angewiesen, für ihre Bedürfnisse, wie früher, das Nötige zu verlangen
und sich keinen Zwang anzutun; denn sie wisse ja, daß sie um diesen
Preis nicht feil sei. Justine jedoch konnte in ihrem gefangenen Sinn
nicht über die Frage hinwegkommen. Sie verfiel immer mehr in die kranke
Sucht nach Selbständigkeit, welche die Frauen dieser Zeit durchfiebert
wegen der etwelchen Unsicherheit, in welcher die Männer die Welt halten.
Sie grübelte und brütete und entwarf zuletzt den Plan, anderwärts als
Lehrerin ein Unterkommen zu suchen. Wenn sie dabei an die Hauptstadt mit
ihren zahlreichen Schulanstalten dachte, so wirkte die stille Hoffnung
mit, dort eher ihrem Manne wieder begegnen zu können als im Elternhause,
wo jetzt härter über ihn geurteilt wurde als früher, obwohl bekannt war,
daß es ihm nun gut gehe.
Kaum war dieser Entschluß gefaßt, so zögerte sie nicht, ihn auszuführen,
und begab sich zu dem Pfarrer, um dessen Rat und Vermittlung zu finden.
Erst auf dem Wege nach dem Pfarrhof fiel ihr ein und auf, daß der
geistliche Herr, der sonst ein Freund des Hauses gewesen, seit dem
Unfall, der es betroffen, nie mehr in demselben erschienen war, daß er
auch niemandem gemangelt und niemand daran gedacht hatte, sich ihm
mitzuteilen und seinen Trost zu hören.
Eine fröstelnde Empfindung durchschauerte sie, als sie ferner plötzlich
bedachte, daß sie selber seit mehreren Monaten nicht mehr in der von ihr
geschmückten Kirche gewesen sei. Sie stand still und suchte sich den
seltsamen Zustand zurechtzulegen, aber es gelang ihr nicht in der
Schnelligkeit. Umso rascher eilte sie wieder vorwärts, wie um Licht zu
gewinnen.
Im Pfarrgarten traf sie die Gattin des Geistlichen, eine unbeachtete
Frau, welche gelassen Petersilie pflückte, und vernahm von ihr, daß er
soeben vom Besuche eines Sterbenden zurückgekehrt sei und etwas unwohl
scheine. Doch möge Justine nur hinaufgehen, ihr Besuch werde ihn gewiß
freuen. Unverweilt eilte sie nach seinem Studierzimmer und trat, wie sie
gewohnt war, nach kräftigem Klopfen rasch ein.
Er saß erschöpft und bleich in seinem Lehnstuhl und stützte den Kopf auf
die Hand. Als er sich wandte und aufstand, schien er ihr auch abgemagert
und leidend zu sein.
»Sie sehen,« sagte der Pfarrherr, nachdem er Justinen begrüßt, »daß ich
auch nicht in guten Schuhen stecke, und das mag Ihnen erklären, warum
ich mich so lange nicht habe blicken lassen. Ich bin in der Tat, mehr
als Sie denken, im gleichen Spitale krank, wie Sie und die Ihrigen!«
Als Justine sich verwundert eine deutlichere Auskunft erbat, fuhr er
fort: »Ich habe reich werden wollen und habe daher im Umgange mit den
Ihrigen, in Ihrem Hause, gelauscht und mir gemerkt, auf welcherlei Weise
die Vermögenssummen dort verwendet werden; ich habe mir die
Handelspapiere aufgeschrieben, von welchen der größte Gewinn erwartet
wurde, und ich habe die Operationen, die ich machen sah, im geheimen
nachgeäfft mit dem mäßigen Vermögen meiner Frau, und als ich ahnte, daß
das Haus Glor erschüttert war, wußte ich zugleich, daß ich selbst alles
verloren und das Erbe meiner Gattin und ihrer Kinder vergeudet und
verspielt hatte. Sie weiß es noch nicht und ich darf es niemandem sagen,
wenn ich nicht meinen Stand verunehren will. Aber Ihnen gegenüber, da
Sie mir so unversehens erscheinen, drängt es mich zur Offenheit!«
Justine war erschrocken; dieser neue Verlust machte ihr aufrichtigen
Ärger und Verdruß, und sie sagte daher etwas unwillig: »Aber was in
aller Welt hat Sie denn gezwungen, in Handelsgeschäften zu wagen, da Sie
ein Pfarramt und Einkommen besitzen?«
»Ich habe Ihnen gesagt,« erwiderte der Pfarrer mit Traurigkeit, »daß ich
meinen Stand nicht bloßstellen dürfe durch das Eingestehen meiner
lasterhaften Torheit, und ich gehöre diesem Stande innerlich nicht
einmal mehr an, ich habe ihn verlassen und darum reich werden wollen, um
unabhängig leben zu können! Nach jenem Unglücksabend, an welchem ich
hier mit Ihrem Manne gestritten hatte, war mir ein Stachel im Herzen
geblieben, den ich vergeblich hinausreden und wegtrotzen wollte. Ich
sah, wie Jukundus bei allem Un- und Mißgeschick religiös so unbeirrt und
unbescholten dahin wandelte, und ich konnte nicht umhin, alles zu
überdenken und zu prüfen, was ich leider mit Beziehung auf die sittliche
Seite der Sache in Ansehung des eigenen Herzens seit Jahren nicht mehr
getan hatte. Ich fand, daß ich nicht religiös oder christlich mehr lebe
und kein Priester mehr sei!
»Ich mußte mir gestehen, daß ich jahraus, jahrein, sobald ich allein
war, nicht den leisesten Trieb fühlte, des gekreuzigten Mannes zu
gedenken, dessen Namen mein Lebensberuf trug und der mich ernährte, daß
mein Herz und alle meine Sinne nur an der Welt und ihren
Annehmlichkeiten, wenn Sie wollen, auch an ihren Mühen und Pflichten
hing, aber ohne daß der leiseste Schauer eigener persönlicher Andacht,
die geringste Furcht vor dem, den wir handwerksmäßig als unsern Herren
und Erlöser verkündeten, an mich herantrat, sei es Tag oder Nacht
gewesen.
»Ja, wenn ich zuweilen noch, ohne vom Berufe dazu veranlaßt zu sein,
der von mir für so geheiligt ausgegebenen Person Christi in der
Einsamkeit gedachte, so geschah es mehr mit dem hochmütigen Sinn eines
Schutzherrn, der sich etwa eines armen Teufels annimmt und ihm im
Vertrauen sagt: »Lieber, du machst mir viele Mühe!«
»Ich empfand endlich, daß ich ein beifallsdurstiger Wohlredner und
Schwätzer geworden sei, ohne es zu merken; daß ich, wenn ich nicht den
goldenen Schlüssel eines wirklichen jenseitigen Gotteswortes besaß, vom
Geheimnis meines Nebenmenschen nicht mehr verstand und nicht mehr Gewalt
über sein Gemüt hatte, als ein Kind, ja, daß ich wegen der Halbwahrheit
und des Doppelsinns meiner Worte auch einem Kinde gegenüber in schlimmer
Lage war.
»Ich fing an, mich des gedankenlosen Beifalls zu schämen, der mir
entgegengetragen wurde; dazu war es mir des Handwerks wegen unmöglich,
meine Gedanken für mein stilles Inneres, für den eigenen Frieden zu
ordnen, weil sich das mit der lauten Gewaltsamkeit und den Anforderungen
des Standes nicht vertrug, und darum wollte ich ihn verlassen und meinen
fadenscheinigen Reformatorenrock an den Nagel hängen.
»Das ist mir nun unmöglich geworden, wenigstens für jetzt, weil ich
mich, indem ich auf dem Wege des Reichtums fliehen wollte, sogar der
Mittel beraubt habe, eine nährende Existenz mit einiger Sicherheit zu
gründen.«
Justine saß wie versteinert; sie war gekommen, Rat und Beistand zu
holen, und sah wieder eine Stütze, einen Lebensinhalt dahinsinken; denn
wie ein Blitz leuchtete es in sie hinein, wie es mit diesen Dingen stand
und warum sie selbst im Unglück ihre bunte Kirche nicht gesucht hatte.
Eine bittere Qual stieg in ihrer arbeitenden Brust auf; aber sie konnte
derselben nicht nachgeben, weil ein noch stärkeres Mitgefühl jetzt
gefordert wurde, als der Geistliche in Tränen ausbrach und sagte:
»Heute ist mir nun das Äußerste widerfahren, ich bin von einem
Sterbebette hinweggewiesen worden! Eine zähe Greisin ringt seit vielen
Stunden mit dem Tode, welche eigensinnig alle ihre Kinder wiederzusehen
hofft, besonders ihren im Elend gestorbenen ältesten Sohn. Ich komme
hin, voll Sorgen und zerstreut, und halte, indem ich mich anschicke,
meine selbstverfaßten, wie Sie wissen, etwas pantheistisch klingenden
Sterbegebete zu verrichten, auf ihre an mich gerichteten Fragen nach der
Gewißheit des ewigen Lebens haltlose, unsichere Reden, so daß die
Sterbende mir den Rücken kehrt und die Umstehenden, vom Arzte
unterstützt, mich zur Seite führen und leise ersuchen, meine
seelsorgerische Funktion hier einzustellen.«
Diesen Vorgang erzählte der Pfarrer mit abgebrochenen Worten und
bedeckte am Schlusse das Gesicht mit seinem Taschentuche. Er war so
erschüttert, weil keiner auch von einer unbeliebten Berufsart sich gerne
nachsagen läßt, daß er sie nicht nach den Regeln der Kunst auszuüben
verstehe.
Auf die entsetzte Justine machte die Szene einen Eindruck, als ob sie
einen Berg einstürzen sähe. Was ihr einen felsenfesten Bestand zu haben
schien, sah sie wanken und vergehen mit dem Selbstvertrauen dieses
Priesters und beim Anblick seiner Tempelflucht. Sie empfand wohl die
drückende Wucht, welche in dem unscheinbaren, noch verborgenen Vorgang
lag, der da, dort, an hundert Punkten vielleicht bald sich wiederholte,
aber sie verstand dessen allgemeine Bedeutung nicht und fühlte nur den
schmerzlichen Druck.
Verwirrt, ratlos ging sie fort, ohne ihr Anliegen, das sie hergeführt,
vorzubringen oder den Pfarrer mit Trostreden beruhigen zu wollen. Erst
auf der Straße, je mehr sie die Äußerungen des Geistlichen überdachte
und mit frühern vereinzelten Worten und Vorfallenheiten zusammenhielt,
fing es sie recht an zu frieren. Sie ward inne, daß sie zunächst keine
Kirche mehr hatte, und in ihrem Frauensinne, durch die Macht der
Gewohnheit wurde es ihr zu Mut wie einer verirrten Biene, welche in der
kalten Herbstnacht über endlosen Meereswellen schwebt. Vom Manne
verlassen, das Gut verloren, und nun auch noch ohne kirchliche
Gemeinschaft: das alles zusammen schien ihr einer fast ehrlos machenden
Ächtung gleich zu kommen.
Die Kirchenlosigkeit, so äußerlich ihre Kirchlichkeit gewesen, schien
ihr alle übrige Mißwende einzuschließen und zu besiegeln, und
merkwürdigerweise glaubte sie jetzt dem Pfarrer aufs erste Wort, daß
nichts in seinem Tabernakel sei, während sie ihres Mannes Anschauungen
nie hatte annehmen wollen, eben weil er keine geistliche Autorität für
sie besaß.
Sie wandelte lautlos nach Hause, nahm dort, um die nächste Stunde
zuzubringen und auszufüllen, ein Strickzeug und setzte sich damit an ein
Gartentor dicht an die Straße, wie um zu zeigen, daß sie noch da sei und
sich nicht zu scheuen brauche. Aber sie sprach mit niemandem und sah
bleich auf ihre Arbeit, während ihre Lippen mechanisch die Strickmaschen
zählten.
Der Abend nahte heran, auf dem still glänzenden See fuhren Schiffe
heimwärts und auf der Straße wanderten Arbeitsleute vorüber, ohne daß
Justine aufblickte, bis ein steinaltes Weiblein, welches mühselig daher
gepilgert kam, vor ihr stillstand, um auszuruhen und Atem zu holen. Das
Wesen trug einen hohen gelben Strohhut auf dem Kopfe, einen kurzen roten
Rock und solche Strümpfe, auf dem gekrümmten Rücken ein weißes Säcklein
und in der Hand einen Stab und stellte sich so als eine Pilgerin dar,
die aus ferner Gegend kommend nach dem berühmten Wallfahrtsorte
wanderte, der wenige Stunden weiter im Gebirge gelegen war.
Als Justine sah, daß das Mütterchen kaum mehr stehen konnte, hieß sie
dasselbe zu ihr auf die Bank sitzen. »Das will ich gern tun, wenn Ihr's
erlaubt, schöne Frau!« sagte die Pilgerin und säumte nicht, sich neben
ihr niederzulassen. Auch kramte sie sogleich in ihrem Reisesack und zog
ein Stück Brot hervor, indem sie sich nach einem Brunnen umsah, der ihr
einen Trunk Wasser dazu böte. Justine holte aber ein Glas guten alten
Weines im Hause und gab es ihr, und sie labte sich vergnüglich daran.
»Warum geht Ihr in Eurem Alter so allein auf der heißen, harten Straße,
während alle andern Wallfahrer auf der Eisenbahn und den Dampfschiffen
reisen und bequemlich beieinander sitzen?« fragte Justine.
»Ei, das wäre ja kein Verdienst und kein Opfer für mich arme Sünderin!«
antwortete die Pilgerin; »die andern, die reisen heutzutage mehr zur
Lust und aus Vorwitz und verrichten allenfalls am Gnadenort ein
nützliches Gebet. Ich aber wandere auf meinen alten Füßen zur
allerseligsten Maria Mutter Gottes, und da bin ich nicht nur vor ihrem
heiligen Altare bei ihr, sondern auf dem ganzen langen Wege begleitet
sie mich auf jedem Schritt und Tritt und hält mich aufrecht, wenn ich
sinken will, wie eine gute Tochter ihre alte schwache Mutter! Eben jetzt
hat sie mir durch Eure weiße Hand diesen stärkenden Trunk gereicht! Wenn
Ihr wüßtet, wie süß und lieb sie ist, wie schön, wie glänzend! Und
welche Macht besitzt sie, welche Klugheit! Für alles weiß sie Rat und
alles kann sie!«
Während solcher Lobpreisung ließ das Mütterchen seinen Rosenkranz nicht
einen Augenblick aus der Hand. Neugierig sah ihr Justine zu, wie sie
fortwährend mit den Kugeln spielte, und verlangte zu wissen, in welcher
Weise man ihn gebrauche und um die Hand wickle. Die Alte zeigte es ihr
sogleich und wand ihr die ärmliche Kugelschnur um die Hände. Justine
hielt diese einige Augenblicke nachdenklich gefaltet und schaute so in
Gedanken verloren vor sich hin; dann schüttelte sie aber langsam den
Kopf und gab der Pilgersfrau ihren Rosenkranz zurück, ohne ein Wort zu
sagen.
Das Pilgerweiblein wollte nun nicht länger ruhen, sondern noch ein gutes
Stündlein weiter gehen, ehe es die Herberge aufsuchte, und so bedankte
es sich, versprach für die gute schöne Frau ein Gebet zu verrichten, ob
sie es wolle oder nicht, und wanderte auf den schwachen Füßen in den
dämmernden Abend hinaus, so wohlgemut und sicher, wie wenn es zu Hause
in seiner Stube herumginge.
Justine lehnte sich zurück und sah der roten, schwankenden Gestalt nach,
bis sie in dem blauen Schatten des Abends verschwand.
»Katholisch!« rief sie, sich selbst vergessend, und versank wieder in
tiefe suchende Gedanken; und sie schüttelte abermals das Haupt.
Aber ihre obdachlose Frauenseele suchte fort und fort; sie ging
ungegessen zu ihrem Lager und brachte schlaflos die Nacht zu. Sie konnte
jetzt nicht einmal mehr sagen, sie sei arm wie eine Kirchenmaus, da sie
nur mehr eine wilde Feldmaus war. In dieser Not erinnerte sie sich einer
kleinen armen Arbeiterfamilie, einer Witwe mit ihrer Tochter, welche im
Rufe einer ganz eigentümlichen Frömmigkeit standen und unter den
armseligsten Umständen einer vollkommenen Zufriedenheit und Seelenruhe
genossen, so daß der Pfarrer selbst, obgleich sie einer wie er sagte
törichten und unwissenden Sekte angehörten, von ihnen geurteilt hatte,
sie könnten ganz gut einen Begriff von den Urchristen der ersten Zeit
geben. Die beiden Personen hatten früher in Schwanau gelebt und die
Tochter hatte in den Glorschen Fabriksälen gearbeitet. Justine, welche
eine gewisse Zuneigung zu den Leutchen empfunden, war zu verschiedenen
Malen von dem Vorsatze, dieselben zu bekehren und für ihre artig
eingerichtete und verständige Kirche zu gewinnen, unwillkürlich
abgestanden, sobald sie an die Ausführung hatte gehen wollen; dann waren
Mutter und Tochter aus der Gegend weg und in die Nähe der Hauptstadt
gezogen, und jetzt beschloß die schlaflose Justine, sie aufzusuchen und
das Geheimnis ihres Friedens und ihres Glaubens zu erforschen und ihrer
Glückseligkeit teilhaftig zu werden, wenn es möglich wäre. Sie beschloß
auch, das schon am nächsten Tage ins Werk zu setzen.
Viertes Kapitel
Am Morgen, der einen schönen Tag ansagte, stand Justine denn auch in
aller Frühe auf und rüstete sich zum Wandern; denn sie wollte, obschon
sie beinahe drei Stunden weit zu gehen hatte, demütig zu Fuß pilgern,
angeregt ohne Zweifel von dem wallfahrenden Mütterchen und weil sie so
am ehesten ihren Gedanken überlassen war. Sie zog ein Paar ihrer
ehemaligen starken Vorsteherinnenschuhe an, welche ihr jetzt trefflich
zu statten kamen, und belud sich auch mit einem Korbe, in welchem sie
für die guten Urchristen eine Gabe barg, eine Flasche guter reiner
Sahne, ein frisches Weizenbrot, ein Dütchen Schnupftabak für die
Mutter, welche, wie sie wußte, trotz ihrer Weltentsagung gerne ein
Prischen nahm, wenn sie es haben konnte und für die Tochter ein Paar
gute neue Strümpfe. So schürzte sie ihr Kleid und begab sich auf den
Weg, statt des Pilgerstabs freilich einen Sonnenschirm in der Hand, der
ihr nebst dem breitrandigen Strohhut genugsam Schatten gab.
Sie überlegte sich während des Gehens noch alles, was sie von den Frauen
wußte, und befreundete sich immer mehr mit dem gefaßten Vorsatze.
Die Mutter Ursula war als arme Dienstmagd in die Gegend gekommen und
hatte still und brav ihrer Pflicht gelebt. Allein sie liebte damals, wie
sie sagte, die Welt und gab einem Sohn wohlhabender Landleute, gerührt
von seiner Gutmütigkeit und Herzenseinfalt, Gehör, also daß sie sich
zusammentaten, arm wie die Tierlein des Feldes, und ein Paar wurden.
Denn der Mann wurde sofort von den Seinigen verstoßen und verlassen, und
sie gaben ihm nicht einmal einen leeren Holzkorb mit. Sie lebten nun
kümmerlich als Tagelöhner in einer elenden entlegenen Hütte und waren
verlassener, als alle Robinsone auf ihren Inseln. Sie lenkten mit ihrer
Einfalt und Geduld alle Hartherzigkeit der Menschen auf sich, mitten in
einer reichen und christlich milden Landschaft, wie der Magnet das
Eisen; alles, was von hochmütigem Mißverstand ringsum vorhanden war,
schien sich vereinigt gegen die Armen zu richten, so daß einer den
andern am Helfen hinderte und sie noch dazu lachten; und niemand wußte
warum, wie es in der Welt so gehen kann.
Das Frauchen war aber immer noch von Weltlust erfüllt. Sie lockte eine
dicke Bauernkatze, die in der Nähe der Hütte im Felde schlich, zog ihr
das Pelzröcklein aus und sott sie im Wasser, um den schwarzen Hunger zu
stillen; auch nahm sie sorglich das Fett ab zum Kochen einiger
Wassersuppen für den Fall, daß ein wenig Mehl oder Brot ins Haus käme.
Allein diese Gewalttat wurde entdeckt und die Geldbuße, welche der Frau
dafür auferlegt wurde, nahm den Lohn eines ganzen Monats hinweg, welchen
der Mann endlich nach langem Suchen bei einem Straßenbau hatte erwerben
können. Deshalb trank derselbe in seiner gutmütigen Einfalt, auf den Rat
anderer, vom nächsten Lohn sogleich einen Rausch, ehe man ihm das Geld
nehmen konnte, und wurde dabei von einer unterhöhlten Erdlast
erschlagen, da er nicht rechtzeitig vor dem Sturze floh. Damit war aber
auch die Zeit der Sünde und der Weltlust für die Frau Ursula vorüber.
Um jene Zeit waren ärmliche namenlose Prediger erschienen, welche unter
dem geringen Volke für irgend eine Sekte Anhänger suchten und die
bekehrten Leute tauften. Sie lehrten das reine ursprüngliche
Christentum, wie es nach ihrer Meinung ohne jede Gelehrsamkeit in der
Bibel zu finden war, wenn man nur jedes Wort ganz buchstäblich und zwar
in der deutschen Übersetzung, die ihnen zu Gebote stand, auffaßte. Die
Hauptsache war, daß in Tat und Wahrheit ein neues geheiligtes Leben
geführt werden müsse zu jeder Stunde des Tages und an jedem Orte, und
daß ferner die Gläubigen unter sich einen festen Verband der Liebe und
der gegenseitigen Anhänglichkeit bilden, um sich für die große Stunde
des verheißenen Weltgerichtes, das bald kommen werde, zu stärken und
bereit zu halten.
Diese Prediger sammelten bald eine Gemeinde um sich, bestehend aus
hilfsbedürftigen dunklen Seelen, aus natürlichen Kopfhängern, aus
schwachen Hochmütigen, welche selbst an ihrem geringen Orte einen
Standpunkt suchten, von welchem aus sie besser sein konnten, als der
Nachbar, aus guten Herzen, die ihre Liebe trieb, aus Unglücklichen, die
einen Trost zu finden hofften, der ihnen anderwärts nirgends blühte.
Einige von ihnen, wenn sie katholisch gewesen wären, hätten sich einfach
in ein Kloster gemacht, andere, wenn es ihre Lebensverhältnisse mit sich
gebracht hätten, wären Freimaurer geworden, wiederum andere, wenn sie
bemittelt und gebildet gewesen wären, hätten sich irgend einem
gemeinnützigen oder wohltätigen Verein oder einer gelehrten, oder einer
musikalischen Gesellschaft angeschlossen, um sich aus dem Staube des
gemeinen Lebens zu erheben. Alles dies ersetzte ihnen nun die stille
gläubige Genossenschaft; da fanden sie nicht nur die Heiligkeit und das
ewige Leben, sondern auch Kurzweil und Unterhaltung zur Genüge in
fortwährendem Reden, Lehren, Disputieren, Beten und Singen.
Allein sie waren keineswegs geschätzt und beliebt, sondern von allen
Seiten verfolgt und verlacht, von der Kirche, von den Freien, von den
Orthodoxen, von den vornehmeren Frommen, vom Volke, von den Behörden.
Besonders auf dem Lande wurden ihre Zusammenkünfte gestört und
auseinandersprengt, und die Unduldsamkeit, welche sich bei ihnen selbst
frühzeitig einnistete, wurde auch reichlich gegen sie geübt.
Am Orte, in welchem die arme Witwe wohnte, waren die Sektierer besonders
heftig verfolgt worden, und sie durften nicht mehr im Gemeindebann sich
versammeln. Sie hielten ihren Gottesdienst daher in einer Wildnis, in
dem abgelegenen Gemäuer einer zerstörten Zwingburg, welche man die
Teufelsküche nannte. Sie kehrten sich nicht an den neuen Spott, der
hiedurch gereizt wurde, und predigten und sangen gar andächtig zwischen
dem Gebüsch und Unkraut.
Ursula hörte in ihrer verfallenen Hütte eines Sonntag Abends die
frommen Lieder durch die stille Luft herübertönen, just von daher, wo
die goldenen Wolken über dem Walde standen. Es zog sie gar tröstlich,
dem Glanz und dem Tone nachzugehen; sie nahm also ihr zweijähriges
Töchterchen, das Agathchen, auf den Arm und ging, bis sie die verborgene
Versammlung fand, setzte sich bescheiden auf ein Trümmerstück im
Hintergrunde der Teufelsküche, das Kind auf dem Schoße in den Armen
haltend, und lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das gesprochen wurde.
Verschiedene Prediger standen auf, welche neben der Verwaltung der
Heilslehre jeder ein schlichtes Handwerk trieben und das Wort selbst
auch ganz schlicht handhabten; denn noch kannten sie nicht einmal den
theologischen Unterschied zwischen Peter und Paul, und niemand wußte
hier so recht, wer eigentlich die Römer gewesen seien, deren Soldaten
den Heiland gekreuzigt haben.
Im Anfang war die arme Witwe vom Schatten einer Haselstaude bedeckt;
doch wie die Sonne tiefer sank, überstreute sie die Witwe und das Kind
mit spielenden Lichtern, und zuletzt leuchtete das Bild ganz übergüldet
aus dem feurigen Grün heraus. Dadurch fiel es dem Manne in die Augen,
der eben predigte. Er unterbrach sich, als er die still aufhorchende
Frau sah, und hieß sie mit lauter Stimme näher kommen und in dem Kreise
der Gläubigen Platz nehmen, also daß die ganze Gemeinde den Kopf wandte
und die Fremde wahrnahm.
Diese rührte sich aber nicht und blieb schüchtern sitzen, bis von einer
Reihe von fünf oder sechs älteren Waschfrauen, die an hervorragender
Stelle feierlich auf einem Baumstamme saßen, wie ebensoviel Bischöfe,
eine sich erhob und das verlorene Schäflein mit seinem Jungen abholte
und an der Hand herbeiführte.
So war sie nun in die Gemeinde aufgenommen und wuchs mit ihrem Kinde zu
einem angesehenen Mitgliede derselben heran, eigentümlich und
verschieden von allen andern, wie aus dem gleichen Erdreiche je nach
ihrer Art die verschiedensten Pflanzen wachsen.
Die Waschfrauen zunächst einverleibten sie ihrem Verbande und
verschafften ihr genügende Arbeit, so daß sie eine Wäscherin im Herren
wurde, welche in den Häusern vierzig Jahre lang ohne Aufhören schaffte
und sich abmühte Tag und Nacht, bis ihre Kräfte mehr als erschöpft
waren. Während dieser Zeit hatte die Gemeinde sich längst Duldung
errungen und zu einer gewissen Stattlichkeit entwickelt; die Glieder
waren alle, durch gegenseitige Hilfe und geordnetes Leben emporgehalten,
in einem behaglichen Zustande; die Prediger stellten sich schon mehr als
Geistliche mit einiger Gelehrsamkeit dar und trugen bessere Röcke; die
Versammlungen fanden in einem hellen freundlichen Betsaale statt, auch
wurde der Landeskirche sowohl als andern sich ausbreitenden Sekten
gegenüber schon eine kleine Kirchenpolitik getrieben.
Ursula aber und Agathchen, ihre Tochter, blieben sich immer gleich,
verharrten in der Einfalt der ersten Zeit und wurden ohne ihr Wissen
Musterbilder menschlicher Frömmigkeit. Die Tochter war schwach und
kränklich von Körper; sie haspelte lange Jahre Seide in den
Arbeitsräumen des Glorschen Hauses und lebte so mit ihrer Mutter
zusammen, welche wusch. So lange sie so fortarbeiten konnten, erwarben
sie zur Genüge, wessen sie bedurften, konnten ihren Religionsgenossen
helfen und beisteuern, wo es not tat, und ließen sich nicht suchen; und
darüber hinaus hatten sie immer noch kleine Mittel, sich freundlich und
dankbar zu erweisen gegenüber der Welt, für jeden kleinen Dienst, für
jede Freundlichkeit, die ihnen erwiesen wurden. Sie verstanden ohne
Absicht die Kunst, in der Armut reich zu sein, allein durch die
unaufhörliche Arbeit und die eigene Genügsamkeit und Zufriedenheit. Der
einzige Krieg, welchen sie unter sich führten, bestand in dem
gegenseitigen Wetteifer mit eben solchen Freundlichkeiten und Wohltaten,
wie sie den Fremden erwiesen, weil jedes, sobald es empfangen sollte,
sich dagegen wehrte und behauptete, das sei unnötig und übertrieben.