bedächtig: »Ich glaube, der Sache nach habe ich wohl etwas wie
Gottesfurcht, indem ich Schicksal und Leben gegenüber keine Frechheit zu
äußern fähig bin. Ich glaube nicht verlangen zu können, daß es überall
und selbstverständlich gut gehe, sondern fürchte, daß es hie und da
schlimm ablaufen könne, und hoffe, daß es sich dann doch zum Bessern
wenden werde. Zugleich ist mir bei allem, was ich auch ungesehen und von
andern unbewußt tue und denke, das ganze der Welt gegenwärtig, das
Gefühl, als ob zuletzt alle um alles wüßten und kein Mensch über eine
wirkliche Verborgenheit seiner Gedanken und Handlungen verfügen oder
seine Torheiten und Fehler nach Belieben tot schweigen könnte. Das ist
einem Teil von uns angeboren, dem anderen nicht, ganz abgesehen von
allen Lehren der Religion. Ja, die stärksten Glaubenseiferer und
Fanatiker haben gewöhnlich gar keine Gottesfurcht, sonst würden sie
nicht so leben und handeln, wie sie wirklich tun.
Wie nun dieses Wissen aller um alles möglich und beschaffen ist, weiß
ich nicht; aber ich glaube, es handelt sich um eine ungeheure Republik
des Universums, welche nach einem einzigen und ewigen Gesetze lebt und
in welcher schließlich alles gemeinsam gewußt wird. Unsere heutigen
kurzen Einblicke lassen eine solche Möglichkeit mehr ahnen als je; denn
noch nie ist die innere Wahrheit des Wortes so fühlbar gewesen, das in
diesem Buch hier steht: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!«
»Amen!« sagte die Alte, die aufmerksam zugehört hatte; »das ist doch
etwas und besser als gar nichts, was du da predigst. Lies nur fleißig in
meiner Bibel, da wirst du für deine Republik schon noch einen
Bürgermeister bekommen!«
»Wohl möglich,« erwiderte Jukundus lachend, »daß zuweilen ein solcher
gewählt wird und somit der Herrgott eine Art Wahlkönig ist!«
Die Alte lachte auch über diese Idee, indem sie rief: »So ein ordentlich
angesehener Herr Weltammann! Wie sie da drüben Landammänner haben!« Sie
deutete hiebei durch das offene Fenster nach dem Gebirge hinüber, wo in
den alten Landrepubliken die obersten Amtleute so genannt wurden.
Sie lachte immer mehr darüber; denn da sie in ihrem hohen Alter allezeit
an Gott und die Ewigkeit zu denken liebte, so war ihr auch das
unschuldige Spiel mit dem Namen Gottes willkommen, um ihn zur Hand zu
haben.
Wie beide nun in ihrem nicht gerade schulgerechten Religionsgespräche
sich vergnügten und lachten, schaute Justine durch die Nelkenstöcke
herein, die vor dem Fenster standen, und ihr Gesicht glühte trotz den
Nelken, da sie den Berg erstiegen hatte, um ihren Mann herunter zu
holen. Ihr schönes Gesicht überglühte aber fast noch die roten Nelken,
als die Großmutter lustig rief: »Komm schnell herein, Kind! Eine
Neuigkeit! Dein Mann hier hat ein bißchen ganz ordentliche Gottesfurcht,
er hat es soeben mir selber gestanden!«
Es ergriff sie augenblicklich eine seltsame Eifersucht, daß die
Großmutter mehr von den Gedanken Jukundis wissen sollte, als sie, seine
Frau, und sie sagte: »Wahrscheinlich tut er mir darum kein einziges Mal
die Ehre an, mit mir zur Kirche zu gehen!«
»Sei still!« sagte Jukundus, »zanke nicht! Wir zanken ja auch nicht ums
klare Wasser, das jedes trinkt, wann und wo es will!«
Dieses Wort nahm Justine wieder auf, als sie am Arme ihres Mannes die
abendliche Höhe entlang wandelte, um auf einem entfernteren Wege
hinunter zu gehen.
»Wir zanken nicht ums Wasser! Aber wir müssen sorgen, daß wir auch nie
ums liebe Brot streiten müssen, weder unter uns, noch mit andern!« sagte
sie und erzählte ihm, wie die Familie und sie selbst wünschen, daß er
nun sich in fester Weise in dem großen Gewerbs- und Handelsgeschäfte des
Hauses betätigen und Stellung nehmen möchte. Die ländliche Beschäftigung
bei den Alten auf dem Berge passe auf die Dauer nicht recht für ihn und
führe zu nichts, während unten alle bereit seien, ihn in die Geschäfte
einzuführen und Arbeit wie Gewinn redlich mit ihm zu teilen.
Jukundus fühlte die Meinung wohl, die es hiebei hatte; man wollte
niemand in der Familie dulden, der nicht reich zu werden fähig und
willig war, und da er im Grunde keine bessere Meinung verlangen konnte,
so ergab er sich ohne weiteres Zögern darein, obgleich mit geheimem
Mißtrauen gegen sich selbst. Er sagte also der Justine, er werde gleich
am nächsten Morgen, da es Montag sei, anfangen und einen vollen
Wochenlohn zu verdienen suchen.
So wurde er denn früh am andern Tage in die Schreibstuben und
Arbeitsräume des Hauses eingeführt, um der Reihe nach die verschiedenen
Zweige des Geschäftes kennen zu lernen und derselben Herr zu werden. Das
Haus Glor betrieb seit mehr als dreißig Jahren die Seidenweberei,
welches Geschäft mit der Zeit zu bedeutendem Umfange gediehen war. In
hundert ländlichen Wohnungen an den sonnigen Berglehnen, hinter klaren
Fenstern, standen die Webstühle der Mädchen und jüngeren Frauen der
Bevölkerung, welche die glänzenden Stoffstücke mit leichter fleißiger
Hand webten und so selber allwärts den Grund zu einem kleineren
Wohlstande legten. Auf allen Wegen eilten die rüstigen Gestalten mit den
Weberbäumen auf der Schulter heran, um das fertige Stück abzugeben und
die Seide für ein neues Stück zu holen. In großen Sälen waren aber auch
Maschinen aufgestellt, an welchen schwerere und reichere Stoffe
verfertigt und männliche Arbeiter beschäftigt wurden.
Der Ankauf der rohen Seide, die Vorbereitung derselben durch die
verschiedenen Stadien, die Beaufsichtigung und Beurteilung der Arbeit,
der Verkauf der gehäuften Vorräte, der Ausblick in den allgemeinen
Verkehr und die Berechnung des richtigen Augenblickes für jede
Geschäftshandlung, endlich die vorteilhaftere Verwendung der eingehenden
Wertsummen, alles dies bedingte eine unaufhörliche, rasch laufende
Tätigkeit und eine Reihe ineinandergreifender Erfahrungen.
Der Verkehr mit den zuströmenden Mäklern, welche die aus verschiedenen
Weltteilen herkommenden Würmergespinste anboten, derjenige mit den
Männern, welche die Ausfuhr der fertigen Gewebe nach anderen Weltteilen
vermittelten und hiebei wieder eigenen Reichtum zu gewinnen trachteten,
erheischte fortwährende Gewandtheit und rasche Überlegung. Die täglich
sich mehrende Konkurrenz forderte ein peinliches Zuratehalten der
aufzuwendenden Mittel und zugleich die genaueste Prüfung der gelieferten
Arbeit in Bezug auf ihre Güte und Reinheit, während die gleichen
arbeitenden Hände, die man so streng überwachen mußte, von anderer Seite
eifrig gesucht und abwendig gemacht wurden, wenn die Unternehmungslust
im Schwange war; ging sie aber zurück, so mußten dieselben auf die
besseren Tage hin mit Opfern in Tätigkeit erhalten bleiben.
Wiederum mußte der Wechsel des Geschmacks und der Bedürfnisse unter den
verschiedensten Himmelsstrichen aufmerksam verfolgt werden. Hier mußte
das gefällige und dauerhafte Seidenkleid der Bürgersfrau alt geordneter
Gesellschaftsländer geliefert werden; dort handelte es sich um das
billige Prunkkleid, das die Weiber der kalifornischen oder australischen
Abenteurer einige Jubeltage hindurch schmückte, um nachher weggeworfen
zu werden. Je nach der Bestimmung mußte die Kunst der großen Färbereien
in Anspruch genommen und der Krieg mit denselben geführt werden um die
schönsten und dauerhaftesten Farben für das Kennerauge der echten
Hausfrau oder um den trügerischen Schein für die farbigen Schönheiten im
entlegensten Westen.
In dies verwickelte Getriebe war nun Jukundus hineingestellt, um darin
schwimmen zu lernen, und er bestand die Probe nicht gut. Im Anfang, bei
den einzelnen einfacheren Hantierungen, ging es ordentlich, weil er
aufmerksam und sorgfältig arbeitete. Allein man klagte bald über
Langsamkeit, da die Beweglichkeit und der leichte Sinn der ersten
Jugend vorüber war, und es hieß, er käme nicht recht von der Stelle. Um
ihn nun mit Gewalt schwimmen zu lehren, wurde er köpflings in den
Strudel gestürzt, und er trieb sich auch mit gezwungener Lustigkeit oder
vielmehr mit einer gewissen Angst hastig in demselben herum, daß ihm
Hören und Sehen verging. Arbeiter betrogen ihn um die anvertraute Seide,
indem sie das Gewebe zu leicht und locker machten und ihn über die
Ursache belogen. Andere wußten ihm Geschäftsgeheimnisse abzuschwatzen,
um auf eigene Faust eine schädliche Konkurrenz zu eröffnen. Den Mäklern
und Zwischenhändlern glaubte er gegen alle gefaßten Vorsätze immer
wieder aufs Wort und genehmigte alle ihre Angebote schon, wenn die
anderen erst begannen, ihnen halbwegs zuzuhören und Antwort zu geben. In
diese Ungeschicklichkeit arbeitete er sich recht eigentlich noch hinein,
mehr als es in seinem Wesen bedingt war; eine Art unnatürlicher Dummheit
legte sich auf seine Seele und umschleierte seine Gedanken, sobald es
sich um Geschäfte handelte, und ehe ein halbes Jahr vorüber war, hatte
er wie ein verborgener Marder einen merklichen Schaden in Gestalt eines
Mindergewinns angerichtet, welchem nachgespürt wurde.
Als Justine bemerkte, daß die fremden Leute und Angestellten des Hauses
ihren Mann bereits nicht mehr für ein Kirchenlicht hielten und ihn
mitleidig belächelten, weinte sie heimlich vor Aufregung und Bekümmernis
und verfiel in eine beklemmende Angst, daß sie werde anfangen müssen,
ihn für einen unglücklichen beschränkten Menschen zu halten. Die
Aussprüche des Vaters und der Brüder, wenn die Angelegenheit geheim
beraten wurde, waren auch nicht angetan, ihren Mut und ihr Selbstgefühl
zu erhöhen, und selbst die Trostworte der alten Stauffacherin, daß man
in einem solchen Hause wohl vermöge, einen blinden Passagier mitreisen
zu lassen, wenn er sonst gesittet sei, vermochten nicht, sie
aufzurichten.
Ging sie aber zu Jukundis Mutter, um zu fragen und zu klagen, so weinte
diese mit ihr und beschwor sie, nur auszuharren, Jukundus sei gewiß kein
dummer Kerl, er werde sich schon noch bewähren und so weiter.
Jukundus hatte keine Ahnung, wie es um ihn her tönte, und doch war ihm
keineswegs wohl bei der Sache. Da jeder überzeugt war, daß es nicht
lange so gehen und ohnehin eine Aufklärung eintreten werde, so wollte
niemand zuerst mit ihm reden und niemand ihm zuerst weh tun; allein es
verbreitete sich doch ein leichter Nebel um ihn her, welcher die Augen
der Umstehenden zu verhüllen und den Ton ihrer Stimmen zu dämpfen
schien.
Als er aber eines Tages wieder einen Vorrat roher Seide gekauft hatte zu
einem Preise, der noch vor zwölf Stunden gegolten, jetzt aber schon
etwas gefallen war, und er gebeten wurde, diesen Teil der Geschäfte
lieber lassen zu wollen, und als diese Bitte sich in einigen Tagen auch
auf einem anderen Gebiete wiederholte, hörte er, etwas betreten, ganz
auf. Erst als niemand ihn um die Ursache seiner genommenen Muße fragte
und alles seinen Weg fortging, als ob nichts geschehen wäre, erkannte
Jukundus endlich seine Lage und seine völlige Vereinsamung.
Am gleichen Tage wurde ihm auch seine Erkenntnis bestätigt.
Justine war auf den Abend ins Pfarrhaus eingeladen, wo der Pfarrherr
eine Abhandlung über die zeitgemäße Wiederbelebung und Erneuerung der
Kirche durch die Künste vorlesen wollte, ein Thema, welches sie sehr
ansprach und auch nach Maßgabe der kleinen Verhältnisse schon
beschäftigte. Jukundus seinerseits verhielt sich kühl in dieser Sache
und liebte, so wenig als möglich in der Sprechweite des Geistlichen zu
weilen. Doch hatte er, da es ein dunkler Herbsttag war, versprochen, die
Gattin abzuholen.
* * * * *
Der Pfarrer stand auf der äußersten Linie der Streiter für die zu
reformierende Kirche, die religiöse Gemeinde der Zukunft. Die
Jugendjahre hindurch hatte er im allgemeinen freisinnig und schön
gepredigt, so daß die Herden, die er gehütet, sehr erbaut, wenn auch
nicht durchaus klar waren, auf welchem Boden sie eigentlich standen.
Unter dem Schutze der weltlichen Macht und nach dem Beispiel
altbewährter Führer hatte das jüngere Geschlecht die freiere
Weltbetrachtung auf der Kanzel, sowie die freiere Bewegung im Leben
errungen. Die strenggläubige Richtung war unvermerkt zur bloßen
Verteidigung ihres Daseins hinübergedrängt worden, ohne daß von alledem
an der äußeren Form des Gottesdienstes viel zu merken war. Die alten
Lieder, die alten Gebetformen, die alten Bibeltexte herrschten, und nur
bei gegebenem Anlasse wurde das Übermenschliche menschlich behandelt; im
übrigen blieb Christus der Erlöser und Herr und an der Einheit und
Persönlichkeit der Weltordnung, sowie an der Unsterblichkeit der Seele
durfte nicht gerüttelt werden. Die Theologie galt noch für eine
geschlossene Wissenschaft, auch wo ihre Träger längst im stillen allen
möglichen zweifelhaften Anschauungen nachhingen und den lieben Gott
einen guten Mann sein ließen, auch mit geheimen Seufzern das mögliche
Ende ihres Selbstbewußtseins bedachten.
Dabei wurde mit Geringschätzung auf die früheren Aufklärer und
Rationalisten herabgesehen, welche mit ihrer trockenen Tapferkeit doch
die jetzige Zeit vorbereitet hatten, und die philiströsen Wundererklärer
wurden selbstzufrieden belächelt, während man selbst immer das eine oder
andere Wunder ausnahm und dasselbe halb natürlich, halb übernatürlich
geschehen ließ.
Allein diese glückliche Zeit, wo alles so behaglich und rühmlich verlief
für jeden, der gewandt in der Rede war und dem es nicht an Keckheit
mangelte, verwandelte sich, wie alles in der Welt.
Gerade durch die wachsende Ausbreitung und Macht der freien Richtung
wurde die Lust zur festeren Vereinigung und Gestaltung und der Wunsch
nach der Herrschaft genährt, was zugleich ein deutlicheres Aussprechen
dessen mit sich brachte, was man eigentlich bekannte und meinte.
Nun war aber gerade wieder die Zeit, wo die Physiker eine Reihe
merkwürdiger Erfahrungen und Entdeckungen machten und die Neigung, das
Sehen mit dem Begreifen zu verwechseln, überhand nahm und naturgemäß vom
Stückweisen auf das Ganze geschlossen wurde, öfter aber nur da nicht, wo
es am nötigsten war.
Auch verbreiteten neue Philosophen, welche ihre Stichwörter wie alte
Hüte von einem Nagel zum andern hingen, böse, verwegene Redensarten, und
es geschah ein großer Zwang in nachgesagten Meinungen und Sprüchen.
Wer nun unter den Priestern ruhiger und bescheiden war, dachte, es komme
auf ein gewisses Maß des Mehr oder Weniger in der Unklarheit nicht
gerade an, und verhielt sich klüglicherweise friedlich auf dem
gewonnenen Standort, streitbar nur gegen die alten Feinde und
Unterdrücker. Andere dagegen wollten um keinen Preis den Anschein haben,
als ob sie hinter irgend einer Sache zurückblieben, nicht alles wüßten
und nicht an der Spitze der Dinge ständen. Diese rüsteten sich mit
schweren Waffen und setzten sich auf die äußersten Zweige des Baumes
hinaus, von wo sie einst mit großem Klirren herabfallen werden.
Der Pfarrer von Schwanau hatte sich zu dieser Schar gesellt, weil auch
ihm es nicht möglich war, im Widerspruche mit dem Geiste und der Bildung
der Zeit zu leben, wie er sie verstand.
Er lehrte daher, es sei der Wissenschaft zuzugeben, daß ein persönlicher
Lenker der Welt und hierüber eine Theologie nicht mehr bestehen könne.
Aber da wo die Wissenschaft aufhöre, fange das Glauben und Ahnen des
Unerklärten und Unbestimmten an, welches allein das Gemüt ausfüllen
könne, und diese Ausfüllung sei eben die Religion, die nach wie vor
verwaltet werden müsse, und die Verwaltung dieses Gebietes sei jetzt
Theologie, Priester- und Kirchentum. Das göttliche Wort sei demnach
unsterblich und heilig und seine Verwaltung heilig und weihevoll. Nach
wie vor stehe der Tabernakel aufgerichtet, um welchen alle sich scharen
sollen, die nicht an trostloser Leere des Herzens zu Grunde gehen
wollen. Ja, das geheimnisvolle Ausfüllsel des Tabernakels bedürfe mehr
als je der weihenden und räuchernden Priester, als Lenker der hilflosen
Herde. Keiner dürfe hinter dem Tabernakel herumgehen, sondern jeder
müsse sich vertrauensvoll an dessen Verwalter wenden; dafür dürfen die
Priester nichts menschlichem mehr fern bleiben, das sie immer noch am
besten verständen, und sie seien erbötig, überall nach wie vor zu helfen
und beizustehen, daß die Wurst am rechten Zipfel angeschnitten würde.
Nur verlangen sie dafür Heilighaltung des Tabernakels des Unbekannten
und allgemeine Aufmerksamkeit bei Verkündung und Beschreibung
desselben.
Hiebei beklagte der Pfarrer in ergreifender Weise die Unwahrhaftigkeit
auf der Kanzel, welche die Dinge nicht beim rechten Namen nenne und dem
Volke keinen reinen Wein einzuschenken wage, als ob es denselben nicht
vertragen könnte, und er beschrieb die Unwahrhaftigkeit und Kunst des
Verwischens so trefflich, daß die zuhörende Gemeinde von neuem
hingerissen ausrief: Wie schön, wie wahr und tief hat er das wieder
gesagt!
Dann aber forderte er die Versammlungen wiederum auf, alle Schlacken
auszuwerfen und sich zu weihen für den Gedanken der Unsterblichkeit
durch die Heiligung alles Tuns. Zwar sei der Wissenschaft zuzugeben, daß
die persönliche Fortdauer der Seele ein Traum der Vergangenheit sein
dürfte. Wolle und müsse inzwischen einer doch darauf hoffen, so sei ihm
das unbenommen; im übrigen aber sei die Unsterblichkeit jetzt schon und
in jedem Augenblicke da. Sie bestehe in den unaufhörlichen Wirkungen,
die aus jedem Atemzug in den andern folgen und in denen die Gewähr
ewiger Fortdauer liege. Seinen Schilderungen konnte dann die unvermählt
gebliebene Greisin entnehmen, daß wir in unsern Kindern und Enkeln
fortleben; der Arme im Geiste getröstete sich der unsterblichen
Fortwirkung seiner Gedanken und Werke; der durch haushälterischen und
sparsamen Sinn oft Geplagte freute sich, daß nicht ein Atom seines
Leiblichen wirklich verloren gehe, sondern in dem Haushalte der Natur in
ewig wechselnder Gestaltung zu Ehren gezogen bleiben und
verschwenderisch zur Hervorbringung von tausend neuen Keimen beitragen
werde. Der Mühselige und Beladene endlich durfte auf ein durchgreifendes
Ausruhen von aller Beschwerde hoffen.
Das Gebäude seiner Rede tapezierte er schließlich mit tausend Verslein
und Bildern aus den Dichtern aller Zeiten und Völker auf das schönste
aus, wie nie zuvor gesehen worden; es war wie in dem Stübchen eines
Zolleinnehmers, der die Armut seiner vier Wände mit Bildausschnitten und
Fragmenten, mit Briefköpfen und Wechselvignetten aus allen Ecken der
Welt überklebt und vor dem Fenster ein Kapuzinerchen stehen hat, das die
Kapuze auf und ab tut.
Es galt aber nicht nur, den Tempel des gesprochenen Wortes also
auszuschmücken, sondern auch der wirkliche gemauerte Tempel mußte der
neuen Zeit entsprechend wieder hergestellt werden. Die Kirche zu
Schwanau war noch ein paar Jahrhunderte vor der Reformation erbaut
worden und jetzt in dem schmucklosen Zustande, wie der Bildersturm und
die strenggeistige Gesinnung sie gelassen. Seit Jahrhunderten war das
altertümliche graue Bauwerk außen mit Efeu und wilden Reben übersponnen,
innen aber hell geweißt, und durch die hellen Fenster, die immer klar
gehalten wurden, flutete das Licht des Himmels ungehindert über die
Gemeinde hin. Kein Bildwerk war mehr zu sehen, als etwa die
eingemauerten Grabsteine früherer Geschlechter, und das Wort des
Predigers allein waltete ohne alle sinnliche Beihilfe in dem hellen,
einfachen und doch ehrwürdigen Raume. Die Gemeinde hatte sich seit drei
Jahrhunderten für stark genug gehalten, allen äußeren Sinnenschmuck zu
verschmähen, um das innere geistige Bildwerk der Erlösungsgeschichte
umso eifriger anbeten zu können. Jetzt, da auch dieses gefallen vor dem
rauhen Wehen der Zeit, mußte der äußere Schmuck wieder herbei, um den
Tabernakel des Unbestimmten zieren zu helfen.
Hiefür war vorzüglich Justine gewonnen worden, welche, um den lauen Sinn
ihres Mannes so viel als möglich gut zu machen, dem wunderlichen
Reformwerke doppelt zugetan war und sowohl mit eigenen reichen Gaben,
als mit dem eifrigen Sammeln fremder Spenden voranging und kräftig
eingriff.
Das sonnige, vom Sommergrün und den hereinnickenden Blumen eingefaßte
Weiß der Wände hatte zuerst einem bunten Anstrich gotischer Verzierung
von dazu unkundiger Hand weichen müssen. Die Gewölbefelder der Decke
wurden blau bemalt und mit goldenen Sternen besät. Dann wurde für
gemalte Fenster gesammelt, und bald waren die lichten Bogen mit
schwächlichen Evangelisten- und Apostelgestalten ausgefüllt, welche mit
ihren großen schwachgefärbten modernen Flächen keine tiefe Glut, sondern
nur einen kränklichen Dunstschein hervorzubringen vermochten.
Dann mußte wieder ein gedeckter Altartisch und ein Altarbild her, damit
der unmerkliche Kreislauf des Bilderdienstes wieder beginnen könne mit
dem »ästhetischen Reizmittel«, um unfehlbar dereinst bei dem
wundertätigen blut- oder tränenschwitzenden Figurenwerk, ja bei dem
Götzenbild schlechtweg zu endigen, um künftige Reformen nicht ohne
Gegenstand zu lassen.
Endlich wurden die Abendmahlkelche von weißem Ahornholze, die weißen
reinlichen Brotteller und die zinnernen Weinkannen verbannt und silberne
Kelche, Platten und Schenkkrüge vergabt bei jedem Familienereignis in
reichen Häusern, auf Justines Betreibung hin, deren reichstolzes Gemüt
sich an dem Glanze erfreute, nicht fühlend, daß sie der neuen Kirche zur
Grundlage eines artigen alten Kirchenschatzes verhalf, der sich ja jeden
Tag still aber beharrlich vermehren und auch den Äckern und Weinbergen
und dem Zehnten von jeder Hand Arbeit wieder locken konnte, zumal ein
leerer Tabernakel noch mehr Platz hat, als ein besetzter.
Schon waren alle Künste, selbst die Bildhauerei mit einigen übermalten
Gipsfiguren, vertreten, ausgenommen die Musik, welche daher eiligst
herbeigeholt wurde. Weil zu einem Orgelwerk die Mittel noch nicht
beisammen waren, stiftete einer einen trompetentönigen Quiekkasten; ein
gemischter Chor studierte kurzerhand alte katholische Meßstücke ein, die
man der erhöhten Feierlichkeit wegen und weil niemand den Text verstehen
konnte, lateinisch sang. Dieser Chor spaltete sich in verschiedene
Abteilungen; Kindergruppen wurden zugezogen und eingeübt, und unter dem
Namen einer den Gottesdienst neubelebenden Liturgie wurde, nur
versuchsweise, ein wackeres kleines Dramolet in Szene gesetzt, aus
welchem sich mit der Zeit wieder die pomphafte Darstellung eines
Weltmysteriums gestalten konnte.
Alles Geschaffene wäre aber salzlos gewesen ohne die Übung heilsamer
Zucht. Um das erneuerte Tempelhaus zu füllen, duldete der Pfarrer
keinen, der nicht hineingehen wollte. Er kehrte also den Spieß vor allem
gegen diejenigen, welche sich draußen hielten und sich vermaßen, das,
was er verkündige, selbst schon zu wissen.