schwiegen still, um nicht vor der Braut oder der Gattin eine infame
Beschmutzung erleiden zu müssen, und wiederum andere schwiegen aus Sorge
für den Frieden und die Unschuld ihrer unmündigen Kinder. Mancher dankte
nur Gott, daß er bis jetzt verschont geblieben, wenn er bedachte, daß
diese oder jene menschliche Schwäche, die ihn vielleicht schon
angewandelt, dem Unheil einen Angriffspunkt bieten könnte, und er hielt
sich mäuschenstille. Dicht dabei stand ein offenkundiger Bösewicht
ebenso stille, der doch zu notorisch war, um sich zu den Verfolgern
gesellen zu können, und nun mit stechenden Augen gewärtigte, was an ihn
kommen wolle. Auch der blieb verschont, nicht nur, weil er als
gefährlicher Bösewicht von den Verleumdern gefürchtet war, sondern weil
die merkwürdige Bewegung bei aller scheinbaren Maßlosigkeit ein gewisses
Gesetz der Ökonomie innehielt und keine Opfer verlangte, die ihr nicht
gerade im Wege standen.
Übrigens war nicht zu verkennen, daß das Bewußtsein, es sei eigentlich
nur ein großer, etwas grober Spaß, nicht fehlte. Denn während die Menge
kein Bedenken trug, das Land als von der Schlechtigkeit unterfressen,
angefüllt und beherrscht vor aller Welt darzustellen, blieb die
wirkliche unterirdische Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande
fehlt, unangefochten in ihrer Ruhe, wo sie nicht freiwillig ans Licht
emporstieg, um auch an den Reichstag zu kommen und die verhaßte
Ehrbarkeit ausplündern zu helfen. Der aktive Lügnerhaufen glich der
volkstümlichen Dorfklätscherin, welche in ihrem Humor es für
selbstverständlich hält, daß jeder zusehe, was er glauben wolle, und daß
jeder Angeschwärzte ihr den Spaß nicht allzu übelnehme.
Von diesem Humor war nun Jukundus nicht. In der Verfassung, in der er
sich befand, war er doppelt aufgelegt, alles zu glauben, wenn er auch
nicht sonst schon durch seine einfache Natur darauf angelegt gewesen
wäre. Während er im Geschäftsleben schon vorsichtiger geworden war,
wurde er von dieser Bewegung überrascht wie ein Kind und glaubte jede
Schändlichkeit, die man vorbrachte, wie ein Evangelium, über die Maßen
erstaunt, wie es also habe zugehen können und was in einer Republik
möglich sei.
Seine besonderen Mitbürger, die Seldwyler, hatten von Anfang an diese
Ereignisse wie ein goldenes Zeitalter begrüßt. Nichts Lustigeres konnte
es für sie geben als das Auslachen und Heruntermachen so vieler
betrübter langer Gesichter, die so lange besser hatten sein wollen als
andere Leute. Sie taten sich nicht gerade hervor in der Erfindung von
Abscheulichkeiten, waren aber umso tätiger im Aufbringen von
Lächerlichkeiten. Immer kamen einige oder ganze Gesellschaften von ihnen
nach der Hauptstadt, um zu sehen, was es Neues gäbe, und an der täglich
höher gehenden Bewegung teilzunehmen. Weil Jukundus die beste Gestalt
unter ihnen war, so machten sie ihn zu ihrem Häuptling, und er ging im
tiefsten Ernste vor der lachenden und stets zechenden Zunft der
Seldwyler her, traurig und bekümmert, aber auch entrüstet und
straflustig.
Denn er hatte die Welt noch nie in diesem Lichte gesehen; es war ihm zu
Mut, als ob der Frühling aus derselben entflohen und eine graue, heiße,
trostlose Sandwüste zurückgeblieben wäre, an deren fernem,
verschleiertem Saume der Schatten seiner Frau einsam entschwinde. Wenn
er in den Klubs und Versammlungen neben handfesten und bekannten
Agitatoren allerlei aus dunkeln Löchern hervorgekrochene Gesellen sah,
die langjährigen Unstern in der allgemeinen Sündflut mit schmutzigen
Händen zu ersäufen suchten oder die obere Schicht wie mit Feuerhaken zu
sich herunterzureißen bestrebt waren, so sah er wohl, daß es keine
Oberkirchenräte waren, die ihm die Hand drückten. Aber er empfand jetzt
eher ein tiefes Mitleid mit solchen Heiligen, die er als die Opfer einer
Welt betrachtete, von der er auch ein Lied singen zu können glaubte. Wie
die heilige Elisabeth eine Vorliebe für unreinliche Kranke und Elende
bezeigte und sich sogar in das Bett eines Aussätzigen legte, so hegte
auch Jukundus eine wahre Zärtlichkeit für seine Räudigen und ging
täglich mit Leuten, die er früher, wie man zu sagen pflegt, nicht mit
einem Stecklein hätte anrühren mögen.
Er tat dies, während die Volksbewegung schon über den Anfangsstrudel
hinaus war und das Volk, auf seine Ziele zusteuernd, jene
Schattengestalten laufen ließ und seine neuen Rechte feststellte, wie
man glänzende Farben und Wohlgerüche aus dunklen Stoffen und Schmutz
hervorbringt und diesen wegwirft. Er merkte kaum, daß er mit dem
verlorenen Haufen schon seitwärts der Heerstraße stand, und als er es
einzusehen begann, überfiel ihn neues Mitleiden mit den armen Propheten,
die wiederum betrogen sein sollten. Es half nichts, daß einige klügere
Seldwyler ihm zuraunten, die Verleumder und Ehrenfeinde seien bereits
nicht mehr Mode, man halte sich jetzt an das rein Politische und
Staatsmäßige, und er solle sich nicht bloßstellen; man brauche eben auch
wieder einen Staat mit Einrichtungen und Ehrbarkeiten, wo man mit
Lügnern und Schubiaken nicht kutschieren könne. Er glaubte den Armen und
Verstoßenen, und nicht jenen Warnern.
Um seinen Mut offenkundig zu bewähren und zu zeigen, daß er sie
beschütze, lud er eines Tages eine schöne Auswahl seiner Freunde zu
einem Festmahle ein, das er ihnen in einem Gasthause gab, und bewirtete
sie so reichlich, daß sie in die allerbeste Laune versetzt wurden.
Verkommene Winkeladvokaten, ungetreue und bestrafte kleine Amtsleute,
betrügerische Agenten, müßiggängerische Kaufleute und Bankerottierer,
verkannte Witzlinge und Sandführer verschiedener Art saßen um ihn
geschart und jubelten und sangen, als ob das tausendjährige Reich da
wäre. Aber je lustiger sie wurden, desto ernster sah Jukundus aus, und
nicht das leiseste Lächeln überflog sein trauriges Gesicht; er gedachte
der Tage, wo er auch froh gewesen und harmlos sich des Lebens gefreut,
und alles war dahin! Als nun der Wein den fröhlichen Gesellen immer mehr
die Zungen löste und die Besonnenheit ersterben ließ, fingen sie an,
ihre Schicksale und Taten zu besprechen und das Unrecht zu erzählen, das
sie erduldet. Es erhob sich jedoch da oder dort ein Widerspruch des
einen gegen den andern, oder die Auflehnung eines dritten, die
Einsprache eines vierten, die nähere Erläuterung eines fünften, woraus
ein wirrer Lärm gegenseitiger Vorwürfe und Anschuldigungen wurde und für
den unbefangenen Zuhörer sich ergab, daß es sich um ein ziemlich
ausgebreitetes und verknotetes Gewebe von geringen wenig rühmlichen
Verrichtungen handelte, wegen welcher alle sich gegenseitig die
ausgezeichnetsten Spitzbuben schalten, und zwar in einer so künstlichen
Durch- und Überkreuzung, daß wenn man, etwa nach Art der Chladnischen
Klangfiguren, ein sichtbares Bild davon hätte machen können, dieses die
schönste Brüsseler Spitzenarbeit dargestellt hätte, oder das zierlichste
Genueser Silberfiligran, so wunderbar und mannigfaltig sind Gottes
Werke.
Jukundus bemühte sich, zuerst aus Liebe, dann von Verwunderung bewegt,
das Gewebe zu verstehen und zu entwirren, und sein Gesicht wurde immer
ernsthafter, je deutlicher und gewisser ihm seine abermalige
Leichtgläubigkeit wurde. Als das bedenkliche Kreuzgespräch immer lauter
und drohender wurde und an verschiedenen Punkten in Tätlichkeiten
überging, so daß mehrere Paare sich schon an den Kehlen gepackt hielten
oder sich an den Bärten zerrten, immer hinter dem Tische sitzend,
schritt der kundige Wirt mit einem sichern Mittel ein, den ausbrechenden
Sturm zu beschwören. Er besetzte hurtig den Tisch mit einem bereit
gehaltenen zweiten Essen, welches aus groben, aber reichlichen
Salatspeisen bestand, gemacht von Ochsenfüßen, von Bohnen, Kartoffeln,
Zwiebeln, Heringen und Käse. Kaum erblickten die Streitenden diese
Erquickungen, so beruhigten sie sich und setzten sich in tiefstem
Schweigen, welches nicht eher gebrochen wurde, als bis alles aufgezehrt
war.
Dann aber erfolgte eine feierliche allgemeine Versöhnung, wie nach einem
geistlichen Liebesmahl, und alle beklagten die Torheit, sich dergestalt
einander selbst angefallen zu haben, während Eintracht so nottue.
Viel besser und zweckmäßiger wäre, hieß es, wieder einmal über einen
Volksfeind und Unterdrücker Gericht zu halten und eine lustige Jagd nach
einem solchen einzuleiten. Noch mancher laufe ungebeugt und trotzig
herum oder halte sich geduckt, in der Meinung, daß das Wetter an ihm
vorübergehe. Allein Zeit sei es, ihn jetzt hervorzuziehen, und Zeit sei
es, den Schrecken zu erneuern.
Ein solches Vorgehen wurde im Grundsatz beschlossen und sodann zur
Benennung der einzelnen Opfer geschritten, welche um Glück und Ehre
gebracht werden sollten. Es waren bald zwei oder drei Namen solcher
Personen gekürt, welche diesem oder jenem aus der Gesellschaft irgend
einmal in den Weg getreten und deshalb von ihm gehaßt waren. Wie man
aber die Art und Weise des Angriffes und die anzugreifenden Schwächen
und Vergehen der Betreffenden festsetzen wollte, wußte die Versammlung
sich nicht zu helfen, entweder weil die Erfindungsgabe nicht mehr
lebendig genug war oder weil die natürliche Klugheit der Ratschlagenden
in der späten Nachtstunde etwas Not gelitten hatte. Nachdem manches
Vergebliche und Gehaltlose vorgeschlagen und verworfen worden, rief
endlich einer: da muß das Ölweib wieder helfen, es geht nicht anders!
Jukundus, der immer aufmerksamer wurde, fragte, wer oder was das Ölweib
sei? Das sei eine alte Frau, wurde ihm erklärt, die man so nenne nach
der biblischen Witwe mit dem unerschöpflichen Ölkrüglein, weil ihr der
gute Ratschlag und die üble Nachrede so wenig ausgehe, wie jener das Öl.
Wenn man glaube, es sei gar nichts mehr über einen Menschen vorzubringen
und nachzureden, so wisse diese Frau, die in einer entlegenen Hütte
wohne, immer noch ein Tröpflein fetten Öles hervorzupressen, denselben
zu beschmutzen, und sie verstehe es, in wenig Tagen das Land mit einem
Gerüchte anzufüllen.
Jukundus anerbot sich, die Mission zu übernehmen und zu dem alten Ölweib
zu gehen, was ihm fröhlich gewährt wurde. Er ließ sich die Namen der
Opfer, welche fallen sollten, deutlich vorsagen. Es betraf, soviel ihm
bewußt war, rechtliche Leute, die noch nicht viel von sich reden
gemacht, und er schrieb sie genau und sorgfältig in sein Taschenbuch.
Hierauf bestellte er eine neue Ladung guten Wein, um die Gesellschaft zu
weiterer Redseligkeit anzufeuern, und lehnte sich seufzend zurück, um
zuzuhören.
Allein die Herren waren jetzt der ernsteren Arbeit müde und wieder mehr
zum Singen geneigt, und sie sangen mit hoher Stimme die ersten Verse
aller ihnen bekannten Lieder.
Der Saal, in welchem sie sich befanden, war groß, aber sehr niedrig und
mehr dunkel als hell, und seltsam verziert. Denn der Wirt hatte aus
einem größeren Hause eine abgelegte Tapete gekauft und seinen Saal damit
austapeziert.
Dieselbe stellte eine großmächtige und zusammenhängende
Schweizerlandschaft vor, welche um sämtliche vier Wände herumlief und
die Gebirgswelt darstellte mit Schneespitzen, Alpen, Wasserfällen und
Seen. Da aber der Saal, für welchen dieses prächtige Tapetenwerk früher
bestimmt gewesen, um die Hälfte höher war, als der Raum, in welchen es
jetzt verpflanzt worden, so hatte zugleich die Decke damit bekleidet
werden können, also daß die gewaltigen Bergriesen, nämlich die Jungfrau,
der Mönch, der Eiger und das Wetterhorn, das Schreck- und das
Finsterarhorn, sich in ihrer halben Höhe umbogen und ihre schneeigen
Häupter in der Mitte der niedrigen Zimmerdecke zusammenstießen, wo sie
jedoch von Dunst und Lampenruß etwas verdüstert waren. An der Wand
hingegen thronten die grünen Alpen mit roten und weißen Kühen besäet,
weiter unten leuchteten die blauen Seen, Schiffe fuhren darauf mit
bunten Wimpeln, auf Gasthofterrassen sah man Herren und Damen spazieren
in blauen Fräcken und gelben Röcken und mit altmodischen hohen Hüten.
Auch standen Soldaten gereiht mit weißen Hosen und schönen Tschakos; bei
einer ganzen schnurgeraden Reihe war das linke rote Wänglein ein wenig
neben die gehörige Stelle abgesetzt oder gedruckt durch den
Tapetendrucker, was der kommandierende Oberst mit seinem großen Bogenhut
und ausgestrecktem Arm eben zu mißbilligen schien; denn die halbwegs
neben den leeren Backen stehenden roten Scheibchen waren anzusehen, wie
der aus der Mondscheibe tretende Erdschatten bei einer Mondfinsternis.
Auf dem ganzen gemalten Lande herum ging jedoch in der Höhe eines
sitzenden Mannes eine dunkle Beschmutzung von den fettigen Köpfen der
Stammgäste, die sich im Verlaufe der Zeit schon daran gerieben hatten.
Plötzlich entdeckte ein bleicher Genosse, der vorzugsweise als der
Idealist bezeichnet wurde, das gemalte nächtliche Tapetenvaterland und
benutzte es sofort zu einem feurigen Trinkspruche auf das herrliche,
teure, das schöne Vaterland, das den Verein wackerer Eidgenossen hier so
recht als engere Heimat umschließe. Und da auch diese Armen im Geiste
und an Glück das Vaterland liebten, so fand er einen lauten Wiederhall
und es wurden alle bekannten Vaterlandslieder angestimmt. Nur einige
ungerührte Gesellen machten sich nichts daraus und schleuderten, da sie
eben Heringe aßen, die Heringsseelen geschickt an die ewigen Eisfirnen
empor, die über ihren Häuptern hingen, daß jene dort kleben blieben.
Hierüber murrten die andern und der ideale Redner verwies den Übeltätern
ihre gemeine Gesinnung und rief, sie hätten ihre eigenen Heringsseelen
dem Vaterlande ins Angesicht geschleudert und die reinen Alpenfirnen
beschmutzt. Doch jene lachten nur und riefen: »Selbst Heringsseelen!« so
daß es abermals Streit und Lärmen gab.
Jukundus legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf und seufzte
tief.
Jetzt ertönte mitten in dem Tumulte die dünne Fistelstimme eines
gewesenen Gemeindesäckelmeisters, der vergeblich jenes Lied zu singen
suchte, welches Jukundus auf dem Wege zum Gesangfeste durch den Wald
gesungen hatte; endlich besann sich der Sänger auf die Schlußworte und
kreischte in schrillem Tone:
In Vaterlandes Saus und Brause,
Da ist die Freude sündenrein,
Und kehr' ich besser nicht nach Hause,
So werd' ich auch nicht schlechter sein!
Da erinnerte sich Jukundus des schönen und glücklichen Tages, an dem er
Justinen zum ersten Male gesehen hatte, und verbarg sein Gesicht noch
tiefer, indem er mit Mühe bittere Tränen zurückhielt.
* * * * *
Inzwischen gedachte auch Justine mit größerer Sehnsucht der Tage, wo sie
dem Jukundus zuerst begegnet war, und sie hätte ihn gern aufgesucht und
ihr Unrecht gut gemacht, wenn nicht immer die Verhältnisse dazwischen
getreten wären. Vorerst war sein Anschluß an die Volksbewegung und sein
besonderer Umgang mit dem verlorenen Häuflein das Hindernis, weil ihre
ganze Familie und Freundschaft auf der anderen Seite stand und man dort
nur die düstersten Anschauungen von der Sache hegte.
Sie hatte sich daher, um ihre Gedanken zu beschäftigen und ihr Gemüt zu
befriedigen, mit erneutem Eifer dem Pfarrer und der kirchenpflegerischen
Tätigkeit hingegeben und ihr Wirken auch auf weltliche Dinge ausgedehnt.
Sie wurde Vorsteherin nach allen möglichen Richtungen hin und brauchte
jetzt viele und gute Schuhe, die sie sich stärker als früher anfertigen
ließ, da sie stets auf der Straße zu sehen war von Schule zu Schule, von
Haus zu Haus, von Sitzung zu Sitzung. Bei allen Zeremonien und
Verhandlungen, öffentlichen Vorträgen und Festlichkeiten saß sie auf den
vordersten Bänken, aber ohne daß sie Ruhe gefunden hätte oder das
leiseste Lächeln auf ihr blasses Gesicht zurückgekehrt wäre. Die Unruhe
trieb sie selbst wieder in einen musikalischen Verein, den sie seit
lange verlassen, und sie sang ernsten Gesichtes und mit wohltönender
Stimme, ohne jedoch die mindeste Fröhlichkeit zu erreichen. Der Arzt
wurde sogar bedenklich und sagte aus, der melodisch vibrierende Klang
ihrer Stimme lasse auf beginnende Brustkrankheit schließen und man müsse
zusehen, daß sie sich schone.
Alle fühlten wohl, was ihr fehle, wußten ihr aber nicht zu helfen und
wurden unversehens selber hilfsbedürftig; denn es brach eine jener
grimmigen Krisen von jenseits des Ozeans über die ganze Handelswelt
herein und erschütterte auch das Glorsche Haus, welches so fest zu
stehen schien, mit so plötzlicher Wut, daß es beinahe vernichtet wurde
und nur mit großer Not stehen blieb. Schlag auf Schlag fielen die
Unglücksberichte innerhalb weniger Wochen und machten den stolzen
Menschen die Nächte schlaflos, den Morgen zum Schrecken und die langen
Tage zur unausgesetzten Prüfung. Große Warenmassen lagen jenseits der
Meere entwertet, alle Forderungen waren so gut wie verloren und das
angesammelte Vermögen schwand von Stunde zu Stunde mit den
hochprozentigen Papieren, in welchen es angelegt war, so daß zuletzt nur
noch der Grundbesitz und einiges in alten Landestiteln bestehende
Stammvermögen vorhanden war. Aber auch dieses sollte dahingeopfert
werden, um die eigenen Verbindlichkeiten zu erfüllen, welche im
Augenblicke des Sturmes bei dem großen Verkehre gerade bestanden.
Die Männer rechneten und sprachen miteinander bleich und still Tage und
Nächte lang, und die Hausordnung schien erstarrt zu sein. Die
Dienstboten arbeiteten ohne Befehl und bereiteten das Essen, aber
niemand aß oder wußte, was er aß. Die Uhren liefen ab und wurden
kummervoll aufgezogen, nachdem sie tagelang still gestanden. Die Zeit
mußte dann zusammengesucht werden, wie man in der Finsternis ein
Lichtlein am andern anzündet, um sehen zu können. Einige junge Kätzchen,
welche bis zum Tage des Unglücks der Zeitvertreib und das Spiel von alt
und jung gewesen waren, wurden plötzlich gar nicht mehr gesehen und
zogen sich mit ihren kleinen Sprüngen schüchtern in einen Winkel zurück,
und als nach geraumer Zeit einige Seelenruhe wieder in das Haus gekommen
war, wunderten sich alle, daß die Katzen unter ihren Augen auf einmal
groß geworden seien.
Als es hieß, daß, wenn die Ehre des Hauses gerettet und alle Schulden
bezahlt sein werden, nicht eines Talers Wert mehr im Besitze der Familie
bleibe und sie, gänzlich verarmt, von neuem anfangen müßten, stand die
Frau Gertrud, die Stauffacherin, und schlotterte an ihrem ganzen Leibe;
sie mußte niedersitzen.
Justine dagegen, Schreck und Furcht vor der Armut im Herzen, faßte
sogleich Gedanken der Selbsthilfe. Sie wollte mit ihren Kenntnissen
augenblicklich in die Welt hinaus und nicht nur sich selbst, sondern
auch Vater und Mutter erhalten, und sie entwarf abenteuerliche Pläne mit
fiebriger Hast.
Allein nun trat die Mutter wiederum auf und erklärte, daß sie einen
guten Teil des Vermögens als Weibergut beanspruche, um das Haus zu
retten und ein ferneres Bestehen möglich zu machen. Die Männer sollen
mit den Gläubigern ein Abkommen treffen, wie das fast an allen Orten
jetzt geschehe.
Die Männer schüttelten finster die Köpfe und sagten, das könnten und
wollten sie nicht tun; lieber wollen sie arm werden und auswandern und
in anderm Lande Tag und Nacht arbeiten, um wieder zu etwas zu kommen.
Doch die Stauffacherin hatte jetzt ihre Kraft und Beredsamkeit wieder
gewonnen; sie bestand auf ihrer Meinung und zeigte an mehreren
Beispielen, wie durch solch ein besonnenes Verfahren der Sturm
überstanden, die Zukunft gerettet und später auch jede billige
Verpflichtung noch gelöst und zu Ehren gezogen worden sei.
Alles dieses war gewissermaßen noch das Geheimnis des Hauses. Die vielen
Arbeiter kamen nach wie vor mit ihren Geweben und Gespinsten und
erhielten ihren Lohn und neue Arbeit, weil jede Entschließung angstvoll
hinausgeschoben wurde. Mit jedem Tage längerer Zögerung wankten die
Männer mehr in ihrem Vorsatze strenger Pflichterfüllung, bei welcher sie
als wahrhaft Freie vor niemandem die Augen niederzuschlagen brauchten.
Schon war die Stauffacherin im Begriffe, obzusiegen und in der festen
Überzeugung, daß sie nur im besten Rechte handle, denn sie besaß ein
Weibergut; da stiegen aber die Alten vom Berge herunter, der Ehgaumer
und seine Frau, um gegen die Machenschaft aufzutreten und sie zu
verhindern. Der Alte konnte nicht sprechen, weil er von dem den Kindern
widerfahrenen Unheil, selber stark am Besitze hängend, angegriffen war.
Er setzte sich hustend auf einen Stuhl und hieß die Alte reden.
Diese legte ein Bündel vergilbter Pfandbriefe auf den Tisch und sagte,
da brächten sie, die Alten, was sie erhauset, um den guten Namen retten
zu helfen; aber es müßten alle Schulden bezahlt werden und keine
Machenschaft mit dem Frauenvermögen dürfe stattfinden. Sie sprach mit so
beredten und starken Worten, daß sie in ihrer weißen Zipfelhaube die
wahre Stauffacherin zu sein schien und die letztere sich weinend ans
Fenster stellte.
Solcher Kleinmut wurde ihr von der Alten verwiesen, die aber
gleichzeitig bemerkte, daß in dem wohleingerichteten Zimmer, wo die
ganze Familie sich eben befand, das Klavier und die Spiegeltische mit
Staub bedeckt waren; und unverweilt begann sie, denselben mit ihrem
Schnupftuche abzuwischen.
Die Familie entschloß sich zu der strengen, gegen sich selbst harten
Handlungsweise und blieb in Frieden und Ansehen. Der freie Grundbesitz
wurde verpfändet und der Geschäftsverkehr nicht unterbrochen; allein zur
Zeit waren alle Glieder des Hauses arm, wie die Kirchenmäuse, und keines
hatte einen Franken für etwas Unnötiges oder für eine Liebhaberei
auszugeben.
So fiel auch die Vorsteherschaft und der Glanz Justinens in Kirche und
Gesellschaft dahin und sie hielt sich still und beschämt im verborgenen.
Sie ertrug aber diese gänzliche Mittellosigkeit nicht und verschaffte
sich im geheimen, nach Art verarmter Frauen aus der oberen Schicht,
allerlei feine weibliche Handarbeit, um einiges Taschengeld zu
verdienen. Sie wußte dabei nicht, daß sie der ganz hilflosen Witwe, der
verlassenen Waise, die sich auf gleiche Weise kümmerlich nährte, das
Brot vor dem Munde wegnahm, um ihrem Triebe nach Besitz genug zu tun. Je
merklicher sich die bescheidenen Geldsümmchen vermehrten, welche sie so
erwarb, desto eifriger und fleißiger war sie bei der Arbeit, die sie mit
ihrer Energie und Geschicklichkeit in beträchtlicher Menge an sich zog
und bewältigte, also daß die Leute, welche die Ware bestellten und
verkauften, ihr von derselben kaum genug zuwenden konnten und sie
anderen entziehen mußten.
Die unausgesetzte Beschäftigung war ihr umso lieber, als sie während der
Arbeit ihren schweren Gedanken entweder nachhängen oder dieselben
zerstreuen, die schwachen Hoffnungen auf ein wiederkehrendes Glück
erwägen konnte. Die Mutter war mit im Geheimnis; sie hatte in ihrem
Stolze zuerst dagegen angekämpft; doch als sie in Justinens Erwerb für
sich selbst auch die Mittel fand, manche Nebenausgabe zu bestreiten, für
die sie die Kasse der ängstlich und verdrossen arbeitenden Männer nicht
mehr anzusprechen wagte, fügte sie sich leicht dem Sinne der Tochter.
Allein Vater und Brüder wurden endlich aufmerksam; sie wunderten sich,
wo die vielen Stickereien und Strickarbeiten eigentlich blieben, die
unaufhörlich zu stande kamen und gerieten schließlich hinter das
Geheimnis. Nun wollten sie aber, während sie sich alle Entbehrungen
auferlegten und ihre Wagen, Luxuspferde und dergleichen alles verkauft
hatten, doch nicht für Leute gelten, die nicht mehr vermöchten, ein paar
Weiber zu erhalten, und fanden es ungehörig, daß diese selber um
Handarbeit ausgingen, indessen arme Arbeiterinnen solche im Hause
suchten und fanden.