Schon saß sie auf dem Stuhle und war gewissermaßen froh, daß sie nur

sitzen und ausruhen konnte von dem mühseligen Gang. Sie schaute zum

letzten Male über das Land hin und in den blauen Schmelz der Ferne. Da

verband ihr der Henker die Augen und schickte sich an, ihr das reiche

Haar abzunehmen, soweit es unter der Binde hervorquoll, als Dietegen in

einiger Entfernung zum Vorschein kam und mächtig rufend seinen Hut und

seinen Spieß schwenkte. Gleichzeitig aber, um die Handlung aufzuhalten,

riß er seine Büchse von der Schulter und sandte eine Kugel über den Kopf

des Henkers weg. Überrascht und erschreckt hielten die Richter inne und

alles griff zu den Waffen, als der reisige Jüngling in weiten Sätzen

heran und auf das Blutgerüst sprang, daß dasselbe von der Wucht seines

Sprunges beinahe zusammenbrach. Die sitzende Küngolt bei der Schulter

fassend, da ihre Hände auf den Rücken gebunden waren, suchte er eine

Weile nach Atem, eh' er sprechen konnte. Die Ruechensteiner, als sie

sahen, daß er allein war und kein weiterer Überfall erfolgte, harrten

der Dinge, die da kommen sollten, und als er endlich sein Begehren

erklären konnte, traten sie zur Beratung der Angelegenheit zusammen.

Sowohl ihre Art, an den einmal herrschenden Rechtsgewohnheiten

unverbrüchlich festzuhalten, als das Ansehen, welches Dietegen in diesen

kriegerischen Tagen und mit seiner ganzen Erscheinung behauptete, ließen

den Handel ohne Schwierigkeit beilegen, nachdem der grämliche Verdruß

über die ungewöhnliche Störung einmal überwunden war. Selbst der

Ratsschreiber, der sich nicht versagt hatte, sein Amt in dieser Sache

selbst zu versehen und sich von dem Untergange der Hexe zu überzeugen,

verbarg sich, so gut er konnte, um den wilden Kriegsmann, dessen Hand er

trotz seines Mutes fürchtete, nicht auf sich aufmerksam zu machen.

Der gleiche Priester, der vorher mit der Verurteilten gebetet hatte,

mußte nun stehenden Fußes die Trauung auf dem Gerüste vornehmen. Küngolt

wurde losgebunden, auf die schwankenden Füße gestellt und befragt, ob

sie diesem Manne, der sie zu ehelichen begehre, als seine rechte Ehefrau

folgen und ihm ihre Hand geben wolle.

Stumm blickte sie zu ihm auf, der das erste war, was sie nach

abgenommener Augenbinde von der Welt wieder sah, und sie blickte wie in

einen Traum hinein; doch um, auch wenn es ein solcher wäre, nichts zu

verfehlen, nickte sie, da sie nicht reden konnte, mit Geistesgegenwart

und geisterhaft drei- oder viermal, und gleich darauf noch ein paarmal,

so daß selbst die düsteren Ratsmänner gerührt wurden und die Zitternde

stützten, als sie hierauf in aller Form mit dem Manne verbunden wurde.

Erst jetzt wurde sie ihm mit Leib und Leben, wie sie stand und ging,

ohne Nachwähr noch irgend einigen Anspruch auf Gut oder Schadenersatz,

übergeben, gegen Erlegung der Gebühr für den Trauschein dem Pfaffen und

Bezahlung von zehn Kopf Weins für den Scharfrichter und seine Knechte,

als Hochzeitgabe, auch drei Pfund Heller für ein neues Wams dem

Scharfrichter.

Als er alles bezahlt hatte, nahm Dietegen sein Weib bei der Hand und

verließ mit ihr den Richtplatz. Weil er sie aber nehmen mußte, wie sie

stand und ging, und sie barfuß und mit nichts als dem Totenhemde

bekleidet, auch die Jahreszeit noch früh und kühl war, so befand sie

sich nicht gut und konnte nicht wohl neben dem Manne fortkommen. Er hob

sie daher vom Boden auf den Arm, schob seinen Hut über die Schultern

zurück, sie schlang sogleich ihre Arme um seinen Nacken, legte ihr Haupt

auf das seinige und schlief nach wenigen Schritten ein, die er mit dem

Speer in der andern Hand zurücklegte. So wandelte er rüstig weiter auf

einsamer Höhe und fühlte, wie sie im Schlafe leise weinte und ihr Atem

in süßer Erlösung freier wurde, und als ihre Tränen seine Stirne

benetzten, da wurde es ihm zu Mute, als ob er vom seligen Glücke selbst

getauft würde, und dem rauhen starken Gesellen rollten die eigenen

Tränen über die Wangen. Sein war das Leben, das er trug, und er hielt

es, als ob er die reiche Welt Gottes trüge.

Als sie auf der Stelle anlangten, wo er selbst als Kind im

Sünderhemdchen unter den Frauen gesessen und kürzlich Küngolt gefangen

worden war, schien die Märzensonne so hell und warm, daß ein kurzes

Ausruhen erlaubt schien. Dietegen setzte sich auf den Grenzstein und

ließ seine reiche Last sachte auf seine Kniee nieder; der erste Blick,

den die Erwachende ihm gab, und die ersten armen Wörtchen, die sie nun

endlich stammelte, bestätigten ihm, daß er nicht sowohl eine Pflicht

treu erfüllt, als eine neue eingegangen habe, nämlich diejenige, so gut

und wacker zu werden, daß er des Glückes, das ihn jetzt beseelte, auch

allezeit wert sei.

Der Boden um den Markstein her war schon mit Maßliebchen und andern

frühen Blumen besät, der Himmel weit herum blau, und kein Ton unterbrach

die Nachmittagsstille, als der Gesang der Buchfinken in den Wäldern.

Weiter sprachen sie nun nichts, sondern atmeten einträchtiglich in die

laue Luft hinaus; endlich aber erhoben sie sich, und weil der Weg nur

noch über weichen Moosboden durch die Buchenwaldung abwärts führte nach

dem Forsthause, so gingen sie nun nebeneinander hin.

Unversehens griff Küngolt an ihr Goldhaar, welches sie erst jetzt

abgeschnitten glaubte, und da sie es noch fand, wie es gewesen, stand

sie still und sagte zu Dietegen, indem sie ihn treuherzig ansah: »Kann

ich nicht noch ein Brautkränzchen bekommen?«

Er sah sich um und gewahrte eine glänzend grüne Stechpalme. Rasch

schnitt er einen starken Zweig vom Strauche, machte einen Kranz daraus

und setzte ihr denselben sorgsam aufs Haupt mit den Worten: »Es ist ein

rauher Brautkranz, aber wehrhaft, wie unsere Ehre es jederzeit sein

soll! Wer sie mit Wort oder Tat beleidigen will, wird die Strafe

fühlen!«

Er küßte sie hierauf ein einziges Mal fest unter ihrem Kranze und sie

ging zufrieden weiter mit ihm.

Das Forsthaus stand leer und verlassen, als sie es erreichten. Das

Gesinde hatte sich wegen der vermeintlichen Hinrichtung teils aus

Trauer, teils aus ungetreuem Leichtsinn verlaufen und niemand kehrte an

diesem Tage mehr zurück. Umso traulicher wurde das rasch auflebende

junge Weib mit jedem Augenblick. Sie eilte von Schrank zu Schrank, von

Kammer zu Kammer, und bald erschien sie in dem köstlichen Brautkleid

ihrer Mutter, von welchem sie ihrem jetzigen Manne in jener Nacht

erzählt, als sie zusammen im gleichen Kinderbettchen gelegen. Dann

deckte sie den Tisch mit festlichen Linnen und trug auf, was sie an

Speise und Wein hatte finden und bereiten können.

In tiefer Stille und Einsamkeit saßen sie nun nebeneinander, sie in

ihrem Kranze und er mit abgelegten Waffen, und nachdem sie ihr einfaches

Mahl genossen, gingen sie zur Ruhe. »So kann es einem ergehen!« sagte

Küngolt heute zum zweiten Male und mit leichterem Herzen leise vor sich

hin, als sie zufrieden an der Seite ihres Mannes lag; denn es blieb

immer ein Restchen von Schalkheit in ihr.

Dietegen wurde ein angesehener Mann durch das Kriegswesen, nicht besser

als andere jener Zeit, vielmehr den gleichen Fehlern unterworfen. Er

wurde ein Feldhauptmann, der für oder wider die fremden Herren Partei

nahm, Söldner warb, Gold und Beute raffte und so von Krieg zu Krieg sein

Wesen trieb, gleich den Ersten seines Landes, so daß er emporkam und

einen oft gewalttätigen Einfluß übte. Allein mit seiner Frau lebte er in

ununterbrochener Eintracht und Ehre und gründete mit ihr ein zahlreiches

Geschlecht, das jetzt noch in Blüte steht in verschiedenen Ländern,

wohin der kriegerische Zug der Zeiten die Vorfahren einst getrieben.

Violande ihrerseits war bald nach der Hochzeit Dietegens und Küngolts,

die ihr zum Troste gereicht hatte, in ein wirkliches Kloster gegangen

und eine wirkliche Nonne geworden, welche den Kindern Küngolts zuweilen

allerlei Backwerk und Näschereien sandte. Auch gefiel sie sich darin,

wenn Herr Dietegen auf der Höhe seines Ansehens etwa große Gasterei

hielt und mit langem Bart und goldener Ritterkette dasaß, als geistliche

Frau auf Besuch zugegen zu sein und mit einem goldenen Kreuze auf der

Brust, und intrigante höfliche Reden mit den Kriegsherren zu wechseln.

Wie Küngolt im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts ausgesehen, ist noch

aus dem Bilde eines guten Malers zu entnehmen, welches in einer

bekannten Galerie hängt und laut Inschrift ihr Bildnis ist. Man sieht da

eine schlanke feine Patrizierfrau, deren schöne Gesichtszüge einen

gewissen tiefen Ernst verkünden, durchblüht aber von sanfter kluger

Laune.

Auch sie starb noch in guten Jahren an einer Erkältung, gleich ihrer

Mutter, der Forstmeisterin, als nämlich ihr Mann in einem der Mailänder

Feldzüge endlich ums Leben kam und auf dem Friedhofe eines lombardischen

Kirchleins begraben wurde. Sie eilte hin, in der Absicht, ihm ein

Grabmal zu errichten, in der Tat aber, um ungesehen eine lange

Regennacht hindurch auf seinem Grabe zu sitzen, so daß ein Fieber sie in

zwei Tagen dahinraffte und sie an der Seite Dietegens ihre Ruhestatt

fand.

Das verlorene Lachen

Erstes Kapitel

Drei Ellen gute Bannerseide,

Ein Häuflein Volkes ehrenwert,

Mit klarem Aug', im Sonntagskleide,

Ist alles, was mein Herz begehrt!

So end' ich mit der Morgenhelle

Der Sommernacht beschränkte Ruh'

Und wand're rasch dem frischen Quelle

Der vaterländ'schen Freuden zu.

Die Schiffe fahren und die Wagen,

Bekränzt, auf allen Pfaden her;

Die luft'ge Halle seh' ich ragen,

Von Steinen nicht noch Sorgen schwer;

Vom Rednersimse schimmert lieblich

Des Festpokales Silberhort:

Heil uns, noch ist bei Freien üblich

Ein leidenschaftlich freies Wort!

Und Wort und Lied, von Mund zu Munde,

Von Herz zu Herzen hallt es hin;

So blüht des Festes Rosenstunde

Und muß mit goldner Wende flieh'n!

Und jede Pflicht hat sie erneuet,

Und jede Kraft hat sie gestählt,

Und eine Körnersaat gestreuet,

Die niemals ihre Frucht verhehlt.

Drum weilet, wo im Feierkleide

Ein rüstig Volk zum Feste geht

Und leis die feine Bannerseide

Hoch über ihm zum Himmel weht!

In Vaterlandes Saus und Brause,

Da ist die Freude sündenrein,

Und kehr' nicht besser ich nach Hause,

So werd' ich auch nicht schlechter sein!

Dieses Lied sang der Fahnenträger des Seldwyler Männerchors, welcher an

einem prachtvollen Sommermorgen zum Sängerfeste wanderte. Nachdem die

Herren am Abend vorher aufgebrochen und einen Teil des Weges auf der

Schienenbahn befördert worden waren, hatten sie beschlossen, den Rest in

der Morgenkühle zu Fuß zu machen, da es nur noch durch schöne Waldungen

ging.

Schon breitete sich der glänzende See vor ihnen aus mit der bunt

beflaggten Stadt am Ufer, als die sechzig bis siebzig jüngeren und

älteren Männer des Vereines in zerstreuten Gruppen durch einen

herrlichen Buchenwald hinabstiegen und das hinter den großen Stämmen

wohnende Echo mit Jauchzen und einzelnen Liederstrophen widerhallen

ließen, auch etwa einem weiterhin niedersteigenden Fähnlein antworteten.

Nur der allen vorausziehende Fahnenträger, ein schlank gewachsener

junger Mann mit bildschönem Antlitz, sang sein Lied vollständig durch

mit freudeheller und doch gemäßigter Baritonstimme. Geschmückt mit

breiter reichgestickter Schärpe und stattlichem Federhut, trug er die

ebenso reiche, schwere Seidenfahne, halb zusammengefaltet, über die

Schulter gelegt, und deren goldene Spitze funkelte hin und wieder im

grünen Schatten, wo die Strahlen der Morgensonne durch die Laubgewölbe

drangen.

Als er nun sein Lied geendet, schaute er lächelnd zurück und man sah

das schöne Gesicht in vollem Glücke strahlen, das ihm jeder gönnte, da

ein eigentümlich angenehmes Lachen, wenn es sich zeigte, jeden für ihn

gewann.

»Unser Jukundi,« sagten die hinter ihm Gehenden zueinander, »wird wohl

der schönste Fähnrich am Feste sein.« Er führte nämlich den heiter

klingenden Namen Jukundus Meyenthal und wurde mit allgemeiner

Zärtlichkeit schlechtweg der Jukundi genannt. Es erwahrte sich auch die

Hoffnung; denn als die Seldwyler, am Orte angekommen, sich zum Einzuge

unter die langen Sängerscharen reihten, erregte seine Erscheinung, wo

sie durchzogen, überall großes Wohlgefallen.

Denjenigen, welche schon mehrere Feste gesehen hatten, war er auch schon

auf das vorteilhafteste bekannt als eine mustergültige Festerscheinung.

Von steter Fröhlichkeit und Ausdauer vom ersten bis zum letzten

Augenblicke, war Jukundi dennoch die Ruhe und Gelassenheit selbst; immer

sah man ihn teilnehmend an jeder allgemeinen Freude und an jeder

besondern Ausführung, ausharrend und hilfreich, nie überlaut oder gar

betrunken. Den schreienden Possenmacher wußte er zu ertragen, wie den

übellaunischen Festgast, der sich übernommen und die Freude verdorben

hatte, und beide verstand er voll Duldung und Freundlichkeit aus

allerlei Fährlichkeiten zu erlösen, wenn die allgemeine Geduld zu

brechen drohte, und sie aus beschämendem Schiffbruche zu erretten.

Selbst den bewußtlosen Jähzornigen führte er, alle Schmähungen

überhörend, mit stillem Geschicke aus dem Gedränge und erwarb sich Dank

und Anhänglichkeit des Nüchterngewordenen.

In dieser Übung konnte er übrigens nur als eine Darstellung aller

Seldwyler gelten, wenn sie zu Feste zogen. So ungeregelt und müßig sie

sonst lebten, so sehr hielten sie auf Ordnung, Fleiß und gute Haltung

bei solchen Anlässen. Rühmlich zogen sie auf und wieder ab, eine gut

gemusterte, einige Schar, so lange die Lustbarkeit dauerte, und sich im

voraus auf die zwanglose Erholung freuend, welche zu Hause nach so

ernster Anstrengung sich langehin zu gönnen sein werde.

In dieser Weise hatten sie auch den Gesang, mit welchem sie am

Sängertage um den Preis zu ringen gedachten, trefflich eingeübt und

schonten ihre Stimmen mit großer Entbehrung. Sie hatten eine Tondichtung

gewählt, welche »Veilchens Erwachen!« betitelt und auf irgend ein

nichtssagendes Liedchen aufgebaut, aber so künstlich und schwer

auszuführen war, daß es schon Monate vorher ein großes Gerede gab an

allen Orten, als ob die Seldwyler zu viel unternommen und sich dem

Untergang ausgesetzt hätten.

Als aber der Tag der Wettgesänge vorgerückt war und in der mächtigen

weiten Halle Tausende von Hörern vor fast so viel tausend Sängern saßen

und das Häuflein der Seldwyler, da ihre Stunde gekommen, mit dem Banner

einsam vortrat in dem Menschenmeere, da hielten sie den ebenso zarten

als schweren Gesang durch alle schwierigen Harmonien und Verwicklungen

hindurch aufrecht ohne Wanken, und ließen ihn so weich und rein

verhauchen, daß man das blaue Veilchenknöspchen glaubte leise aufplatzen

und das erste Düftlein durch die Halle schweben zu hören.

Rauschend, tosend brach der Beifall nach der atemlosen Stille los, die

erhabenen Kampfrichter nickten vor allem Volke sichtbar mit den Häuptern

und sahen sich an, die goldenen Dosen ergreifend, Ehrengeschenke

entlegen wohnender Fürsten und Völker, und sich gegenseitig Prisen

anbietend; denn es befanden sich von den ersten Kapellmeistern

darunter.

Die Seldwyler selbst traten mit ruhiger Haltung zurück und wußten ohne

Aufsehen aus der Schlachtordnung sich hinauszuwinden, um in einem

schattigen Garten ein mäßiges Champagnerfrühstück einzunehmen. Keiner

begehrte mehr als seine drei Gläser zu trinken, niemand merkte, wo sie

gewesen seien, als sie wieder in der Halle sich einfanden.

Dergestalt würdig verhielten sie sich während der Dauer des ganzen

Festes, bis die Stunde der Preiserteilung kam. Das Gold der

Nachmittagssonne durchwebte den bis zum letzten Platz angefüllten

Festbau, welcher mit rotem Tuch und Grün ausgeschlagen, mit vielen

Fahnen geschmückt, in feierlichem Glanze wie zu schwimmen schien. Auf

erhöhter Stelle, wo die zu Preisen und Festgeschenken bestimmten Schalen

und Hörner in Gold und Silber leuchteten, saßen einige Jungfrauen,

auserwählt, die Kränze an die gekrönten Sängerfahnen zu binden.

Oder vielmehr dienten sie der schönsten und größten unter ihnen zum

Geleit, der schönen Justine Glor von Schwanau, welche sich mit vieler

Mühe hatte erbitten lassen, das Anbinden der Kränze zu übernehmen. Sie

sah auch aus wie eine Muse; in reichgelocktem braunem Haar trug sie

einen frischen Rosenkranz und das weiße Gewand rot gegürtet.

Aller Augen hafteten an ihr, als sie sich erhob und den ersten Kranz

ergriff, welcher soeben den Seldwylern unter Trompeten- und Paukenschall

zugesprochen worden war. Zugleich sah man aber auch den Jukundus, der

unversehens mit seiner Fahne vor ihr stand und in frohem Glücke lachte.

Da strahlte wie ein Widerschein das gleiche schöne Lachen, wie es ihm

eigen, vom Gesichte der Kranzspenderin, und es zeigte sich, daß beide

Wesen aus der gleichen Heimat stammten, aus welcher die mit diesem

Lachen begabten kommen. Da jedes von ihnen sich seiner Eigenschaft wohl

mehr oder weniger bewußt war und sie nun am anderen sah, auch das Volk

umher die Erscheinung überrascht wahrnahm, so erröteten beide, nicht

ohne sich wiederholt anzublicken, während der Kranz angeheftet wurde.

Eine Stunde später ordnete sich der letzte und rauschendste Zug durch

die Feststadt, unter den unzähligen Wimpeln und Kränzen und durch das

wogende Volk hindurch, indem die gewonnenen Festgeschenke und die

gekrönten Fahnen umhergetragen wurden. Da sahen sich die beiden wieder,

als Justine von der Gartenzinne ihrer Gastfreunde aus den Zug anschaute

und Jukundus vorüberziehend seine Fahne schwenkte; und am Abend

ereignete es sich, da das gute Glück heute besonders fleißig war, daß

Jukundus während des Schlußbankettes der Schönen am gleichen Tische

gegenüber zu sitzen kam, so daß sie um Mitternacht schon in aller

Fröhlichkeit und Freundlichkeit aneinander gewöhnt waren.

Sie trafen sich auch am nächsten Morgen als gute Bekannte auf einem

großen beflaggten Dampfboote, welches die Festregierung mit einer Zahl

eingeladener Verdienst- und Ehrenpersonen und auswärtiger Freunde zu

einer Lustfahrt den See entlang tragen sollte. Ein wolkenloser Himmel

breitete sich über Wasser, Land und Gebirge und öffnete die letzten

Quellen edler Freude, welche noch verschlossen sein konnten. Das Schiff

durchfurchte das tiefgrüne kristallene Wasser, bald von den Klängen

guter Musik getragen, bald von Liedern umtönt. Von den blühenden

Ortschaften an den weithin sich ziehenden Ufern rechts und links

schallten Grüße und winkten Fahnen herüber, und mit Stolz wies man den

Gästen das wohlbekannte Land, die reichen Wohnsitze und Ortschaften.

Ein stattlicher Kranz von Frauen saß auf erhöhtem Platze des Schiffes,

unter ihnen Justine Glor in schöner einfacher Modekleidung, den

Sonnenschirm in der Hand, so daß Jukundus, als er in seiner

Fahnenträgertracht grüßend vor sie trat, überrascht von ihrem

veränderten und fast noch feineren Aussehen, beinahe befangen wurde. Sie

wechselten jedoch nur wenige Worte, wie zu geschehen pflegt, wenn ein

reichlich langer Sommertag zu Gebote steht.

Als eine Weile später Jukundus wieder in ihre Nähe kam, winkte sie ihm

und teilte ihm mit, daß ihre Eltern in Schwanau, welches am oberen Teile

des Sees lag, die ganze Gesellschaft auf den Abend in ihre Gärten

einladen, daß das Schiff dort vor Anker gehen würde, und daß sie hoffe,

er werde auch so lange dabei bleiben. Diese vertrauliche Mitteilung, von

der nur noch wenige wußten, trug ihm sofort Anspielungen und

Glückwünsche der Umstehenden ein, die er bescheidentlich ablehnte, aber

gerne vernahm.

In der Tat wurde es bald kund, daß das Schiff gegen Abend in Schwanau

anhalten würde und daß alle gebeten seien, die letzte Erfrischung im

Besitztume der Familie Glor einzunehmen. Dieselbe tat das der Tochter zu

Ehren, um zu zeigen, daß sie wo zu Hause sei und eigentlich nicht nötig

habe, an fremden Festtafeln zu sitzen, sondern selbst ein Fest geben

könne. Denn es waren Leute, die auf ihre Besitztümer, als

selbsterworbene, etwas viel hielten.

Um also den vielverheißenden Abend unverkürzt zu genießen, wurden die

Aufenthalte an den übrigen Uferorten, wo das Schiff erwartet wurde,

genau abgemessen und innegehalten, und das tönende und singende Schiff

fuhr rechtzeitig quer über den funkelnden See, von Kanonenschlägen

begrüßt, nach Schwanau hinüber und legte an, wo die hohen Bäume der

Glorschen Gärten sich im Wasser spiegelten und darüber weg von den

Terrassen und Hügeln ihre Häuser glänzten.

Während das Sängervolk sich unter den Bäumen ausbreitete, verschwand

Justine im Hause, um den Ihrigen Handreichung zu tun, wogegen der Vater

und die Brüder sich um die zahlreichen Gäste und deren Begrüßung

bemühten. In Lauben und Veranden waren Niederlassungen für die Frauen

mit den entsprechenden Erfrischungen bereitet; in einer frischgemähten

Wiese, unter Fruchtbäumen, lange Tische für die Männer gedeckt. Es

dauerte aber nicht lange, so waren auch alle Frauen auf der Wiese,

angelockt von den Scherzen, Possen und Neckereien, welche die junge

Männerwelt unter sich trieb, um ein Aufsehen zu erregen. Und es gab

genug zu schauen und zu lachen, da Laune und Geschicklichkeit der

einzelnen hundert kleine artige Erfindungen und Stücklein

hervorbrachten, wobei das Naivste, mit guter Art entstanden, in der

allgemeinen glücklichen Stimmung den herzlichsten Beifall weckte. Selbst

ein unvermutet geschlagener Purzelbaum fand seine Gönner und sogar der

unglückliche Virtuose, welcher auf seinem Frisierkamm allen Ernstes eine

gefühlvolle Weise hatte blasen wollen und daran scheiterte, freute sich

über die ungetrübte Heiterkeit, die er erweckt, und tat den ihm

aufgesetzten Strohkranz nicht mehr vom Kopfe.

Nur Jukundus fühlte sich etwas vereinsamt in dem Treiben, weil er

Justinen gar zu lange nicht mehr erblickte, an die er schon ein kleines

Anrecht zu haben glaubte, wenigstens für diesen letzten Tag. Indessen

fand sich eine holde Erlösung, da unversehens die Jungfrau dicht bei ihm

stand, ohne daß er wußte, wo sie her kam, und ihn dem Vater und den

Brüdern vorstellte als den Bannerherrn des erstgekrönten Vereines. Er

wurde von den Männern höflich und auch freundlich gegrüßt und willkommen

geheißen, aber nicht ohne jene feste kühle Haltung, welche so reiche

Arbeitsherren einem nichts oder wenig besitzenden Seldwyler gegenüber

bewahren mußten, insofern er etwa Mehreres vorzustellen gedächte, als

einen stattlichen Festbesucher.

Der gutmütige Sänger fühlte das doch augenblicklich und wurde etwas

verlegen, so auch Justine, welche ihn darum zur Entschädigung weiter

führte, als die Herren weggegangen, und ihm das Gut zu zeigen vorschlug.

Zwei gleichgebaute, villenartige Häuser neuesten Stiles, welche zunächst

dem See in den schattigen Anlagen standen, bezeichnete sie ihm als die

Wohnungen der beiden Brüder, wovon jeder schon seine eigene Familie

gegründet hatte, ohne deswegen aus der Gesamtfamilie auszuscheiden. Dann

stieg sie mit ihm Wege und Treppen empor, bis wo über den Wipfeln der

unteren Bäume die Wohnung der Eltern stand, worin sie selber lebte, von

etwas älterer Bauart, aber immerhin ein stattliches Herrenhaus, umgeben

von Wirtschaftsgebäuden und Ställen; weiterhin sah man lange hohe

Gewerbshäuser mit zahllosen Fenstern, welche an die staubige Landstraße

grenzten, die hier vorüberführte. Jenseits der Straße aber, an dem

ansteigenden Bergabhang, dehnten sich Äcker, Weinberge und Wiesen mit

Wäldern von Obstbäumen und hoch über allem diesem zeigte ihm Justine das

Haus der Großeltern als den Stammsitz der Ihrigen, in der Abendsonne

weit über das Land hin schimmernd, ein weitläufiges vornehmes Bauernhaus

von altertümlicher Bauart, mit hellen Fensterreihen, weißem Mauerwerk

und buntbemaltem Holzwerk an Dach und Scheunen, mit steinernen

Vortreppen und künstlich geschmiedeten eisernen Geländern. Hier hausten

der Großvater und die Großmutter mit ihrem Gesinde, beide achtzigjährige

Landleute, beide noch täglich und stündlich schaffend und befehlende,

zähe und gestrenge alte Personen von einfachster Lebensweise und stets

fertig mit ihrem Urteil über alle Jüngeren, wie Justine ihrem Begleiter

sie schilderte. »Wollen wir noch schnell hinaufgehen und sie grüßen, da

sie es verschmähen, von ihrer Höhe herunter zu steigen und unsere

Lustbarkeit anzusehen? Es ist eine herrliche Aussicht dort oben!« so

sagte das Mädchen. Aber Jukundus empfand eine Art Scheu vor den Alten

und dankte höflich für weitere Bemühung seiner Führerin, da ihn überdies

all das ausgedehnte Wesen eher ängstigte als erfreute.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 18 / 26 段