Sie kehrten daher wieder zurück und mischten sich unter die

Festgenossen, die je länger je lustiger wurden, bis im Osten der

Vollmond aufging und nach dem Niedergang der Sonne hinüberschaute, so

daß Rosen und Silber sich in den Lüften und auf den Wassern vermengten

und das Schiff zur Abfahrt bereitet, auch bald bestiegen wurde.

Es gab ein Gedränge hiebei, da jeder den Wirten, die am Ufer standen,

die Hand geben wollte, während die Schiffleute zur Eile mahnten. So kam

es, daß Jukundus Meyenthal von seinem Vorhaben, von der schönen Justine

Abschied zu nehmen, abgedrängt wurde und dem Strome folgen mußte, da sie

nicht am Wege stand. Freilich schüttelten auch ihm Vater und Brüder die

Hand, flüchtig sprechend: »Es hat uns gefreut;« aber der eine nannte ihn

Herr Thalmeyer, der andere Meienberg, der dritte gar Herr Meierheim, und

keiner sagte: »Auf Wiedersehen!«

Als das Schiff in den Abendglanz hinausfuhr, sah er sie auch nicht mehr,

da sie mit den anderen Frauen im dunkelnden Schatten der Bäume stand.

* * * * *

Zu Hause lebte Jukundus bei seiner Mutter, deren einziger Sohn und

Jukundi er war und deren große Hoffnung. Weil der Vater früh gestorben,

so hatte er das von auswärts zugebrachte Vermögen der Frau nur halb

aufbrauchen und sie mit der anderen Hälfte den Sohn aufziehen können;

und es war auch jetzt noch etwas da, obschon er noch keinen

entschiedenen Anlauf gemacht und noch wenig erworben hatte. Aber es war

von ihm auch noch nichts verschwendet worden, weil er der Mutter, von

welcher er seine Schönheit und Gesundheit besaß und die ihn mit

Freundlichkeit liebte, leidlich gehorchte und sich von ihr leiten ließ.

Bei einem bestimmten Berufe war er noch nicht geblieben. Zuerst hatte es

geschienen, daß er für technisches Wesen Neigung zeige, und er war

deshalb eine Zeitlang auf die Bureaus eines Ingenieurs gegangen. Dann

änderte sich aber diese Stimmung zu Gunsten des Kaufmannsstandes, und er

trat in ein Geschäft ein, welches bald darauf aus Mißgeschick sich

auflöste, ohne daß er viel einbüßte; jetzt war er gerade in der

Richtung, sich dem Militärwesen zu widmen, indem er sich zu einem

Unterrichts- und Stabsoffizier ausbildete. Da er hiebei den größten Teil

des Jahres auf den Waffenplätzen zuzubringen hatte und Sold empfing, so

gewährte das für einstweilen ein stattliches Dasein, ohne daß es bei

seiner mäßigen Lebensweise großen Zuschuß eigener Mittel erforderte.

Als er nun nach dem Feste in schmuckem Kriegsgewand und den Säbel an der

Seite zu Pferde saß, beschaute ihn seine Mutter mit Wohlgefallen und

bemerkte dabei, daß sein anmutiges Lächeln eine kleine Beimischung von

Melancholie oder dergleichen gewonnen hatte. Er schien auszusehen wie

einer, der irgend ein Heimweh oder eine Sehnsucht aufgelesen hat. Sie

dachte darüber nach und stellte auch einige vorsichtige Forschungen an,

und als sie von dem Abenteuer mit der Kranzjungfrau hörte und wie er

etwa von den andern damit geneckt wurde, ging ihr ein Licht auf, bei

dessen Scheine sie sofort still an die Arbeit ging, um ein Glück zu

schaffen, wohl angemessen und gut genäht.

Nachdem sie mehr aus den Mienen als aus den wenigen Äußerungen Jukundis

gemerkt hatte, daß sich dem also verhielte, wie sie meinte, daß er aber

als ein bescheidener und die Verhältnisse wohl durchschauender Mensch

kaum große Unternehmungslust verspürte, sagte sie vorderhand nichts

mehr. Als aber der Sommer vorgerückt war, verkündigte sie, zum ersten

Male in ihrem Leben, daß sie in ihren Jahren doch anfangen müsse, etwas

für die Gesundheit zu tun und für einige Wochen einen schönen Kurort zu

besuchen Lust habe, wenn Jukundus die Kosten nachher mit ihr

gemeinschaftlich durch Sparsamkeit wieder einbringen wolle. Er erklärte

sich sofort dazu bereit und sie reiste vergnügt hierüber und in bester

Gesundheit ab, mit ihrem schönsten Staate beladen.

Sie gab ihrem Sohne die Weisung, dannzumal, wenn sie ihn benachrichtigen

würde, sie heimzuholen, und es aber so einzurichten, daß er auch noch

einige Tage an jenem Orte verweilen könne.

Bald darauf tauchte sie in der nicht unberühmten und herrlich in einer

Gebirgsgegend gelegenen Kuranstalt auf und setzte sich wohlgeputzt, aber

mit unbefangener Haltung unten an die Tafel, an welcher oben die reiche

und hochangesehene Frau Gertrud Glor von Schwanau mit ihrer schönen

Tochter Justine saß und die Gelegenheit beherrschte. Sie war ebenso hoch

gewachsen wie die Mutter Jukundi, aber bedeutend fester, mit weisen und

etwas strengen Blicken, und gab gern zu verstehen, daß man sie nicht nur

im Kreise der Ihrigen, sondern auch in der Gemeinde, ja wohl noch in

weiteren Bezirken, eine »Stauffacherin« nenne, wahrscheinlich weil sie

auch Gertrud heiße, wie die rat- und tugendreiche Ehewirtin in Schillers

berühmtem Schauspiele Wilhelm Tell.

Sie ließ sich aber etwan belehren, daß man gar wohl wisse, was der Name

zu bedeuten habe, und daß er das Ideal einer klugen und starken

Schweizerfrau bezeichne, einen Stern und Schmuck des Hauses und Trost

des Vaterlandes.

Frau Meyenthal hörte das am ersten halben Tage, den sie am Orte

zubrachte, hielt sich aber ganz still und zurückgezogen, und erst gegen

Ende des zweiten Tages, als Frau Gertrud nicht mehr dulden konnte, daß

ein weiblicher Ankömmling von ihr ungekannt sei, ließ die Mutter Jukundi

sich von ihr abfangen und in ein höfliches, kurzes Gespräch verwickeln.

Doch fand sie im Verlaufe desselben rasch die Gelegenheit, die Hand der

festen Dame zu ergreifen und in herzlichem Tone mitzuteilen, sie fühle

sich gedrängt, ihre Freude darüber zu äußern, daß sie eine solche

wahrhafte Stauffacherinnengestalt kennen gelernt habe! Man erwarte jeden

Augenblick, sie aus einem wappen- und spruchgezierten Schwyzerhause

hervortreten zu sehen und wie sie die trostreiche Hand auf die Schulter

des sorgenvollen Eheherrn lege!

Während Frau Glor von Schwanau wohlgefällig errötete, erschrak

ihrerseits Frau Meyenthal, als während ihrer Rede ihre Augen die schöne

Tochter Justine überflogen, die dabei stand; sie sah deren holdes

Lächeln, welches dasjenige ihres Sohnes war, genau mit dem gleichen

Schatten einer leisen Sehnsucht gemischt, wie das seinige.

Frau Meyenthal erschrak über dieses wundervolle Naturspiel, diese

unverkennbare Willensäußerung des Schicksals und diese offenbare

Tatsache überhaupt, zumal Justine, welcher das Gesicht der Mutter des

Fahnenträgers bekannt und vertraut erschienen war, keinen Augenblick

zweifelte, wen sie vor sich habe, als sie ihren Namen und Herkunft

hörte, und daher ein kurzes unbewachtes Weilchen eben mit jenem Lächeln

erfreut an ihren Augen hing.

Als die Sonne niederging, beglänzte sie die drei hohen Frauengestalten,

welche seltsam bewegt von der Liebe zu sich selbst oder von der Liebe

und Sorge für andere, auf der Bergeshöhe beisammenstanden und

einigermaßen verwirrt auseinander zu schweben schienen.

Die Mutter Jukundi faßte sich jedenfalls am schnellsten, indem sie noch

am gleichen Abend ihrem Sohne schrieb, er solle in etwa einer Woche sie

besuchen, um nach einigen Tagen Aufenthalt mit ihr heimreisen zu können.

Gegen die Frauen von Schwanau tat sie hierauf, als ob sie keine Ahnung

von der Begegnung auf der Sängerfahrt hätte, und die Frau Gertrud

erinnerte sich der Sache auch kaum und hatte den hübschen Fahnenträger

zu jener Zeit gar nicht gesehen, da sie wegen der Bewirtung meist im

Innern eines Gartenhauses geblieben war.

Nur Justine war befangen und in Unruhe; sie wagte nicht, die neue

Bekannte nach dem Sohne zu fragen, und doch glaubte sie auch nicht

gerne, daß er so gar nichts von dem Festerlebnisse und von ihr zu Hause

erzählt haben sollte. Frau Meyenthal wollte aber, daß die jungen Leute

sich ganz unerwartet und unverhofft wiedersähen und hielt sich daher

zurück, ohne die Gelegenheit indessen zu versäumen, bei der alten

Stauffacherin mehr als einen Stein im Brett zu erobern durch kluges

Benehmen. Denn man konnte jene insofern schon die alte Stauffacherin

nennen, als die schöne, gute Justine in ihrer vollsten Lebensblüte stand

und ihr nichts mehr fehlte zur Würde und Übung eigenen Stauffachertums,

als ein für die Geschicke des Landes in Sorgen stehender Gemahl.

Daß ein solcher nicht schon vorhanden war, lag in den seltsamen

Geschicken, welche gerade ausgezeichnete Jungfrauen so oft zu Jahren

kommen lassen wegen der scheinbaren Kälte, für welche ihre edle Ruhe

gehalten wird, wegen der eifersüchtigen Hut, deren sie sich seitens der

Ihrigen erfreuen, und vor allem auch durch Wahrung des größeren Rechtes,

das sie besitzen, nur auf die Stimme des Herzens zu achten.

Endlich kam aber ein schöner Abend über das Gebirge und mit ihm langte

Jukundus an, und zwar, da er aus einem Feldlager kam und nur wieder in

ein anderes gehen mußte, in militärischer Tracht, mit etwas Rot und mit

etwas Gold am dunkeln Kleide. Nachdem er sich erfrischt und genugsam mit

der Mutter geplaudert hatte, ging er ahnungslos mit ihr spazieren und

sie lenkte den Weg dahin, wo sie die beiden Schwanauerinnen wußte, durch

das Gehölz auf einen einsamen Felsvorsprung, der mit Sitzen und

Geländern versehen war, hoch über einer blauenden Taltiefe.

Die plötzliche Glückseligkeit der beiden jungen Personen, die sich beim

unverhofften Wiedersehen auf ihren Gesichtern zeigte, die

Gleichartigkeit derselben und das eigentümliche kindliche Lächeln, das

sie begleitete, gingen so über alle Vorstellung und Erwartung selbst der

Mutter Meyenthal, daß von Kunst und Durchspielen einer Rolle bei ihr

keine Rede mehr sein konnte und sie nur froh war, so ruhig und besonnen

als möglich den Dingen zuzusehen.

Frau Gertrud aber wendete ganz erstaunt kein Auge von den Kindern und

lenkte ihre Blicke immer von einem Gesichte auf das andere. Zuletzt

legten sich aber die sanften Wellen der allgemeinen unversehenen

Aufregung und es entspann sich ein höchst angenehmes Geschwätz und

Gezwitscher, über welchem der Mond aufging, der in der Tiefe der Täler

verborgen gewesene Bäche und Weiher beglänzte, daß sie wie goldene

Sterne heraufleuchteten.

Frau Gertrud Glor empfand eine Art von Wonne, wie wenn sie ein eigenes

verschollenes Jugendglück neu erlebte, und nahm die Mama Meyenthal an

den Arm, als auf dem Wege zum Kurhause die Kinder nebeneinander

vorangingen und abwechselnd plauderten oder schwiegen. Frau Meyenthal

ihrerseits war gerührt und betroffen von der Wichtigkeit der Tatsache

und in beide Kinder gleichmäßig verliebt und zugleich in Sorgen, wie das

nun enden würde.

Bei der Abendtafel erhöhte sich die glückliche Stimmung womöglich, wie

es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schöne Hoffnung die

Beteiligten und Mitwissenden belebt und sie reizt, das Geheimnis

ungefährdet an der allgemeinen Fröhlichkeit zu sonnen.

Frau Gertrud Glor trank ein kleines Spitzchen mit Jukundus aus lauter

Wohlgefallen an seiner guten und schönen Haltung, und als beim

Schlafengehen die Tochter sie umhalste und einige schwere Tränen in der

Mutter Halskrause niederlegte, wie einen sauer ersparten Zinsgroschen,

da war sie gar nicht verwundert, sondern streichelte dem Kind

teilnahmvoll die Wangen.

Aber kaum war das Spitzchen notdürftig ausgeschlafen, was schon bald

nach Mitternacht getan war, da es nur klein gewesen, wie es einer

Stauffacherin geziemt, so wachte sie sorgenvoll auf und besah sich den

Schaden die übrige Nacht hindurch, während Justine auch nicht schlief

und wohl merkte, daß die Mutter wachte. Aber sie hielt sich

mäuschenstill und war nur glücklich, daß sie keine Zeit mit Schlafen

verlor und unaufhörlich an die Sache denken konnte.

Der Mutter indessen wurde es mit der zunehmenden Morgendämmerung immer

deutlicher, daß ja unmöglich ein Mann aus Seldwyla in die Familie

heiraten dürfe, aus dem Orte, in welchem noch nie einer auf einen grünen

Zweig gekommen sei und wo niemand etwas besitze. Sie wachte daher mit

Sorge, aber auch mit Entschlossenheit dem Morgen entgegen, um das

entstehende Übel im Werden zu ersticken, das ihr umso größer erschien,

wenn sie noch der strengen Gesinnung der Männer ihres Hauses in diesem

Punkte gedachte.

Bestärkt wurde sie noch in diesen Vorsätzen, als um die Zeit des

Sonnenaufganges ein später Schlafgänger, offenbar angetrunken, die

Treppen heranstieg und von einem Hausbediensteten an den verschiedenen

Zimmertüren vorbeigeleitet wurde, nicht ohne vor derjenigen der

Glorschen Frauen über deren Schuhe zu stolpern und dieselben mit dem

Fuße wegzuschleudern. Die Schuhe der Mama fuhren, der eine überzwerch,

der andere mit dem Hinterteil voran, den ganzen Korridor entlang; die

Stiefelchen der Tochter aber reisten infolge eines rückwärts scharrenden

Stoßes wie zwei wettfahrende Schifflein der Treppe zu und über dieselbe

hinunter.

»Aha!« rief drinnen die wachsame Frau, »da haben wir den Seldwyler!«

Und das Herz wurde ihr schon leichter über diesen rechtzeitigen

Enthüllungen.

Justine saß aber auch schon aufrecht in ihrem Bette und lauschte mit

angstvoller Spannung; als sie noch ein paar Worte des draußen

Hinwandelnden gehört, rief sie ihrerseits erleichtert, ja mit sündlicher

Freude:

»Es ist nicht der Hauptmann! Es ist ja unser Rudolf, der Stimme nach zu

urteilen!«

Die Mutter sah sich überrascht nach der Tochter um und sagte fast

erbost: »Bist du bei Verstand? Wie soll unser Rudolf hieher kommen und

zu dieser Stunde? Und seit wann stolpert der betrunken in den

Gasthäusern herum? Und ist er nicht eben jetzt weit weg bei einer

Militärübung?«

Es war aber dennoch der jüngere Sohn und Augapfel der Frau Gertrud, der

soeben zu Bett gegangen auf diesem hohen Berge.

Er war spät in der Nacht noch eilig mit einem Führer angekommen,

erschöpft und anscheinend mit einem Kummer belastet. Auch er trug den

Soldatenrock und kam soeben von seinem Waffenplatze hergeflüchtet, wo er

von einem andern Offizier, den er beleidigt hatte, gefordert worden war.

Da er sich mehr auf die Buchführung und die Kurszettel verstand, als auf

Duellangelegenheiten, und eine junge Frau mit zwei kleinen Kindlein

besaß und sich beklemmt fühlte, so hatte er Bedenkzeit genommen und war

schnell hieher gelaufen, um seine Mutter zu Rate zu ziehen, wie er sich

verhalten solle.

Im Speisesaal hatte er noch den Jukundus getroffen, welcher, keine

Schlaflust verspürend, in angenehmer Träumerei noch ein Stündchen allein

verwachte.

Der gemeinsame Kriegspfad, auf dem sie wandelten, zwang die beiden

Herren, sich zu begrüßen und eine Unterhaltung zu eröffnen, als der

Leutnant Glor sich an den Tisch setzte, um noch ein Nachtessen

einzunehmen. Weil er kürzlich von dem guten Ansehen vernommen, in

welchem der Hauptmann Meyenthal in militärischen Kreisen bereits stand,

erneuerte er jetzt gern dessen Bekanntschaft und fühlte sich gleich

vertrauensvoll zu ihm hingezogen. Von einigen Gläsern Weines, die er in

seiner Aufregung rasch getrunken, hingerissen, erzählte er dem Jukundus

bald seinen Handel und wie er nun hergekommen sei, seine Mutter, welche

nämlich eine wahre Stauffacherin genannt werden müsse und für alles

einen Rat besitze, um ihre Meinung zu befragen.

Jukundus gab ihm aber den Rat, das nicht zu tun, wenn er den Handel

nicht verschlimmern wolle. Er setzte ihm auseinander, wie nach der

einmal herrschenden Anschauung in solchen Sachen er Gefahr laufe, als

Offizier unmöglich zu werden, sobald es ruchbar würde, daß er seine

Duellangelegenheiten der Mutter anvertraue und ihre Weisungen befolge.

Da versank Herr Rudolf in neue Kümmernis, denn es wollte ihm

vernünftigermaßen durchaus nicht einleuchten, warum er wegen solcher

Dummheiten von Frau und Kindern wegsterben solle.

Jukundus befragte ihn jetzt um die eigentliche Natur des Streites, und

was denn vorgefallen sei?

Rudolf hatte mit drei andern Kriegern eine Partie Karten gespielt. Nach

Beendigung einer Tour, in welcher sein Partner nicht nach Rudolfs Wunsch

ausgespielt hatte, ward der Verlauf, während die Karten neu gegeben

wurden, kritisiert und zwar mit den Konjugationen der gegenwärtigen

Zeit. Ich spiele also dies, hieß es und du jenes; nun muß er so spielen

und nicht so, und ich werde hierauf zu ihm halten und das spielen,

worauf du wieder jenes spielen wirst, das ist doch klar, wenn wir

gewinnen wollen. Nein, das ist nicht klar, hatte Rudolfs Partner

erwidert, sondern ich steche zunächst den Trumpf ab und spiele dann

jenes.

»Dann spielst du wie ein Esel!« hatte Rudolf gerufen, worauf dann

sogleich allgemeiner Aufbruch und am andern Morgen die Forderung erfolgt

war in so feierlicher und barscher Form, daß der gute junge Mann gar

nicht hatte dazu kommen können, sich in genugtuender Weise zu erklären.

Als Jukundus über diese Geschichte lächelte und noch den Namen des

Forderers erfuhr, sagte er: »So, der! Nun der muß in Gottes Namen alle

Jahr eine Forderung vom Stapel lassen, damit seine Ehre nicht schimmelig

wird! Die Ihrige aber, Herr Leutnant, erfordert allerdings, daß Sie

wegen dieses Vorfalls Ihr Leben nicht aufs Spiel setzen und also dem

Gegner einfach erklären, daß er nicht wie ein Esel gespielt haben würde,

sondern in jeder beliebigen andern Eigenschaft, welche er vorzöge! Sie

können daraus immerhin die Lehre ziehen, daß man sich in Uniform stets

einer etwas gemessenen Sprache bedienen sollte, auch in den Stunden der

Erholung. Nun darf es aber durchaus nicht den Anschein haben, als ob

Ihre Erklärung das Ergebnis einer Unterredung mit der Mutter wäre, wenn

Sie, wie ich schon gesagt, nicht noch schlimmere Folgen herbeiführen

wollen. Wenn Ihnen daher damit gedient ist, will ich als Ihr Ratgeber

und Helfer auftreten und dem Herrn gleich jetzt mit drei Zeilen

schreiben, daß Sie mit mir gesprochen und jene genugtuende Erklärung

abgegeben haben und zwar auf meinen Rat! Morgen früh wird der Brief

abgehen und die Sache wird damit zu aller Zufriedenheit abgetan sein,

dafür kann ich Ihnen bürgen!«

Jetzt war von dem Herzen des jungen Kriegers ein großer Stein gefallen,

und um seine Dankbarkeit zu beweisen und zugleich sich für die

ausgestandene Sorge zu entschädigen, hatte er in gewaltsamer Weise

vieles und gutes Getränke kommen lassen und den hilfreichen Freund bis

zum anbrechenden Morgen festgehalten. Der war auch gern bei ihm sitzen

geblieben und hatte gar willig dem frohen Geplauder des jungen Mannes

zugehört, der Justines Bruder war. Allein der Wein verzischte

unschädlich in der Tiefe seiner warmen Neigung und er ging still mit

guten Sinnen zu Bette, während jener so geräuschvoll sein Lager suchte.

So hatten sich nun für die Stauffacherin, während sie über das Übel mit

der aufgehenden Sonne zu triumphieren glaubte, die Dinge nur schlimmer

gestaltet; denn nicht nur war es ihr eigenes Blut, welches so

angeheitert dahin gewallt, sondern in demselben auch ein guter

Parteigänger für den Feind erstanden.

Justine hatte durch die halbgeöffnete Türe eine Magd herbeizurufen

gewußt und von derselben vernommen, daß in der Tat ihr Herr Bruder

angekommen und die Nacht hindurch in guter Gesellschaft mit dem Herrn

Hauptmann geblieben sei. Darauf war sie wieder ins Bett geschlüpft und

endlich vergnügt eingeschlafen.

Jukundus schlief auch ziemlich lang und Rudolf war bis tief in den

Vormittag hinein nicht zu erwecken, bis die Mutter mit Gewalt in sein

Zimmer drang und ihn zur Rede stellte. Weil er nun den Ehrenhandel für

abgetan erachten konnte, so vertraute er die Sache doch noch seiner

Mutter an und erzählte ihr, wie der gute Rat und die Tat des Seldwyler

Hauptmanns die Schwierigkeit gelöst und sein Leben, man könne wohl

sagen, erhalten habe; denn er könne sich gar nicht vorstellen, wie er

mit einer wirklichen Pistolenkugel auf einen gesunden Menschen hätte

schießen sollen, während er diesem dann doch hätte stillhalten müssen.

Und er pries in seiner immer noch aufgeregten Redseligkeit die Weisheit

und Bravheit des Seldwylers so gewaltig an, daß sie von Betroffenheit

und Ärger verwirrt in ihr Zimmer eilte und sich vorderhand dort

einschloß.

Sie war überdies eifersüchtig auf ihren Stauffacherruhm und auf ihr

mütterliches Ansehen und Recht ganz erbost, wieso ihr Rat dem Sohne

übler hätte bekommen sollen, als derjenige eines jungen Seldwylers. Sie

stürmte daher bald wieder aus ihrem Versteck hervor, um dem unberufenen

Ratgeber selbst den Kopf zu waschen und damit zugleich nützliche Händel

mit ihm anzufangen, welche die Freundschaft aufhöben. Allein sie fand

die ganze Gesellschaft in fröhlicher Eintracht in einer Laube

beisammensitzen, jedes mit einem verspäteten Frühstück eigener Erfindung

versehen und alle untereinander damit Tauschhandel treibend. Kaum hatte

sie das junge Paar wieder so schön und glücklich nebeneinander erblickt,

so war auch schon jeder Vorsatz vergessen und sie half sogleich für den

Nachmittag einen schönen Ausflug beraten und festsetzen; denn sie war

eine fröhliche Frau, wie alle Stauffacherinnen, wenn gerade keine

Gewitterwolken über den Männern schweben, die sie zerstreuen sollen.

Wie nun gar während des Tags sie den Jukundus, den sie doch zur Rede

stellte, mit höflichen und klugen Worten die Duellsache

auseinandersetzen hörte, sah sie wohl ein, daß er recht und ihrem Sohne

einen guten Dienst geleistet habe, was sie mit einem dankbaren Gefühl

und Zutrauen erfüllte.

Sie machte sich daher gleichen Tages auch an die Mutter des Jukundi und

stellte auch diese zur Rede mit allerlei ausholenden Sprüchen und

Anschraubungen von wegen der zwei Kinder.

Frau Meyenthal fing das Garn ihrer Rede auch sofort ein und wickelte es

behende auf ein Spülchen, welches sie der Gegnerin mit dem Trumpfe

zurückgab, daß sie das Übel von Seldwyla gar wohl kenne. Allein es komme

alles auf die Umstände an. Auch sie habe von außen her sich da

angeheiratet und sei eine gute Partie geheißen worden, und es sei,

abgesehen von dem frühen Hinscheiden des seligen Mannes, nicht übel

gegangen, so daß, wie sie glaube, der Sohn, Gott sei Dank, gut geraten

und für ein gutes und ehrbares Leben empfänglich sei, was Frau Glor auch

glaubte.

Hiemit war die maßgebende Geheimverhandlung durchgeführt und was

mächtige Naturstimmen wünschten, im Lauf. Die beim übrigen Teil der

Schwanauer Familie noch harrenden Schwierigkeiten wurden still und

anständig überwunden und in wenig Monaten Jukundus und Justine als

Verlobte ausgerufen.

Es erschien das allgemein als ein so hübsches und gerechtes Ereignis,

daß keine Mißrede zu vernehmen war. Die Verlobten erhielten nicht einen

einzigen anonymen Schmäh- oder Warnungsbrief, wie das sonst so zu

geschehen pflegt, wenn ein großer Neid erregt wird. Der klarste

Morgenhimmel lachte über ihrem Brautstande und die Hochzeit selbst ward

zu einem sonnigen und klangvollen Feste mit Fahnen und Gesängen, welches

das teilnehmende Volk wie ein altes schönes Lied anmutete.

Zweites Kapitel

Die jungen Eheleute wohnten im elterlichen Hause zu Seldwyla. Es war das

ein ziemlich großes Gebäude mit hohen Zimmern und Sälen, im vorigen

Jahrhundert von einem Bürger erbaut, der im Auslande reich geworden und

sein Gut in der Vaterstadt prächtig hatte ausbreiten wollen. Ehe es aber

wohnlich eingerichtet und ausgestattet war, hatte der Mann sein ganzes

Vermögen in den eingetretenen Revolutions- und Kriegsjahren wieder

verloren, so daß er statt das Haus zu beziehen, wieder fortgezogen war,

um dort, wo er die früheren Glücksgüter gefunden, nachzusehen, ob nicht

solche von neuem zu erhaschen wären. Das Haus aber war seither von Hand

zu Hand gegangen in der Art, daß immer derjenige Seldwyler, der am

meisten Lust und Mittel zu einem herrschaftlichen Dasein verspürte,

dasselbe übernahm und eine Zeitlang bewohnte, ohne daß es jedoch im

Innern jemals ganz fertig wurde.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 19 / 26 段