Auch ist die Nachricht eingegangen, aus Bukarest oder Odessa, daß Herr
v. Ottenfels im Begriff sei, Constantinopel zu verlassen, weil kein
Christ seines Lebens mehr sicher sei. Ob er dies ohne Erlaubnis seines
Hofes darf, weiß ich nicht zu entscheiden. Doch meint der Kaiser, daß
die Verfolgungen, welche in Constantinopel und in der Türkei gegen
die Christen beginnen, nur zu deutlich beweisen, daß der Hatischeriff
eine Kriegserklärung gegen die gesamte Christenheit sei und aus diesem
Gesichtspunkt betrachtet hofft er, daß Österreich seine bisherigen
Grundsätze in der griechischen Angelegenheit wird fahren lassen und
dann gemeinschaftliche Sache mit den Alliierten machen wird, womit dann
die große Alliance wieder kräftig und ungeteilt dastände, ja es würde
ein wahrer Kreuzzug werden (~il serait une véritable croisade~).
Falls der Krieg ausbricht, so sagt der Kaiser, würde sich die
Campagne in drei Abschnitte teilen. Der erste vom April bis Juni;
der zweite eine Ruhe bis zum September wegen der großen Hitze und
wegen des Mangels an Furage in den Monaten, ehe die Ernte gemacht ist
und der dritte vom September bis dahin, wohin die Operationen oder
die Nachgiebigkeit der Pforte führen wird. Der Winter sei nicht zu
fürchten und also wegen der Jahreszeit kein Abschnitt nötig zu machen.
Im ersten Abschnitt müsse der Balkan erreicht werden, die Ruhe also
daselbst eintreten, während dem zweiten würden alle Reserven und die
Garden zur Armee stoßen (den 1./13. September) und so alsdann mit
erneuten Kräften die Operationen des dritten Abschnittes beginnen. Die
vorteilhafteste Operations-Linie wird natürlich die längs dem Meere
sein von Anfang an, weshalb auch die Flotte des Schwarzen Meeres zur
Protegierung der Operationen beordert ist. Nach einigen Nachrichten
sollen sich bedeutende türkische Streitkräfte bei Rusdschuk sammeln,
dagegen aber auch bei Babatag (in der Gegend, wo die Donau vor ihrem
Abflusse die Ecke bildet) Verteidigungsmaßregeln ergriffen sein, als
auf der Operations-Linie längs dem Meere liegend, die ihnen wohl auch
gefährlich erscheinen mag.
Nach dem Gang, den die Dinge jetzt in der Türkei nehmen, glaubt der
Kaiser, daß auf keine Nachgiebigkeit nicht mehr zu rechnen ist, weder
jetzt noch später, sondern daß das Ganze mit dem Umsturz der türkischen
Macht endigen wird, wenngleich er nur ungern von dieser Möglichkeit
spricht. Sollten wir bis Constantinopel wirklich vordringen und ich
bin zuerst dort, sagte der Kaiser mir neulich, so sollen die Andern
mit meinem Benehmen und Vorschlägen zufrieden sein; kommen mir die
Andern etwa auf irgend eine Art zuvor, so setze ich keinen Fuß in
Constantinopel und lasse die Andern machen, was sie wollen und meliere
mich nicht darein. Ich wiederhole Ihnen nur diese Worte, die der Kaiser
wohl nur mir und seinem Schwager sagte, ohne weiteres diplomatisches
Gewicht darauf zu legen; denn es dürften doch, wenn es wirklich so
weit kommen sollte, wohl Verhältnisse eintreten, die jene Äußerungen
vergessenswerth machen dürften. Tritt die andere Chance doch noch
ein, daß die Pforte während des Krieges nachgibt endlich, so sind die
dann eintretenden Verhältnisse in der erwähnten Instruktion an Lieven
vorgezeichnet und die völlige Selbständigkeit Griechenlands dann
zunächst stipuliert.
Der Kaiser trat mit der Nachricht ins Zimmer, daß der Friede mit
Persien geschlossen sei[28] und zugleich die Schlüssel von Ardibile
eingetroffen seien... Der Schah hat augenblicklich, als er die
ernstliche Fortsetzung des Krieges erfahren hat, sich nachgiebig
gezeigt und die ganze Summe der Contribution der russischen Avant-Garde
unweit Zangan überliefert, und war der größte Teil bereits in Mijana
eingetroffen. Der Schah hat dem Abbas Mirza aufgetragen, den Frieden
sogleich zu unterzeichnen...
St. Petersburg, 3./15. März 1828.
Gestern ist der erwartete zweite Courier aus London[29] eingetroffen.
Die von ihm überbrachten Nachrichten sind die offizielle Antwort des
englischen Cabinettes auf die von Rußland gemachten Vorschläge, wie
sie in der Instruktion an Fürst Lieven enthalten waren. Sie sind, wie
nach meinem letzten Brief schon zu erwarten war, nicht nach Wunsch
des Kaisers ausgefallen, indem jene Vorschläge nicht Eingang fanden
und dagegen von England eine Demarche vorgeschlagen wird gerade der
Art, wie Sie dieselbe durch Grafen Bernstorff vor vier Wochen hierher
machen ließen. Der Kaiser wird darauf nur bedingt eingehen, indem aus
seiner Antwort an Sie damals schon hervorging, daß er diesen Schritt
als zu spät kommend betrachtete; doch will er sich jetzt gerade
nicht opponieren; dagegen trennt er aber immer mehr die griechische
Frage von den Griefs, die er zufolge des Hatischeriffs individuell
gegen die Pforte zu verfolgen hat und wird daher in den ergriffenen
Maßregeln dieserhalb nicht die mindeste Änderung entstehen und ganz
das geschehen, was mein letzter Brief für den neu eingetretenen Fall
voraussagte, nur mit dem Unterschiede, daß die Schritte, welche ich
damals als von England allein etwa ausgehend bezeichnete, nun, wenn
es angenommen wird, von allen 5 Mächten geschehen werden. So würden
also Unterhandlungen und Krieg zugleich gehen und bestehen, nur zu
verschiedenen Zwecken; der Krieg aber gemäß einen wichtigen mittelbaren
Einfluß auf die Unterhandlungen haben und so durch den Krieg vielleicht
der Frieden erhalten werden. Daß den Unterhandlungen, falls sie sich
zerschlagen, ein allgemeiner Angriff folgt, dürfte die Drohung sein,
mit welcher sie unternommen würden.
Die gestrigen Nachrichten aus Persien sagen, daß die ganze Contribution
ausgeliefert ist und Abba Mirza erneuten Befehl zur schleunigen
Unterzeichnung des Friedens erhalten hat...
St. Petersburg, den 6./18. März 1828.
Vorgestern Abend erhielt ich Ihren gnädigen Brief; ich teilte dem
Kaiser sogleich Ihre Ansichten über die politischen Verhältnisse mit.
Er sagte, daß ihn diese Ihre Ansichten nicht überraschen könnten, da
sie mit Ihren früheren übereinstimmten. Doch hätte er es für seine
Pflicht gehalten, Ihnen sein Raisonnement vor vier Wochen mitzuteilen,
glaubend, daß manche Veränderungen damals eingetreten wären, die
vielleicht Ihrerseits ein entscheidendes Handeln und Auftreten, wenn
auch nur in Aufforderungen Anderer bestehend, möglich gemacht haben
würden. Wenn der Kaiser also auch nicht überrascht über Ihre Antwort
war, so tat sie ihm doch leid. Mir gab er jedoch auch das Zeugnis,
daß ich stets diese Ihre Antwort vorhergesehen hätte, weil ich Ihre
Ansicht genau kannte und sie ihm immer von Neuem vorgehalten habe.
Während ich also auf diese Art dem Kaiser Ihre Ansicht opponiere, Ihnen
dagegen die des Kaisers mitteile, scheint es, habe ich den Anschein bei
Ihnen bekommen, als ließe ich mich durch den Kaiser entrainieren. Das
Memoire, was ich dieserhalb durch Graf Bernstorff erhalten soll, wird
mich natürlich ungemein interessieren, doch glaube ich dessen Inhalt
vorhersagen zu können, da ich, wie gesagt, vermuten darf, daß ich Ihre
Ansichten nicht vergessen habe. Sollte mich jedoch meine Äußerung:
„daß mir das Handeln Preußens jetzt als das Hauptgewicht erscheine,
welches die Inclination der politischen Wagschale bestimmen würde“,
eine Äußerung, die ich mir kurz vor dem Abschieds-Augenblick in Berlin
schon zu machen mir erlaubte, sollte mir diese Äußerung die Bemerkung
zugezogen haben, daß ich Preußens Stellung verkenne, so werde ich
allerdings hierüber eine Belehrung in Bernstorffs Mémoire[30] hoffen
dürfen zu finden.
Ihre Bemerkungen über die vorauszusehenden Verwickelungen, wenn
Rußland Englands Ansichten nicht aufnimmt, teilte ich gleichfalls
dem Kaiser mit. Er erwiderte, daß sein jetziges Alleinhandeln der
Natur sei, daß diese Verwickelungen wohl nicht zu befürchten seien.
Sollten jedoch welche später aus Englands Benehmen entstehen, so könne
er wenigstens ruhig darüber sein, daß er sie nicht herbeigeführt
habe. Denn im trilateralen Vertrage wäre expreß gesagt, daß, wenn die
erste Maßregel der auszusendenden Flotten nicht zum Ziele führe, so
werde man zu ernsteren Maßregeln schreiten. Unter diesen ernsteren
Maßregeln könnten aber natürlich keine anderen verstanden gewesen
sein, als kriegerische. Diese seien nun also vorgeschlagen, nachdem
erneute Unterhandlungen nach Navarin(o) sich zerschlagen hätten und
den Abgang der Gesandten zur Folge sogar gehabt haben. Statt darauf
einzugehen, gemeinschaftliche coërcitife Maßregeln zu unternehmen,
wolle man nun von Neuem unterhandeln, also gegen die Bestimmungen des
trilateralen Tractates und damit also wiederum den Gang ergreifen, der
seit 7 Jahren nicht zum Ziele geführt habe; und welche Garantie sei
vorhanden, daß, da man jetzt von Seiten Englands den kriegerischen
Maßregeln keine Folge geben wolle, diese Folge-Gebung eintreten würde,
wenn die vorgeschlagenen erneuten Unterhandlungen sich etwa zerschlügen
und für dies Zerschlagen der Krieg als Folge bestimmt worden wäre?
Wahrscheinlich würde man alsdann wieder einige Monate temporieren, dann
aber erneut zu Unterhandlungen raten und so ins Unendliche fortfahren.
Doch wie mein letzter Brief schon meldete, wird sich der Kaiser diesen
Vorschlägen nicht opponieren, jedoch auch seinerseits sich sehr
bestimmt aussprechen und während dem handeln. Denn das fortwährende
Temporieren und nicht Ernstmachen müsse ja die Pforte immer mehr
bestärken, sich zu opponieren, da immer nur gedroht wird und den
ernsthaftesten Drohungen doch keine Folge gegeben wird. So reize man
die Pforte also ordentlich zur fortgesetzten Opposition bei jeden
erneuten Unterhandlungen.
Im Sommer 1819 bemühte sich Prinz Wilhelm, unterstützt von
seiner Schwester Charlotte, die Einwilligung seines königlichen
Vaters für seine Verbindung mit der schon seit 1817 geliebten
Prinzessin Elise von Radziwill zu erlangen. Friedrich Wilhelm
III. schwankte auch in dieser familiären Angelegenheit in seinen
Meinungen und Entschlüssen ständig hin und her, um so mehr, als
die Unebenbürtigkeit der Prinzessin bald für gleichgültig, bald
für hindernd in bezug auf die in Aussicht genommene Eheschließung
gehalten ward. Erst im Juni 1826 hat er seine Zustimmung endgültig
verweigert. Auf der Reise nach der Schweiz hatte Prinz Wilhelm
1826 bei der Hochzeit seines Bruders Karl mit Maria von Weimar
deren jüngere Schwester Augusta kennen gelernt; vielleicht hat
er im Anschluß daran in Karlsruhe die oben genannte Prinzessin
Cäcilie von Schweden (1807/44) gesehen, die Tochter jenes Gustav
IV. Adolf (1778/1837), der mit Friederike von Baden in einer
1812 geschiedenen Ehe vermählt und Mitte Mai 1809 seines Thrones
verlustig erklärt worden war; er führte dann ein seltsames
Wanderleben und weilte in der fraglichen Zeit als Oberst Gustavsson
in Leipzig. Die mannigfachen Absonderlichkeiten dieses Mannes
lassen es verstehen, daß der vorsichtige Friedrich Wilhelm III. von
der ersten medizinischen Autorität seines Staates, dem „so höchst
ehrwürdigen“ Christoph Wilhelm Hufeland (1763/1836), wie der König
an seine Tochter Charlotte am 14./26. August 1836 nach Petersburg
schrieb (Hohenzollernjahrbuch 1916, S. 169), ein Gutachten über den
Geisteszustand Gustav Adolfs IV. einholte, das schließlich in der
wichtigen Frage einer künftigen Königin von Preußen den Ausschlag
gab; Prinzessin Cäcilie heiratete den Großherzog August von
Oldenburg. Prinz Wilhelm hat, wie aus dem obigen Briefe hervorgeht,
lange in seinen Empfindungen zwischen den beiden Mädchen hin und
her geschwankt; darauf deutet auch eine Briefstelle an den Vater
aus Petersburg vom 23. December/4. Januar 1828:.... Beim Beginn des
verflossenen Jahres war ich weit entfernt zu glauben, daß dasselbe
von Einfluß auf mein künftiges Schicksal sein würde -- und doch war
es so; wieviel ernster mußte ich also nicht beim Eintritt in das
nun vor uns verschlossene gestimmt sein, da es Pläne zur Ausführung
bringen dürfte, die jetzt noch unentschieden in mir liegen.
Möge der Himmel meine Wahl leiten und mir eine Zufriedenheit
schenken, die ich lange entbehren mußte. Ihnen dadurch Freude zu
machen und mir stets Ihre Gnade zu vergewissern ist ja dabei mein
Hauptaugenmerk.... Des Prinzen Wilhelm Petersburgreise ist oft als
eine „Brautfahrt“ gedeutet worden (vgl. Th. Schiemann, Historische
Zeitschrift, N. F., Bd. 44, 1892, S. 243/50), was wohl nur in dem
Sinne richtig ist, als die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna von
Rußland als die Großmutter der Prinzessin Augusta von Weimar deren
künftigen Gatten kennen lernen sollte, wenn vielleicht auch ein
Satz aus einem Berichte Schölers (14. April/6. Mai 1828) an den
König darauf deuten könnte, daß eine russische Großfürstin für
den Prinzen Wilhelm von Preußen als Lebensgefährtin in Aussicht
genommen war: „Bei der hohen Achtung und wahrhaften Zuneigung,
welche Seine Kgl. Hoheit sich hier allgemein erworben haben,
teilt die ganze Residenz das Bedauern der kaiserlichen Familie,
den Prinzen aus ihrer Mitte scheiden zu sehen und gibt nicht ohne
Schmerz eine Hoffnung auf, mit welcher man, in Folge der Eigenheit
des menschlichen Herzens, die Erfüllung eines lieben Wunsches
keinem Zweifel unterworfen zu halten seit längerer Zeit sich
geschmeichelt hatte.“
St. Petersburg, 13./25. März 1828.
Als Sie im Oktober vorigen Jahres von mir eine Erklärung wünschten,
welchen Entschluß ich in Folge der im Sommer unternommenen Reise zu
fassen gesonnen sei, war meine Antwort, daß die Bestimmung meiner
Zukunft von der Wahl zwischen Prinzessin Augusta und Prinzessin Cecile
abhängig sei als denjenigen beiden Prinzessinnen, welche mir von den
kennengelernten als die ausgezeichnetsten erschienen.
Diese Wahl jedoch damals gleich zu treffen war mir meiner Überzeugung
nach nicht möglich, weil dazu eine Kenntnis in gleichem Maße von
+beiden+ Prinzessinnen gehörte, ich bis dahin aber nur Prinzessin
Augusta in so weit hatte kennen lernen, daß ich mir ein ziemlich
gegründetes Urteil über sie erlauben durfte, dahingegen ich Prinzessin
Cecile nur erst flüchtig konnte kennen gelernt haben, da ich sie
nur wenige Tage sah. Da aber trotz dieser flüchtigen Bekanntschaft
Prinzessin Cecile mich dennoch, trotz jener genaueren der Prinzessin
Augusta beschäftigte und zwar auf eine Art, die ich nicht von der Hand
zu weisen dürfen glaubte, so ging meine Bitte an Sie, die Sie auch
genehmigten, dahin, daß ich eine nähere Bekanntschaft der Prinzessin
Cecile auf eine nicht auffallende und Niemand compromittierende Art
suchen dürfte. Und wenn ich alsdann beide Prinzessinnen in gleichem
Maaße kennte, so wollte ich danach meine Wahl festzustellen suchen. Da
Sie diese meine Ansichten gut hießen, so würde ich nicht nötig haben,
jetzt wieder auf diese Angelegenheit zurückzukommen, wenn ich nicht
schon in jener ersten Unterredung in Charlottenburg bemerkt hätte, daß
Ihr Wunsch es sei, meine Entscheidung möchte für Prinzessin Augusta
ausfallen. Da Sie jedoch deshalb meine Pläne nicht misbilligten,
so glaubte ich es auch wagen zu dürfen, auf deren Ausführung mein
Augenmerk zu richten. Seit jener Unterredung kamen mir vielerlei
Äußerungen zur Kenntnis, die mir das bestätigten, was ich von Ihnen
selbst zu verstehen geglaubt hatte, daß nämlich, wenngleich gegen die
ganzen Verhältnisse der Prinzessin Cecile nichts einzuwenden sei, was
eine Verbindung mit ihr unmöglich oder unpassend machte, doch gerade
ihre eigentümliche Stellung, diese Verbindung nicht +vorzugsweise+
wünschenswert machte. Diese Ihre Ansicht glaube ich auch in Ihrer
Äußerung enthaltend gefunden zu haben, die Sie mir machten, als ich
bei Gelegenheit, daß Sie meine Reise hierher genehmigten, von meiner
Zukunft sprach. Sie sagten, Sie müßten nur zu bedenken geben, daß
die sehr unangenehme Möglichkeit obwalte, daß das Übel, an welchem
der Vater der Prinzessin Cecile litte, auch erblich sei und auch
mit überspringenden Generationen erblich sei; ich glaubte also aus
dieser Äußerung schließen zu müssen, daß Sie mich durch dieselbe von
meinen Absichten detournieren zu suchen wollten. Wenngleich ich die
Möglichkeit einer solchen Erblichkeit nicht bezweifeln konnte, so
konnte ich jedoch auch nur bemerken, daß mir bis jetzt nirgends ein
Zeichen obzuwalten scheine, welches jene Möglichkeit anzeige. Seit
meinem Hiersein erfuhr ich nun jedoch, daß diese mögliche Erblichkeit
der Geisteskrankheit Ihnen so erheblich erscheint, daß Sie sich durch
Hufeland haben ein Gutachten über diese Angelegenheit geben lassen,
welches die Möglichkeit des Vererbens eines solchen Übels bestätigt und
als wahrscheinlich angibt.
Die Sicherstellung, welche Sie für sich durch dies Gutachten für jede
Zukunft, falls ich auf jener Verbindung bestände, zu verschaffen
suchten, muß ich vollkommen anerkennen. Ja ich muß die Pflicht
anerkennen, welche Ihre väterliche Liebe hat und Ihre höchste Stellung,
mich ernsthaft und aufs gewissenhafteste auf diese Möglichkeiten
aufmerksam zu machen und mir die Verbindung vollkommen zu untersagen,
falls augenscheinlich Gefahr obwaltet.
Aus allem Angeführtem glaube ich aber nunmehr erneuert den Schluß
ziehen zu müssen, daß es Ihnen lieb wäre, wenn die mir getanen
Vorhaltungen mich bewegen könnten, nach Ihrem Wunsche von der näheren
Bekanntschaftmachung der Prinzessin Cecile abzusehen und mich für
Prinzessin Augusta zu entscheiden.
Wenn ich nun dies auch nicht unbedingt zu tun vermag, so sehe ich mich
dennoch veranlaßt, meinerseits einen Schritt zu tun, der mich über
meine Zukunft aufklärt, indem ich nur erlaube, die Frage zu stellen:
„ob Sie aus jenen Gründen mit dem quästionierten Gutachten in Händen
von Ihrem höchsten und väterlichen Standpunkte aus die Pflicht zu haben
glauben, Ihre Einwilligung zu der in Rede stehenden Verbindung zu
versagen, falls ich nach genauerer Bekanntschaft der Prinzessin Cecile
um deren Hand wirklich anhielte?“
Von Ihrer gnädigen Beantwortung dieser Frage hängt dann natürlich mein
ganzes ferneres Verhalten ab.
Glauben Sie Ihre Einwilligung geben zu können, so brauche ich in meinen
Plänen nichts zu verändern.
Glauben Sie Ihre Einwilligung nicht geben zu können, so muß ich davon
abstehen, die nähere Bekanntschaft der Prinzessin Cecile erst noch
machen zu wollen, denn in der Ungewißheit, ob ich Ihre Einwilligung
erhalten könnte, darf ich nie diese nähere Bekanntschaft suchen, weil
sie leicht dahin führen könnte, daß das Aufgeben dieser Verbindung dann
schmerzlicher sein dürfte, als es jetzt noch der Fall sein kann.
Mit kindlicher Liebe habe ich in meinem dankbaren Herzen jeden Schritt
bewahrt, den Sie taten, um meine Zukunft sich glücklich gestalten
zu sehen. Daher bitte ich auch nunmehr aus der Tiefe des Herzens,
daß Sie meine Frage gnädig aufnehmen und ganz nach Ihrer Überzeugung
beantworten mögen. Doch muß ich Sie noch darum bitten, mir nicht auf
+meine+ Verantwortung für die Folgen der gefürchteten Erblichkeit
die mögliche Verbindung mit Prinzessin Cecile zusagen zu wollen und
sich zu überzeugen, daß mein Herz noch durchaus nicht für eine der
beiden Prinzessinnen sich entscheidender ausspricht wie früher.
Der Grund, warum ich gerade jetzt mit diesem entscheidenden Schritt
gegen Sie hervortrete, ist der, daß in dem Falle die ferneren Pläne
auf Prinzessin Cecile ganz aufgegeben werden müßten, ich wohl keine
bessere und erwünschtere Gelegenheit finden könnte, Prinzessin Augusta
noch näher kennen zu lernen und die dann nötig werdenden Schritte
einzuleiten und zu tun als bei deren bevorstehender Ankunft hier mit
ihrer Mutter... Der Kaiser hat mir mündlich heute beim Fahren zur
Parade das förmliche Anerbieten gemacht, ob ich die zu erwartende
Campagne nicht mit machen wollte... ich glaubte ihm antworten zu
können, daß von einer Mißbilligung Ihrerseits ich nichts zu fürchten
haben würde, indem die sich darbietende Gelegenheit wohl für jeden
Soldaten zu interessant und wichtig sei, als daß Sie die Teilnahme an
derselben versagen würden... daß sich Ihre Einwilligung wohl davon
abhängig fühlen würde, in welcher Stellung sich Preußen zur Pforte beim
etwaigen Ausbruch des Krieges befinden würde... Der Kaiser hat mich bei
Zeiten von diesem seinen Anerbieten in Kenntnis gesetzt, damit ich der
Distance wegen nicht zu spät Ihre Willens-Meinung erführe, wenngleich
die Kriegs-Deklaration noch nicht erfolgt ist... So liegen Ihrer
gnädigen Bestimmung zwei wichtige Fragen vor, deren Lösung ich mit
ungemeiner Ungeduld entgegensehe, da sie von dem höchsten Einfluß auf
meine ganze Zukunft sein werden. Von Ihrer väterlichen Liebe erwarte
ich die Entscheidung, die für mein Herz und für meine militärische
Tätigkeit von gleichem unendlichen Werte sein wird.