Am längsten hatten es jetzt die Meyenthal besessen und im Verlaufe der

Zeit hier eine Tapete, dort einen Anstrich aufgewendet; vor der Hochzeit

hatte Jukundus noch die Außenseiten des Hauses auffrischen und den

Garten in gute Ordnung bringen lassen, und als nun Justine mit einer

gewaltigen Aussteuer an fahrender Habe aller Art eingezogen und diese in

den stattlichen Räumen auf das schönste verteilt und untergebracht war,

schien das geschmiedete, oder in diesem Falle das genähte Glück endlich

für eine gute Dauer in dem Hause zu wohnen. Auch residierte die

Urheberin desselben, die Meyenthal, zufrieden und stolz in ihrer

Abteilung, besonders da sie sah, daß die schöne Justine einen festen und

klaren Sinn für den Besitz und dessen Erhaltung zeigte und Jukundus

seine gutgeartete Lenksamkeit auch der jungen Gattin gegenüber nicht zu

verlieren Miene machte.

Mit der Verheiratung hatte er verabredetermaßen die militärische

Laufbahn als Berufssache wieder aufgegeben wegen der fortwährenden

Abwesenheit, die sie mit sich brachte. Um sich aber dafür einen ehrbaren

Erwerb und eine geordnete Tätigkeit zu sichern, hatte er ein

Handelsgeschäft errichtet, welches sich auf den Holzreichtum der

Stadtgemeinde und der umgebenden Landschaft gründete. Zu den großen

Allmenden, die von der alemannischen Bodenteilung herrührten, waren

später noch die Waldungen von Burg und Stift gekommen, an deren Mauern

die Stadt sich angebaut hatte.

Diese hatte bisher die Quellen ihrer Behaglichkeit geschont und auch aus

bürgerlichem Stolz erhalten, wie sie ihre reichen Trinkgeschirre und den

alten Wein im Stadtkeller sorgfältig erhielt. Allein durch irgend eine

Spalte war die Verlockung und die Gewinnsucht endlich hereingeschlüpft

und es wandelte ungesehen schon der Tod durch die weiten Waldeshallen,

schlich längs den Waldsäumen hin und klopfte mit seinen Knochenfingern

an die glatten Stämme. Als daher eben um diese Zeit Jukundus auftrat, um

das Bau- und Brennholz anzukaufen und auszuführen, kam sein Geschäft

alsobald in Schwung; denn die Seldwyler zogen die Vermittlung des ihnen

wohlbekannten ehrlichen Mitbürgers dem Andringen der fremden Händler,

durch die das Unheil eingeschlichen, vor.

Jetzt begannen die hundertjährigen Hochwaldbestände zu fallen und auch

sofort dem Strich der Hagelwetter den Durchlaß auf die Weinberge und

Fluren zu öffnen. Allein sie waren auch einmal jung und niedrig gewesen

oder schon mehrmals vielleicht, und sie konnten wieder alt und hoch

werden. Doch als die Axt auch an die jüngeren Wälder geriet, für das

zuströmende Geld immer schönere Zwecke erfunden und die Berghänge dafür

immer kahler wurden, fing es den Jukundus innerlich an zu frieren, da er

von Jugend auf ein großer Freund und Liebhaber des Waldes gewesen.

Während er an dem Handel einen ordentlichen Gewinn machte, begann er

sich desselben mehr und mehr zu schämen; er erschien sich als ein Feind

und Verwüster aller grünen Zier und Freude, wurde unlustig und oft

traurig und vertraute sich seiner Frau an, da sie sein frohes Lächeln,

das zu dem ihrigen wie ein Zwillingsgeschwister war, fast seltener

werden sah und ihn ängstlich befragte. Sie dachte aber, die Dinge würden

mit oder ohne den Mann ihren Lauf gehen und wahrscheinlich nur noch

schlimmer, und sie war nur darauf bedacht, ihn bald aus eigenen Kräften

wohlhabend und unabhängig zu wissen, um auch von dieser Seite her stolz

auf ihn sein zu können. Sie bestärkte daher den Mann nicht in seiner

Unlust, sondern ermunterte ihn vielmehr zum Ausharren und er fuhr dann

so fort.

Da wurde an einer schief und spitz sich hinziehenden Berglehne, welche

der Wolfhartsgeeren hieß, ein schönes Stück Mittelwald geschlagen. Aus

demselben hatte von jeher eine gewaltige Laubkuppel geragt, welche eine

wohl tausendjährige Eiche war, die Wolfhartsgeereneiche genannt. In

älteren Urkunden aber besaß sie als Merk- und Wahrzeichen noch andere

Namen, die darauf hinwiesen, daß einst ihr junger Wipfel noch in

germanischen Morgenlüften gebadet hatte. Wie nun der Wald um sie her

niedergelegt war, weil man den mächtigen Baum für den besondern Verkauf

aufsparte, stellte die Eiche ein Monument dar, wie kein Fürst der Erde

und kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur

versetzen können. Wohl zehn Fuß im Durchmesser betrug der untere Stamm

und die wagrecht liegenden Verästungen, welche in weiter Ferne wie

zartes Reisig auf den Äther gezeichnet schienen, waren in der Nähe

selbst gleich mächtigen Bäumen. Meilenweit erblickte man das schöne

Baumdenkmal und viele kamen herbei, es in der Nähe zu sehen.

Als man nun gewärtigte, welcher Käufer den höchsten Preis dafür bieten

würde, erbarmte sich Jukundus des Baumes und suchte ihn zu retten. Er

stellte vor, wie gut es dem Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen

der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf

allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen;

wie die verhältnismäßig kleine Summe des Erlöses nicht in Betracht

kommen könne gegenüber dem unersetzlichen inneren Wert einer solchen

Zierde. Allein er fand kein Gehör; gerade die Gesundheit des alten

Riesen sollte ihn sein Leben kosten, weil es hieß, jetzt sei die rechte

Zeit, den höchsten Ertrag zu erzielen; wenn der Stamm einmal erkrankt

sei, sinke der Wert sofort um vieles. Jukundus wandte sich an die

Regierung, indem er die Erhaltung einzelner schöner Bäume, wo solche

sich finden mögen, als einen allgemeinen Grundsatz belieben wollte. Es

wurde erwidert, der Staat besitze wohl für Millionen Waldungen und könne

diese nach Gutdünken vermehren, allein er besitze nicht einen Taler und

nicht die kleinste Befugnis, einen schlagfähigen Baum auf Gemeindeboden

anzukaufen und stehen zu lassen.

Er sah wohl, daß man überall nicht zugänglich war für seinen Gedanken

und daß er sich nur als Geschäftsmann bloßstellte und heimlich belächelt

wurde. Da kaufte er selbst die Eiche und das Stück Boden, auf welchem

sie stund, säuberte den Boden und stellte eine Bank unter den Baum,

unter dem es eine schöne Fernsicht gab, und jedermann lobte ihn nun für

seine Tat und ließ sich den Anblick gefallen. Aber von diesem

Augenblicke an suchte auch jedermann, ihn zu benutzen und zu

übervorteilen, wie einen großen Herrn, der keiner Schonung bedürfe.

Aus Widerwillen gegen die Baumschlächterei änderte Jukundus nach und

nach, aber so rasch als möglich, sein Geschäft, indem er den Holzhandel

verließ und dafür sich auf den Verkehr mit jenen Schätzen warf, welche

aus dem Schoße der Erde kommen und das Holz ersetzen. Er errichtete

Magazine von Stein- und Braunkohlen, führte Ton- und Eisenrohre ein, um

die hölzernen Wasserleitungen zu verdrängen, Backsteine zu leichteren

Baulichkeiten, die man sonst von Holz zu erstellen pflegte, Zement für

allerlei Behälter, und verleitete einen reichen Bauer, sich ein

gewaltiges festes und kühles Mostfaß aus Zement errichten zu lassen. Als

dies gelang, sah er im Geiste schon statt der hölzernen Fässer in jedem

Keller solche Vorratsgefäße, gleich den großen in der Erde ruhenden

Weinkrügen der Alten, und das gute Eichenholz gespart. Auch kaufte er

Massen von ausgedienten Eisenbahnschienen, welche in hundert Fällen

einen Holzbalken vertreten.

Natürlich ging die Holzausfuhr ohne ihn und über ihn hinweg nach den

alles aufzehrenden Städten; allein er war nun mit seinem Gewissen im

reinen, ohne welchen stillen Gesellschafter er sich als Handelsherr

nicht glücklich fühlte. Auch wären die neuen Geschäfte an sich nicht

ohne Gewinn geblieben, wenn nicht bei jener Geschäftsänderung eine

gewisse Störung stattgefunden und, seit er den Baum als Pensionär an

seine Kost genommen, sich das Gebaren der Geschäftsfreunde verändert

hätte, so daß diese nun das wahre Gesicht zeigten.

Jukundus sagte immer die Wahrheit und glaubte dafür auch alles, was man

ihm sagte. Er eröffnete stets im Anfang seine ganze Meinung und was er

tun und halten konnte und nahm als richtig an, was ihm der andere von

seinen Kaufs- und Verkaufsbedingungen und von der Beschaffenheit der

Ware mitteilte, erst in der Meinung, daß jener schon sich bemühen werde,

der Sache näher auf den Grund zu kommen, später, als das nicht geschah,

gleich mit dem kecken Vorsatz der Täuschung. Und alle Erfahrung half

hier nichts und jede Ermahnung der Frauen, nicht so leichtgläubig zu

sein, war fruchtlos. Denn gleich das nächste Mal glaubte er wieder, weil

er nicht anders konnte, oder es war ihm zu widerwärtig und verächtlich,

lange zu zanken und zu feilschen. Dazu kam, daß er nichts weniger als

ein geschickter Finanzmann war, der Geld und Kredit zu wenden wußte, und

so fügte es sich, daß eines Tages seine Mittel erschöpft waren und das

Ende herangekommen. Es geschah dies plötzlich, weil er nicht lange von

einem Nagel an den andern gehängt und keinen Scheinverkehr getrieben

hatte.

Er überlegte, ob er sich zuerst der Mutter oder der Gattin oder beiden

gleichzeitig anvertrauen und mitteilen solle, daß der Wohlstand dahin

sei und von unten auf wieder angefangen werden müsse, was und wo, wisse

er noch nicht. Er entschied sich für die Frau. Als er nun mit ihr allein

in seiner Handelsstube stand und schweren Herzens von seiner Lage zu

erzählen begann, trat sie ganz nahe zu ihm hin, strich ihm mit der Hand

über die sorgenvolle Stirne und unterbrach ihn mit der Frage, ob seine

Bücher richtig und vollständig geführt seien? Als er die Frage bejahte,

lachte sie ihn so schön an, daß ihm das Herz aufging, und sagte, in

diesem Falle kenne sie den Sachbestand schon, da sie neugierig gewesen

sei und neulich in seiner Abwesenheit seine oder vielmehr ihre

gemeinschaftlichen Angelegenheiten studiert habe.

In der Tat hatte sie, da sie inne geworden, daß er Kummer verbarg, eines

stillen Sonntags, als er verreisen mußte und, wie gewohnt, die Schlüssel

auf ihr Arbeitstischchen legte, diese genommen und sich auf seiner

Schreibstube eingeschlossen; dort hatte sie seine Bücher und Papiere

untersucht, was sie gar wohl verstand. Es war alles klar und

durchsichtig und jede Zahl an ihrem Platze. Sie sah, daß es nicht lange

mehr gehen könne, jedoch die Gefahr eines schimpflichen Vorganges nicht

vorhanden sei, wenn zur rechten Zeit der Strich unter die Rechnung

gemacht werde. Bei seiner Offenheit gewiß, daß seine Beichte nicht lange

auf sich warten lassen werde, hatte sie seither bereits gehandelt und

ihre Eltern ins Vertrauen gezogen. Schon bei der Einwilligung zu der

Heirat war in dem stolzen Sinne der reichen Leute der Fall vorausgesehen

und im Geheimen festgesetzt worden, daß die jungen Leute nach Schwanau

kommen sollten, wenn es, wie wahrscheinlich wäre, in Seldwyla nicht

ginge. So war denn Justine über ihre Entdeckung nicht eben sehr

erschrocken, sondern empfand fast eher eine geheime Freude, daß sie den

lieben, schönen, guten Mann in ihr Vaterhaus ziehen und dort mit aller

Vorsorge einspinnen und in Seide wickeln könne, wie ein zerbrechliches

Glasmännchen.

Wie sie ihm diese Pläne nun aber mitteilte und eröffnete, daß man nur

eine rasche, stille Abwicklung der Geschäftslage in Seldwyla vorzunehmen

und nach Schwanau überzusiedeln brauche, wo Jukundus sich schon werde

nützlich machen können, erblaßte er und sagte: »Da würde meine Freiheit

und mein Selbstbewußtsein dahin sein! Lieber will ich Holz hacken!«

»Nun, da kann ich auch dabei sein!« erwiderte Justine, »da helfe ich dir

sägen, und wenn wir alsdann so im Regenwetter auf der Straße sind und

beide an der Säge hin und her ziehen, zanken wir miteinander, daß die

Leute stillstehen, wie wir es auf unserer Hochzeitsreise in jener großen

Stadt gesehen haben!«

Sie setzte sich und fuhr fort: »Erinnerst du dich noch, welch einen

seltsamen Eindruck es auf uns machte? Das regnete, regnete unaufhörlich,

das Holz war naß und die Säge war naß und der Mann und die Frau waren

durchnäßt und sie rissen die Säge unablässig hin und her und zankten

bitterlich mit harten Worten! Weißt du, warum? Sie stritten um die Not,

um das Elend, um die Sorge, und schämten sich nicht im geringsten vor

den Leuten, die zuhörten --«

»Schweig,« rief Jukundus, »wie kannst du mein Wort so ausmalen und

ausbeuten, da du wohl weißt, wie es zu nehmen ist!«

»Es kann alles darin liegen, was ich gesagt habe!« antwortete Justine.

»Komm,« sagte sie und legte den Arm um seine Schultern, »alles liebt

dich und alles hilft dir, du bist ein ganzer Mann, wenn du nur erst

einen vernünftigen Boden unter den Füßen hast! Aber hier gedeihen wir

nicht!«

Jukundus brach die Unterredung ab, um sich zu sammeln; denn er war

verwirrt und gestört, weil er die Sache nicht so trost- und mutlos

angesehen hatte wie seine Frau, und er fühlte sich gekränkt. Er ging zu

seiner Mutter; die fing aber sogleich an zu weinen, als sie von der Lage

Kenntnis erhielt. Alles schien ihr verloren, wenn der Sohn sich nicht an

die Frau und deren Haus hielte, und sie beschwor ihn, sein und der

Seinigen Glück nicht zu Grunde zu richten.

Die gute Mutter hatte sich gegen die Armut nun so lange zu wehren und

derselben durch ihre kluge Verheiratung des Sohnes, wie sie glaubte, für

immer zu entgehen gewußt, und sie fürchtete die Armut wie ein

geschliffenes Schwert.

Justine dagegen haßte und verachtete die Armut wie etwas an sich Böses

und Verächtliches, wenn es sich nicht etwa um fremde arme Leute

handelte, denen man gemächlich Gutes tun kann. Sie übte sogar eine

eifrige und geordnete Mildtätigkeit, ging in die Hütten der Armen und

suchte sie auf. Aber wo die Armut in ihre engeren Lebenskreise der

Blutsverwandtschaft oder Freundschaft eindringen wollte, empfand sie

einen harten Abscheu, wie gegen die Pest, und floh ordentlich davor. Es

half daher nichts, daß Jukundus wieder zu ihr ging und ihr vorstellte,

sie könne ja das ungewisse Schicksal immer ein wenig mit ihm versuchen

und ertragen, da ihr ja schließlich die elterliche Zuflucht und ihr

reiches Erbe gesichert sei. Nicht einen Tag wollte sie ihn und sich der

Not und der Erniedrigung ausgesetzt sehen, und als ihr Vater kam und ihm

freundlich zuredete, als zu einer Sache, die ja selbstverständlich sei

und sich für alle aufs beste ordnen lasse, mußte er sich ergeben.

Die Arbeitsleute Jukundis wurden ausbezahlt und verabschiedet, der

Grundbesitz verkauft, weil die Mutter, welche noch teil daran hatte,

nicht allein in Seldwyla bleiben wollte, und alle Verbindlichkeiten

gelöst. Jukundus behielt hierauf nicht einen Taler mehr in der Hand für

den Augenblick, was ihm eine höchst seltsame Empfindung verursachte.

Justine indessen betrieb guten Mutes und voll Munterkeit das Einpacken

der fahrenden Habe und die Übersiedlungsanstalten; bald war sie in

Schwanau, um dort die Wohnung einzurichten, bald wieder in Seldwyla, um

hier die Dinge zu besorgen, war reichlich mit Geldmitteln versehen und

vergaß in ihrem frohen Eifer gänzlich, daran zu denken, ob auch Jukundus

noch etwas bedürfe oder in der Hand habe.

Da wurde es ihm zu Mute, wie wenn er ohne einen Zehrpfennig in ein

fernes Land unter wildfremde Menschen wandern müßte, deren Sprache er

nicht verstehe, und er sah sich besorgt um, wo er noch wenigstens ein

Stück eigenes Handgeld erraffen könne für alle Fälle. Es war noch der

große Eichbaum vergessen worden, den er gerettet und erhalten hatte.

Mit wehmütigem Lächeln verkaufte er den alten Riesen nun doch samt dem

Boden, auf dem er stand, und erhielt einige tausend Franken, welche er

sorgfältig aufbewahrte.

Der Käufer des Baumes stellte sogleich ein Dutzend Männer ein, welche

dessen Wurzeln frei machten und untergruben und volle acht Tage damit zu

schaffen hatten. Als man endlich so weit war, daß der Baum umgezerrt

werden konnte, strömte ganz Seldwyla auf die Berghalde hinaus, um den

Fall mit anzusehen, und Tausende von Menschen waren rings herum

gelagert, mit Speise und Trank wohl versehen.

Starke Taue wurden in der Krone befestigt, lange Reihen von Männern

daran gestellt, welche auf den Befehlsruf zu ziehen begannen; die Eiche

schwankte aber nur ein weniges und es mußte stundenlang wieder gelöst

und gesägt werden in den mächtigen Wurzeln. Das Volk aß und trank

unterdessen und machte sich einen guten Tag, aber nicht ohne gespannte

Erwartung und erregtes Gefühl.

Endlich wurde der Platz wieder weithin geräumt, das Tauwerk wieder

angezogen und nach einem minutenlangen starken Wanken, während einer

wahren Totenstille, stürzte die Eiche auf ihr Antlitz hin mit

gebrochenen Ästen, daß das weiße Holz hervorstarrte. Nach dem ersten

allgemeinen Aufschrei wimmelte es augenblicklich um den ungeheuren Stamm

herum. Hunderte kletterten an ihm hinauf und in das grüne Gehölz der

Krone hinein, die im Staube lag. Andere krochen in der Standgrube herum

und durchsuchten das Erdreich. Sie fanden aber nichts, als ein kleines

Stück gegossenen dicken Glases aus der Römerzeit, das vor Alter wie

Perlmutter glänzte, und eine von Rost zerfressene Pfeilspitze.

Auf einer fernen Berghöhe, über welche eben Jukundus mit den Seinigen

langsam hinwegfuhr, riefen arbeitende Landleute plötzlich, nach dem

Horizont hinweisend: »Seht doch, wie die alte Wolfhartsgeereneiche

schwankt, weht denn dort ein Sturmwind?« Denn sie konnten die Leute

nicht sehen, die daran zogen. Jukundus blickte auch hin und sah, wie sie

plötzlich nicht mehr dort und nur der leere Himmel an der Stelle war.

Da ging es ihm durchs Herz, wie wenn er allein Schuld wäre und das

Gewissen des Landes in sich tragen müßte.

Die Seldwyler aber lebten an jenem Abend eher betrübt als lustig, da der

Baum und der Jukundi nicht mehr da waren.

* * * * *

Im Beginn seines Aufenthaltes zu Schwanau verbrachte Jukundus seine

meiste Zeit bei den Großeltern auf dem Berge, die er einst wegen ihres

scheinbar unfreundlichen, herben und rastlosen Wesens beinah gefürchtet

hatte. Im Verlaufe der Zeit war er aber auf einen guten Fuß mit ihnen

geraten und sogar der Liebling der Alten geworden, wie denn öfter

geschieht, daß solche Landleute in ihrer uralten Sicherheit gern etwas

Müßiges und ihnen Ungleiches um sich leiden mögen, das ihre Heiterkeit

weckt. In dem jungen Manne sahen sie etwas fremdartig Unpraktisches,

aber Liebenswürdiges, das vermutlich keinen guten Stern haben würde und

daher Mitleid und Teilnahme verdiene. So dachten die Ehgaumers, wie sie

im Volke noch hießen von dem verschollenen Ehegaumeramte her, das der

Großvater vor einem halben Jahrhundert einst bekleidet hatte und eine

Art Sitten- und Eherichteramt gewesen war. So alt wie dieser Titel war

auch der Schnitt der weißen Haube und des großen weißen Halstuches,

womit die Ehegaumerin sich schmückte, und alles stammte noch aus jener

Zeit, da schon Goethe bei einem Besuch in dieser Gegend schrieb, der Ort

gebe von der schönsten und höchsten Kultur einen reizenden und idealen

Begriff, die Gebäude stehen weit auseinander, Weinberge, Felder, Gärten,

Obstanlagen breiten sich zwischen ihnen aus und so weiter, und: was man

von Ökonomen wünschen höre, den höchsten Grad von Kultur mit einer

gewissen mäßigen Wohlhabenheit, das sehe man hier vor Augen.

Dieser Zustand war nun auf diesem Hochsitz noch der nämliche bis auf das

Wohnhaus, das Nußbaumgeräte in der Stube und das Geschirr in den

Schränken, während die neue Zeit mit ihrem veränderten Angesicht und

ihren gesteigerten Verhältnissen sich gegen das Ufer hinab lagerte.

Jukundus erfreute sich der reinen Luft auf der Höhe und half den Alten

und ihren Dienstleuten so eifrig bei ihren Arbeiten, daß er bald aller

Dinge kundig und ein Offizier wurde bei den Patriarchen, den sie nicht

wieder entlassen wollten.

Justine freute sich des guten Ansehens, das ihr Mann sich bei den

Großeltern erwarb, und kam öfter vergnügt auf den Berg gestiegen, um ihn

Abends herunterzuholen, oder sie freute sich auch, oben ein Gewitter zu

erleben während der Heuernte, das die jungen Leute zwang, dort die Nacht

zuzubringen. Dann zog sie ihr modisches Oberkleid aus, schlug eines der

weißen Halstücher der Großmutter um, die Zipfel auf dem Rücken

verbunden, und kochte die gebrannte Mehlsuppe, buk den duftenden

Eierkuchen oder briet die leckere Fettwurst, die sie eigenmächtig zum

Nachtmahl aus der Vorratskammer geraubt. Wenn sie dann mit gerötetem

Gesicht gar fröhlich und lieblich dreinschaute und vollends die

glänzende Zinnkanne mit klarem, leichtem Weine regierte, so bezeugten

die Alten, daß sie erst jetzt wie eine rechte alte Landjungfer aussehe,

und es gab etwa noch eine kleine Mummerei, indem die Großmutter ihren

verjährten Granatschmuck, sowie Sonntagshäubchen und seidene Jacken

herbeibrachte, die sie vor sechzig Jahren in blühender Jugend getragen.

Damit kleidete sich die Enkelin zum allgemeinen Wohlgefallen; aber

anstatt in den Spiegel schaute Justine dann mit ihrem glückseligen

Lachen dem Jukundus ins Gesicht, das die wie aus weiter Zeitferne

herüberleuchtende Erscheinung anstaunte.

Auch an Sonntagen ging er meistens in den Berg hinauf, da es ihm dort

wohler zu Mut war, als in dem lauten, aber eintönigen Gesellschaftslärm,

welchen die viel sprechenden Leute bei ihren Zusammenkünften unten

erhoben.

An Feiertagen lag auf dem Berge immer die Bibel geöffnet auf dem Tische,

damit die Ehgaumerin die langen Stunden hindurch bequem ab und zu darin

lesen konnte, wenn es ihr einfiel, wie man einen Krug Wein, eine

Schüssel mit Kirschen oder andern Näschereien an solchen Ruhetagen zur

Erquickung bereitstehen läßt.

Hatte sie ihren Rosmarinzweig und ihre Brille dann auf das Buch gelegt,

wenn sie des Lesens müde war, so pflegte Jukundus gern sich hinter die

Bibel zu setzen und darin zu lesen, weil ihm das Buch sonst selten zur

Hand war, wie es so geht, wo man stets Neueres und Notwendigeres lesen

soll oder dann jenes Alte in der Zwangszeit der Schuljahre sich genugsam

angeeignet zu haben meint. Er betrachtete die schwülen Gewittergründe

des Alten Testamentes, die leidenschaftlichen Gestalten darin, oder

entdeckte die hamletartige Szene im Johannesevangelium, wo Jesus

nachdenklich mit dem Finger etwas auf den Boden schreibt, ehe er sagt,

wer ohne Sünde sei, möge den ersten Stein auf die Sünderin werfen, wo er

dann wieder schreibt und, als er aufsieht, alle Ankläger hinweggegangen

sind und das Weib einsam vor ihm steht im still gewordenen Tempel.

Die Großmutter sah das sehr gern; denn sie war ganz alt- und

rechtgläubig und überzeugt, daß das Lesen in der Bibel jedem ohne

weiteres gedeihlich sei. Justine hatte ihn, um sein unkirchliches Wesen

zu beschönigen, bei den Alten für einen Philosophen ausgegeben; denn sie

selbst hing der unbestimmten Zeitreligion an und war darin umso

eifriger, je gestaltloser ihre Vorstellungen waren.

Einst setzte sich die Alte traulich zu ihm, als er wieder las; die fein

gefälteten Spitzenflügel ihrer Haube streiften seine Wange und sie

streichelte ihm die Hand, indem sie sagte: »Nun, Herr Philosoph, ich

glaube immer, du hast doch ein klein wenig Gottesfurcht!«

Jukundus war von dieser Frage überrascht und dachte darüber nach. Es

dünkte ihn, er könnte wohl antworten; allein sollte er der alten Frau

das anvertrauen, was ihn seine eigene Frau eigentlich noch nie gefragt

hatte, wenn er es recht überlegte? Und wie sollte diese auch nach dem

fragen, was sie nicht kannte? Denn sie besaß warmes religiöses Gefühl,

aber sie war in Hinsicht auf göttliche Dinge viel zu neugierig und

indiskret und hatte auch ein zu großes persönliches Sicherheitsgefühl,

um das haben zu können, was man in reinerem Sinne sonst unter

Gottesfurcht verstanden hat. Daß es mit dem lieben Gott selbst nun

kritisch beschaffen war, hatte sie schon von den gesuchtesten

Kanzelrednern vernommen, deren Vorträgen sie nachreiste. Für Christum

aber, den schönsten und vollkommensten Menschen, wie ihn diese Priester

nannten, hegte sie mehr die Gesinnung schwesterlicher Verehrung oder

schwärmerischer Freundschaft; ihm hätte sie das schönste Sofakissen und

die herrlichsten Pantoffeln sticken können, seinem Haupt und seinen

Füßen zur würdigen Ruhe! Ja, die tiefste Rührung hatte sie einst

ergriffen, als sie auf Reisen jenes berühmte Bild Correggios gesehen,

welches das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika mit

magischer Wirkung darstellt. In den Anblick des träumerisch starren

Ausdruckes des höchsten Leidens versunken, hatte sie tief aufgeseufzt

und alsbald Mitgefühl suchend ihren Mann angelächelt, der ihr zur Seite

stand, und noch jetzt gehörte jener Augenblick zu ihren liebsten

Erinnerungen; aber alles dies glich nicht der Gottesfurcht.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 20 / 26 段