Als nun die Dämmerung vorüber und die Mitternacht im Anzuge war, machte

sich Dietegen ungesehen auf, nahm sein Schwert und ein kleines

Fläschchen mit gutem Wein und stieg wieder in die Stadt hinunter, wo er

unverweilt sich über die Kirchhofmauer schwang und furchtlos über die

Gräber hin vor Küngolts unheimliche Wohnstätte ging. Sie saß lautlos auf

ihrem Strohsack zusammengekauert hinter dem Vorhang und lauschte

zitternd jedem Geräusche; denn sie hatte, ehe die Geisterstunde

gekommen, schon einige Schrecknisse erlebt. Im Beinhause war eine Katze

über die Knochen weggestrichen, so daß dieselben sachte etwas geklappert

hatten. Dann wurden vom Nachtwind die Sträucher über den Gräbern

bewegt, daß sie leise rauschten, und der Hahn auf dem Dachreiter der

Kirche gedreht, welches einen seltsamen Ton gab, den man im

Tagesgeräusch nie vernahm.

Als daher Küngolt die nahenden Schritte hörte, erschrak sie von neuem

und fuhr zusammen; als er aber durch das Gitter griff und den Vorhang

zurückschob, daß der Vollmond den Raum erhellte, und sie leise anrief,

da stand sie eilig auf, lief ihm entgegen und streckte beide Hände durch

das Gitter.

»Dietegen!« rief sie und brach in Tränen aus, die ersten, die sie seit

dem Unglückstag vergießen konnte; denn sie hatte bis jetzt wie in einer

starren Betäubung gelebt.

Dietegen gab ihr aber die Hand nicht, sondern das Weinfläschchen und

sagte: »Nimm einen Schluck Wein, es wird dir gut tun.« Sie trank und

nahm auch von dem guten Brot ihres Vaterhauses, das er ihr gebracht. So

wurde es ihr besser zu Mut, und als sie sah, daß er nicht weiter mit ihr

sprechen wollte, zog sie sich schweigend auf ihr Lager zurück und weinte

leise, bis sie in einen ruhigen Schlaf versank.

Dietegen aber hielt sie nach seinen jugendlich spröden Begriffen und in

seiner Unerfahrenheit für ein bös gewordenes Wesen, das nicht recht tun

könne, und er wachte bei ihr, indem er sich auf einen an der Wand

lehnenden alten Grabstein setzte, ihrer toten Mutter zuliebe und weil er

ihr selbst sein Leben verdankte.

Küngolt schlief, bis die Sonne aufging, und als sie erwachte, sah sie,

daß Dietegen still weggegangen war.

Dergestalt kam er eine Nacht um die andere, bei ihr zu wachen; denn er

hielt nach seinem Glauben den Ort für in der Tat gefährlich für jemand,

der kein gutes Gewissen habe und voll Furcht sei. Jedesmal brachte er

ihr etwas zur Labung mit und frug sie etwa, was sie sich wünschte, und

er brachte ihr alles, was ihm recht schien. Er kam auch, wenn es regnete

und stürmte und versäumte keine Nacht, und wenn es nach damaligem

Volksglauben in Ansehung der Toten und ihres Treibens besonders

verrufene Nächte waren, so erschien er umso pünktlicher.

Küngolt ihrerseits richtete sich unvermerkt so ein, daß sie während des

Tages ihren Vorhang zog, um sich vor den Neugierigen zu verbergen, wie

sie sagte, wenn Leute auf den Kirchhof kämen, in der Tat aber, um zu

schlafen; denn sie liebte es, während der Nacht munter zu sein, kein

Auge von der dunkeln Gestalt ihres Wächters zu verwenden, und über ihn

und sich und wie alles gekommen sei, nachzudenken, während er sie

schlafend wähnte.

Sie fühlte sich von einem neuen, ungeahnten Glücke umflossen, sobald er

kam und sie ihren Gedanken in seiner Gegenwart still und stumm

nachhängen konnte. Sein hartes Urteil ahnte sie nicht und hoffte ihr

Anrecht an ihn wieder erringen zu können, da er sich so treu erwies.

Nicht so dachte ihr Vater, der sie jede Woche einmal besuchte; wenn sie

dann fast jedesmal schüchtern auf irgend eine Weise Dietegens Namen

nannte und er wohl merkte, daß sie sich ihm wieder zugewendet, seufzte

er innerlich, weil er wohl wünschte, daß das halb verlorene Kind durch

den braven Pflegesohn gerettet werden möchte, aber fürchtete, der werde

schwerlich eine angehende und schon eingesperrt gewesene Hexe erwerben

wollen.

Mittlerweile hatte sich auch noch anderer Besuch bei Küngolt

eingestellt. Der Ratsschreiber von Ruechenstein, der gewalttätige

Krummbuckel Schafürli, konnte das schöne Wesen nicht vergessen und

fühlte sein stark durch die Krümmungen des Körpers strömendes Blut von

ihrem Bilde bewohnt und befahren, nach seinem Glauben wie von einer

Hexe, welche nächtlich einsam auf einem Strome in dunklem Kahne

dahinschieße.

Er gedachte daher, da er ein verwegener Kerl war, statt bei den

Kapuzinern, bei der Urheberin selbst seine Heilung und Befreiung zu

versuchen und wanderte in dunkler Nacht über den Berg und bis auf den

Kirchhof, wo sie gefangen saß. Da es noch nicht die Zeit war, um welche

Dietegen zu erscheinen pflegte und auch seine Schritte fremd klangen, so

erschrak Küngolt und duckte sich hinter ihren Vorhang. Schafürli aber

zündete ein kleines Licht an, das er mitgenommen, riß das Tuch zurück

und leuchtete in den vergitterten Raum hinein, bis er sie entdeckte.

»Komm heran, Hexenmädchen!« flüsterte er heftig und halblaut, »und gib

mir beide Hände und deinen Mund, denn du mußt mir heilen, was du

verdorben hast!«

Sie erkannte ihn an seiner Gestalt, und die Erinnerung an all das

geschehene Unheil, sowie die Gegenwart des Mannes erfüllten sie mit

solcher Angst, daß sie, ohne einen Laut zu geben, zitterte wie

Espenlaub.

Da begann der Ratschreiber an dem Gitter zu rütteln, und weil es

keineswegs besonders fest war, vielmehr nur für schwächere Gefangene zu

dienen hatte, schickte er sich an, es mit Gewalt aus den Angeln zu

heben. In demselben Augenblicke kam aber Dietegen, sah den Vorgang und

packte den Schafürli an der Schulter. Der schrie wild auf und wollte

seinen Dolch ziehen. Doch Dietegen hielt ihm die Hände fest und rang mit

ihm, bis er ihn bezwungen hatte. Er besann sich, ob er ihn gefangen

nehmen und anzeigen, oder ob er ihn bloß verjagen solle, und weil er den

Zusammenhang des Vorfalls noch nicht kannte, und nicht eine neue

Verwicklung für Küngolt herbeiführen wollte, ließ er den krummen Mann

laufen, indem er ihm bei Sicherheit seines Lebens verbot, je wieder an

den Ort zu kommen. Zugleich aber ging er in das Haus hinein und

veranlaßte den Totengräber, die Gefangene nunmehr in die Stube zu

nehmen, da ja ohnehin der Herbst vor der Tür sei und die Nächte zu kühl

würden für den bisherigen Aufenthalt.

Küngolt wurde also noch in dieser Nacht mit der herkömmlichen leichten

Kette am Fuße an den Ofen gefesselt. Es war das ein schlankes Gebäude

von grünen Kacheln, welche in erhabener Arbeit die Geschichte der

Erschaffung des Menschen und des Sündenfalls darstellten; an den vier

Ecken des Ofens standen die vier großen Propheten auf vorstehenden

gewundenen Säulchen, und das Ganze bildete ein nicht unzierlich

gegliedertes Monument, an welches hingeschmiegt nun Küngolt auf der

Ofenbank saß.

Sie freute sich der geschützteren Lage und der Rettung, welche sie dem

Dietegen dankte, und schrieb alles seiner treuen Gesinnung für sie zu,

obgleich er in dieser Nacht kein Wort mit ihr gesprochen und sich nach

getaner Sache ohne weiteres hinwegbegeben hatte.

Als nun aber die gute Küngolt dergestalt installiert war, fand sich ein

neuer Liebhaber ihrer Schönheit ein in der Person eines Kaplans, welcher

allerhand kleine Priestergeschäfte an der Kirche besorgte und auch den

geistlichen Beistand bei den Siechen und Gefangenen auszuüben hatte.

Dieses Pfäfflein kam nun, da Küngolt in der warmen Stube saß, fleißig zu

ihr, um ihr Zusprache zu halten, ihr die Neigung zur Zauberei und

Spendierung von Liebestränken auszutreiben und sich dabei ihres schönen

Anblickes und lieblichen Wesens zu erfreuen. Denn seit der Zeit ihres

Leidens war eine neue Art von Schönheit über sie gekommen; sie war ein

reifes, schlankes, obgleich blasses Frauenbild geworden, dessen Augen in

sanftem und lieblichem Feuer strahlten, von einem Trauerschatten

umgeben. Sie wurde, vom Anbinden abgesehen, wie ein Glied des Hauses

gehalten, in dem auch einige Kinder sich befanden, und wenn der Kaplan

kam, so wurde er mit einem Glase Wein oder Bier bewirtet, für welches

der Forstmeister etwa sorgte. Wenn nun der Geistliche sein Sprüchlein

getan hatte, seine Erfrischung zu sich nahm und ersichtlich nur noch

blieb, um die getröstete Sünderin ein bißchen anzugucken und etwa

bescheidentlich ihre Hand zu streicheln, so überließ sich Küngolt einer

aufwachenden, kleinen anmutigen Heiterkeit, indem sie bedachte, welch

einen prächtigen Liebhaber sie, nach ihrer Meinung, diesem Pfäfflein

gegenüber in Dietegen besaß.

So kam es, daß das Mädchen in seiner bescheidenen Fröhlichkeit, nachdem

sie den Tag über von der besseren Zukunft geträumt hatte, des Abends der

Liebling der Totengräbersleute war und sie den Tisch zu ihr an den Ofen

rückten. Auch in der Neujahrsnacht, die nun gekommen, ging es so, und

der Priester gesellte sich hinzu, so daß der Totengräber, seine Frau und

Kinder und der Kaplan bei der angebundenen Küngolt um den Tisch

herumsaßen, mit Nüssen spielten und Küngolt eben laut über etwas lachte,

was der Pfaffe gesagt hatte, während er ihre Hand hielt, als Dietegen

hereintrat, um seinem Schützling und Kind seines Herrn einige gute

Sachen von Hause zu bringen. Ein unbewußter Zug des Herzens, das

eingeschlafene Heimweh nach ihr hatte ihn doch den Vorsatz fassen

lassen, etwa eine Stunde dort zu verweilen, damit Küngolt, welche die

erste Neujahrsnacht ihres jungen Lebens außer dem Hause zubrachte,

jemand von den Ihrigen bei sich hätte.

Als er aber den fröhlichen Auftritt und den Priester sah, der die Hand

der lachenden Küngolt streichelte, ergriff ihn eine eisige Kälte, daß

ihm das Blut beinahe erstarrte, und er ging, nachdem er dem Mädchen die

Sachen mit zwei Worten als Sendung des Vaters übergeben, ohne weiteren

Aufenthalt wieder fort, während zwischen seinen Zähnen sich die Worte

lösten: »hin ist hin!« Jetzt ahnte Küngolt plötzlich den Inhalt dieses

Augenblickes und auch ihr trat alles Blut zum Herzen zurück. Sie sank

erbleichend an den Ofen hin und die Leutchen gingen betreten

auseinander: das Licht in der Totengräberwohnung erlosch, noch eh' die

erste Stunde des neuen Jahres angebrochen war.

Küngolt blieb nun fast wie vergessen von den Ihrigen, zumal in diesen

Tagen die Eidgenossenschaft immer lauter von Kriegslärm ertönte und jene

Ereignisse sich folgten, welche man den Burgunderkrieg nennt. Als das

Frühjahr da war, und der Tag von Grandson nahte, zogen auch die Städte

Seldwyla und Ruechenstein, wie andere ihrer Nachbarorte, mit ihren

Fähnlein in das Feld, und es war für den Forstmeister sowie für Dietegen

eine Erlösung, aus dem gestörten Hause hinauszutreten und die frische

rauhe Kriegesluft zu atmen.

Festen Schrittes gingen sie mit ihrem Banner, obwohl schweigsamer als

die anderen, und stießen mit den übrigen herbeieilenden Scharen zu dem

Gewalthaufen der Eidgenossen, welcher den schon im Streite Stehenden zu

Hilfe kam.

Wie ein eiserner Garten stand das lange Viereck geordnet und in seiner

Mitte wehten die Fahnen der Länder und Städte. Mann an Mann standen die

Tausende, jeder in Zuverlässigkeit und Furchtlosigkeit wieder eine Welt

für sich, und alle zusammen doch nur ein Häuflein Menschenkinder.

Da harrte der Leichtsinnige und der Verschwender neben dem Geizigen und

dem Sorgenfreund seiner Stunde; der Zanksüchtige und der Friedliebende

hielten mit gleicher Geduld ihre Kraft bereit; wer schweren Herzens war,

hielt sich so still, wie der Prahler und der Redselige; der Arme und

Verlassene stand ruhig und stolz neben dem Reichen und Gebietenden.

Ganze Gassen sonst im Streite liegender Nachbarn standen gedrängt; aber

Neid und Mißgunst hielten den Spieß oder die Hellebarde so fest, wie die

Großmut und Leutseligkeit, und der Ungerechte richtete wie der Gerechte

sein Auge auf die nächste Pflicht. Wer mit seinem Leben abgeschlossen

und einen Rest seiner Kraft unbeweint zu opfern hatte, galt nicht mehr

oder weniger als der aufblühende Knabe, auf dessen Auge die Hoffnung der

Mutter und einer ganzen Zukunft stand. Der düster Gesinnte ertrug ohne

Murren die halblauten Einfälle des Possenmachers und dieser wiederum

ohne Gelächter die kleinen heimlichen Vorkehrungen des Spießbürgers, der

neben ihm stand.

Neben dem Banner von Seldwyla ragte dasjenige von Ruechenstein, so daß

die Reihen der grollenden Nachbarstädte sich dicht berührten und der

Forstmeister, der einen Teil seiner Mitbürger führte und ihren Eckstein

bildete, der Nachbar des Ratschreibers von Ruechenstein war, welcher am

Ende einer Rotte der Seinigen stand; allein keiner von ihnen schien

dessen zu gedenken, was vorgefallen. Dietegen ging mit den Schützen und

verlorenen Knaben außerhalb des Gewalthaufens und lebte schon mitten im

furchtbaren Getümmel, als dieser sich jetzt plötzlich in Bewegung setzte

und in die Schlacht ging, um einen der ersten Kriegsfürsten mit seinem

in Glanz und Üppigkeit strahlenden Heerzuge wie einen Fabelkönig in die

Flucht zu schlagen.

Im Drange des harten Streites war der Forstmeister mit einigen seiner

Knechte durch burgundische Reiterei von seinem Banner getrennt worden

und schlug sich durch die Reiter hindurch, aber nur, um einsam unter

feindliches Fußvolk zu geraten; in diesem arbeitete er sich getreulich

ein Kämmerlein aus, wie ein fleißiger Bergmann; aber eben, als er sich

auch ein Pförtlein in dasselbe gebrochen hatte, kam durch diese Öffnung

eine verspätete verirrte Stückkugel Karls des Kühnen und zerschlug ihm

die breite Brust, also daß er in einem kurzen Augenblick im Frieden der

ewigen Ruhe dalag und nichts ihn mehr beschwerte.

Als Dietegen frisch und gesund aus dem Kampfe und von der Verfolgung der

fliehenden Burgunder zurückkam und nach kurzer Nachfrage den gefallenen

Freund und Vater fand, begrub er ihn samt seinem Schwerte selbst

zwischen die Wurzelarme einer mächtigen Eiche, welche unweit des

Schlachtfeldes am Rande eines Haines stand.

Dann zog er mit dem Heere nach Hause und wurde von der Stadt wegen

seiner Tapferkeit und Tüchtigkeit für einstweilen in das Forsthaus

gesetzt, um dort die Aufsicht zu führen. Mit dem Tode des Forstmeisters

war dessen Hausstand aufgelöst. Sein Gut war in den letzten Jahren wegen

Unachtsamkeit geschwunden, und Küngolt hatte nichts mehr auf dieser

Welt, als sich selbst und die Vorsorge Dietegens, soweit er etwa sorgen

konnte, da er selbst ein armes Blut war.

Sie saß unbewegt an ihrem Ofen, die Wangen an die rauhen Bildwerke

desselben gelehnt, welche den Verlust des Paradieses darstellten in vier

oder fünf Bildern, die sich um den ganzen Ofen herum immer

wiederholten; die Erschaffung Adams, diejenige der Eva, der Baum der

Erkenntnis und die Verstoßung aus dem Garten. Wenn das Gesicht sie von

dem Drucke schmerzte, so löste sie es ab und kehrte es gegen die harten

Darstellungen, dieselben immer wieder von neuem betrachtend, indessen

ihr Tränen entfielen, wenn sich hiezu etwa wieder so viel Kraft

gesammelt hatte. Ja, wenn sie zuweilen zu demjenigen Bildwerke kam,

welches die Verstoßung aus dem Garten vorstellte, so empfand sie sogar

einen Lachreiz. Denn durch die Unaufmerksamkeit des Töpfers oder

Bildners hatte auf dieser Platte Adam statt eines vertieften Nabels ein

erhabenes rundes Knöpfchen auf dem Bauche, welches regelmäßig auf jeder

Verstoßung wiederkehrte.

Wenn dann aber Küngolt lachen sollte über diese harmlose Erscheinung, so

schnürte ihr dagegen das Elend das Herz und die Kehle zusammen, so daß

ein erbärmliches Ringen und ein körperlicher Schmerz daraus entstand für

einen Augenblick, bis ihr die Augen übergingen und sie das Gesicht

verzog, wie jemand, der niesen sollte und nicht kann. Sie vermied daher

zuletzt, dieses Bild anzuschauen.

Indessen war auch die Schlacht von Murten geschlagen worden und um die

gleiche Zeit die Strafdauer Küngolts zu Ende. Dietegen hatte angeordnet,

daß sie in das Forsthaus kommen solle, um dort mit Violanden vorderhand

zu hausen, welche jetzt bescheiden, traurig und ziemlich ordentlich

geworden war; denn sie hatte in der späten Verlobung mit dem

Forstmeister und seinem Tode doch noch etwas Rechtes erlebt und einigen

Halt daran genommen. Dietegen selbst aber kam nicht nach Hause, sondern

tummelte sich bis ans Ende jener Kriegszüge im Felde herum.

Damit aber auch er nicht ohne Fehl und Tadel aus diesen Schicksalsläufen

hervorgehe, hatten die Gewohnheiten des Krieges, verbunden mit dem

stummen Schmerze wegen des Verlorenen, eine gewisse Wildheit in ihn

gebracht. Er schloß sich jenen rauhen jungen Gesellen an, welche unter

dem Namen des törichten Lebens sich aufgemacht hatten, um die der Stadt

Genf im Friedensvertrage auferlegte und von ihr hinterhaltene

Brandschatzung auf eigene Faust einzutreiben. Aus burgundischen

Beutestücken, die ihm zugefallen, hatte er sich Prunkkleider machen

lassen; er trug, hinter der tollen Eberfahne herziehend, Gewand von

blaßrotem Burgunderdamast; das eidgenössische Kreuz auf Brust und Rücken

war von Silberstoff und mit Perlen besetzt. Den Hut überragte rings eine

breite Last von wogenden Straußfedern, den in eroberten Lagern

zerstreuten Ritterhüten entnommen. Dolch und Schwert trug er reich an

kostbarem Wehrgehänge und neben der Feuerbüchse einen langen Speer, an

welchem seine tannenschlanke breitschulterige Gestalt sich lässig lehnte

und wiegte, wenn er drohend unter seinem Hute hervorschaute, um einen

feigen Lärmmacher oder eine Dirne zu schrecken. Er liebte es, etwa eine

schreiende Magd bei den Zöpfen zu packen, ihr einen Augenblick forschend

ins Gesicht zu sehen und die Erschrockene oder auch Lachende dann wieder

laufen zu lassen.

In solcher Tracht war er, ehe er sich zu dem Zuge des törichten Lebens

gesellt hatte, auch einen Augenblick auf dem Försterhofe zu Seldwyla

erschienen, einem Abkömmling aus uraltem, reinem Volksstamme gleichend,

so kühn, sicher, stark und zugleich gelenk bewegte er sich.

Als Küngolt ihn so sah, der er im Vorübergehen ein kaltes wildes Lächeln

zugeworfen, wie er es sich im Felde angewöhnt, waren ihre Augen wie

geblendet. Während er nun in Welschland lag, war es ihr einziges Tun,

über die Vergangenheit zu grübeln und in den glücklichen Tagen der

verlorenen Kindheit zu leben. Besonders verweilte ihr Sinnen fast zu

jeder Stunde auf jener Waldhöhe, wo die Seldwyler Frauen das vom Tode

errettete Kind Dietegen einst in seinem Armensünderhemde gekost und mit

Blumen geschmückt hatten, und sie eilte, so oft sie konnte, hinauf und

schaute voll Sehnsucht nach dem fernen Südwesten, wo man sagte, daß die

drohende Schar der unbezwinglichen Jünglinge sich gelagert habe.

Aber in der gleichen Berggegend, welche vom Ruechensteiner Grenzbanne

durchschnitten war, kreiste der Ratsschreiber Schafürli herum, der

stetsfort nach Heilung des ihm angetanen Schadens oder aber nach Rache

dürstete; denn es waltete in Ruechenstein trotz der vermeintlichen

Hexerei wegen der Tötung des Schultheißensohnes doch ein offener und

geheimer Haß gegen ihn, den er durch den Tod der von den Seldwylern nach

Ruechensteiner Ansicht unbestraft gelassenen Küngolt zu sühnen hoffte.

Als daher eines Tages die arme Küngolt achtlos gerade auf einem

Grenzsteine saß, und zwar so, daß ihre Füße auf dem Ruechensteiner Boden

ruhten, trat Schafürli unversehens mit einem Ratsknechte aus den Bäumen

hervor, nahm sie gefangen und führte sie gebunden nach seiner Stadt, wo

ihr wegen des durch ihre Zauberei herbeigeführten ungesühnten Todes des

Schultheißensohnes sofort von neuem der Prozeß gemacht wurde.

In Seldwyla war, zumal in diesen aufgeregten Zeitläufen, niemand mehr,

der sich ihrer angenommen hätte, auch wenn ein Erfolg in Aussicht

gewesen wäre. Es hieß daher bald, ihr Leben werde wohl dahin sein. Nun

war es die einst so schlimme Violande, welche, von Reue und Mitleid

erschüttert, sich aufraffte und die einzige Hilfe aufsuchte, die ihr

denkbar schien. Sie machte sich auf und wanderte Tag und Nacht gegen

Westen, um die Bande des tollen Lebens und Dietegen zu finden. Das

Gerücht von dem Treiben der verwegenen Schar leitete sie auch bald auf

den rechten Weg und sie fand den Gesuchten, wie er eben mit einigen

Gefährten in einer Schenke gleichgültig um Geld würfelte.

Sie gab ihm Kunde von dem neuen Unglücke Küngolts und er hörte ihr wider

Erwarten aufmerksam zu, sagte aber dann: »Hier kann ich nichts machen!

Das ist eine Rechtssache und da die Seldwyler selbst nichts tun, so

würde ich keine zehn Gesellen finden, die mir folgen würden, um das Kind

zu befreien!«

Violande aber, welche von ihrem früheren Wesen und Treiben her alle

möglichen Heiratsfälle im Gedächtnisse hatte, erwiderte: »Gewalt ist

auch nicht nötig. Die Ruechensteiner haben seit altem her die Satzung,

daß ein zum Tode verurteiltes Weib von jedem Manne gerettet werden kann

und demselben übergeben wird, der sie zu ehelichen begehrt und sich auf

der Stelle mit ihr trauen läßt!«

Dietegen schaute der Sprecherin verwundert und wunderlich ins Gesicht,

nicht ohne sein spöttisches Soldatenlächeln.

»Ich soll also eine Art Dirne zur Frau nehmen, meint Ihr?« sagte er,

indem er seinen hervorsprossenden Schnurrbart drehte und sich sehr

ungläubig anstellte, obgleich es ihm durch das Antlitz zuckte. »Sag

nicht Dirne,« antwortete Violande, »sie ist es nicht!«

Und plötzlich in Tränen ausbrechend, ergriff sie Dietegens Hände und

fuhr fort: »Was sie gefehlt hat, ist meine Schuld, laß es mich bekennen;

denn ich wollte euch trennen und beide aus dem Hause bringen, um den

Vater zu bekommen! Darum habe ich das Kind zu allen seinen Torheiten

verleitet!«

»Sie hätte sich nicht sollen verleiten lassen,« rief Dietegen, »ihre

Eltern sind von guter Art gewesen; aber sie ist nicht geraten!«

»Und ich schwöre dir bei meiner Seligkeit,« rief Violande, »es ist alles

wie vom Feuer weggebrannt, was sie verunziert hat; sie ist gut und sanft

und liebt dich so, daß sie schon längst sich ein Leid angetan hätte,

wenn du nicht in der Welt zurückbleiben würdest. Übrigens gedenke doch

dessen, was du ihr schuldest! Würdest du jetzt in deiner Kraft und

Schönheit dastehen, wenn sie dich nicht aus dem Sarge des Henkers

genommen hätte? Und gedenke auch der Mutter Küngolts und ihres braven

Vaters, die dich erzogen haben, wie ihr eigenes Kind. Und bist denn du

der einzige Richter über den Fehl eines schwachen Kindes? Hast du selbst

noch nie unrecht getan? Hast du keinen Mann erschlagen in deinen

Kriegen, dessen Tod nicht gerade nötig gewesen wäre? Hast du keine

Hütten von Armen und Wehrlosen verbrannt? Und wenn du auch dies nicht

getan, hast du immer Barmherzigkeit geübt, wo du es gekonnt hättest?«

Dietegen errötete und sagte: »Ich will nichts geschenkt haben und

niemandem etwas schuldig bleiben! Wenn es sich verhält, wie Ihr sagt,

mit dem Ruechensteinischen Rechtsbrauche, so will ich hingehen und das

Kind zu mir nehmen! Möge Gott mir und ihr dann weiter helfen, wenn sie

nicht mehr recht tun kann!«

Sogleich gab er der gänzlich erschöpften Frau, die ihm nicht hätte

folgen können, einiges Geld, womit sie sich etwas pflegen und zur

Rückreise stärken sollte. Er selbst ging augenblicklich, seine Waffen

ergreifend, auf und davon, quer durch das Land, und ruhte nicht, bis er

die finstere Stadt Ruechenstein erblickte.

Dort hatten sie nicht lange Spaß gemacht, sondern nach wenig Tagen die

Küngolt, die im alten Turme saß, zum Tode verurteilt, und zwar wegen

ihres unbescholtenen Vaters, der für das Vaterland gefallen sei, aus

besonderer Milde zum Tode durch Enthauptung, statt durch Feuer oder Rad

oder eine andere ihrer üblichen Praktiken.

Sie wurde demgemäß zum Tore hinausgeführt nach dem Richtplatze, barfüßig

und mit nichts als dem Armensünderhemde bekleidet, Nacken und Rücken von

dem schweren flatternden Haare bedeckt. Schritt für Schritt ging sie

ihren Todespfad, inmitten ihrer Peiniger, zuweilen strauchelnd, aber

gefaßten Mutes, da sie sich ergeben und aller weiteren Lebens- und

Glückeshoffnung entschlagen hatte. »So kann es einem ergehen!« dachte

sie mit einem fast merklichen Lächeln, und erst als sie plötzlich wieder

an Dietegen dachte, entfielen ihren Augen süße Tränen; denn sie bedachte

auch, daß er ihr sein blühendes Leben danke, und sie fühlte sich durch

dieses Erinnern getröstet, so selbstlos und gut war ihr Herz geworden.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 17 / 26 段