Doch Dietegen erwiderte ihre Unart nicht, gab ihr kein böses Wort und

war immer gleich geduldig und anhänglich. Das sah die Forstmeisterin mit

großem Wohlgefallen, und um ihn dafür zu belohnen, erzog sie den Knaben

wie ihr eigenes Kind, indem sie ihm alle jene zarteren und feineren

Zurechtweisungen und unmerklichen Leitungen gab, welche man sonst nur

dem eigenen Blute zukommen läßt und durch welche man ihm die schöne

Farbe herkömmlicher guter Sitte verleiht. Freilich hatte sie davon den

Gewinn, daß sie in dem Pflegling einen kleinen Sittenspiegel für das

mutwillige Mädchen schuf, und es war drollig anzusehen, wie die unruhige

Küngolt bald beschämt ihrem besseren Vorbild nachzuleben trachtete, bald

eifersüchtig und zornig auf dasselbe wurde. Einmal war sie so gereizt,

daß sie mit einer Schere leidenschaftlich nach ihm stach; Dietegen fing

rasch und still ihr Handgelenk, und ohne ihr weh zu tun, ohne einen

bösen Blick wand er die Schere sanft aber sicher aus ihrer Hand. Dieser

Auftritt, welchem die Mutter im verborgenen zugesehen, bewegte sie so

heftig, daß sie hervortrat, den Knaben in die Arme schloß und liebevoll

küßte. Still und bleich vor Aufregung ging das Mädchen hinaus. »Geh,

versöhne dich mit ihr und mach den Trotzkopf wieder gut!« sagte die

Mutter; »du bist ihr guter Engel!«

Dietegen suchte sie und fand sie hinter dem Hause unter einem

Holunderbaum; sie weinte wild und krampfhaft, zerriß ihre Halsschnur,

indem sie dieselbe zusammenzog, als ob sie sich erdrosseln wollte, und

zerstampfte die zerstreuten Glasperlen auf dem Boden. Als Dietegen sich

ihr näherte und ihre Hände ergreifen wollte, rief sie schluchzend:

»Niemand darf dich küssen, als ich! denn du gehörst mir allein, du bist

mein Eigentum, ich allein habe dich aus dem Sarge befreit, in dem du auf

ewig geblieben wärest!«

* * * * *

Da der Knabe gar stattlich heranwuchs, erklärte der Forstmeister eines

Tages, daß es nun Zeit für ihn sei, mit in den Wald zu gehen und die

Jägerkunst zu lernen. So wurde er von Küngolts Seite genommen und war

die meisten Tage vom Morgengrauen bis zur sinkenden Nacht mit den

Männern in den Wäldern, auf Moor und Heide. Erst jetzt reckten sich

seine Glieder aus, daß es eine Freude war; rasch und gelenksam wie ein

Hirsch gehorchte er auf den Wink und lief zur Stelle, wohin man ihn

schickte. Schweigsam und gelehrig war er überall zur Hand, trug die

Geräte, half die Netze stellen, sprang über Halden und Gräben und

erspähte den Stand des Wildes. Bald kannte er die Fährten aller Tiere,

wußte den Lockruf der Vögel nachzuahmen, und ehe man sich's versah, ließ

er ein junges Schwarzwild auf den Sauspieß rennen. Nun gab ihm der

Forstmeister auch eine Armbrust. Mit derselben übte er sich zu jeder

Stunde nach der Scheibe sowohl wie nach lebendigen Zielen, kurz, als

Dietegen sechzehn Jahre zählte, war er bereits ein junger Weidmann, den

man überall hinstellen durfte, und der Forstmeister sandte ihn schon

etwa allein hinaus, die Knechte anzuführen und die Stadtforste zu

überwachen.

Dietegen war daher nicht nur mit der Armbrust auf dem Rücken, sondern

auch mit dem Schreibzeug im Gürtel auf den Bergen zu sehen, und er

gereichte mit seinen wachsamen Augen, mit seinem frischen Gedächtnis

seinem Pflegvater zu guter Aushilfe. Da er sich nun so gut anließ,

gewann ihn der Forstmeister täglich lieber und sagte, er müsse ihm

gänzlich ein ehr- und wehrbarer Stadtmann werden.

Es war begreiflich, daß Dietegen dem Forstmeister mit Leib und Seele

anhing; denn nichts gleicht der Neigung eines Jünglings zu dem Manne,

von welchem er weiß, daß er ihm sein Bestes zuwenden und lehren will und

den er für sein untrügliches Vorbild hält.

Der Forstmeister war ein Mann von etwa vierzig Jahren, groß und fest,

von breiten Schultern und schönen Ansehens. Sein goldblondes Haar war

bereits von einem Silberschimmer überflogen, dagegen die Gesichtsfarbe

frisch gerötet und die blauen Augen groß, offen und voll Feuer. In

seiner Jugend war er denn auch der lustigste und wildeste der Seldwyler

gewesen, der stets die wunderlichsten Streiche angegeben; als er aber

seine junge Frau heimgeführt, änderte er sich augenblicklich und blieb

seit der Zeit der gesetzteste und ruhigste Mann von der Welt. Denn die

Frau war von äußerst zarter Beschaffenheit, von einer wehrlosen

Herzensgüte, und obgleich nicht unwitzig, hätte sie doch mit keinem

scharfen Worte einer Unbilde zu widerstehen vermocht. Eine rüstig

Streitbare würde den lebhaften Mann wahrscheinlich zu weiterem Tun

gereizt haben; gegen die anmutige Schwäche der zarten Frau aber benahm

er sich wie die wahre Stärke; er hütete sie wie seinen Augapfel, tat was

ihr Freude gewährte und blieb nach vollbrachtem Tagwerk ruhig an seinem

Herde.

Nur bei den wichtigsten Festlichkeiten der Stadt, des Jahres etwa

drei- oder viermal, ging er unter die Rät' und Bürger, führte dort mit

frischer Kraft den Reigen, und nachdem er die Alltagszecher einen um den

andern unter den Tisch getrunken, ging er als der letzte aufrecht von

der Ratsstube und stieg fröhlich in den Wald hinauf.

Aber die Hauptlustbarkeit ergab sich jedesmal am andern Tag, wenn ihm

dann doch der Kopf gelinde summte und der Mann mit einer halb

verdrießlichen, halb heitern Löwenlaune erwachte, welche sich in der Tat

zu dem kleinen Katzenjammer der heutigen verhielt, wie der Löwe zur

Katze. Zeitig in der hellen Morgensonne erschien er beim Frühstück, und

das Unwohlsein bezwingend, eröffnete er dasselbe mit einem mürrischen

Scherzworte, einem drolligen Einfall. Seine Frau, welche stets hungrig

nach den Witzen ihres sonst schweigsamen Mannes war, lachte sogleich

mit so hellem Geklingel, wie man hinter dem sanften Wesen nie gesucht

hätte; es lachten die Kinder, die Jäger und das Gesinde. Auf diese Art

ging es fort; unter allgemeinem Gelächter wurden die Geschäfte getan,

der Forstmeister immer voran, die Axt schwingend oder Lasten hebend. An

einem solchen Tage war einst Feuer in der Stadt ausgebrochen; über

brennenden Dächern ragte ein unzugängliches hölzernes Fachwerk, in

welchem eine vergessene alte Frau jammerte und auf deren Schulter ein

zahmer Star sich kläglich und drollig gebärdete. Niemand wußte ihr

beizukommen, als der Forstmeister zur Stelle kam. Der erklomm einen

Absatz an einer gegenüberstehenden hohen Mauer, zog mit gewaltiger Kraft

eine Leiter nach sich, schwenkte sie in der Luft und legte sie nach dem

Fenster der Verlassenen hinüber. Auf dieser Schwindelbrücke ging er hin

und schritt wieder herüber, das Weib auf den Armen, den Vogel auf dem

Kopfe und das leckende Feuer unter sich. Alles dies tat er wie zum

Scherze, mit launigen Ausdrücken und Bewegungen.

War dann ein tüchtiges Stück Arbeit getan, so bewirtete er sein Haus auf

das beste und hielt eine lustige Nachfeier mit den Seinen. Dabei war er

ungewöhnlich zärtlich gegen seine Frau, nahm sie wohl auf die Kniee, zum

großen Vergnügen der Kinder, und nannte sie sein Weißkehlchen und seine

Schwalbe, und sie, die Arme übereinandergelegt in selbstvergessener

Behaglichkeit, verwandte lachend kein Auge von ihm.

An einem solchen Tage war es auch, daß er einen Tanz veranstaltet, da es

gerade der erste Mai war. Er ließ einen Spielmann holen und einige junge

Leutchen aus der Stadt dazu laden. So wurde denn auf dem glatten Rasen

unter den blühenden Bäumen zunächst des Hauses zierlich getanzt, und der

Forstmeister eröffnete den Reigen mit seiner Frau, die sich bescheiden

geschmückt hatte, aber ihre feine Gestalt lächelnd herumdrehte. Da sah

auch Dietegen, welcher sich die letzten Jahre eifrig zu den Männern

gehalten, daß Küngolt ein schönes Weib zu werden begann. Ihr Gesicht,

von zarten und lieblichen Zügen, erinnerte an die Mutter; der Wuchs aber

artete dem Vater nach; denn sie schoß wie eine junge Tanne in die Höhe,

die Brustknochen waren so kühn gewölbt, daß sie trotz ihrer vierzehn

Jahre fast vollbusig schien; goldgelbes Ringelhaar fiel üppig über den

Rücken und verhüllte die noch eckigen aber schön und festgeformten

Schulterblätter. Sie ging grün gekleidet, trug um den bloßen Hals ihr

Bernsteinband und auf dem Haupte, gleich den andern Mädchen, nach

damaliger Sitte ein Rosenkränzchen. Ihre Augen leuchteten offen und

freundlich umher; aber unversehens blitzten sie einmal mutwillig auf und

streiften wie Pfeile über die Jünglinge hin, bis sie einen Augenblick

auf Dietegen ruhten und dann wieder weiter fuhren. Dietegen sah

unverwandt hin, sie flüchtig noch einmal zurück, worauf er den Blick

errötend niederschlug und Küngolt sich an ihrem Haar zu schaffen machte.

Das war das erste Mal, daß sie sich nicht mehr unbefangen ansahen; aber

bald darauf waren sie wieder in der Nähe und fanden sich Hand in Hand in

einem Ringreihen. Ein neues süßes Gefühl durchströmte ihn und verließ

ihn auch nicht mehr, als der Ring sich wieder löste. Küngolt aber ging

von ihm wie von einer Sache, die einem zu eigen gehört und deren man

sicher ist; nur zuweilen warf sie einen Blick über ihn, und wenn er etwa

in die Nähe anderer Mädchen geriet, war sie unversehens da und stand

dazwischen.

Dergestalt herrschte ein glückseliges Leben bis in die Nacht; die Jungen

wurden so munter und flügge wie die jungen Holztauben und taten es bald

dem lustigen Forstmeister zuvor, und dieser spiegelte sich wohlgemut in

dem fröhlichen Nachwuchs, gab aber vor allen seiner Frau die Ehre, deren

Wohlgefallen ihn höchlich zu erquicken schien, besonders da sie nun

anfing, ihm auch allerlei lustige Spitznamen anzuhängen. So ehrbar nun

all die Lustbarkeit war, so hätte sie doch der Bürger einer andern Stadt

vielleicht um ein kleines Maß zu warm befunden; der Würzwein, welchen

die Leutchen tranken, war untadelhaft gemischt, aber in ihnen selbst war

ein klein bißchen zu viel Zucker und in ihrer Freude um ein weniges zu

viel Süßigkeit. Die Hände der jungen Mädchen lagen fortwährend auf den

Schultern der Jünglinge und das Völkchen nahm sich auf den Schoß und

küßte sich gelegentlich, ohne ein Pfänderspiel vorzuschützen, wie die

heutigen Philister. Kurz, es fehlte ihnen das Glas und der Kristall

einer gewissen Sprödigkeit, mit welcher Dietegen dafür zu reichlich

gesegnet war als ein Abkömmling von Ruechenstein. Denn obgleich er

bereits verliebt war, floh er das Liebkosen, welches ziemlich allgemein

begonnen hatte, wie das Feuer und hielt sich vorsichtig außerhalb der

gefährlichen Linie. Desto kecker und zutulicher wurde Küngolt, welche in

kindlicher Unwissenheit, nach Art unerwachsener Mädchen, sich nicht

beherrschte, sondern den spröden Knaben aufsuchte, der im Schatten

dunkler Bäume saß, und sich neben ihn setzte, seine Hand ergreifend und

halb kindlich mit seinen Fingern spielend. Als er dies geschehen ließ

und ihr mit der Hand gönnerhaft und sanft, fast wie wenn er ihr Pate

wäre, durch das Ringelhaar fuhr, legte sie sogleich den Arm um seinen

Hals und liebkoste ihn mit der Unbefangenheit, aber auch mit all' dem

rückhaltlosen Ungestüm eines Kindes, während es doch schon die Jungfrau

in ihr war, die sie bewegte. Dietegen, der kein Kind mehr war, wollte

für beide Verstand brauchen und war ängstlich beflissen, sich aus ihren

Armen loszumachen, als die fröhlich erregte Forstmeisterin herbeikam und

mit Vergnügen die Kinder beisammen sah.

»Das ist recht, daß ihr auch zusammenhaltet,« sagte sie, indem sie beide

zumal in die Arme schloß, »sei nur dem Dietegen recht gut, mein Kind! er

verdient es, daß er eine Heimat nicht nur in unserem Hause, sondern auch

in deinem Herzchen behält; und du, Dietegen! sei meinem Küngoltchen

allezeit ein treuer Wächter und Beschützer und laß es nie aus deinen

Augen, denen ich alles Gute zutraue!«

»Er gehört niemand als mir, und das schon lange!« sagte Küngolt fast

trotzig und küßte ihn keck und leichthin auf die Wange, halb wie einen

Bräutigam und halb wie ein Kind ein junges Kätzchen küßt. Jetzt ward dem

armen Burschen zu heiß und unheimlich zwischen Tochter und Mutter; er

machte sich ziemlich unsanft von ihnen los und trat einige Schritte weit

hinweg, Küngolt verfolgte ihn mutwillig, und als er fliehend wieder in

die Nähe der hübschen Mutter kam, fing ihn diese scherzend auf, hielt

ihn fest und rief: »Hier hast du ihn, mein Töchterchen! Komm und halt'

ihn fest!«

Als er aufs neue so gefangen war, klopfte ihm das Herz vor großer

Aufregung, und indem er sich so wohl geborgen sah, empfand er erst recht

seine Einsamkeit in der Welt. Er kam sich vor wie eine vom Baume des

Lebens geschüttelte verlorene Seele, welche, von weichen Händen

aufgehoben und gepflegt, nun für immer des eigenen freien Daseins

beraubt wäre. Deshalb, wie nun das Gefühl der persönlichen Freiheit mit

der zärtlichen Zuneigung in ihm rang, stand er zitternd und schweigend,

halb in Empörung gegen die eigenmächtige Zutulichkeit der Frauen, halb

in Versuchung, das Mädchen ungestüm an sich zu ziehen und beim Kopf zu

nehmen. Er liebte die Mutter mit der treuesten und dankbarsten

Anhänglichkeit, aber ihre unbefangene Aufmunterung zum Kosen machte ihm

wunderlich und schwül zu Mute; er betrachtete sich als dem Töchterchen

ganz zu eigen gehörig; aber höchst ernsthaft war er um ihre gute Sitte

besorgt, und als ihn Küngolt nun heftig auf den Mund küssen wollte,

hielt er plötzlich die Hand dazwischen und sagte wohlwollend aber mit

dem Tone eines alten Schulmeisters: »Du bist noch zu jung zu diesem! Das

schickt sich nicht für dich!«

Das Mädchen wurde blaß vor Unmut und Beschämung; plötzlich ging sie

hinweg und mischte sich wieder unter die Gesellschaft, wo sie mit

zorniger Ausgelassenheit einigemal herumsprang und sich dann finster zur

Seite setzte. Die Forstmeisterin streichelte dem jungen Sittenprediger

lächelnd die Wange und sagte: »Ei du bist ja ein gar gestrenger Gespan!

Aber umso treuer wirst du um mein Kind sorgen! Versprich mir, es nie zu

verlassen! Sieh, wir sind alle ein lustiges Völklein und es mag sein,

daß wir zu wenig an die Zukunft denken!«

Dietegen gab ihr mit nassen Augen die Hand und sie führte ihn ebenfalls

zu den Leuten zurück. Doch Küngolt kehrte ihm schnöde den Rücken und

schaute mit wirklichem Kummer und Zorn in die Mainacht hinaus.

Wunderbar! Nun war das Kind auf einmal groß genug, dem spröden Jünglinge

Liebessorge zu machen; denn traurig und betreten stand er auch zur Seite

und war noch mehr beschämt als das Mädchen. »Was ist das? Was gibt's da

zu grämen?« sagte der vergnügte Forstmeister, als er es bemerkte, und

leidenschaftlich fing Küngolt an zu weinen und rief vor aller Welt: »Er

ist mir geschenkt worden von den Richtern, da er nichts als ein

Leichnam war, den ich zum Leben erweckt habe! Drum hat nicht er über

mich zu richten, sondern ich allein über ihn, und er muß tun alles, was

ich will, und wenn ich ihn gern küsse, so habe ich es allein zu

verantworten und er hat nur still zu halten!«

Alles lachte über diese wunderliche Äußerung; die Forstmeisterin aber

nahm den Dietegen bei der Hand, führte ihn zu dem Kinde hin und sagte:

»Komm! versöhne dich mit ihr und laß dich diesmal noch küssen! Nachher

sollst du auch deinen Willen haben und ihr Vorgesetzter sein in solchen

Sachen!« Errötend wegen der vielen Zuschauer bot Dietegen dem Mädchen

halbwegs den Mund hin; sie ergriff ihn herrisch bei den Locken, küßte

ihn, und nachdem sie noch einen Blick voll Zorn auf ihn geworfen, ging

sie so rasch und trotzig hinweg, daß der goldene Flug ihres Ringelhaares

in der Nachtluft wehte und Dietegens Gesicht im Vorübergehen streifte.

Jetzt glühte auch in ihm ein leidenschaftliches Wesen an; er verließ

bald nach ihr den Kreis und suchte die wilde Küngolt schnell und

schneller, bis er sie auf der andern Seite des Hauses fand, wie sie

träumerisch am Brunnen saß und mit der Bernsteinkette an ihrem Halse

spielte. Dort ergriff er ihre beiden Hände, preßte sie in seine rechte

Hand, faßte mit der linken ihre Schulter, daß das glänzende, noch

unvollkommene Gebilde unter seiner festen Hand zusammenzuckte, und sagte

hastig: »Höre, du Kind! Ich lasse nicht mit mir spielen! Von heut an

bist du so gut mein Eigentum, wie ich das deinige, und kein anderer Mann

soll dich lebendig bekommen! Daran denke, wenn du einst groß genug

bist!«

»O du großer und alter Mann!« sagte Küngolt leise lächelnd, indem sie

etwas erblaßte, »du bist mein und nicht ich dein! Aber das hat dich

nicht zu kümmern; denn ich werde dich wohl niemals fahren lassen!«

Damit stand sie auf und ging, ohne den Gespielen weiter anzusehen, um

das Haus herum.

Die gute Forstmeisterin aber erkältete sich in der kühlen Mainacht und

trug eine tödliche Krankheit davon, welcher sie in wenigen Monaten

erlag. Auf dem Totbette war sie sehr bekümmert um ihren Mann und um das

Kind; auch suchte sie hartnäckig die Ursache der Krankheit zu leugnen;

denn sie fühlte wohl, daß das nicht die rechte Todesart für eine

Hausmutter sei, die von Unvorsichtigkeit in der Freude herrührt.

Weil sie nun tot im Hause lag, waren alle sehr traurig und die ganze

Stadt bedauerte sie, da sie keinen einzigen Feind hatte. Der

Forstmeister selbst weinte des Nachts in seinem Bette; des Tages sprach

er kein Wort und ging nur ab und zu vor den Sarg und besah sich die

stille Leiche, worauf er kopfschüttelnd wieder wegging.

Er ließ einen schweren Kranz von jungem Tannengrün binden und legte ihn

auf den Sarg; Küngolt häufte noch ein Gebirge von Waldblumen darauf, und

dergestalt wurde die Leiche von der Höhe hinunter zur Kirche getragen,

gefolgt von den Verwandten und Freunden und den Jägerknechten.

* * * * *

Als sie in der kühlen Erde lag, führte der Forstmeister das

Leichenbegleit in die Herberge, wo er ein reichliches Totenmahl hatte

anrichten lassen. Das Wildbret dazu, einen Rehbock und zwei prächtige

Auerhähne, hatte er eigenhändig geschossen, voll Schmerz über seinen

Verlust, und als die schön gefiederten Vögel nun auf dem Tische

prangten, gedachte er abermals des hohen Bergwaldes, in welchem sie

gesessen und welchen er in den jungen Jahren seiner Liebe so oft

durchstreift hatte, das Bild der Toten im Sinne tragend. Doch durfte

der Forstmeister nicht lange solchen Gedanken nachhängen; denn als der

Claret und der Malvasier nun kredenzt und die Tafel mit einem großen

Korbe voll vermischten Zuckerwerkes überschüttet wurde, belebten sich

die Gäste und der Traueranlaß war bald von einem Taufmahle nicht mehr zu

unterscheiden.

Der Forstmeister saß zwischen Küngolt und Dietegen, die sich wegen

seiner großen Gestalt nicht sehen konnten, ohne sich vornüberzubeugen

oder hinter ihm durch, und dies mochten sie nicht tun, da sie allein in

der erwachenden Fröhlichkeit traurig und ernst blieben. Ihm gegenüber

saß eine Person von vielleicht bald dreißig Jahren, eine Base des

Forstmeisters Namens Violande. Diese Dame fiel auf wegen ihrer

ausgesuchten, sonderbaren Kleidung, welches nicht die Kleidung einer

Zufriedenen und Glücklichen, sondern eher einer Unruhigen und

Hohlherzigen zu sein schien. Sie war schön und wußte anmutig zu blicken,

wenn nicht gerade etwas unselig Verlogenes und Selbstsüchtiges über ihr

Wesen zuckte.

Als vierzehnjähriges Mädchen schon war sie in den nachmaligen

Forstmeister verliebt gewesen, weil er just der größte und schönste

junge Mann war unter denen, die ihr zu Gesicht kamen. Er merkte aber

nichts von dieser frühen Leidenschaft, da er überhaupt auf das kleine

Bäschen nicht achtete und seinen Sinn mehr auf erwachsene Personen

richtete, die ihm gefielen. Voll Neid und Eifersucht und ebenso schon

voll Ränke wußte das junge Wesen nun zwei oder drei Liebesverhältnisse

des Forstmeisters zu zerstören, indem es durch fast unbemerkbare

Zwischenträgereien die Dinge entstellte und verwirrte. Wenn er eine

Schöne zu gewinnen im Begriffe war, so erfand und verbreitete das

verschlagene Kind unter der Hand ganz unbefangen Züge und Tatsachen,

woraus hervorzugehen schien, daß er eigentlich die in Rede stehende

Person gar nicht leiden könne, vielmehr eine andere im Auge habe und

überhaupt ein hinterlistiger und verstellter Mensch sei. So wußte er

wiederholt nicht, wie es kam, daß die, welche er liebte, sich plötzlich

und mißtrauisch von ihm abwandte, während eine andere, an die er nie

gedacht, ihn unversehens mit ihrer Gunst beehrte und, einmal im Zuge,

nicht mehr nachließ, bis er mit ihr im Gerücht war. Dann pflanzte er in

Ungeduld und Verwirrung die eine wie die andere hin und ergab sich auf

kurze Zeit der Freiheit. Auf diese Weise verdarb ihm, obgleich er ein

schöner und tüchtiger Gesell war, alles, bis er an die nun verstorbene

Forstmeisterin geriet. Diese hielt ihn fest, da sie so ehrlich war wie

er selbst und alle Künste der kleinen Hexe waren vergeblich, ja sie

bemerkte dieselben nicht einmal, weil sie nur auf die Augen des

Geliebten sah. Hiefür war er ihr auch dankbar und treu geblieben und

hielt sie für eine teure Errungenschaft, so lang sie lebte.

Violande dagegen, als sie den Mann endlich versorgt sah, übte die

erworbenen Geschicklichkeiten, um sie nicht brach liegen zu lassen, nun

auch anderwärts aus, und je älter sie wurde, mit desto mehr Einsicht und

Erfolg, aber ohne Glück für sie selber; denn sie blieb unverheiratet und

die Männer, welche sie ihren Freundinnen abspenstig machte, wendeten

sich deswegen nicht zu ihr, da sie eher Haß und Verachtung für sie

empfanden. Da wandte sie sich dem Himmel zu und sagte, sie wolle eine

Nonne werden; doch überlegte sie sich das Ding noch in der letzten

Stunde und trat statt in ein Kloster in ein solches Ordenshaus, aus

welchem sie allenfalls wieder herausgehen, und sogar noch heiraten

konnte. Sie verschwand nun aus den Augen der Leute, da sie von einem

Haus ins andere in verschiedenen Städten herumzog und nirgends Ruhe

fand. Plötzlich, als die Forstmeisterin auf dem Krankenbette lag,

erschien sie wieder in weltlicher Tracht zu Seldwyla, und so fügte es

sich, daß sie am Totenmahle dem trauernden Witwer gegenübersaß.

Sie bezwang ihre Unruhe und sah manche Augenblicke bescheiden und

kindlich aus, und als die Frauen sich erhoben und unter sich

umhergingen, während die zechenden Männer am Tisch blieben, ging sie auf

Küngolt zu, küßte sie und schloß Freundschaft mit ihr. Das Mädchen

fühlte sich geehrt durch diese Annäherung einer halbgeistlichen Frau,

die weit herumgekommen war und voll Weltkenntnis schien; sie führten

sogleich ein langes und vertrautes Gespräch, als ob sie seit Jahren

bekannt wären, und beim allgemeinen Aufbruch bat Küngolt ihren Vater, er

möchte Violanden in sein Haus berufen, dasselbe zu besorgen, denn sie

selbst fühle sich noch zu jung und unerfahren dazu. Der Forstmeister,

dessen Stimmung jetzt aus einer wunderbaren Mischung von Trauer und

Weinlaune bestand und dessen Gedanken weit abwesend bei der Toten waren,

gab ohne weiteres Nachdenken seine Zustimmung, obgleich er sich nicht

viel aus der Base machte und sie für eine schnurrige Person hielt.

Sie zog also in den nächsten Tagen ins Forsthaus und stellte sich mit

gutem Anstand und nicht ohne Rührung an dessen Herd, an welchem ihr

endlich, nach langem Irrsal, die Wünsche ihrer frühsten Jugend in ruhige

Erfüllung zu gehen schienen. Sie öffnete bescheiden die Schränke ihrer

Vorgängerin und sah das Linnen und die Vorräte wohlgeordnet und im

tiefen Frieden liegen; zierlich gereiht sah sie die Töpfe und die

Kessel, die Krüge und die Büchsen und lauschig hingen die Flachsbüschel

unter dem Dache. In diesem Frieden ließ sie alles ein paar Wochen

bestehen; dann aber begann sie allmählich die kleinen Töpfe zwischen die

großen zu stellen, die Leinwand durcheinander zu werfen, den Flachs zu

zerzausen, und bis sie damit zu Ende war, hatte sie auch die

menschlichen Dinge im Hause in beginnende Unordnung gebracht.

Da sie beabsichtigte, endlich doch noch des Forstmeisters Frau zu

werden, um sich wenigstens zu versorgen, so galt es vor allem, sein Kind

und den jungen Dietegen, deren Lage sie bald inne geworden, auseinander

zu bringen und für immer zu trennen. Denn sie dachte richtig, daß

Dietegen, wenn er das Mädchen zur Frau bekäme, als des Forstmeisters

Nachfolger im Hause bleiben und dieser, bei seiner Anhänglichkeit an

seine tote Frau, dann nicht mehr heiraten würde, was dagegen leichter

geschehen dürfte, wenn beide Kinder fort kämen und er sich in seinem

Hause vereinsamt sähe.

Wie nun Küngolt mit jedem Tage zusehends sich entwickelte und schöner

wurde, weckte sie in ihr das frühzeitige Bewußtsein dieser Schönheit und

den Geist einer wenn auch noch kindischen Buhlsucht, indem sie, ohne daß

es jemand merkte, das Mädchen mit wenigen Worten zu allen jungen Leuten

in ein befangenes Verhältnis zu bringen wußte, so daß das Kind jeden

drum ansehen lernte, ob er seine Schönheit auch fühle und anerkenne, und

hinwieder jeder vermeinte, er sei dem jungen hübschen Mädchen besonders

ins Auge gefallen.

Dann zog Violande noch andere junge Frauenzimmer herbei, daß da öfter

gute Kompanie beisammen war und unter ihrer Führung immer gelinde

courtoisiert wurde.

So kam es, daß Küngolt, noch ehe sie völlig sechzehn Jahre zählte, schon

einen Kreis unruhiger Gemüter um sich versammelt sah.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 15 / 26 段