Es gab allerlei kleine und größere Festlichkeiten, Geschichtchen,

Streitigkeiten, Geräusch und Gesang, und wie es zu gehen pflegt, machten

sich vorwitzige oder törichte Leutchen unangenehm und wurden dabei am

ehesten gelitten.

Hierüber wurde Dietegen nicht glücklich. Im Anfang sah er mit einer

gewissen scheuen Wehmut zu, welche heranwachsenden Jünglingen nicht

sonderlich geschickt ansteht; als aber die Gesellschaft davon eher

belustigt als gerührt schien und Küngolt selbst es kalt beachtete,

wollte er sich gegen solche Unlust mit linkischem Schmollen und Trotz

erwehren. Allein das brachte ihn noch weniger auf einen grünen Zweig und

endigte damit, daß er eines Tages zu bemerken glaubte, wie Küngolt

allein in einem Kreise von spöttisch aussehenden Jünglingen saß und mit

Wohlgefallen die Mißreden mit anhörte, die sie offenbar über ihn

führten.

Da wendete er sich ab und mied von nun an schweigend die Gesellschaft.

Er war ohnehin in das Alter getreten, in welchem die kräftigeren Knaben

sich wehrbar zu machen begannen. Auf dem Grundstücke der Försterei ruhte

von alters her die Verpflichtung zum Bereithalten von drei oder vier

Mannsrüstungen, und der Forstmeister hatte immer darauf gesehen, eigene

Leute dazu stellen zu können. Mit Wohlgefallen fand er, daß Dietegen,

schlank und wohlgebaut aufwachsend, bald in einen zierlichen Harnisch

taugen würde, in dem er einst seinen eigenen Sohn zu erblicken gehofft

hatte.

So ging denn Dietegen mit andern jungen Knechten an den langen

Winterabenden in die Fechtschule, wo er die kürzeren Waffen führen

lernte nach heimischer Kriegsart; und im Frühjahr, den Sommer hindurch,

weilte er manchen Sonn- und Feiertag auf dem weiten Felde oder in

Waldlichtungen, wenn die Jünglinge sich im behenden Marsch und im

festgeschlossenen Vordrange übten, an ihren langen Spießen über breite

Gräben setzten und die Körper in jeder Weise sich dienstbar machten,

oder endlich der Kunst der Büchsenschützen oblagen.

Da durch alles dies das Leben im Hause sich änderte und besonders das

weibliche Treiben ihn störte, ohne daß er recht beachtete, wie es

eigentlich damit beschaffen war, so nahm seinerseits der Forstmeister

öfter, als zu Lebzeiten seiner Frau geschehen, den Weg in die

Trinkstuben seiner Stadtgenossen. Fern von der kindischen Torheit des

Hauses lag er der reiferen Torheit der Männer ob und trug sein Haupt

zuweilen beladen, aber immer aufrecht den Forst hinan, wenn die

Mitternachtsglocke verhallte.

So gingen die Dinge ihre verschiedenen Wege und die Zeit vorüber, bis an

einem sonnenhellen Johannistage allerlei Geschicke sich zu erfüllen

begannen.

Der Forstmeister ging in die Stadt auf seine Zunft, welche ihr

Hauptgebot mit großem Jahresschmaus abhielt, und er gedachte, bis in die

Nacht zu zechen.

Dietegen ging zeitig ins Schützenhaus, da er einmal einen langen

Sommertag hindurch nach Herzenslust schießen wollte. Die übrigen Knechte

gingen auch ihres Weges, der eine über Land zu den Seinigen, der andere

zum Tanz mit seinem Schatz, der dritte auf einen Markt, um sich Tuch für

Gewand zu erstehen, oder ein paar neue Schuhe.

So saßen nun die Frauen allein im Forsthause, einerseits wenig erbaut

über die schnöde Art, wie die Männer an diesem Freudentage alle

davongegangen, ohne sich zu kümmern, wie jene ihre Zeit vertreiben

sollten, anderseits aber äugelten sie in das webende Sonnenlicht hinaus

und spähten, wie sie sich auch eine Lustbarkeit schaffen möchten.

Zunächst fingen sie an, Kuchen zu backen und allerhand Süßwerk zu

bereiten; auch brauten sie einen großen, gewürzten Wein für alle Fälle

und um den heimkehrenden Männern einen Nachttrunk bieten zu können, wie

sie meinten. Dann kleideten sie sich feiertäglich und schmückten sich

mit Blumen, während andere Jungfräulein, die sie zu einer Frauenlust

hatten entbieten lassen, eins nach dem andern ebenso geschmückt

herankamen, und auch das letzte Dienstmägdlein im Hause geputzt und

fröhlich dreinsah.

Unter schönen Lindenbäumen, die vor dem Forsthause standen, war der

Tisch gedeckt, als der Abend nahte und goldenes Licht über der Stadt und

dem Tale ruhte.

Da saßen nun die Frauen um den Tisch gereiht, taten sich gütlich und

sangen bald mit wohlklingenden Stimmen vielstrophige Lieder mit

sehnsüchtigem Ton, von Liebesglück und Herzeleid, von den zwei

Königskindern oder »Es spielt ein Ritter mit einer Maid« und

dergleichen. Der Gesang tönte lockend ins Land hinaus; die Vögel in den

Linden und im nahen Walde, die erst ein wenig zugehört, sangen

wetteifernd mit. Aber bald ließ sich noch ein dritter Chor vernehmen,

indem vom Berge her Geigen und Pfeifen erklangen, vermischt mit

Männerstimmen. Ein Trupp Jünglinge war von Ruechenstein herübergekommen,

trat jetzt aus dem Holze hervor und beschritt den Weg, der mitten durch

die Försterei in das Tal führte, ein paar Spielleute an der Spitze. Es

war der Sohn des Schultheißen von Ruechenstein, ein halbwegs fröhlicher

Gesell, der aus der Art schlug; von der Schule nach Hause gekehrt, hatte

der einige wilde Studenten mitgebracht, worunter ein paar geistliche

Schüler und dabei auch ein junger Mönch, sowie Hans Schafürli, der

Ratsschreiber von Ruechenstein, eine buckelige, gebogene Gestalt mit

einem langen Degen, der letzte im Zuge, da sie wegen der Schmalheit des

Weges einer hinter dem andern daherkamen.

Als sie jedoch der sangbaren Frauen ansichtig wurden, stellten sie die

eigene Musik ein und schienen das Ende des Liedes abwarten zu wollen,

welches jene sangen. Indessen verstummten die Frauen ebenfalls; sie

waren überrascht und lächelten zugleich erwartungsvoll den Dingen

entgegen, die jetzt geschehen würden. Violande zeigte sich nicht

betroffen, sondern trat auf den Schultheißensohn zu, welcher sie höflich

begrüßte und erklärte, wie er mit seinen Freunden einen kurzweiligen

Besuch in der fröhlichen Nachbarstadt habe machen wollen, um den

Johannistag nicht allzu trostlos zu verleben, wie nun aber hier noch ein

schönerer Aufenthalt winke, sofern es gestattet sei, den Jungfrauen

einen ehrbaren Tanz anzubieten.

In weniger als drei Minuten war die Angelegenheit geordnet, und sie

tanzten alle auf dem großen Flur des Forsthauses, Küngolt mit dem

Schultheißensohn, Violande mit dem Mönch und die übrigen mit den

Schülern; aber am gewandtsten und leidenschaftlichsten tummelte sich der

Ratsschreiber herum, der trotz seines Buckels mit seinen Beinen weiter

ausgriff als alle andern, da sie gleich unter dem Kinn schon sich zu

spalten schienen.

Küngolt war nicht froh und wußte nicht, was ihr fehlte. Als daher

Violande ihr zuflüsterte, sie sollte es auf das Schultheißenkind

absehen, damit sie Schultheißin von Ruechenstein würde, blieb sie kalt

und teilnahmlos, bis sie plötzlich den Buckligen mit seinem gewaltigen

Tanzen sah und hoch auflachte. Sie begehrte sofort mit ihm zu tanzen,

und es sah aus wie ein Märchen, als ihre schöne Gestalt in grünem Kleide

und das Haupt mit dunkelroten Rosen geschmückt am Arme des spukhaften

Schreibers dahinflog, der seinen Höcker in Scharlach gehüllt trug.

Doch unversehens änderte sie ihre Laune und sie geriet an den Mönch, von

diesem an einen der Studenten, und eh' eine halbe Stunde vergangen,

hatte sie mit allen anwesenden jungen Männern sich gedreht, so daß alle

seltsam aufgeregt die Blicke an ihr haften ließen, indessen die übrigen

Frauen allmählich auch wieder zu den Ihrigen zu kommen suchten. Damit

das geschehe, rief Violande die Gesellschaft zum Tische unter den

Linden, um sich dort auszuruhen und zu erquicken, indem je ein Jüngling

neben eine Jungfer zu sitzen kam und Küngolt zu dem Schultheißensohn.

Küngolt aber war von einer Sehnsucht gequält, alle diese Jünglinge sich

unterworfen zu sehen. Sie rief, sie wolle die Schenkin sein, und eilte

ins Haus, noch mehr Wein zu holen. Dort schlich sie schnell in Violandes

Kammer und suchte etwas in deren Kleidertruhe. Violande hatte ihr einst

im geheimen ein kleines Fläschchen gezeigt und anvertraut, das sei ein

Philtrum oder Liebestrank, »Gang mir nach« genannt; wer es von der Hand

einer Weibsperson zu trinken bekomme, der sei derselbigen ohne Gnade

verfallen und müsse ihr nachgehen. Es sei in dem Fläschlein zwar nicht

das starke und gefährlichere Gift Hippomanes, aus dem Stirngewächs eines

erstgebornen Füllens gebraut, sondern das Tränklein sei aus den

Gebeinlein eines grünen Frosches gemacht, welcher in einen Ameisenhaufen

gelegt und von diesen zernagt und zierlich präpariert worden sei. Aber

es sei immerhin noch stark genug, um einem halben Dutzend unbotmäßiger

Männer die Köpfe zu verdrehen. Sie habe das Fläschlein von einer Nonne

geschenkt bekommen, deren Geliebter vor der Anwendung plötzlich an der

Pest gestorben, so daß sie entsagend ins Kloster gegangen sei. Violande

selbst getraue sich weder dasselbe zu gebrauchen, noch es wegzuwerfen,

weil hieraus ein unbekanntes Unheil entstehen könnte.

Dieses Fläschchen fand Küngolt und goß seinen Inhalt schnell und

verstohlen in eine frische Kanne Wein, mit welcher sie klopfenden

Herzens hinauseilte. Sie hieß die Jünglinge alle ihre Gläser leeren,

weil sie ihnen einen neuen süßen Trunk einschenken wolle, und sie wußte

es so einzurichten, daß in dem Kruge nichts übrig blieb, nachdem sie

alle Gläser der Männer gefüllt und jedem nachträglich etwas zugegossen

hatte, während sie ihn wie ein Wetterleuchten süß und schalkhaft

anblickte.

In diesen gleichmäßig und unparteiisch verteilten Blicken lag das

Zaubergift, welches nebst dem starken Wein jetzt die Knaben betörte, daß

alle voll Verblendung und Leidenschaft das glänzende Mädchen umwarben

mit jener Selbstsucht, welche sich allaugenblicklich stets dahin wendet,

wo sie ein von anderen gewünschtes oder allgemein erstrebtes Gut locken

sieht. Alle ließen die übrigen Frauen stehen, welche blaß aus Ärger vor

sich niedersahen oder ihre Verlegenheit unter lautem Geplauder zu

verbergen suchten. Selbst der Mönch ließ plötzlich ein braunes

Dienstmägdlein fahren, das er soeben kosend umfangen hatte, und

Schafürli, der Ratsschreiber, drängte sich mit einem langen Schritte vor

den Schultheißensohn, der die Küngolt sponsierend an der Hand hielt.

Diese aber ließ keinen auskommen; kalt wie Eis gegen jeden einzelnen in

ihrem Herzen, wußte sie wie eine Schlange sich unter ihnen umzutun, und

als sie sah, daß sie alle umstrickt hielt, selbst die anderen Frauen

wieder freundlich zu machen und herbeizulocken.

Es war nun dunkel geworden. Die Sterne funkelten am Himmel und die

Mondsichel stand über dem Walde, erbleichte jedoch bald hinter einem

hellen Johannisfeuer, das von einer Anhöhe aufflammte, vom jungen

Landvolke angezündet.

»Laßt uns zum Feuer gehen!« rief Küngolt, »der Weg ist kurz und lieblich

durch den Wald! Aber wie es sich geziemt, die Frauen voran und die

Knaben hinten drein!« So geschah es und sie zogen mit angezündeten

Kienfackeln durch den Wald mit lautem Gesange.

Nur Violande blieb zurück, das Haus zu hüten und den Forstmeister zu

erwarten; denn auch sie gedachte heute ihren Fang zu tun. Es dauerte

auch nicht lange, bis er ankam, in starker Stimmung und mit umflorten

Sinnen. Als er die Tische unter den Linden sah, setzte er sich hin und

verlangte wohlgelaunt einen Schlaftrunk von Violanden, die ihm denselben

davoneilend zu bereiten ging.

Aber auch sie schlüpfte vorher schnell in ihre Kammer hinauf, das lang

gehütete Fläschlein mit dem »Gang mir nach« zu holen, und sie fand es

nicht. Sie konnte es auch auf dem Wege nicht finden, den sie verlegen

und sinnend zurückkam; denn dort wo es Küngolt hastig und achtlos

hingeworfen, hatte es bereits das vom Mönche zur Seite gestellte

Mägdlein aufgehoben, das sich grollend ins Haus zurückgezogen.

Doch Violande besann sich nicht lange. Sie machte den Trank umso süßer

und stärker und gesellte sich, als er ihn trank, nahe zum Forstmeister.

Es strömte ein zärtlich-trautes Wesen von ihr aus; auch trug sie ein

blaßgelbes Kleid, das überall rot eingefaßt war und ihr untadelig weißes

Fell, wie man damals sagte, am Halse wohl sehen ließ. Die Blumen hatte

sie aus dem Haar getan, um nicht kindisch zu erscheinen, und sie wand

ihre starken dunkeln Zöpfe frisch um den Kopf.

»Ei Base,« sagte der Forstmeister, als er sie über den Becher weg von

ungefähr erblickt hatte, ganz nah bei ihm, »wie seht Ihr gut aus!«

Da lächelte sie wie selig und sah ihn mit süß funkelnden Augen

unverhohlen an, indem sie sagte: »Gefall' ich Euch endlich und so spät?

Wenn Ihr wüßtet, wie gern ich Euch schon gesehen habe, als ich noch ein

Kind war!«

Das ging dem guten Mann ein, stärker als ein Liebestrank von

Froschbeinchen; wunderliche Vorstellungen, eine dunkle Erinnerung an ein

schönes Mädchenkind zogen durch seine Sinne, während das Kind jetzt als

lange schön bleibende Weibesgestalt in Lebensreife bei ihm war, wie aus

weiter Ferne unversehens herangetreten. Sein großmütiges Herz stieg in

das aufgeregte Hirn empor und schaffte dort in aller Eile an allerlei

Bildwerk herum. Violande erschien ihm plötzlich als eine durch Leiden

und viele Erfahrung höchst wertvoll gewordene Person, mit der man ein

bedeutendes und geheimnisreiches Stück Leben in die Arme schlösse und

welcher Heimat und Ruhe zu geben dem Schenker selbst ein goldenes Gut

verleihen würde.

Er nahm ihre Hand, streichelte ihr die Wangen und sagte: »Wir sind nicht

alt, Violande, liebe Base! Wollt Ihr noch meine Frau werden?« Und da sie

ihm die Hand ließ und sich näher zu ihm neigte, von wirklicher

Glückesgüte erglänzend, machte er den Brautring seiner ersten Frau, den

er seit ihrem Tode an einer Verzierung seines Dolchgriffes trug, los und

steckte das Kleinod an Violandes Finger. Sie drückte ihr Gesicht in sein

breites blondgraues Löwenantlitz, sie umfingen und küßten sich zärtlich

unter den rauschenden Nachtlinden, und der kluge Mann glaubte den Stein

der Weisen gefunden zu haben.

In diesem Augenblicke kam Dietegen mit seinen Waffen nach Hause. Da er

quer über den Rasen daherging, hörten ihn die Kosenden nicht und er

schaute in höchster Betroffenheit, was er da vor sich sah. Beschämt und

errötend zog er sich so still als möglich zurück und umging das Haus, um

die hintere Tür zu gewinnen. Dort aber hörte er mit einemmal vom Walde

her ein lautes Schreien und Rufen, wie wenn Menschen in Streit oder

Gefahr wären. Ohne Zögern ging Dietegen dem Lärmen nach. Bald fand er

die so fröhlich ausgezogene Gesellschaft in schrecklichem Zustande. Von

Wein und allgemeiner Eifersucht toll geworden, waren die jungen Männer

auf dem Rückwege vom Johannisfeuer, als sie mit den Weibern vermischt

gingen, hintereinander geraten und hatten sich mit ihren Dolchen

angegriffen, so daß mehr als einer blutete. Gerade aber, als Dietegen

ankam, hatte der krumme Ratsschreiber wütend den jungen Schultheißen mit

seinem Degen niedergestochen, der, gleichfalls das Schwert in der Hand,

im grünen Kraute lag und eben den Geist aufgab, während die übrigen sich

schön paarweise noch an den Gurgeln gepackt hielten und die Weiber

entsetzt um Hilfe schrieen, mit Ausnahme Küngolts, die totenblaß aber

neugierig und mit offenem Munde in das schreckhafte Schauspiel starrte.

»Küngolt, was ist das?« sagte Dietegen zu ihr, als er sie rasch

erblickt; es war das erste Wort, das er seit langem an sie gerichtet.

Sie zuckte zusammen, sah ihn aber wie erleichtert an. Doch sprang er

jetzt ohne Aufenthalt unter die Streitenden und es gelang ihm mit

einigen kräftigen Anstrengungen, die tollen Jünglinge auseinander zu

bringen und ihnen den Toten zu zeigen, worauf sie stracks die Arme

sinken ließen und ganz vernichtet bald auf die Leiche, bald auf den

grimmigen Schafürli schauten, der wie wahnsinnig um sich stierte.

Inzwischen waren Bauern und auch die heimkehrenden Knechte

herbeigekommen, welche die Ruechensteiner einstweilen gefangen nahmen

und den Schafürli banden.

Das war nun ein schlimmer Morgen, der darauf folgte. Der Forstmeister

war mit der bösen Violande verlobt, sein Kopf summte sehr unleidig, ein

toter Ruechensteiner lag im Hause, die andern waren eingetürmt, und eh'

es Mittag war, erschien eine Abordnung aus Ruechenstein mit dem alten

Schultheißen selbst, um nach dem Unglücke und dessen Entstehung zu

fragen und alle Rechenschaft zu fordern.

Aber schon hatte im Turm der gefangene Ratsschreiber, der wußte, daß es

ihm als Mörder des Schultheißensohnes an den Kragen ging, grimmige Klage

gegen die Weiber von Seldwyla und hauptsächlich gegen Küngolt erhoben,

die er der Zauberei und Behexung beschuldigte.

Jenes grollende Mägdlein hatte dem Mönch, dem es nun verzieh, das

Fläschlein mit einigen Worten zuzustecken gewußt und dieser es dem

Schafürli gegeben.

Zum Schrecken der Seldwyler drehte sich der Handel noch am gleichen Tage

gegen das Kind des Forstmeisters und gegen dessen Haus; denn jedermann,

in Seldwyla sowohl als in Ruechenstein, glaubte an die Wirkung der

Zaubertränke, und die anwesenden Ruechensteiner traten so drohend auf,

daß das Ansehen und die Beliebtheit des Forstmeisters die

Gefangensetzung der Küngolt nicht abwenden konnten, zumal er sich in

seinen Gedanken wie gelähmt fühlte.

Sie gestand die Tatsache alsobald ein, halb bewußtlos vor Schrecken, und

der Schafürli mit seinen Gesellen wurde freigelassen. Die Ruechensteiner

verlangten nun, die Zauberhexe, welche ihre Angehörigen geschädigt und

den Tod eines ihrer Bürger verursacht habe, solle ihnen zur Bestrafung

ausgeliefert werden. Dies wurde nicht gewährt und jene zogen grollend

mit der Leiche des Schultheißensohnes von dannen. Als sie aber nachher

vernahmen, daß die Seldwyler das Mädchen nur zu einer einjährigen milden

Gefängnisstrafe verurteilt hätten, erwachte die alte Feindschaft wieder,

welche eine Reihe von Jahren geschlafen, und es wurde für jeden

Seldwyler gefährlich, ihren Bann zu betreten.

Die Stadt Seldwyla hielt nun für Vergehen, die sie nach ihrer

Lebensanschauung zu den leichteren zählte und nach Umständen mit

Nachsicht behandeln wollte, kein Gefängnis, sondern verdingte die

Verurteilten, besonders wenn es sich um Frauen und jugendliche Personen

handelte, an irgend eine Haushaltung zur Haft und Pflege. So sollte denn

die arme Küngolt auf die Ratstube gebracht und dort zu einer

öffentlichen Steigerung ausgestellt werden.

Der Forstmeister, dessen Fröhlichkeit dahin war, sagte seufzend zu

Dietegen, es sei ein saurer Gang für ihn, aufs Rathaus zu gehen und bei

dem Kind zu wachen; denn es müsse jemand von den Seinigen bei ihm sein

während dieser bittern Stunde. Da erwiderte Dietegen: »Ich will es schon

tun, wenn ich Euch gut genug dazu bin!« Der Forstmeister gab ihm die

Hand. »Tu's,« sagte er, »du sollst Dank dafür haben!«

Dietegen ging hin, wo die Abgeordneten des Rats saßen und einige

Steigerungslustige, sowie ein Häuflein Neugieriger sich sammelten. Er

hatte sein Schwert umgetan und sah mannhaft und düster blickend aus.

Als nun Küngolt hereingeführt wurde, blaß und bekümmert, und sie vor dem

Tische stehen sollte, zog Dietegen rasch einen Stuhl herbei und ließ sie

darauf sitzen, indem er sich hinter den Stuhl stellte und die Hand auf

dessen Lehne stützte. Sie hatte ihn überrascht angeblickt und sah noch

mit einem schmerzlichen Lächeln nach ihm zurück; allein er schaute

scheinbar ruhig und streng über sie hinweg.

Der erste, welcher ein Angebot auf ihre Gefangenhaltung tat, war der

Stadtpfeifer, ein vertrunkener Mann, der von seiner Frau hergeschickt

war, um mit dem Erwerbe die zerrütteten Umstände etwas zu verbessern,

insonderlich weil zu hoffen war, daß der Gefangenen aus ihrem

elterlichen Hause offen oder heimlich allerhand Gutes zufließen würde,

dessen man sich bemächtigen oder wenigstens teilhaftig machen könnte.

»Willst du zum Stadtpfeifer?« fragte Dietegen die Küngolt kurz, und sie

sagte »nein!« nachdem sie den beduselten und rotnasigen Musikus

angesehen. Der rief lachend: »Ist mir auch recht!« und schwankte ab.

Hierauf bot ein alter Seckler und Pelzkappenmacher auf Küngolt, welcher

sie tapfer zum Nähen anzuhalten gedachte, um einen schönen Nutzen aus

ihr zu ziehen. Er hatte aber einen offenen Schaden am Bein, welchen er

den ganzen Tag salbte und pflasterte, und auf dem Kopf ein Gewächs wie

ein Hühnerei, welches Küngolt als Kind schon gefürchtet hatte, wenn sie

in die Schule und an seiner Werkstatt vorbeigegangen. Als daher Dietegen

fragte, ob sie zu diesem wolle, sagte sie wiederum nein, und er zog

keifend davon.

Nunmehr trat ein Geldwechsler hervor, der einerseits wegen seines

wucherischen und häßlichen Geizes und anderseits wegen seiner

widerwärtigen Lüsternheit verrufen war. Kaum hatte der aber seine roten

Augen auf Küngolt gerichtet und den schiefen Mund zum Angebote geöffnet,

so winkte ihm Dietegen, ihn drohend anblickend, mit der Hand hinweg,

ohne das erschrockene Mädchen zu befragen.

Jetzt kamen nur noch einige ordentliche Leute, gegen welche nicht wohl

etwas einzuwenden war, und diese wurden nun zur eigentlichen

Versteigerung oder Gant zugelassen. Am mindesten forderte für ihre

Aufnahme und Ernährung der Totengräber an der Stadtkirche, ein stiller,

ehrbarer Mann, welcher eine brave Frau und auch, nach seiner Meinung,

ein geeignetes Lokal besaß und schon einige Sträflinge dieser Art

beherbergt hatte.

Diesem wurde Küngolt von der Ratsabordnung zugeschlagen und sofort in

sein Haus geführt, das zwischen dem Kirchhof und einer Seitengasse

gelegen war. Dietegen ging mit, um zu sehen, wo sie untergebracht würde.

Das war in einer offenen kleinen Vorhalle des Hauses, welche unmittelbar

an den Totengarten grenzte und von demselben durch ein eisernes Gitter

abgeschlossen war. Dort pflegte nämlich der Totengräber in der wärmeren

Jahreszeit seine Gefangenen einzusperren, während er sie über den Winter

einfach in die Stube nahm und mit einer leichten eisernen Kette an einen

Fuß des Ofens band.

Als aber Küngolt in ihrem Gefängnis war und sich nur durch ein

Eisengitter von den Gräbern der Toten getrennt sah, überdies in nächster

Nachbarschaft das alte Beinhaus bemerkte, das mit Schädeln und andern

Gebeinen angefüllt war, fing sie an zu zittern und bat flehentlich, man

möchte sie nicht da lassen, wenn es Nacht werde. Die Frau des

Totengräbers dagegen, welche eben einen Strohsack und eine Decke

herbeischleppte, auch eine Art Vorhang an dem Gitter anbrachte, sagte,

das könne nicht sein und der ernste Aufenthalt gereiche ihr nur zur

wohltätigen Buße für ihren sündigen Sinn.

Da sagte Dietegen: »Sei ruhig, ich fürchte mich nicht vor den Toten und

Gespenstern und will des Nachts so lange hieher kommen und vor dem

Gitter wachen, bis du dich auch daran gewöhnt hast!«

Das sagte er aber so zu ihr, daß die Frau es nicht hören konnte, und

begab sich hierauf nach Hause. Dort fand er den traurigen Forstmeister,

wie er sich eben mit Violanden verständigt hatte, daß sie ihre Hochzeit

erst halten wollten, wenn Küngolts Strafzeit vorüber und die schlimme

Sache einigermaßen ausgeglichen wäre. Violande hielt sich dabei

mäuschenstill, zufrieden, daß sie als die eigentliche Urheberin der

unglücklichen Hexerei und ihrer Folgen so gut davongekommen war. Bei dem

strengen Verhör, dem sie auch unterworfen gewesen, hat man ihrer

Aussage, daß sie jenen Liebestrank nur verwahrt, damit er nicht in

unrechte Hände gerate, zur Not geglaubt und sie entlassen.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 16 / 26 段