Die Begrüßung war denn auch befangen genug und man war allerseits froh,

bald am Tische zu sitzen und die Verlegenheit mit Essen und Trinken zu

vertreiben. Die Seldwyler fanden zuerst ihre natürliche Heiterkeit

wieder und zwar durch die Bewunderung des reichen Tafelzeuges. Dies

gefiel den Ruechensteinern nicht übel und sie schickten sich eben an,

ein steifes Gespräch zu führen, als die Sache eine Wendung nahm, die sie

sich nie geträumt hätten. Denn die Seldwyler, welche ihre Augen

gebrauchten, entdeckten alsobald die heitern und anmutigen Darstellungen

der gewirkten Decken sowohl, wie der Trinkgeschirre, ließen die Blicke

voll lachenden Vergnügens über die freien und üppigen Szenen schweifen,

machten sich gegenseitig aufmerksam und wußten scherzend und zierlich

das Dargestellte zu deuten und zu benennen, und die Damen hielten sich

so wenig zurück, als die Herren. Dies dünkte die Wirte und Wirtinnen

doch etwas kindisch und sie sahen jetzt auch näher zu, was denn da so

lustig zu betrachten wäre. Wie vom Himmel gefallen, erstarrten sie mit

offenem Munde! Sie hatten in ihrem beschränkten Sinne all die

Herrlichkeit noch gar nie genauer beschaut und Zierat schlechtweg für

Zierat genommen, der seinen Dienst zu tun habe, ohne daß ernsthafte

Leute ihn eines schärferen Blickes würdigen. Nun sahen sie mit

Entsetzen, welch eine heidnische Greuelwelt sie dicht unter ihren

ehrbaren Augen hatten. Aber sie waren empört über die neugierige und

ungezogene Art, mit welcher die Seldwyler den unbedeutenden Tand ans

Licht zogen, anstatt gesetzt und würdig darüber wegzusehen und nur die

Kostbarkeit der Stoffe zu bewundern. Die Herren lächelten sauer und

mißvergnügt, wenn hier eine Leda und dort eine Europa entdeckt wurde;

die Frauen aber erröteten und wurden blaß vor Zorn, und sie waren eben

daran, entrüstet aufzubrechen, als der traurige Klang einer Glocke sie

plötzlich beruhigte. Es war das Armensünderglöckchen von Ruechenstein;

ein dumpfes Geräusch auf der Straße verkündete, daß der junge Dietegen

jetzt zum Galgen hinausgeführt werde. Die ganze Tischgesellschaft erhob

sich und eilte an die Fenster, wobei die Ruechensteiner ihren

aufgeräumten Gästen mit hämischem Lächeln den Platz frei ließen.

Ein Pfaffe, ein Henker mit seinem Knecht, einige Gerichtspersonen und

Scharwächter zogen vorbei und an ihrer Spitze ging der gute Dietegen

barfuß und nur mit einem weißen, schwarzgesäumten Armensünderhemde

bekleidet, die Hände auf den Rücken gebunden und vom Henker an einem

Stricke geführt. Das schöne Haar fiel ihm auf den glänzenden bloßen

Nacken, verwirrt und flehend sah er, wie Hilfe und Erbarmen suchend, an

die Häuser hinauf. Unter dem Portale des Rathauses standen die festlich

geputzten Knaben und Mädchen der Seldwyler, welche nach Kinderart vom

Tische gesprungen und ins Freie geeilt waren. Als der arme Sünder diese

hübschen und glücklichen Kinder erblickte, dergleichen er noch nie

gesehen, wollte er vor ihnen stehen bleiben und die Tränen liefen ihm

heiß über die Wangen; doch der Henker stieß ihn vorwärts, daß der Zug

vorüberging und bald verschwand. Die Seldwylerinnen oben erblaßten und

auch ihre Männer faßte ein tiefes Grauen, da sie überhaupt nicht

Liebhaber von dergleichen Vorgängen waren. Es ward ihnen unheimlich bei

diesen Menschen, so daß sie dem Drängen ihrer Frauen, welche fort

wollten, nachgaben, und sich, so höflich sie konnten, beurlaubten. Die

Ruechensteiner dagegen waren mit dem Trumpf, welchen sie ausgespielt,

zufrieden und fast heiter geworden; sie führten daher ihre werten Gäste,

wie sie sagten, guter Dinge wieder zum Tore hinaus, galant und

gesprächig.

Vor dem Tore stieß der Zug auf die zurückkehrenden Richtmenschen, welche

mürrisch vorbeigingen. Gleich darauf folgte ein einzelner Knecht, der

einen Karren vor sich her stieß, auf welchem der Gerichtete in einem

schlechten Sarge lag. Scheu und ehrerbietig hielt der arme Teufel an und

stellte sich zur Seite, um die glänzenden Leute vorüberziehen zu lassen,

und er rückte den losen Sargdeckel zurecht, welcher stets herabzufallen

und den Gehängten zu enthüllen drohte. Nun war unter den Kindern der

Seldwyler ein siebenjähriges Mädchen, keck, schön und lockig, das hatte

nicht aufgehört zu weinen, seit es den Knaben hatte dahinführen sehen,

und konnte nicht getröstet werden. Wie der Zug jetzt an dem Karren

vorbeiging, sprang das Kind wie ein Blitz hinzu, stieg auf das Rad und

warf den Deckel hinunter, so daß der leblose Dietegen vor aller Augen

lag. In demselben Augenblicke schlug er die Augen auf und tat einen

leisen Atemzug; denn er war in der Zerstreuung des Tages schlecht

gehenkt und zu früh vom Galgen genommen worden, weil die Beamteten noch

etwas von der Mahlzeit zu erschnappen gedachten. Das heftige Mädchen

schrie laut auf und rief: »Er lebt noch! er lebt noch!« Sogleich

drängten sich die Frauen von Seldwyla um den Sarg, und als sie den

schönen erbleichten Knaben sich regen sahen, bemächtigten sie sich

seiner, nahmen ihn vom Karren und riefen ihn vollends ins Leben zurück,

indem sie ihn rieben, mit Wasser besprengten, ihm Wein einflößten und

ihn auf jede Weise pflegten. Die Männer unterstützten sie dabei, während

die Herren Ruechensteiner ganz betroffen umherstanden und nicht wußten,

was sie tun sollten. Als der Knabe endlich wieder auf den Füßen stand

und sich umschaute, wie wenn er im Paradies erwacht wäre, erblickt' er

plötzlich den Henkersknecht, der ihm den Strick umgelegt hatte, und

entsetzt, daß auch dieser, wie er meinte, mit in den Himmel gekommen

sei, flüchtete und drängte er sich aufs neue in die Frauen hinein.

Gerührt baten diese die gestrengen Nachbarn, daß sie ihnen den Buben

schenken möchten, zum Zeichen guter Freundschaft; die Männer stimmten

ihnen bei und die Ruechensteiner, nachdem sie eine Weile geratschlagt,

erklärten, daß sie nichts dagegen einzuwenden hätten, wenn sie den

kleinen Sünder mitnähmen, und daß er ihnen, wie er da wäre, geschenkt

sein solle samt seinem Leben. Da waren die hübschen Frauen und ihre

Kinder voll Freuden, und Dietegen zog, wie er war, in seinem

Armensünderhemde mit ihnen davon. Es war aber ein schöner Sommerabend,

weswegen, als die Seldwyler auf der Höhe des Berges und auf ihrem

Gebiete angekommen waren, sie beschlossen, sich hier in dem abendlichen

Sommerwalde auf eigene Rechnung zu belustigen und von dem gehabten

Schrecken zu erholen, zumal ihnen aus ihrer Stadt noch ein ansehnlicher

Zuzug entgegenkam, voll Neugierde, wie es ihnen ergangen sei. So mußten

denn die Musikanten wieder aufspielen und die mitgeführten Becher

kreisten erst jetzt in voller Fröhlichkeit.

Dietegen blickte so glückselig, neugierig und harmlos umher, daß man von

weitem sah, daß das ein unschuldiges Kind war, was seine Erzählung auch

bestätigte. Die Seldwylerinnen konnten sich nicht satt an ihm sehen,

flochten ihm einen Kranz von Laub und Waldblumen auf den Kopf, daß er in

seinem langen weiten Hemde gar lieblich aussah, und endlich küßten sie

ihn der Reihe nach, und wenn ihn die letzte aus den Armen ließ, nahm

ihn die erste wieder beim Kopf.

Aber jenes kleine Mädchen, welches den Dietegen eigentlich gerettet

hatte, trat jetzt plötzlich aus der Menge hervor und stellte sich zornig

zwischen den Knaben und die Frau, welche ihn eben küssen wollte; es nahm

ihn eifrig bei der Hand, um ihn in den Kreis der Kinder zu führen, so

daß die Gesellschaft in neue Heiterkeit ausbrach und rief: »So ist es

recht! die kleine Küngolt hält ihre Eroberung fest! und Geschmack hat

sie auch, seht nur, wie gut das Männchen zu ihr paßt!« Küngolts Vater

aber, der Forstmeister der Stadt, sagte: »Der Bub gefällt mir wohl, er

hat sehr gute Augen! Wenn es den Herren recht ist, so nehme ich ihn

einstweilen bei mir auf, da ich doch nur ein Kind habe, und will sehen,

daß ich einen ehrlichen Weidmann aus ihm mache!«

Dieser Vorschlag erhielt den Beifall der Seldwyler, und so ließ Küngolt,

wohl zufrieden, ihren Dietegen nicht mehr von der Hand, sondern hielt

ihn fest bei sich. Das Pärchen nahm sich in der Tat höchst anmutig aus;

auch das Mädchen trug einen üppigen Kranz auf dem Köpfchen und war in

Grün und Rot gekleidet. Deshalb gingen sie wie ein Bild aus alter

Märchenzeit vor dem fröhlichen Volke her, als dieses endlich beim

glühenden Abendrot berghinunter heimwärts zog. Bald jedoch trennte sich

der Forstmeister von dem Zuge und ging mit den Kindern seitwärts nach

seinem Forsthause, welches unweit der Stadt im Walde lag. Ein dunkler

Baumgang führte zu dem Hause, in welchem die stille Frau des Försters

saß und mit Erstaunen die Kinder eintreten sah. Sogleich sammelte sich

auch das Gesinde, und während die Frau den müden Kindern zu essen gab,

erzählte der Mann das Abenteuer mit dem Knaben. Der war aber jetzt

gänzlich erschöpft, auch fror es ihn in seiner allzuleichten Tracht;

daher wurde herumgefragt, wer den Ankömmling für die erste Nacht in

seinem Bette aufnehmen wolle? Aber die Knechte, sowie die Magd wichen

scheu zurück und hüteten sich, ein Kind zu berühren, das soeben am

Galgen gehangen hatte. Da rief Küngolt eifrig: »Er soll in meinem

Bettchen schlafen, es ist groß genug für uns beide!« Als hierüber alles

lachte, sagte die Forstmeisterin freundlich: »Das soll er, mein Kind!«

Und den Jungen liebevoll betrachtend, setzte sie hinzu: »Gleich als der

arme Schelm hereintrat, befiel mich eine sonderbare Ahnung, als ob ein

guter Engel erschiene, der uns noch zum Heil gereichen würde. Soviel ist

sicher nach meinem Gefühle: Unheil wird er uns nicht bringen!«

Damit führte sie die Kinder in das Kämmerchen neben der großen Stube und

beförderte sie zu Bette. Dietegen, welcher kaum mehr sah und hörte, was

um ihn vorging, machte die gewohnten Bewegungen, um sich zu entkleiden;

da er aber sozusagen schon im Hemde war, so machten seine

schlaftrunkenen vergeblichen Versuche einen so komischen Eindruck auf

das Mädchen, welches inzwischen schon unter die Decke geschlüpft war,

daß es vor Vergnügen laut auflachte und rief: »O seht mir den

Hemdlemann! Er will sich immer ausziehen und hat doch weder Wämschen

noch Stiefelchen an!« Auch die Mutter mußte lächeln und sagte: »Geh in

Gottes Namen nur in deinem Armensünderhemdchen zu Bett, du lieber

Schelm! Es ist ja ganz neu und dazu von guter Leinwand! Wahrlich, die

bösen Leute zu Ruechenstein betreiben ihre Greuel wenigstens mit einem

gewissen Aufwand!«

Damit deckte sie die Kinder behaglich zu und konnte sich nicht

enthalten, beide zu küssen, so daß nun Dietegen herrlicher aufgehoben

war, als er es sich noch am Morgen oder je in seinem Leben geträumt

hätte. Aber seine Augen waren schon geschlossen und seine Seele in

tiefem Schlafe. »Nun hat er aber gar nicht gebetet!« sagte Küngolt

halblaut und bekümmert, worauf die Mutter erwiderte: »So bete du auch

für ihn, mein Kindchen!« und in die Stube zurückging. In der Tat sprach

das Mädchen nun zwei Vaterunser, eines für sich und eines für seinen

Schlafkameraden, worauf es still wurde im dunklen Kämmerlein.

Geraume Zeit nach Mitternacht erwachte Dietegen, weil nun erst ihn sein

Hals zu schmerzen begann von dem unfreundlichen Strick. Das Gemach war

ganz hell vom Mondschein, aber er konnte sich durchaus nicht entsinnen,

wo er war und was aus ihm geworden sei. Nur das erkannte er, daß es ihm,

vom Halsweh abgesehen, unendlich wohl ergehe. Das Fenster stand offen,

ein Brunnen klang lieblich herein, die silberne Nacht webte flüsternd in

den Waldbäumen, über welchen der Mond schwebte: alles dies schien ihm

unbegreiflich und wunderbar, da er noch nie den Wald, weder bei Tag noch

bei Nacht, gesehen hatte. Er schaute, er horchte, endlich richtete er

sich auf und sah neben sich Küngoltchen liegen, welcher der Mond gerade

ins Gesicht schien. Sie lag still, aber ganz wach, weil sie vor Freude

und Aufregung nicht schlafen konnte. Deshalb glänzten ihre Augen weit

geöffnet und ihr Mund lächelte, als ihr der nahe Dietegen ins Gesicht

schaute und sich nun besann. »Warum schläfst du nicht? Du mußt

schlafen!« sagte das Mädchen; allein er klagte nun, daß ihm der Hals weh

täte. Sogleich schlang Küngolt ihre zarten Ärmchen um seinen Hals und

schmiegte mitleidig ihre Wangen an die seinigen, und wirklich glaubte er

bald nichts mehr von dem Schmerze zu verspüren, so heilsam schien ihm

dieser Verband. Nun plauderten sie halblaut; Dietegen mußte von sich

erzählen; allein er war einsilbig, weil er nicht viel zu sagen wußte,

was ihn freute, und vom erlebten Elend konnte er keine Darstellung

machen, weil er noch keinen Gegensatz davon kannte, den heutigen Abend

ausgenommen. Doch fiel ihm plötzlich sein Vergnügen mit der Armbrust

ein, das er seither ganz vergessen, und er erzählte von dem alten Juden,

wie der ihn in die Tinte gebracht, wie er aber herrlich geschossen habe

länger als eine Stunde, und wie er sich nur wieder eine solche Armbrust

wünsche. »Armbrüste und Schießzeug hat mein Vater genug, da kannst du

gleich morgen anfangen zu schießen, so viel du willst!« sagte

Küngoltchen, und nun fing sie an herzuzählen, was alles für gute Dinge

und schöne Sachen im Hause seien, was sie selbst für Hauptsachen in

einer kleinen Truhe besitze, zwei goldene Regenbogenschüsselchen, ein

Halsband von Bernstein, ein Legendenbüchlein mit bunten Heiligen und

auch einen schönen Schnecken, in welchem eine kleine Muttergottes sitze

in Gold und roter Seide, mit einem Glasscheibchen bedeckt. Auch gehöre

ihr ein vergoldeter silberner Löffel mit einem gewundenen Stiel, mit dem

dürfe sie aber erst essen, wenn sie einst groß sei und einen Mann habe;

dann bekomme sie zur Hochzeit den Brautschmuck ihrer Mutter und deren

blaues Brokatkleid, welches ganz allein aufrecht stehen könne, ohne daß

jemand drin stecke. Hierauf schwieg sie ein Weilchen; dann ihren

Schlafgesellen fester an sich schließend, sagte sie leiser: »Du,

Dietegen!« »Was?« fragte er, und sie erwiderte: »Du mußt mein Mann

werden, wenn wir groß sind, du gehörst mein! Willst du freiwillig?« »Ja

freilich,« sagte er. »So gib mir die Hand darauf!« meinte die

Heiratslustige; er tat es, und nach diesem Eheversprechen schliefen sie

endlich ein und erwachten nicht, bis die Sonne schon hoch am Himmel

stand. Denn die gute Mutter hatte absichtlich, um dem Knaben seine

Erholung zu gönnen, auch ihr Kind nicht geweckt.

Jetzt aber trat sie sorglich in die Kammer, ein vollständiges

Knabengewand auf dem Arme tragend. Vor zwei Jahren war ihr von einer

gefällten Eiche ein Sohn erschlagen worden, dessen Kleider, obgleich er

ein Jahr älter gewesen als Dietegen, diesem recht sein mochten, da er

vollkommen die Größe jenes verlorenen Kindes besaß. Es war das

Feiertagskleid, welches sie mit Leid und Weh aufbewahrt; darum war sie

mit der Sonne aufgestanden, um einige bunte Bänder davon abzutrennen,

welche dasselbe zierten, und die Schlitze zuzunähen, die das seidene

Unterfutter durchschimmern ließen. Ihre Tränen waren über dieser Arbeit

wieder geflossen, als sie die rote Seide, welche wie ein verlorener

Frühling hervorglänzte, allmählich hinter dem schwarzen Tuche des

Wämschens und der kleinen Pumphose verschwinden sah. Aber ein süßer

Trost beschlich sie, da ihr das Schicksal jetzt ein so schönes, dem Tod

abgejagtes Menschenkind zusandte, welches sie mit der dunklen Hülle

ihres eigenen Kindes bekleiden konnte, und sie ließ nicht nur aus Eile,

sondern absichtlich die helle Seide darunter, wie das verborgene Feuer

ihres eigenen Herzens; denn sie meinte es viel besser und lieblicher mit

allen Wesen, als sie in ihrer Stille zu zeigen vermochte. Wenn der Junge

sich gut anließ, so wollte sie die Schlitze wieder auftrennen; er sollte

das Kleid ohnehin nur einige Tage für die Woche tragen, bis ein

handfesteres Werkelkleid gezimmert war. Während sie aber dem Knaben

Anleitung angab, das ungewohnte Staatskleid sich anzuziehen, war

Küngoltchen längst aus dem Bette und hatte unversehens das abgelegte

Galgenhemd erwischt und aus Mutwillen sich über den Kopf gezogen, so daß

sie jetzt darin herumspazierte und es auf dem Boden nachschleppte. Dazu

trug sie die Hände auf dem Rücken, wie wenn sie gebunden wären, und

sang: »Ich bin ein armes Sünderlein und habe keinen Strumpf am Bein!«

Darüber erschrak die Frau Forstmeisterin tödlich und erbleichte. »Um

Christi willen,« sagte sie dennoch sanft und leise, »wer lehrt dich nur

solche schlimmen Späße!« und sie nahm dem vergnügten Kind das böse Hemd.

Dietegen aber ergriff es voll Zorn und zerriß es mit wenig Zügen in

zwanzig Stücke.

Nun die Kinder angekleidet waren, ging es endlich zum Frühstück in die

Stube. Es war in der Frühe Brot gebacken worden, daher gab es frische

Kümmelkuchen zu der Milchsuppe, und statt des kleinen Extrabrötchens,

das sonst für Küngolt sorglich gebildet und gebacken werden mußte, daß

es in seiner Gestalt den großen Broten gleich sah, waren heute zwei

gemacht worden, und das Mädchen ruhte nicht, bis Dietegen das

vollkommenere gewählt hatte. Er aß ohne Schüchternheit alles, was man

ihm gab, wie wenn er von fremden bösen Leuten in das Vaterhaus

zurückgekommen wäre. Aber er war ganz still dabei und besah sich

fortwährend die freundliche milde Frau, die helle Stube und die

stattlichen Geräte; als er gegessen, setzte er diese Betrachtungen fort,

denn die Wände waren mit Tannenholz getäfert und mit buntem Blumenwerk

übermalt und in den Fenstern glänzten zwei gemalte Scheiben mit den

Wappen des Mannes und der Frau. Als er auch das Büfett mit dem blanken

Zinngeschirr aufmerksam beschaut, erinnerte er sich plötzlich des

schmutzigen Silberkännchens, das ihn ins Unglück gebracht, und der

unfreundlichen Bettelvogtswohnung, und in der Meinung, er müsse wieder

dahin zurückkehren, sagte er ängstlich: »Muß ich jetzt wieder nach Haus

gehen? Ich weiß den Weg nicht!«

»Den brauchst du auch nicht zu wissen,« sagte die Mutter gerührt und

streichelte ihm das Kinn; »hast du noch nicht gemerkt, daß du bei uns

bleiben mußt? Geh jetzt mit ihm herum, Küngoltchen, und zeig ihm das

Haus und den Wald und alles, aber geht nicht zu weit!«

Da nahm ihn Küngoltchen bei der Hand und führte ihn in des Forstmeisters

Kammer, wo er seine Waffen bewahrte. Sechs oder sieben schöne Armbrüste

hingen dort, ferner Jagdspieße, Hirschfänger, Weidmesser und Dolche;

auch des Forstmeisters langes Schwert stand in einer Ecke. Dietegen

beschaute alles, ohne ein Wort zu sprechen, aber mit glänzenden Augen;

Küngolt stieg auf einen Stuhl, um ihm die Armbrüste herunter zu reichen,

von denen einige mit eingelegter Arbeit künstlich verziert waren. Er

bewunderte alles mit ehrerbietigen Blicken, wie etwa ein talentvoller

Junge sich in der Werkstatt eines großen Malers umsieht, während dieser

nicht zu Hause ist. Küngolts Versprechen, eine Schießbelustigung

anzustellen, konnte freilich nicht ausgeführt werden, weil die Bolzen in

einem Kasten verschlossen waren; dafür gab sie ihm einen schönen kurzen

Spieß in die Hand, damit er eine Waffe trage, und führte ihn nun in den

Forst hinaus. Zunächst kamen sie durch einen eingehegten Wildgarten, in

welchem die Stadt zahmes Rotwild pflegen ließ, damit es ja nie an einem

guten Braten fehle zu ihren öffentlichen Schmausereien. Das Mädchen

lockte einen Hirsch herbei und einige Rehe; solche Tiere hatte Dietegen

bisher nur tot gesehen; er stand deshalb ganz verzückt mit seinem Spieß

auf der Schulter und konnte sich nicht satt schauen an dem Stehen und

Gehen des schönen Wildes. Begierig streckte er die Hand aus nach dem

stolzen Hirsch, um ihn zu streicheln, und als derselbe mit einem Satze

seitwärts sprang und lässig davontrabte, lief er ihm aufjubelnd und

jauchzend nach und sprang mit ihm in die Wette im weiten Kreise herum.

Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, daß er auf diese Weise

seine Glieder brauchte und seiner Lebenslust inne ward, und der Hirsch,

voll Anmut und Kraft, schien den behenden Knaben zu seinem Vergnügen zu

verlocken und, indem er vor ihm floh, seine schönsten Sprünge zu üben.

Doch Dietegen wurde wieder still und beschaulich, als sie den Hochwald

betraten, in welchem die Tannen und die Eichen, die Fichten und die

Buchen, der Ahorn und die Linde dicht ineinander zum Himmel wuchsen. Das

Eichhörnchen blitzte rötlich von Stamm zu Stamm, die Spechte hämmerten,

hoch in der Luft schrieen die Raubvögel und tausend Geheimnisse

rauschten unsichtbar in den Laubkronen und im dichten Gestäude. Küngolt

lachte wie närrisch, weil der arme Dietegen nichts von allem verstand

und kannte, obgleich er in einem Berg- und Waldstädtchen aufgewachsen,

und sie wußte ihm alles geläufig zu weisen und zu benennen. Sie zeigte

ihm den Häher, der hoch in den Zweigen saß, und den bunten Specht, der

eben um einen Stamm herumkletterte, und über alles wunderte er sich

höchlich, und daß die Bäume und Sträucher so viele Namen hatten. Nicht

einmal die Haselnuß und die Brombeersträucher hatte er gekannt. Sie

kamen an einen rauschenden Bach, in welchen, von ihren Füßen

aufgescheucht, eben eine Schlange schlüpfte und davonschwamm oder sich

in den Steinen verkroch. Schnell riß sie ihm den Spieß aus der Hand und

wollte damit in dem Wasser herumstechen, um die Schlange aufzustöbern.

Aber als Dietegen sah, daß sie die blankgeschliffene schöne Waffe

mißhandeln wollte, nahm er ihr dieselbe stracks wieder aus den Händen

und machte sie aufmerksam, wie sie die glänzende scharfe Spitze an den

Steinen verderben würde. »Das ist wohlgetan von dir, du wirst gut zu

brauchen sein!« sagte plötzlich der Forstmeister, der mit einem Knechte

hinter den Kindern stand. Sie hatten ihn wegen des Bachgeräusches nicht

kommen hören. Der Knecht trug einen geschossenen Auerhahn an der Hand,

denn sie waren in der Morgenfrühe schon ausgezogen. Dietegen durfte den

prächtigen Vogel an seinen Spieß hängen und über der Schulter

vorantragen, daß die entfächerten Flügel seine schlanken Hüften

verhüllten, und der Forstmeister betrachtete voll Wohlgefallen den

schönen Knaben und verhieß, einen rechten Gesellen aus ihm zu machen.

Vorderhand jedoch sollte er nur notdürftig etwas lesen und schreiben

lernen und mußte zu diesem Ende hin jeden Tag mit Küngoltchen zur Stadt

gehen, wo in einem Nonnen- und in einem Mönchskloster für die

Bürgerkinder einiger Unterricht erteilt wurde. Aber die

Hauptunterweisung erhielt Dietegen auf dem Hin- und Herwege, auf welchem

das Mädchen ihm die Welt auftat und ihm Auskunft gab über alles, was am

Wege stand oder darüber lief. Hierbei befolgte die kleine Lehrjungfer

eine Erziehungsart von eigentümlicher Erfindung. Sie neckte, hänselte

und belog den unwissenden und leichtgläubigen Knaben erst über alle

Dinge, indem sie ihm die dicksten Bären und Erfindungen aufband, und

wenn er dann ihre Lügen und Märchen gutmütig glaubte und sich darüber

verwunderte, so beschämte sie ihn mit der Erklärung, daß alles nicht

wahr sei; nachdem sie ihm dann seinen blinden Glauben spottend

verwiesen, verkündigte sie ihm mit großer Weisheit den wahren Bestand

der Welt, so weit er ihrem Kinderköpfchen bekannt war, und er befliß

sich errötend eines größeren Scharfsinnes, bis sie ihm eine neue Falle

stellte. Nach und nach aber wurde er dadurch gewitzigt, den Weltlauf

besser zu verstehen, was ein anderer Junge zu seinem Schrecken erfahren

mußte; denn als dieser es dem Mädchen nachtun wollte und den Dietegen

mit einem frechen Aufschnitt bewirtete, schlug der ihn unverweilt ins

Gesicht. Küngolt, hierüber verblüfft, war neugierig, ob sich ein solcher

Zorn auch gegen sie wenden könnte, und probierte den Schüler auf der

Stelle, aber sachte, mit neuen Lügen. Von ihr jedoch nahm er alles an,

und sie setzte ihren wunderlichen Unterricht kecklich fort, bis sie

entdeckte, daß er gutmütig mit ihren Lügen zu spielen anfing und einen

zierlichen Gegenunterricht begann, indem er ihre mutwilligen Erfindungen

mit nicht unwitzigen Querzügen durchkreuzte, so daß sie manchmal auf ein

glattes Eis gesetzt wurde. Da fand sie, daß es Zeit sei, ihn aus dieser

Schule zu entlassen und einen Schritt weiter zu führen. Sie begann ihn

jetzt zu tyrannisieren, daß er fast in ärgere Dienstbarkeit verfiel, als

er einst bei dem Bettelvogt erduldet hatte. Alles gab sie ihm zu tragen,

zu heben, zu holen und zu verrichten; jeden Augenblick mußte er um sie

sein, ihr das Wasser schöpfen, die Bäume schütteln, die Nüsse

aufklopfen, das Körbchen halten und die Schuhe binden; und selbst ihr

das Haar zu strählen und zu flechten, wollte sie ihn abrichten; aber das

schlug er ab. Da schmollte und zankte sie mit ihm, und als ihn die

Mutter unterstützte und sie zur Ruhe verwies, wurde sie sogar gegen

diese ungebärdig.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 14 / 26 段