgiebigkeit nicht mehr zu rechnen ist, weder

jetzt noch später, sondern daß das Ganze mit dem Umsturz der türkischen

Macht endigen wird, wenngleich er nur ungern von dieser Möglichkeit

spricht. Sollten wir bis Constantinopel wirklich vordringen und ich

bin zuerst dort, sagte der Kaiser mir neulich, so sollen die Andern

mit meinem Benehmen und Vorschlägen zufrieden sein; kommen mir die

Andern etwa auf irgend eine Art zuvor, so setze ich keinen Fuß in

Constantinopel und lasse die Andern machen, was sie wollen und meliere

mich nicht darein. Ich wiederhole Ihnen nur diese Worte, die der Kaiser

wohl nur mir und seinem Schwager sagte, ohne weiteres diplomatisches

Gewicht darauf zu legen; denn es dürften doch, wenn es wirklich so

weit kommen sollte, wohl Verhältnisse eintreten, die jene Äußerungen

vergessenswerth machen dürften. Tritt die andere Chance doch noch

ein, daß die Pforte während des Krieges nachgibt endlich, so sind die

dann eintretenden Verhältnisse in der erwähnten Instruktion an Lieven

vorgezeichnet und die völlige Selbständigkeit Griechenlands dann

zunächst stipuliert.

Der Kaiser trat mit der Nachricht ins Zimmer, daß der Friede mit

Persien geschlossen sei[28] und zugleich die Schlüssel von Ardibile

eingetroffen seien... Der Schah hat augenblicklich, als er die

ernstliche Fortsetzung des Krieges erfahren hat, sich nachgiebig

gezeigt und die ganze Summe der Contribution der russischen Avant-Garde

unweit Zangan überliefert, und war der größte Teil bereits in Mijana

eingetroffen. Der Schah hat dem Abbas Mirza aufgetragen, den Frieden

sogleich zu unterzeichnen...

St. Petersburg, 3./15. März 1828.

Gestern ist der erwartete zweite Courier aus London[29] eingetroffen.

Die von ihm überbrachten Nachrichten sind die offizielle Antwort des

englischen Cabinettes auf die von Rußland gemachten Vorschläge, wie

sie in der Instruktion an Fürst Lieven enthalten waren. Sie sind, wie

nach meinem letzten Brief schon zu erwarten war, nicht nach Wunsch

des Kaisers ausgefallen, indem jene Vorschläge nicht Eingang fanden

und dagegen von England eine Demarche vorgeschlagen wird gerade der

Art, wie Sie dieselbe durch Grafen Bernstorff vor vier Wochen hierher

machen ließen. Der Kaiser wird darauf nur bedingt eingehen, indem aus

seiner Antwort an Sie damals schon hervorging, daß er diesen Schritt

als zu spät kommend betrachtete; doch will er sich jetzt gerade

nicht opponieren; dagegen trennt er aber immer mehr die griechische

Frage von den Griefs, die er zufolge des Hatischeriffs individuell

gegen die Pforte zu verfolgen hat und wird daher in den ergriffenen

Maßregeln dieserhalb nicht die mindeste Änderung entstehen und ganz

das geschehen, was mein letzter Brief für den neu eingetretenen Fall

voraussagte, nur mit dem Unterschiede, daß die Schritte, welche ich

damals als von England allein etwa ausgehend bezeichnete, nun, wenn

es angenommen wird, von allen 5 Mächten geschehen werden. So würden

also Unterhandlungen und Krieg zugleich gehen und bestehen, nur zu

verschiedenen Zwecken; der Krieg aber gemäß einen wichtigen mittelbaren

Einfluß auf die Unterhandlungen haben und so durch den Krieg vielleicht

der Frieden erhalten werden. Daß den Unterhandlungen, falls sie sich

zerschlagen, ein allgemeiner Angriff folgt, dürfte die Drohung sein,

mit welcher sie unternommen würden.

Die gestrigen Nachrichten aus Persien sagen, daß die ganze Contribution

ausgeliefert ist und Abba Mirza erneuten Befehl zur schleunigen

Unterzeichnung des Friedens erhalten hat...

St. Petersburg, den 6./18. März 1828.

Vorgestern Abend erhielt ich Ihren gnädigen Brief; ich teilte dem

Kaiser sogleich Ihre Ansichten über die politischen Verhältnisse mit.

Er sagte, daß ihn diese Ihre Ansichten nicht überraschen könnten, da

sie mit Ihren früheren übereinstimmten. Doch hätte er es für seine

Pflicht gehalten, Ihnen sein Raisonnement vor vier Wochen mitzuteilen,

glaubend, daß manche Veränderungen damals eingetreten wären, die

vielleicht Ihrerseits ein entscheidendes Handeln und Auftreten, wenn

auch nur in Aufforderungen Anderer bestehend, möglich gemacht haben

würden. Wenn der Kaiser also auch nicht überrascht über Ihre Antwort

war, so tat sie ihm doch leid. Mir gab er jedoch auch das Zeugnis,

daß ich stets diese Ihre Antwort vorhergesehen hätte, weil ich Ihre

Ansicht genau kannte und sie ihm immer von Neuem vorgehalten habe.

Während ich also auf diese Art dem Kaiser Ihre Ansicht opponiere, Ihnen

dagegen die des Kaisers mitteile, scheint es, habe ich den Anschein bei

Ihnen bekommen, als ließe ich mich durch den Kaiser entrainieren. Das

Memoire, was ich dieserhalb durch Graf Bernstorff erhalten soll, wird

mich natürlich ungemein interessieren, doch glaube ich dessen Inhalt

vorhersagen zu können, da ich, wie gesagt, vermuten darf, daß ich Ihre

Ansichten nicht vergessen habe. Sollte mich jedoch meine Äußerung:

„daß mir das Handeln Preußens jetzt als das Hauptgewicht erscheine,

welches die Inclination der politischen Wagschale bestimmen würde“,

eine Äußerung, die ich mir kurz vor dem Abschieds-Augenblick in Berlin

schon zu machen mir erlaubte, sollte mir diese Äußerung die Bemerkung

zugezogen haben, daß ich Preußens Stellung verkenne, so werde ich

allerdings hierüber eine Belehrung in Bernstorffs Mémoire[30] hoffen

dürfen zu finden.

Ihre Bemerkungen über die vorauszusehenden Verwickelungen, wenn

Rußland Englands Ansichten nicht aufnimmt, teilte ich gleichfalls

dem Kaiser mit. Er erwiderte, daß sein jetziges Alleinhandeln der

Natur sei, daß diese Verwickelungen wohl nicht zu befürchten seien.

Sollten jedoch welche später aus Englands Benehmen entstehen, so könne

er wenigstens ruhig darüber sein, daß er sie nicht herbeigeführt

habe. Denn im trilateralen Vertrage wäre expreß gesagt, daß, wenn die

erste Maßregel der auszusendenden Flotten nicht zum Ziele führe, so

werde man zu ernsteren Maßregeln schreiten. Unter diesen ernsteren

Maßregeln könnten aber natürlich keine anderen verstanden gewesen

sein, als kriegerische. Diese seien nun also vorgeschlagen, nachdem

erneute Unterhandlungen nach Navarin(o) sich zerschlagen hätten und

den Abgang der Gesandten zur Folge sogar gehabt haben. Statt darauf

einzugehen, gemeinschaftliche coërcitife Maßregeln zu unternehmen,

wolle man nun von Neuem unterhandeln, also gegen die Bestimmungen des

trilateralen Tractates und damit also wiederum den Gang ergreifen, der

seit 7 Jahren nicht zum Ziele geführt habe; und welche Garantie sei

vorhanden, daß, da man jetzt von Seiten Englands den kriegerischen

Maßregeln keine Folge geben wolle, diese Folge-Gebung eintreten würde,

wenn die vorgeschlagenen erneuten Unterhandlungen sich etwa zerschlügen

und für dies Zerschlagen der Krieg als Folge bestimmt worden wäre?

Wahrscheinlich würde man alsdann wieder einige Monate temporieren, dann

aber erneut zu Unterhandlungen raten und so ins Unendliche fortfahren.

Doch wie mein letzter Brief schon meldete, wird sich der Kaiser diesen

Vorschlägen nicht opponieren, jedoch auch seinerseits sich sehr

bestimmt aussprechen und während dem handeln. Denn das fortwährende

Temporieren und nicht Ernstmachen müsse ja die Pforte immer mehr

bestärken, sich zu opponieren, da immer nur gedroht wird und den

ernsthaftesten Drohungen doch keine Folge gegeben wird. So reize man

die Pforte also ordentlich zur fortgesetzten Opposition bei jeden

erneuten Unterhandlungen.

Im Sommer 1819 bemühte sich Prinz Wilhelm, unterstützt von

seiner Schwester Charlotte, die Einwilligung seines königlichen

Vaters für seine Verbindung mit der schon seit 1817 geliebten

Prinzessin Elise von Radziwill zu erlangen. Friedrich Wilhelm

III. schwankte auch in dieser familiären Angelegenheit in seinen

Meinungen und Entschlüssen ständig hin und her, um so mehr, als

die Unebenbürtigkeit der Prinzessin bald für gleichgültig, bald

für hindernd in bezug auf die in Aussicht genommene Eheschließung

gehalten ward. Erst im Juni 1826 hat er seine Zustimmung endgültig

verweigert. Auf der Reise nach der Schweiz hatte Prinz Wilhelm

1826 bei der Hochzeit seines Bruders Karl mit Maria von Weimar

deren jüngere Schwester Augusta kennen gelernt; vielleicht hat

er im Anschluß daran in Karlsruhe die oben genannte Prinzessin

Cäcilie von Schweden (1807/44) gesehen, die Tochter jenes Gustav

IV. Adolf (1778/1837), der mit Friederike von Baden in einer

1812 geschiedenen Ehe vermählt und Mitte Mai 1809 seines Thrones

verlustig erklärt worden war; er führte dann ein seltsames

Wanderleben und weilte in der fraglichen Zeit als Oberst Gustavsson

in Leipzig. Die mannigfachen Absonderlichkeiten dieses Mannes

lassen es verstehen, daß der vorsichtige Friedrich Wilhelm III. von

der ersten medizinischen Autorität seines Staates, dem „so höchst

ehrwürdigen“ Christoph Wilhelm Hufeland (1763/1836), wie der König

an seine Tochter Charlotte am 14./26. August 1836 nach Petersburg

schrieb (Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 169), ein Gutachten über den

Geisteszustand Gustav Adolfs IV. einholte, das schließlich in der

wichtigen Frage einer künftigen Königin von Preußen den Ausschlag

gab; Prinzessin Cäcilie heiratete den Großherzog August von

Oldenburg. Prinz Wilhelm hat, wie aus dem obigen Briefe hervorgeht,

lange in seinen Empfindungen zwischen den beiden Mädchen hin und

her geschwankt; darauf deutet auch eine Briefstelle an den Vater

aus Petersburg vom 23. December/4. Januar 1828:.... Beim Beginn des

verflossenen Jahres war ich weit entfernt zu glauben, daß dasselbe

von Einfluß auf mein künftiges Schicksal sein würde -- und doch war

es so; wieviel ernster mußte ich also nicht beim Eintritt in das

nun vor uns verschlossene gestimmt sein, da es Pläne zur Ausführung

bringen dürfte, die jetzt noch unentschieden in mir liegen.

Möge der Himmel meine Wahl leiten und mir eine Zufriedenheit

schenken, die ich lange entbehren mußte. Ihnen dadurch Freude zu

machen und mir stets Ihre Gnade zu vergewissern ist ja dabei mein

Hauptaugenmerk.... Des Prinzen Wilhelm Petersburgreise ist oft als

eine „Brautfahrt“ gedeutet worden (vgl. Th. Schiemann, Historische

Zeitschrift, N. F., Bd. 44, 1892, S. 243/50), was wohl nur in dem

Sinne richtig ist, als die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von

Rußland als die Großmutter der Prinzessin Augusta von Weimar deren

künftigen Gatten kennen lernen sollte, wenn vielleicht auch ein

Satz aus einem Berichte Schölers (14. April/6. Mai 1828) an den

König darauf deuten könnte, daß eine russische Großfürstin für

den Prinzen Wilhelm von Preußen als Lebensgefährtin in Aussicht

genommen war: „Bei der hohen Achtung und wahrhaften Zuneigung,

welche Seine Kgl. Hoheit sich hier allgemein erworben haben,

teilt die ganze Residenz das Bedauern der kaiserlichen Familie,

den Prinzen aus ihrer Mitte scheiden zu sehen und gibt nicht ohne

Schmerz eine Hoffnung auf, mit welcher man, in Folge der Eigenheit

des menschlichen Herzens, die Erfüllung eines lieben Wunsches

keinem Zweifel unterworfen zu halten seit längerer Zeit sich

geschmeichelt hatte.“

St. Petersburg, 13./25. März 1828.

Als Sie im Oktober vorigen Jahres von mir eine Erklärung wünschten,

welchen Entschluß ich in Folge der im Sommer unternommenen Reise zu

fassen gesonnen sei, war meine Antwort, daß die Bestimmung meiner

Zukunft von der Wahl zwischen Prinzessin Augusta und Prinzessin Cecile

abhängig sei als denjenigen beiden Prinzessinnen, welche mir von den

kennengelernten als die ausgezeichnetsten erschienen.

Diese Wahl jedoch damals gleich zu treffen war mir meiner Überzeugung

nach nicht möglich, weil dazu eine Kenntnis in gleichem Maße von

+beiden+ Prinzessinnen gehörte, ich bis dahin aber nur Prinzessin

Augusta in so weit hatte kennen lernen, daß ich mir ein ziemlich

gegründetes Urteil über sie erlauben durfte, dahingegen ich Prinzessin

Cecile nur erst flüchtig konnte kennen gelernt haben, da ich sie

nur wenige Tage sah. Da aber trotz dieser flüchtigen Bekanntschaft

Prinzessin Cecile mich dennoch, trotz jener genaueren der Prinzessin

Augusta beschäftigte und zwar auf eine Art, die ich nicht von der Hand

zu weisen dürfen glaubte, so ging meine Bitte an Sie, die Sie auch

genehmigten, dahin, daß ich eine nähere Bekanntschaft der Prinzessin

Cecile auf eine nicht auffallende und Niemand compromittierende Art

suchen dürfte. Und wenn ich alsdann beide Prinzessinnen in gleichem

Maaße kennte, so wollte ich danach meine Wahl festzustellen suchen. Da

Sie diese meine Ansichten gut hießen, so würde ich nicht nötig haben,

jetzt wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, wenn ich nicht

schon in jener ersten Unterredung in Charlottenburg bemerkt hätte, daß

Ihr Wunsch es sei, meine Entscheidung möchte für Prinzessin Augusta

ausfallen. Da Sie jedoch deshalb meine Pläne nicht misbilligten,

so glaubte ich es auch wagen zu dürfen, auf deren Ausführung mein

Augenmerk zu richten. Seit jener Unterredung kamen mir vielerlei

Äußerungen zur Kenntnis, die mir das bestätigten, was ich von Ihnen

selbst zu verstehen geglaubt hatte, daß nämlich, wenngleich gegen die

ganzen Verhältnisse der Prinzessin Cecile nichts einzuwenden sei, was

eine Verbindung mit ihr unmöglich oder unpassend machte, doch gerade

ihre eigentümliche Stellung, diese Verbindung nicht +vorzugsweise+

wünschenswert machte. Diese Ihre Ansicht glaube ich auch in Ihrer

Äußerung enthaltend gefunden zu haben, die Sie mir machten, als ich

bei Gelegenheit, daß Sie meine Reise hierher genehmigten, von meiner

Zukunft sprach. Sie sagten, Sie müßten nur zu bedenken geben, daß

die sehr unangenehme Möglichkeit obwalte, daß das Übel, an welchem

der Vater der Prinzessin Cecile litte, auch erblich sei und auch

mit überspringenden Generationen erblich sei; ich glaubte also aus

dieser Äußerung schließen zu müssen, daß Sie mich durch dieselbe von

meinen Absichten detournieren zu suchen wollten. Wenngleich ich die

Möglichkeit einer solchen Erblichkeit nicht bezweifeln konnte, so

konnte ich jedoch auch nur bemerken, daß mir bis jetzt nirgends ein

Zeichen obzuwalten scheine, welches jene Möglichkeit anzeige. Seit

meinem Hiersein erfuhr ich nun jedoch, daß diese mögliche Erblichkeit

der Geisteskrankheit Ihnen so erheblich erscheint, daß Sie sich durch

Hufeland haben ein Gutachten über diese Angelegenheit geben lassen,

welches die Möglichkeit des Vererbens eines solchen Übels bestätigt und

als wahrscheinlich angibt.

Die Sicherstellung, welche Sie für sich durch dies Gutachten für jede

Zukunft, falls ich auf jener Verbindung bestände, zu verschaffen

suchten, muß ich vollkommen anerkennen. Ja ich muß die Pflicht

anerkennen, welche Ihre väterliche Liebe hat und Ihre höchste Stellung,

mich ernsthaft und aufs gewissenhafteste auf diese Möglichkeiten

aufmerksam zu machen und mir die Verbindung vollkommen zu untersagen,

falls augenscheinlich Gefahr obwaltet.

Aus allem Angeführtem glaube ich aber nunmehr erneuert den Schluß

ziehen zu müssen, daß es Ihnen lieb wäre, wenn die mir getanen

Vorhaltungen mich bewegen könnten, nach Ihrem Wunsche von der näheren

Bekanntschaftmachung der Prinzessin Cecile abzusehen und mich für

Prinzessin Augusta zu entscheiden.

Wenn ich nun dies auch nicht unbedingt zu tun vermag, so sehe ich mich

dennoch veranlaßt, meinerseits einen Schritt zu tun, der mich über

meine Zukunft aufklärt, indem ich nur erlaube, die Frage zu stellen:

„ob Sie aus jenen Gründen mit dem quästionierten Gutachten in Händen

von Ihrem höchsten und väterlichen Standpunkte aus die Pflicht zu haben

glauben, Ihre Einwilligung zu der in Rede stehenden Verbindung zu

versagen, falls ich nach genauerer Bekanntschaft der Prinzessin Cecile

um deren Hand wirklich anhielte?“

Von Ihrer gnädigen Beantwortung dieser Frage hängt dann natürlich mein

ganzes ferneres Verhalten ab.

Glauben Sie Ihre Einwilligung geben zu können, so brauche ich in meinen

Plänen nichts zu verändern.

Glauben Sie Ihre Einwilligung nicht geben zu können, so muß ich davon

abstehen, die nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile erst noch

machen zu wollen, denn in der Ungewißheit, ob ich Ihre Einwilligung

erhalten könnte, darf ich nie diese nähere Bekanntschaft suchen, weil

sie leicht dahin führen könnte, daß das Aufgeben dieser Verbindung dann

schmerzlicher sein dürfte, als es jetzt noch der Fall sein kann.

Mit kindlicher Liebe habe ich in meinem dankbaren Herzen jeden Schritt

bewahrt, den Sie taten, um meine Zukunft sich glücklich gestalten

zu sehen. Daher bitte ich auch nunmehr aus der Tiefe des Herzens,

daß Sie meine Frage gnädig aufnehmen und ganz nach Ihrer Überzeugung

beantworten mögen. Doch muß ich Sie noch darum bitten, mir nicht auf

+meine+ Verantwortung für die Folgen der gefürchteten Erblichkeit

die mögliche Verbindung mit Prinzessin Cecile zusagen zu wollen und

sich zu überzeugen, daß mein Herz noch durchaus nicht für eine der

beiden Prinzessinnen sich entscheidender ausspricht wie früher.

Der Grund, warum ich gerade jetzt mit diesem entscheidenden Schritt

gegen Sie hervortrete, ist der, daß in dem Falle die ferneren Pläne

auf Prinzessin Cecile ganz aufgegeben werden müßten, ich wohl keine

bessere und erwünschtere Gelegenheit finden könnte, Prinzessin Augusta

noch näher kennen zu lernen und die dann nötig werdenden Schritte

einzuleiten und zu tun als bei deren bevorstehender Ankunft hier mit

ihrer Mutter... Der Kaiser hat mir mündlich heute beim Fahren zur

Parade das förmliche Anerbieten gemacht, ob ich die zu erwartende

Campagne nicht mit machen wollte... ich glaubte ihm antworten zu

können, daß von einer Mißbilligung Ihrerseits ich nichts zu fürchten

haben würde, indem die sich darbietende Gelegenheit wohl für jeden

Soldaten zu interessant und wichtig sei, als daß Sie die Teilnahme an

derselben versagen würden... daß sich Ihre Einwilligung wohl davon

abhängig fühlen würde, in welcher Stellung sich Preußen zur Pforte beim

etwaigen Ausbruch des Krieges befinden würde... Der Kaiser hat mich bei

Zeiten von diesem seinen Anerbieten in Kenntnis gesetzt, damit ich der

Distance wegen nicht zu spät Ihre Willens-Meinung erführe, wenngleich

die Kriegs-Deklaration noch nicht erfolgt ist... So liegen Ihrer

gnädigen Bestimmung zwei wichtige Fragen vor, deren Lösung ich mit

ungemeiner Ungeduld entgegensehe, da sie von dem höchsten Einfluß auf

meine ganze Zukunft sein werden. Von Ihrer väterlichen Liebe erwarte

ich die Entscheidung, die für mein Herz und für meine militärische

Tätigkeit von gleichem unendlichen Werte sein wird.

Wilhelms I. Briefe an seinen Vater König Friedrich Wilhelm III. (1827-1839) · 第 21 / 54 题