»Nicht die Jesuiten und Abergläubigen,« rief er von der Kanzel mit

lauter Stimme, »sind jetzt die gefährlichsten Feinde der Kirche, sondern

jene Gleichgültigen und Kalten, welche in dünkelhafter Überhebung, in

trauriger Halbwisserei unserer Kirche und religiösen Gemeinschaft

glauben entraten zu können und unsere Lehren verachten, indem sie in

schnödem Weltsinne nur der Welt und ihren materiellen Interessen und

Genüssen nachjagen. Warum sehen wir diesen und jenen nicht unter uns,

wenn wir in unserem Tempel vereinigt und über das Zeitliche zu erheben

und das Göttliche, Unvergängliche zu finden trachten? Weil er glaubt,

nachdem wir in hundertjährigem Kampfe die Kirche befreit vom starren

Dogmenpanzer, er habe jetzt nichts mehr zu glauben, nichts mehr zu

fürchten, nichts mehr zu hoffen, was er sich nicht selbst besser sagen

könne, als jeder Priester! Weil er nicht weiß, daß alles vergangene und

gegenwärtige Glauben und Wissen von göttlichen Dingen nur eine

zusammenhängende, große und tiefe Wissenschaft bildet, die fortlebt und

verwaltet werden muß von denen, die es gelernt haben und verstehen. Weil

er endlich nicht weiß, daß er in der bitteren Stunde seines Todes nach

unserem Beistande schmachten und des geheimnisvollen Trostes des

Tabernakels bedürftig sein wird!

Aber jetzt ist er noch in Selbstsucht und Dünkel befangen. Weil er frei

und ungehindert ist durch _unser_ Verdienst, so verschmäht er es voll

Undank, an unserem Zusammenhalte gegen die Gewalt der Finsternis und der

Lüge teilzunehmen, den Kampf des Lebens gemeinschaftlich mit uns zu

kämpfen, unsere Freude zu der seinigen zu machen und, indem er sich

einen Christen nennt, den Altar mit uns zu zieren! Da geht er denn nun

so hin, der dieser und jener, der Gleichgültling, der Indifferent ist,

der Stölzling. Freilich weiß er nicht, wie dürftig und betrübt er uns

vorkommt in seiner Sicherheit, die wir ihm freilich nicht mehr nehmen

können oder wollen, obgleich er sie nur von uns hat! Freilich weiß er

nicht, wie dürr der Pfad ist, auf dem er so dahinwandelt, an welchem

keine Sonntagsglocken läuten, auf dem keine Ostern und keine

Auferstehung blüht, nicht die Auferstehung des Fleisches meine ich,

sondern die Auferstehung des Geistes, die ewigen Ostern des Herzens! Es

geht ihm auch darnach! Kein Segen begleitet ihn, sein Gemüt verbittert

sich und grollt mit uns, die wir uns unserer Errungenschaften und des

Werkes unseres Herrn Jesu Christi erfreuen und das Osterlamm genießen

jetzt und alle Tage. Wenn dann Strom und Bäche vom Eise befreit sind und

selig und jubelvoll 'bis zum Sinken überladen entfernt sich unser

letzter Kahn', dann wird er traurig am Ufer stehen und uns trotzig

nachschauen, ein Selbstausgeschlossener und Selbstverurteilter! denn _wir_

verurteilen niemanden und verdammen keinen. Nein, wir lassen jedem seine

Freiheit, eingedenk des allerdings furchtbar doppelsinnigen Wortes: 'Vor

dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert

nicht!'

Du aber laß ihn nicht entrinnen aus den diamantenen Ketten deiner ewigen

Sittengesetze, die du gegründet hast, o allliebender Schöpfer und Herr,

Urheber der Grundfesten des Landes und der gürtenden Flut des Meeres, o

du Spanner des ewigen Himmelszeltes! Führe ihn zurück in dein

schützendes Heiligtum, das wir dir errichtet nach deinem Gebote, das du

uns verkündet durch den Mund Mose:

'Und wer unter euch verständig ist, der komme und

mache, was der Herr geboten hat:

Nämlich die Wohnung mit ihrer Hütte und Decke,

Rengen, Brettern, Nägeln, Säulen und Füßen;

die Lade mit ihren Stangen, den Gnadenstuhl und

Vorhang;

den Tisch mit seinen Stangen und allem seinem Geräte,

und die Schaubrote;

den Leuchter zu leuchten und sein Geräte und seine

Lampen, und das Öl zum Licht;

den Räuchaltar mit seinen Stangen, die Salbe und

Spezerei zum Räuchwerke, das Tuch vor der Wohnung Tür;

das Handfaß mit seinem Fuße;

die Kleider des Amtes zum Dienst im Heiligen, die

heiligen Kleider Aarons, des Priesters, mit den

Kleidern seiner Söhne, zum Priestertum.'

Bringe ihn herein in deine Wohnung, daß er mit uns bete:

Geist der Liebe, Weltenseele, Vaterohr, das keine

Stimme überhöret der dich lobenden Gemeine!

Eine Reihe Dankgebetes, Lobgesangs ein Faden,

Zieht sich hin vom Duft des Morgens zu des Abends Scheine

Eine Reihe Lobgesanges, Dankgebets ein Faden,

Zieht sich hin vom Duft des Abends zu des Morgens Scheine,

Gieb, daß diese Seele auch durch der Gebetesflammen

Schürung dir die innere Lebendigkeit bescheine!

Gib, daß er das Land der Unvergänglichkeit suche mit der Sehnsucht der

Goetheschen Priesterjungfrau, die da sagte:

Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,

Das Land der Griechen mit der Seele suchend!

daß er einst mit der sterbenden Blume des Dichters singe:

Ew'ges Flammenherz der Welt,

Laß verglimmen mich an dir!

Himmel, spann' dein blaues Zelt,

Mein vergrüntes sinket hier.

Heil, o Frühling, deinem Schein!

Morgenluft, Heil deinem Weh'n!

Ohne Kummer schlaf ich ein,

Ohne Hoffnung aufzusteh'n.

und ihm die Antwort werde:

O bescheidenes Gemüt,

Tröste dich, beschieden ist

Samen allem, was da blüht.

Laß den Sturm des Todes doch

Deinen Lebensstaub verstreu'n,

Aus dem Staube wirst du noch

Hundertmal dich selbst erneu'n.

Amen!«

Hatte er dermaßen wohlklingend und nicht selten mit wirklich feuchten

Augen, von seinem Galimathias selbst aufgeregt, geendet, so geschah es

häufig, daß auf dem Kirchwege die Zuhörer herbeieilten und ihm dankend

die Hände drückten, und an den wohlbesetzten Mittagstafeln wurde er aus

schönem Munde gefühlsbedürftig gepriesen, von klugen Männern gelobt, daß

man jetzt auch wieder einmal kirchlich und christlich sein könne, ohne

sich dem Verdachte der Beschränktheit und des Zurückbleibens

auszusetzen.

* * * * *

Zu den also bescholtenen Gleichgültigen und Indifferenten gehörte auch

Jukundus. Er war der neuen Kirche nicht feindlich gesinnt und wünschte

ihr nichts in den Weg zu legen, wohl wissend, daß alle Dinge in der Welt

ihren Verlauf haben müssen. Allein mit seiner naiven Wahrheitsliebe war

es ihm unmöglich, den Schein einer solchen wenigstens für gedankengeübte

Männer unwahren Kirchlichkeit mit zu tragen, und machte von dem Rechte

seiner persönlichen Freiheit ohne Geräusch und Prahlen Gebrauch. Er tat

dies umso hartnäckiger, als dieses Gebiet fast das einzige war, auf

welchem er seine volle Unabhängigkeit von der Sorge wie von der Liebe

noch bewahrte.

Der Pfarrer aber, welcher die Frau Justine zu seinen Hauptstützen

zählte, da sie mit ihrem Ansehen fast für einen Kirchenältesten gelten

konnte, mochte nicht gerne leiden, daß deren Mann die Sache durch sein

Fernstehen nicht zu billigen und so über derselben stehen zu wollen

schien. Er empfand alles solches Fernstehen als einen stillen Vorwurf

gegen sich selbst und eine schweigende Kritik seines Tuns, und er hatte

daher einen Groll gegen Jukundus gefaßt und predigte gegen ihn. Denn

auch diese Untugend hatten einige der neuen Priester von den alten

herübergenommen, daß sie auf der Kanzel, wo sie allein das Wort führten

und niemand erwidern durfte, aussprachen, was sie irgend persönlich

bedrückte, und nach Gutdünken anklagten und anzeigten. Jener wußte aber

hievon nichts, weil er nicht viel achtgab auf der Leute Reden und dem

Sinne undeutlicher Anspielungen nicht nachfragte.

Als Jukundus am späteren Abend also auf den Pfarrhof kam, um seine Frau

versprochenermaßen abzuholen, hatte der Pfarrer seinen Vortrag über die

gegenseitige Verjüngung der Kirche und der schönen Künste vor einigen

Freunden eben beendigt. Jukundus mußte noch ein wenig Platz nehmen.

»Wenn Sie mir gegönnt hätten, meine kleine Arbeit mit Ihrem Mitanhören

zu beehren,« sagte der Pfarrherr, »so würden Sie vielleicht einen

Ausgleichspunkt gefunden haben in dem Gedanken, daß jetzt die Zeit da

ist, wo die Kunst ihr Dasein der Religion danken und der guten reichen

und doch jetzt so armen Mutter vergelten kann! Sie würden vielleicht

selbst einige Befriedigung in der Aussicht finden, wenigstens in einem

bedeutenden Tonwerk etwa einst in Gemeinschaft mit uns Ihr Herz

aussingen zu können, möchten Sie auch dabei denken, was Sie wollten, und

uns überlassen, das gleiche zu tun!«

Justine schaute bei diesen Worten ihren Mann hoffnungsvoll an. Es war

ihre schönste Erinnerung, in dem ersten Jahre ihrer Ehe mit ihm in einer

größeren Stadt an einem musikalischen Feste mitgewirkt zu haben. Bei der

Aufführung eines mächtigen biblischen Oratoriums hatten sie sich, jedes

bei seiner Stimme, so nahe gestanden, daß sie in den Pausen einander die

Hand geben konnten. Am Abend hatte Jukundus seine Frau zärtlich in die

Arme geschlossen und ihr gestanden, daß er trotz allem Erlebten noch nie

so glücklich gewesen sei wie heute, da er in dem wohltönigen Sturme der

Musik und des Gesanges mitgesungen und dabei neben sich noch ihre liebe

Stimme mitgehört habe.

Allein jetzt erwiderte er dem Geistlichen, schon in trüber Stimmung

gekommen und durch dessen Gewaltsamkeit nicht aufgeheitert, etwas

trocken: »Ich bin nicht Ihrer Ansicht, daß die Religion die Kunst

hervorgebracht habe. Ich glaube vielmehr, daß die Kunst für sich allein

da ist von jeher und daß sie es ist, welche die Religion auf ihrem Wege

mitgenommen und eine Strecke weit geführt hat!«

Der Pfarrer wurde ganz rot; er ertrug im Kreise seiner engsten Gemeinde

solchen Widerspruch nicht leicht und sagte: »Nun, wir wollen die Sache

nicht weiter verfolgen; Sie sind wohl in mehr als einer Beziehung ein

Laie, sonst würde Ihnen bekannt sein, daß wir Theologen heutzutage

manche Kreise des Wissens in unsere theologische Wissenschaft

hereingezogen haben, die ihr sonst nicht verpflichtet waren und deren

Übersicht Ihnen in Ihrer Lebensstellung fehlt!«

Jukundus versetzte etwas hart: »Dieses Bedürfnis mögt Ihr Theologen

fühlen; ich glaube aber nicht, daß Eure Theologie dadurch den Charakter

einer lebendigen Wissenschaft wiedergewinnt, so wenig als die ehemalige

Kabbalistik, die Alchimie oder die Astrologie noch eine solche genannt

werden könnte!«

Hierdurch in seinem Innersten getroffen und beleidigt, rief der

Geistliche: »Ihr Haß gegen uns macht Sie blind und töricht! Aber es ist

genug, wir stehen über Ihnen und Ihresgleichen, und Ihr werdet in Eurem

verblendeten Dünkel die Köpfe an unserem festen Bau einrennen!«

»Immer gleich das Gefährlichste!« sagte Jukundus, der inzwischen ganz

ruhig geworden war; »wir rennen gegen keine Wand! Auch handelt es sich

nicht um Haß und nicht um Zorn! Es handelt sich einfach darum, daß wir

nicht immer von neuem anfangen dürfen, Lehrämter über das zu errichten,

was keiner den anderen lehren kann, wenn er ehrlich und wahr sein will,

und diese Ämter denen zu übertragen, welche die Hände danach

ausstrecken. Ich als einzelner halte es vorläufig so und wünsche Euch

indessen alles Wohlergehen; nur bitte ich, mich vollkommen in Ruhe zu

lassen; denn hierin verstehe ich keinen Scherz!«

Er hatte diese letzten Worte mit fester Stimme gesprochen, und diese

Stimme zerriß seiner Frau, die seinen Arm zum Weggehen ergriffen hatte,

das Herz. Sie hatte in der neuen Kirchenkultur, die ihr so freisinnig,

so gebildet, so billig schien, zuletzt fast den einzigen Halt gegen den

geheimen Kummer gefunden, der sie drückte; nun war ihr Mann in offener

Auflehnung dagegen ausgebrochen. Denn sie hielt ihn dem Pfarrer

gegenüber für unwissend und unzulänglich, für einen Unglücklichen! Das

Unheil eines Glaubenszwiespaltes in Verbindung mit einem beginnenden

häuslichen Unglück war plötzlich da, mitten in der so erleuchteten und

wohlredenden Kirchenwelt.

Kaum auf die Straße gekommen, ließ Justine den Arm ihres Mannes fahren

und ging wie taumelnd neben ihm her, leise weinend. Da es herbstlich

stürmte und regnete, so glaubte Jukundus, sie wolle bequemer allein

gehen und achtete nicht auf ihren Zustand. Bis sie zu Hause angekommen,

hatte sie sich äußerlich gefaßt; inwendig aber zitterte sie vor

Aufregung und Entrüstung.

Jukundus, den Vorfall schnell vergessend und von anderen Sorgen erfüllt,

wollte mit ihr jetzt die gemeinsame Lage besprechen und ihr darstellen,

wie er glaube, daß sein rechter Platz nicht in diesem Hause sei, daß er

doch versuchen müsse, auf eigenen Füßen zu stehen, wozu wohl noch schöne

Zeit sei; daß sie ihm in die Hauptstadt folgen sollte, wo er gute

Verbindungen und Freunde habe. Wenn sie einige Mittel von den Eltern

mitnehmen könnte für den Anfang, nur so viel, als sie etwa für den

Kirchenkultus und die anderen Lieblingssachen schon ausgegeben habe, so

wäre ihm für die Zukunft nicht bange.

Er berührte diesen letzteren Punkt nur kleinlaut, weil er für sich

nichts zu bedürfen glaubte und nur die Scheu Justines vor aller

Mittellosigkeit ins Auge faßte.

Kaum war er aber hier angelangt, so schwieg sie nicht länger; die rauhe

Ursprünglichkeit der emporgekommenen Volksfamilie, welche die Männer

zuweilen überfiel, brach mit aller Herbigkeit auch bei ihr unversehens

zu Tage. Leidenschaftlich und rücksichtslos und ebenso unbesonnen rief

sie, er möge gehen, wohin er wolle, sie werde ihm nicht folgen, wenn er

in ihrem Hause nicht zu gedeihen vermöge, wo es ihm an nichts und an

keinem Entgegenkommen gemangelt habe. Weder den Ihrigen noch ihr selbst

fiele es ein, noch das geringste Opfer an ein solch verlorenes Leben zu

wagen und das Geld einem solchen ... nachzuwerfen.

Sie brauchte dabei einen Ausdruck, den sie kaum je im Munde geführt, und

welchen, ohne daß es gerade ein eigentliches Schimpfwort war, doch kein

rechter Mann von seiten seiner Frau erträgt.

Kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, so erblaßte Justine, und sie

schaute ihren Mann mit großen Augen an, der schon vorher erbleicht war

und jetzt schweigend hinausging.

Justine eilte, ihre Mutter zu suchen; die war aber noch im Hause eines

der Brüder, und jene ging daher dorthin, um Rat und Zuflucht zu finden.

Jukundus aber weckte seine eigene Mutter, welche ermüdet schon zu Bette

gegangen war, hieß sie sich ankleiden, packte dann das Notwendigste

zusammen, holte in der Nacht selbst einen Mietwagen herbei und fuhr

unbemerkt in der stürmischen Regennacht mit seiner Mutter davon,

versehen mit dem wenigen Gelde, das er noch von dem Verkaufe jenes alten

Eichbaums übrig behalten und aufbewahrt hatte.

Von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten

jenes anmutige und glückliche Lachen verschwunden, so vollständig, als

ob es niemals darin gewohnt hätte.

In dem dunkeln Wagen, neben der alternden Mutter, die in Ergebung und

Schlaftrunkenheit wieder eingeschlummert war, sah Jukundus das schöne

Gesicht Justines vor sich, wie es ihn zum ersten Male angelacht hatte.

Dieses Lächeln, sagte er sich bitter, sind die Künste eines Muskels, der

gerade so und nicht anders gebildet ist; durchschneidet ihn mit einem

kleinen leichten Schnitt und alles ist vorbei für immer!

In der Morgendämmerung stand Justine, die nicht zu Bette gegangen war,

vor einem Spiegel und sah ihre starren, bleichen Lippen; sie versuchte

schmerzlich zu lächeln über den schönen, schlimmen Traum des

entschwundenen Glückes. Allein ihr Mund und beide Wangen waren starr und

unbeweglich wie Marmor, der Mund blieb von nun an verschlossen, und vom

Morgen bis zum Abend und einen Tag wie den andern.

Drittes Kapitel

Jukundus hatte sich nach der Landeshauptstadt begeben, wo es seine erste

Sorge war, die vor Schreck und Kummer erkrankte Mutter zu pflegen und zu

begraben; denn sie erholte sich nicht mehr, weil sie keine Hoffnung mehr

barg, daß es dem Sohne noch wohlgehen und das, was sie nicht gesponnen

und gewebt, vorhalten könne.

Auf dem Rückwege von ihrem Grabe begegnete er einem militärischen

Vorgesetzten, der ihn wohl kannte, aber lang nicht gesehen hatte. Der

fragte ihn nach seinen jetzigen Umständen, und als er dieselben, soweit

sie mitteilbar waren, kennen gelernt, sagte er zu Jukundus, er wäre

gerade der Mann, den er suche, um in seinem ausgebreiteten Handels- und

Unternehmungswesen eine bestimmte Lücke auszufüllen. Er suche einen

zuverlässigen ruhigen Mann, von dem er wisse, daß er seine

Obliegenheiten kurzweg und pünktlich erfülle, nicht nach rechts oder

links schaue, ohne die Wachsamkeit zu verlieren, und hauptsächlich keine

eigenen Spekulationen betreibe.

Jukundus verband sich mit dem Manne und übernahm sofort die ihm

zugedachte Stelle, und es ging vom erstem Augenblicke an gut. Die ihm

angewiesene Tätigkeit war der Art, daß er weder selbst zu täuschen und

zu lügen, noch die Lügen anderer zu glauben brauchte. Er hatte nicht

nötig zu überfordern oder zu unterbieten, zu feilschen oder zu

überlisten und Überlistungen abzuwehren. Was darüber hinaus an

Menschenkenntnis und deren Anwendung erfordert wurde, ward ihm geläufig,

wie ehedem, da ihm mit der verschwundenen Befangenheit es wie Schuppen

von den Augen fiel.

So flossen seine Tage ernst und still dahin, und nicht die kleinste

Freude erhellte seine Augen. Mit Justine lebte er ohne jede Verbindung;

er erwartete vergeblich ein Zeichen von ihr, daß sie die geschehene

Beleidigung bereue und zurückzunehmen wünsche, während sie hieran von

den Ihrigen verhindert wurde, welche fanden, es sei besser, die Dinge

einstweilen liegen zu lassen, wie sie lägen, und das weitere Glück des

Jukundus abzuwarten, ob dasselbe auch Bestand habe. Sie hatten nicht

unrecht, es ein Glück zu nennen; denn das Finden seiner selbst in

dunkeln Tagen ist meistens mehr Glückssache, als die Menschen gewöhnlich

eingestehen wollen, und hier hatte es vielleicht einzig von der

zufälligen Begegnung mit dem erfahrenen und einsichtigen fremden Manne

abgehangen.

Jukundus' kalte und bittere Ruhe dauerte aber nicht lange. Während er in

seiner Geschäftsstellung sich täglich brauchbarer erwies und bald über

die anfänglich angewiesene Stufe hinausgehoben wurde, fast ohne jemandes

Zutun, so daß der früher so schwer erreichbar erschienene reichere

Erwerb und die gegründete Aussicht auf Besitz sich wie von selbst

einstellten, trat im öffentlichen Leben eine Bewegung ein, in welche er

mehr seiner verbitterten Gemütsstimmung als eigentlicher Neigung gemäß

leidenschaftlich hineingezogen wurde.

In der Republik waren seit der letzten jener politischen Umgestaltungen,

durch welche das Volk sich verlorene Rechte erneuert oder vorhandene

erweitert, vierzig Jahre verflossen, und es war im jüngeren Geschlechte

der Wille einer neueren Zeit reif geworden, ohne daß die noch

herrschenden Träger der früheren Gestaltung denselben kannten oder

anerkennen wollten. Sie hielten die Welt und den Staat, wie sie gerade

jetzt bestanden, für fertig und gut und wiesen ihre Mitwirkung zu jeder

erheblichen Änderung mit einem beharrlichen Nein von sich, indem sie

sich auf eine ununterbrochene Tätigkeit in der mählichen Ausbildung des

Bestehenden, einst so Gepriesenen zurückzogen. Durch diesen Widerstand

erwarben sie sich das Aussehen von Stehenbleibenden, ja Feinden des

Fortschrittes, und erweckten eine je länger je heftiger gereizte

Stimmung gegen sich. Da sie aber die Geschäfte sachlich und redlich

besorgten und alle Mühe auf allerlei Dinge verwendeten, welche an sich

keineswegs wie Rückschritt aussahen, so war der Anfang zu einer großen

Aktion schwer zu finden. Denn wenn das Volk hiebei nicht den Anstoß zu

gewaltsamen Ereignissen gewinnt, woraus an einem Tage von selbst das

Gewünschte sich gestaltet, so bedarf es einer ungeheuren moralischen

Aufregung, um auf dem Wege der gesetzlichen Ordnung zu seinem Ziele zu

gelangen und eine selbstgegebene Verfassung, selbstgewählte Vertreter zu

beseitigen und an deren Stelle das Neue zu setzen.

Diese Aufregung, welche bei der gewaltsamen Umwälzung durch einige

Tropfen rauchenden Blutes hervorgebracht wird, erreicht das Volk auf dem

anderen Wege, um schlüssig zu werden, nur dadurch, daß es das erste

Unrecht begeht mittels einer falschen Anschuldigung und sodann getreu

dem Satze, daß der Unrechttuende den leidenden Teil mit wachsendem Hasse

verfolgt, nicht mehr ruht, bis der Stein des Anstoßes hinweggeräumt und

der neue Rechtsboden, den es will, errungen ist.

Aber auch zu einer vollen runden Hauptanschuldigung, welche für solch

eine allgemein um sich greifende Gemütsbewegung ausgereicht hätte, fand

sich keine rechte Handhabe vor. Jedes einzelne der unerfüllten Begehren

war nicht eine Frage der Unehrlichkeit oder des Volksbetruges, sondern

nur eine Frage der Zweckmäßigkeit, welche bestritten war.

Da aber ein Volk oder eine Republik, wenn sie durchaus Händel suchen

mit ihren Führern und Verwaltern, nicht auf die Dauer wegen des Anfanges

verlegen sind und immer neue Mittel erfinden, so stellte man sich

zuletzt einfach vor die Personen hin und sagte: Euere Gesichter gefallen

uns nicht mehr.

Dies geschah mittels einer dämonisch seltsamen Bewegung, welche mehr

Schrecken und Verfolgungsqualen in sich barg, als manche blutige

Revolution, obgleich nicht ein Haar gekrümmt wurde und kein einziger

Backenstreich fiel.

Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutender Personen an

irgend einem Punkte, dann ein Verhöhnen einiger anderer, die schon mehr

Bedeutung hatten, wegen halb lächerlicher, halb unzukömmlicher, immerhin

entstellter Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige Laune

verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anführer und Virtuosen

im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der lustige

Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser ihrer Opfer

bezeichnete und das persönliche Leben auf das Straßenpflaster

hinausschleifte.

Nachdem diese Opfer in einen Teig von Lächerlichkeit, bestehend aus

erfundenen körperlichen Gebrechen und Gewohnheiten, meist nur etwa

linkischen Gebärden, eingeknetet waren und so herumgestoßen wurden,

legte man ihnen plötzlich längst begangene geheime Verbrechen, einen

abscheulichen Lebenswandel, eine Niedrigkeit der Denk- und

Handlungsweise zur Last, welche durch das Ansehen, das sie bisher

genossen, nur umso greller und unerträglicher hervorgehoben wurden. Zwar

wurden die Anschuldigungen bestimmter Übeltaten, welche sofort einem

Kriminalverfahren nach allen Seiten hin rufen mußten, beim ersten

Aufschrei der Betroffenen lächelnd fallen gelassen. Allein der Abscheu

blieb an den Personen haften und aller übrige gestaltlose Unfug wurde

festgehalten durch die Ratlosigkeit der Verfolgten, und bei dem

allgemeinen Schrecken und Widerwillen entstand eine förmliche

Straflosigkeit, zumal jede Prozeßverhandlung zu einem Feste für die

Verfolger zu werden begann und mit den schwersten Drohungen begrüßt

wurde.

So eilten denn aus allen Ritzen und Schlupfwinkeln die Teilnehmer an dem

allgemeinen Reichstage der Verleumdung und der Beschimpfung herbei.

Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit, Lebensarten und

Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung, des Unwillens und des

Spottes zu machen geeignet waren, stellten sich gerade in die vorderste

Reihe und erhuben als rechte Herzoge der Schmähsucht und der Verleumdung

ihre Stimme, und je lauter der grimmige Lärm war, desto stiller und

kleinlauter wurden die Geschmähten. Ein für die Betroffenen furchtbarer

Gemeinplatz wurde von den gedankenlosen Gaffern ausgesprochen. Wenn nur

der hundertste Teil der Anschuldigungen wahr wäre, so würde das mehr als

genug sein! hieß es, und sie bedachten hiebei nicht, daß ja jeder von

ihnen einen solchen hundertsten Teil auf den Schultern trüge, wenn

gerecht gemessen würde.

Neben den Angesehenen und Bekannten im Lande wurde wohl auch etwa in

irgend einem Winkel ein armer Unbekannter vernichtet, daß es anzuhören

war wie das Schreien eines Hühnchens, das ein Marder nächtlicherweise

einsam erwürgt. Oder es fielen ein paar der Herzoge unter den reißenden

Tieren einander selbst an auf irgend einem besonderen Wechselplatz,

kehrten aber mit zerbissenen und blutigen Schnauzen zum allgemeinen

Reichstage zurück, ohne daß es ihnen dort etwas geschadet hätte. Sie

beleckten sich die zerzausten Bälge und nahmen frech wieder das Wort.

Die ganze Erscheinung war so neuer und eigentümlicher Art, daß der

Geschichtsfreund sie mit keiner vorangegangenen zu vergleichen wußte,

wo doch auch mehr als einmal aus einem ungerechten Anlaß oder unwahren

Vorwand die Staatsveränderung und die Erweiterung der Freiheit

hervorgegangen war.

Männer, die in ihrer entstellten Gestalt mitten in der Not und

Verfolgung standen, in der doch kein Tropfen Blut floß und kein Arm

berührt wurde, sahen sich von alten Freunden verlassen, die

unentschlossen ihren Unschuldsbeteurungen zuhörten und für sich selber

darum nicht umso besser fuhren.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 22 / 26 段