Zugleich reichte sie beide Hände hin und schlug die Augen zu ihm auf. Es

war kein so blitzender Blick, wie sie ihm einst über die Hecke

zugeworfen, aber doch viel tiefer und klarer. Er ergriff ihre Hände, sie

stand auf; doch wußte der gute Pascha, der in seinen Gedanken eine ganze

Stadt voll Weiber beherrscht hatte, mit dieser einzigen sogleich nichts

anzufangen, als daß er wie betäubt mit ihr auf der Lichtung hin und her

ging und sie anlachte, ohne ihre Hand loszulassen. Endlich setzten sie

den Weg wieder fort, Wilhelm ging voraus, sah sich aber von Zeit zu Zeit

wieder um, ob sie ihm auch folge auf dem schmalen Pfade, und immer war

sie lächelnd hinter ihm. Da trat sie einsmals hinter eine dicke Buche

und verbarg sich dort, und als er wieder rückwärts blickte, fand er sie

nicht mehr. Ungewiß und erschrocken stand er still, und als er nichts

mehr von ihr hörte und sah, ging er langsam etwa zwanzig Schritte

zurück, und mit jedem Schritte stieg schwärzer der betrübte Verdacht in

ihm auf, daß er abermals der Gegenstand einer Posse geworden sei, so

abenteuerlich das auch gewesen wäre; denn er konnte sich kaum in seine

Stellung als beglückter Liebhaber finden. Da hustete es schalkhaft

hinter der Buche, und als er näher trat, breitete die Vermißte die Arme

nach ihm aus. Jetzt endlich umschlang er sie, bedeckte sie mit Küssen,

die mit jeder Sekunde besser gelangen, und sie hielt ihm schweigend

still und fand, daß sie bis jetzt auch nicht viel von Liebe gewußt habe.

Nachdem Wilhelm sich fürs erste in etwas beruhigt, ließ er sich mit der

Geliebten auf eine mächtige bemooste Wurzel der Buche nieder,

streichelte ihr die Wangen und fragte, ob sie nicht einmal eines Mittags

im Herbste schon vor seinem Häuschen gewesen sei? »Hast du mich also

doch gesehen?« erwiderte sie und bejahte seine Frage. Er erzählte ihr

das Abenteuer und offenherzig auch dasjenige mit der Frau Ännchen und

wie nur die Erinnerung an jenen Anblick, da Gritli auf seiner Treppe

gesessen, ihn vor dem Abfalle bewahrt habe.

Gritli streichelte ihn hinwieder, küßte ihn und sagte: »So bist du also

einer von den Rechten, bei denen keine Mühe verloren ist!«

Als der Mai gekommen, hielten sie unter blühenden Bäumen eine fröhliche

Hochzeit. Während sie die Reise machten, suchte der Tuchscherer in der

Gegend für sie ein beträchtliches Landgut, welches sie nach ihrer

Rückkehr kauften und bezogen. Wilhelm baute den Besitz mit Fleiß und

Umsicht und mehrte ihn, so daß er ein angesehener und wohlberatener Mann

wurde, während seine Frau in gesegneter Anmut sich immer gleich blieb.

Wenn ein Schatten des Unmutes über ihren Mann kam oder ein kleiner

Streit entstand, so entrollte sie ihre Locken, und wenn deren Macht

nicht mehr vorhalten wollte, so strich sie dieselben wieder hinter die

Ohren, worauf Wilhelm aufs neue geschlagen war. Sie hatten wohlerzogene

Kinder, welche sich, als sie erwachsen waren, andere Wohlerzogene zur

Ehe herbeiholten. Auch der Tuchscherer blieb in der Freundschaft und

erhielt sich als ein geborgener Mann, so daß nach und nach eine kleine

Kolonie von Gutbestehenden anwuchs, welche, ohne einem heitern

Lebensgenusse zu entsagen, dennoch Maß hielten und gediehen. Sie wurden

von den Seldwylern ironisch »die halblustigen Gutbestehenden« oder die

»Schlauköpfe« genannt, waren aber wohl gelitten, weil sie in manchen

Dingen nützlich waren und dem Orte zum Ansehen gereichten.

Viktor Störteler aber und seine Kätter waren samt jenen Liebesbriefen,

welche sie aus Hunger und Not doch wieder hergestellt, auf sich bezogen

und unter vielem Gezänke vermehrt hatten, längst vergessen und

verschollen.

Dietegen

An den Nordabhängen jener Hügel und Wälder, an welchen südlich Seldwyla

liegt, florierte noch gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Stadt

Ruechenstein im kühlen Schatten. Grau und finster war das gedrängte Korpus

ihrer Mauern und Türme, schlecht und recht die Rät und Burger der Stadt,

aber streng und mürrisch, und ihre Nationalbeschäftigung bestand in

Ausübung der obrigkeitlichen Autorität, in Handhabung von Recht und Gesetz,

Mandat und Verordnung, in Erlaß und Vollzug. Ihr höchster Stolz war der

Besitz eines eigenen Blutbannes, groß und dick, den sie im Verlauf der

Zeiten aus verschiedenen zerstreuten Blutgerichten von Kaiser und Reich so

eifrig und opferfreudig an sich gebracht und abgerundet hatten, wie andere

Städte ihre Seelenfreiheit und irdisches Gut. Auf den Felsvorsprüngen rings

um die Stadt ragten Galgen, Räder und Richtstätten mannigfacher Art, das

Rathaus hing voll eiserner Ketten mit Halsringen, eiserne Käfige hingen auf

den Türmen, und hölzerne Drehmaschinen, worin die Weiber gedrillt wurden,

gab es an allen Straßenecken. Selbst an dem dunkelblauen Flusse, der die

Stadt bespülte, waren verschiedene Stationen errichtet, wo die Übeltäter

ertränkt oder geschwemmt wurden, mit zusammengebundenen Füßen oder in

Säcken, je nach der feineren Unterscheidung des Urteils.

Die Ruechensteiner waren nun nicht etwa eiserne, robuste und

schreckhafte Gestalten, wie man aus ihren Neigungen hätte schließen

können; sondern es war ein Schlag Leute von ganz gewöhnlichem,

philisterhaftem Aussehen, mit runden Bäuchen und dünnen Beinen, nur daß

sie durchweg lange gelbe Nasen zeigten, eben dieselben, mit denen sie

sich gegenseitig das Jahr hindurch beschnarchten und anherrschten.

Niemand hätte ihrem kümmelspalterischen Leiblichen, wie es erschien, so

derbe Nerven zugetraut, als zum Anschau'n der unaufhörlichen

Hochnotpeinlichkeit erforderlich waren. Allein sie hatten's in sich

verborgen.

So hielten sie ihre Gerichtsbarkeit über ihrem Weichbilde ausgespannt

gleich einem Netz, immer auf einen Fang begierig; und in der Tat gab es

nirgends so originelle und seltsame Verbrechen zu strafen, wie zu

Ruechenstein. Ihre unerschöpfliche Erfindungsgabe in neuen Strafen

schien diejenige der Sünder ordentlich zu reizen und zum Wetteifer

anzuspornen; aber wenn dennoch ein Mangel an Übeltätern eintrat, so

waren sie darum nicht verlegen, sondern fingen und bestraften die

Schelmen anderer Städte; und es mußte einer ein gutes Gewissen haben,

wenn er über ihr Gebiet gehen wollte. Denn sobald sie von irgend einem

Verbrechen, in weiter Ferne begangen, hörten, so fingen sie den ersten

besten Landläufer und spannten ihn auf die Folter, bis er bekannte, oder

bis es sich zufällig erwies, daß jenes Verbrechen gar nicht verübt

worden. Sie lagen wegen ihren Kompetenzkonflikten auch immer im Streit

mit dem Bunde und den Orten und mußten öfter zurechtgewiesen werden.

Zu ihren Hinrichtungen, Verbrennungen und Schwemmungen liebten sie ein

windstilles, freundliches Wetter, daher an recht schönen Sommertagen

immer etwas vorging. Der Wanderer im fernen Felde sah dann in dem

grauen Felsennest nicht selten das Aufblitzen eines Richtschwertes, die

Rauchsäule eines Scheiterhaufens, oder im Flusse wie das glänzende

Springen eines Fisches, wenn etwa eine geschwemmte Hexe sich

emporschnellte. Das Wort Gottes hätte ihnen übel geschmeckt ohne

mindestens ein Liebespärchen mit Strohkränzen vor dem Altar und ohne

Verlesen geschärfter Sittenmandate. Sonstige Freuden, Festlichkeiten und

Aufzüge gab es nicht, denn alles war verboten in unzähligen Mandaten.

Man kann sich leicht denken, daß diese Stadt keine widerwärtigeren

Nachbaren haben konnte, als die Leute von Seldwyla; auch saßen sie

diesen hinter dem Walde im Nacken, wie das böse Gewissen. Jeder

Seldwyler, der sich auf Ruechensteiner Boden betreten ließ, wurde

gefangen und auf den zuletzt gerade vorgefallenen Frevel inquiriert.

Dafür packten die Seldwyler jeden Ruechensteiner, der sich bei ihnen

erwischen ließ, und gaben ihm auf dem Markt ohne weitere Untersuchung,

bloß weil er ein Ruechensteiner war, sechs Rutenstreiche auf den

Hintern. Dies war das einzige Birkenreis, was sie gebrauchten, da sie

sich selbst untereinander nicht weh zu tun liebten. Dann färbten sie ihm

mit einer höllischen Farbe die lange Nase schwarz und ließen ihn unter

schallendem Jubelgelächter nach Hause laufen. Deshalb sah man zu

Ruechenstein immer einige besonders mürrische Leute mit geschwärzten,

nur langsam verbleichenden Nasen herumgehen, welche wortkarg nach

Armensünderblut schnupperten.

Die Seldwyler aber hielten jene Farbtunke stets bereit in einem eisernen

Topfe, auf welchen das Ruechensteiner Stadtwappen gemalt war und welchen

sie »den freundlichen Nachbar« benannten und samt dem Pinsel im Bogen

des nach Ruechenstein führenden Tores aufhingen. War die Beize

ausgetrocknet oder verbraucht, so wurde sie unter närrischem Aufzug und

Gelage erneuert zum Schabernack der armen Nachbaren. Hierüber wurden

diese einmal so ergrimmt, daß sie mit dem Banner auszogen, die Seldwyler

zu züchtigen. Diese, noch rechtzeitig unterrichtet, zogen ihnen entgegen

und griffen sie unerschrocken an. Allein die Ruechensteiner hatten ein

Dutzend graubärtige verwitterte Stadtknechte, welche neue Stricke an den

Schwertgehängen trugen, ins Vordertreffen gestellt, worüber die

Seldwyler eine solche Scheu ergriff, daß sie zurückwichen und fast

verloren waren, wenn nicht ein guter Einfall sie gerettet hätte; denn

sie führten Spaßes halber den »freundlichen Nachbar« mit sich und statt

des Banners einen langen ungeheuren Pinsel. Diesen tauchte der Träger

voll Geistesgegenwart in die schwarze Wichse, sprang mutig den

vordersten Feinden entgegen und bestrich blitzschnell ihre Gesichter,

also daß alle, die zunächst von der verabscheuten Schwärze bedroht

waren, Reißaus nahmen und keiner mehr der Vorderste sein wollte. Darüber

geriet ihre Schar ins Schwanken; ein unbestimmter Schreck ergriff die

Hintern, während die Seldwyler ermutigt wieder vordrangen unter wildem

Gelächter und die Ruechensteiner gegen ihre Stadt zurückdrängten. Wo

diese sich zur Wehre setzten, rückte der gefürchtete Pinsel herbei an

seinem langen Stiele, wobei es keineswegs ohne ernsthaften Heldenmut

zuging; schon zweimal waren die verwegenen Pinselträger von Pfeilen

durchbohrt gefallen, und jedesmal hatte ein anderer die seltsame Waffe

ergriffen und von neuem in den Feind getragen.

Am Ende aber wurden die Ruechensteiner gänzlich zurückgeschlagen und

flohen mit ihrem Banner in hellem Haufen durch den Wald zurück, die

Seldwyler auf den Fersen. Sie konnten sich mit Not in die Stadt retten

und das Tor schließen, welches ihre Verfolger samt der Zugbrücke so

lange mit dem verwünschten Pinsel schwarz beklecksten, bis jene sich

etwas gesammelt und die lärmenden Maler mit Kalktöpfen bewarfen.

Weil nun einige angesehene Seldwyler in der Hitze des Andranges in die

Stadt geraten und dort abgeschlossen, dafür aber auch ein Dutzend

Ruechensteiner von den Siegern gefangen worden waren, so verglich man

sich nach einigen Tagen zur Auswechslung dieser Gefangenen und hieraus

entstand ein förmlicher Friedensschluß, so gut es gehen wollte. Man

hatte sich beiderseitig etwas ausgetobt und empfand ein Bedürfnis

ruhiger Nachbarschaft. So wurde ein freundnachbarliches Benehmen

verheißen; zum Beginn desselben versprachen die Seldwyler, den eisernen

Topf auszuliefern und für immer abzuschaffen, und die Ruechensteiner

sollten dagegen auf jedes eigenmächtige Strafverfahren gegen spazierende

Seldwyler feierlich Verzicht leisten, sowie die diesfälligen Rechte

überhaupt sorgfältig ausgeschieden werden.

Zur Bestätigung solchen Übereinkommens wurde ein Tag angesetzt und die

Berglichtung zur Zusammenkunft gewählt, auf welcher das Haupttreffen

stattgefunden hatte. Von Ruechenstein fanden sich einige jüngere

Ratsherren ein; denn die Alten brachten es nicht über sich, in Minne mit

den Leuten von Seldwyla zu verkehren. Diese erschienen auch wirklich in

zahlreicher Abordnung, brachten den »freundlichen Nachbar« mit lustigem

Aufwand und führten ein Fäßchen ihres ältesten Stadtweines mit nebst

einigen schönen silbernen und vergoldeten Ehrengeschirren. Damit

betörten sie denn die jungen Ruechensteiner Herren, denen ein

ungewohnter Sonnenblick aufging, so glücklich, daß sie sich verleiten

ließen, statt unverweilt heimzukehren, mit den Verführern nach Seldwyla

zu gehen. Dort wurden sie auf das Rathaus geleitet, wo ein gehöriger

Schmaus bereit war; schöne Frauen und Jungfrauen fanden sich ein, immer

mehrere Stäufe, Köpfe, Schalen und Becher wurden aufgesetzt, so daß über

all dem Glänzen der feurigen Augen und des edlen Metalles die armen

Ruechensteiner sich selbst vergaßen und ganz guter Dinge wurden. Sie

sangen, da sie nichts anderes konnten, einen lateinischen Psalm um den

anderen zwischen die Zechlieder der Seldwyler und endeten höchst

leichtsinnig damit, daß sie diese dringend einluden, ihrer Stadt mit

ihren Frauen und Töchtern einen Gegenbesuch zu machen, und ihnen den

freundlichsten Empfang versprachen. Hierauf erfolgte die einmütige

Zusage, hierauf neuer Jubel, kurz die Geschäftsherren von Ruechenstein

verabschiedeten sich in vollständiger Seligkeit und hielten sich,

Schnippchen schlagend, dazu noch für glückliche Eroberer, als die

lachenden Damen ihnen bis zum Tore das Geleit gaben.

Freilich verzog sich das liebliche Antlitz der Sache, als die fröhlichen

Herren am andern Tage in ihrer finstern Stadt erwachten und nun Bericht

erstatten mußten über den ganzen Hergang. Wenig fehlte, als sie zum

Punkte der Einladung gediehen, daß sie nicht als Behexte inhaftiert und

untersucht wurden. Indessen fühlten sie auch obrigkeitliches Blut in

ihren Adern, und obgleich sie das Ding selbst schon gereute, so blieben

sie doch fest bei der Stange, ihr gegebenes Wort zu lösen, und stellten

den Alten vor, wie die Ehre der Stadt es schlechterdings erfordere, die

Seldwyler gut zu empfangen. Sie gewannen einen Anhang unter der

Bürgerschaft, vorzüglich durch ihre Beschreibung des reichen

Stadtgerätes, womit die Seldwyler so herausfordernd geprahlt hätten,

sowie durch das Herausstreichen ihrer Frauen und deren zierlicher

Kleidung. Die Männer fanden, das dürfe man sich nicht bieten lassen, man

müsse den eigenen Reichtum dagegen auftischen, der in den eisernen

Schränken funkle, und die Frauen juckte es, die strengen Kleidermandate

zu umgehen und unter dem Deckmantel der Politik sich einmal tüchtig zu

schmücken und zu putzen. Denn das Zeug dazu hatten sie alle in den

Truhen liegen, sonst wären ihnen die strengen Verordnungen längst

unerträglich gewesen und durch ihre Macht gestürzt worden. Der Empfang

der neuen Freunde und alten Widersacher ward also durchgesetzt, zum

großen Verdruß der Bejahrteren. Auch beschlossen diese sogleich, den

ärgerlichen Tag durch eine vorzunehmende Hinrichtung zu feiern und damit

eine zu lebhafte Fröhlichkeit heilsam und würdig zu dämpfen. Während die

jüngeren Herren mit den Zurichtungen zum Feste betätigt waren, trafen

jene in aller Stille ihre Anstalten und nahmen einen ganz jungen,

unmündigen armen Sünder beim Kragen, der gerade im Netze zappelte. Es

war ein bildschöner Knabe von elf Jahren, dessen Eltern in kriegerischen

Zeitläuften verschollen waren und der von der Stadt erzogen wurde. Das

heißt, er war einem niederträchtigen und bösen Bettelvogt in die Kost

gegeben, welcher das schlanke, wohlgebildete und kraftvolle Kind fast

wie ein Haustier hielt und dabei an seiner Frau eine wackere Helferin

fand. Der Knabe wurde Dietegen genannt, und dieser Taufname war sein

ganzes Hab und Gut, sein Morgen- und Abendsegen und sein Reisegeld in

die Zukunft. Er war erbärmlich gekleidet, hatte nie ein Sonntagsgewand

besessen und würde an den Feiertagen, wo alles besser gekleidet ging, in

seinem Jammerhabitchen wie eine Vogelscheuche ausgesehen haben, wenn er

nicht so schön gewesen wäre. Er mußte scheuern und fegen und lauter

solche Mägdearbeiten verrichten, und wenn die Bettelvögtin nichts

Schnödes für ihn zu tun hatte, so lieh sie ihn den Nachbarsweibern aus

gegen Mietsgeld, um ihnen alle Lumpereien zu tun, die sie begehrten. Sie

hielten ihn trotz seiner Anstelligkeit für einen dummen Kerl, weil er

sich stillschweigend allem unterzog und nie Widerstand leistete; und

dennoch vermochten sie nicht lang ihm in die feurigen Augen zu blicken,

wenn er in unbewußter Kühnheit blitzend umhersah.

Vor mehreren Tagen nun war Dietegen gegen Abend zum Küfer geschickt

worden, um Essig zu holen, da es seine Pflegeeltern nach einem Salat

gelüstete. Der Essig wurde seit alter Zeit in einem kleinen Kännchen

gehalten, welches, schwarz angelaufen, wie es war, für schlechtes Blech

angesehen wurde und schon von der Mutter der Bettelvögtin einst für

einige Pfennige nebst anderem Gerümpel gekauft worden, das aber in der

Tat von gutem Silber war. Der Küfer, der den Essig machte, wohnte in

einer einsamen Gegend hinter der Stadtmauer. Wie nun der Knabe mit

seinem Kännchen so daherkam, schlich ein alter Jude mit seinem Sack

vorbei, welcher schnell einen Blick auf das zierlich gearbeitete, obwohl

schmutzige Gefäß warf, und es dem Burschen mit schmeichlerischen Worten

zur näheren Betrachtung abforderte. Dietegen gab es hin, der Jude

schürfte heimlich mit seinem großen Daumnagel daran und bot dem

Erstaunten sogleich eine hübsch aussehende Armbrust dafür zum Tausch an,

welche er aus dem Sacke zog, nebst einigen Bolzen in einer Tasche von

zerfressenem Otterfell. Begierig griff der Junge nach der Waffe und

spannte sie sogleich mit geschickter und kräftiger Hand, während der

Hebräer sachte seines Weges ging, ohne daß jener sich weiter um ihn

kümmerte. Im Gegenteil fing er alsobald an, nach der Türe eines kleinen

Turmes zu schießen, der dort an die Mauer gebaut war, und ohne von

jemand gestört zu werden, setzte er, die ganze Welt vergessend, das

Spiel fort, bis es dunkelte, und schoß immer fort im Scheine des

aufgegangenen Mondes.

Unterdessen hatte der Bettelvogt auch noch einen Gang um die Stadt

gemacht und den Juden gefangen, welcher eben aus dem Tore schlüpfen

wollte. Als der Sack des Juden untersucht wurde, erkannte der Vogt

verwundert sein Essigkrüglein, das er soeben dem Pflegling selbst in die

Hand gegeben. Der Jud, in der Angst um seinen Hals, gestand sogleich,

daß es von Silber sei, und gab vor, ein junger Mensch habe es ihm mit

Gewalt für eine herrliche Armbrust aufgedrängt, die gleichwohl nicht so

viel wert sein möge. Jetzt lief der Bettelvogt und holte einen

Goldschmied; der prüfte das Kännchen und bestätigte, daß es ein altes

feines Ding von Silber sei und von trefflicher Arbeit. Da gerieten der

Bettelvogt und sein Weib, das mittlerweile auch herbeigelaufen, in die

größte Aufregung und Wut, erstens, weil sie, ohne es zu wissen, ein so

kostbares Essighäfelchen besaßen, und zweitens, weil sie fast darum

gekommen wären. Die Welt schien ihnen voll des ungeheuersten Unrechtes

zu gären, das Kind erschien ihnen als der Erbfeind, der ihre ewige

Seligkeit, den Lohn unendlicher Duldungen und Verdienste, beinahe

entführt hätte. Sie stellten sich plötzlich, als ob sie von je gewußt

hätten, daß die Kanne von Silber sei und als ob sie immer in ihrem Hause

dafür gegolten. Mit den tollsten Verwünschungen klagten sie den Knaben

des schweren Diebstahls an, und während der Arglose noch immer mit

seinen Pfeilen beschäftigt war und mit jedem Schusse das Ziel besser

traf, zogen schon zwei Haufen von Häschern aus, den Entflohenen zu

suchen; an der Spitze des einen zog der Bettelvogt einher, vor dem

andern die Frau, die es sich nicht nehmen ließ. So stießen sie von

verschiedenen Seiten bald auf den Schützen, welcher rüstig im Mondlicht

hantierte und wie aus einem Traum erwachte, als er unversehens umringt

war. Nun fiel ihm erst seine Versäumnis ein und zugleich der Mangel des

Kännchens. Aber er glaubte, einen guten Handel gemacht zu haben, reichte

auch lächelnd dem Bettelvogt die Armbrust hin, um ihn zu begütigen.

Nichtsdestoweniger wurde er auf der Stelle gebunden, ins Gefängnis

geschleppt, verhört und er gab den ganzen Hergang zu, ohne sich im

mindesten verteidigen zu können.

Dies arme Kind wurde nun zum Galgen verurteilt und die Hinrichtung auf

den Tag verlegt, da die Seldwyler zum Besuch kommen wollten.

Sie erschienen denn auch in stattlichem Zuge, in leuchtenden Farben und

ihre Stadttrompeter an der Spitze; übrigens waren sie alle mit guten

Schwertern und Dolchen bewaffnet, führten aber nichtsdestominder ein

Dutzend ihrer kecksten jungen Frauen, reich geschmückt, in der Mitte,

und sogar einige Kinder in den Stadtfarben, welche Geschenke trugen. Die

jungen Ratsherren von Ruechenstein, ihre Freunde, ritten ihnen eine

Strecke vor das Tor entgegen, bewillkommten sie und führten sie etwas

kleinmütig in die Stadt. Das Tor war möglichst abgekratzt, frisch

übertüncht und mit etwas magerem Kranzwerk behangen. Innerhalb des Tores

aber standen die sämtlichen Stadtknechte aufgestellt in voller Rüstung,

welche rasselnd und klirrend den Zug durch die schattig dunklen Straßen

begleiteten. Die Leute guckten stumm, aber neugierig aus den Fenstern,

wie wenn ein Meerwunder sich durch die Gasse gewälzt hätte, und wo ein

Seldwyler lustig hinaufsah und grüßte, da fuhren die Weiber scheu mit

den Köpfen zurück. Ihre Männer hingegen drückten sich seltsam die

Nasenspitzen an den grünlichen Glasscheiben platt, um die ungewohnte

Erscheinung bloßer Frauenhälse zu beobachten.

Also erreichte der Zug die große Ratsstube. Die war reich, aber düster

anzusehen, Wände und Decke ganz mit schwarz gefärbtem Eichenholz

getäfert mit etwas Vergoldung. Eine lange Tafel war mit gewirktem

Linnenzeug gedeckt, worein Laubwerk mit Hirschen, Jägern und Hunden mit

grüner Seide und Goldfäden gewoben war. Darüber lagen noch feine

Tüchlein von ganz weißem Damast, welche bei näherem Hinsehen ein gar

kunstreiches Bildwerk von sehr fröhlichen Göttergeschichten zeigte, wie

man sie in diesem gravitätischen Saale am wenigsten vermutet hätte. Auf

diesem prächtigen Gedecke stand nun alles bereit, was zu einer

öffentlichen Mahlzeit gehörte, und darunter besonders eine große Zahl

köstlicher Geschirre, welche wiederum in getriebener Arbeit, bald halb

erhaben, bald rund, eine glänzende Welt bewegter Nymphen, Najaden und

anderer Halbgötter zur Schau trugen; sogar das Hauptstück, ein hoch

aufgetakeltes silbernes Kriegsschiff, sonst ganz ehrbar und staatsmäßig,

zeigte als Galion eine Galatea von den verwegensten Formen.

Längs dieser Tafel ging eine Anzahl von Ratsfrauen auf und ab, in starre

schwarze oder blutrote Seidengewänder gekleidet, von steifem

Spitzenschmuck bis an das Kinn verhüllt. Sie trugen vielfache goldene

Ketten, Gürtel und Hauben, und über den Handschuhen eine Menge Ringe an

allen Fingern. Diese Frauen waren nicht häßlich, sondern eher hübsch zu

nennen; wenigstens waren fast alle mit einer zarten durchsichtigen

Gesichtsfarbe und zierlichen roten Wänglein begabt; aber sie sahen so

unfreundlich, streng und sauer aus, daß man zweifelte, ob sie je in

ihrem Leben gelacht, wenn nicht höchstens einmal in dunkler Nacht, wenn

sie dem Mann die erste Nachtmütze aufgeschwatzt hatten.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 13 / 26 段