Es war die vollständige stattliche Sonntagstracht einer Landfrau mit

mehreren Stücken zum Wechseln, alles neu und zierlich, beinahe köstlich

gemacht. Am ersten Sonntag in aller Frühe kleidete sich Ännchen mit

Gritlis Hilfe sorgfältig darein und ließ ihrer Schönheit, die nicht

gering war, mit übermütiger Berechnung den Zügel schießen. Über eine

kurze Scharlachjuppe wurde eine genau so lange schwarze angezogen, so

daß der Scharlach nur bei einer raschen Bewegung sichtbar wurde und das

blendende Weiß der Strümpfe umso reizender erscheinen ließ. Rücken,

Schultern und die runden Arme zeichnete eine knappe, braune, seidene

Jacke vortrefflich und ließ die Brust frei, welche dafür mit einem

Brustlatz von schwarzem Sammet bedeckt und mit dergleichen Bändern

eingeschnürt war, die durch silberne Haken gingen. Über der Stirn wurden

einige kokette bäuerliche Löcklein gebrannt; das übrige Haar hing in

dicken Zöpfen fast bis auf die Erde und endigte in breiten, mit Spitzen

besetzten Sammetbändern. Mit jedem Stück, das sie der lachenden Freundin

nesteln half, wurde Frau Gritli ernsthafter und besorgter, und als

endlich die Übermütige ganz geschmückt war und sich in bewußter

Schönheit spiegelte, bereute jene die ganze Erfindung und erhob allerlei

Bedenklichkeiten. Doch sie wurde nur ausgelacht und Ännchen rief: »Was

man tun will, das soll man recht tun! Willst du deinen Waldbruder mit

einer Vogelscheuche versuchen? Dergleichen Heilige hatten von je einen

besseren Geschmack!«

Da meinte Gritli, sie sollte wenigstens die weißen Strümpfe mit

schwarzen wollenen vertauschen, es sei noch kühl und feucht! »Dafür hab'

ich starke Schuhe,« sagte Ännchen, »die Waden erkältet keine Frau, das

weißt du wohl, mein Schatz!« »Jedenfalls mußt du den Hals besser

verwahren!« bat die Besorgte noch kläglich, und die Unverbesserliche

antwortete: »Da hast du recht! gib mir jenes seidene Tüchlein, ich kann

es nachher in die Tasche stecken, sobald ich an die warme Sonne komme!«

Dann öffnete sie das Fenster und guckte in die Sonntagsfrühe hinaus; es

war noch alles still und die Zeit schien günstig, rasch hinweg zu

huschen. Allein Gritli hielt sie mit dem Frühstück so lange als möglich

auf und brockte ihr alle möglichen Lieblingsbissen vor, um den

Augenblick hinauszuschieben; dennoch erschien er, und als Ännchen nun

ging, brach die Bekümmerte in Tränen aus. Da kehrte jene mit großen

Augen um und sagte ernsthaft: »Nun, du närrisches Ding! wenn du wirklich

meinst, es sei nicht zu trauen, so lassen wir's einfach bleiben!

Entscheide dich! Ich bin bald wieder umgekleidet!«

Gritli weinte heftiger, aber sie kämpfte mit sich und rief dann

entschlossen: »Nein: geh nur und tu, was du für gut findest! Es muß ja

sein!«

Frau Ännchen ging also wohlgemut durch das Frühlingsland und badete

unternehmungslustig ihre Gestalt in der glänzenden Luft. Ihre Röcke

schwangen sich hin und wieder, daß der rote Scharlachsaum bei jedem

Schritt aufleuchtete; im Arme trug sie einen frisch gebackenen Eierzopf

und eine Schiefertafel in ein weiß und blau gewürfeltes Tuch gewickelt.

Dergestalt erreichte sie das Rebhäuschen; diesmal klopfte sie nur

mittelmäßig stark an die Tür und trat mit gutem Anstande in die Stube.

Wilhelm erkannte sie nicht sogleich, war aber betroffen über die

anmutvolle Erscheinung. Er kochte eben seinen Sonntagskaffee, welcher

angenehm durch den Raum duftete. Ännchen machte einen zierlichen Knicks

und sagte: »Da komme ich gerade recht! Habt Ihr meine Federn

geschnitten, Herr Hexenmeister? Ich will sie abholen; und hier habt Ihr

auch eine kleine Gabe für Eure Mühe, nur um den guten Willen zu zeigen!«

Damit entwickelte sie das Gebäck, das sie trug, und legte es auf den

Tisch. »So könnt Ihr das Geschenk wieder mitnehmen,« erwiderte Wilhelm,

»denn Eure Federn sind nicht zum Schreiben und ich habe sie

weggeworfen!« »So? nun, da muß ich mir Federn in der Stadt kaufen; aber

das tut nichts, ich lasse den Zopf dennoch hier und esse selbst einen

Zipfel davon, wenn Ihr mir eine Tasse Kaffee dazu gebt! Das tut Ihr

doch, nicht wahr?« Sie setzte sich ohne Umstände zum Tische und fing an,

das feine Brot zu schneiden. Wilhelm wußte nicht, was er daraus machen

sollte, es war ihm zu Mute, wie wenn da ein gefährlicher Geist durch

sein stilles Häuschen wehte, und die Frühlingssonne funkelte gar seltsam

durch die klaren Fenster und über die schöne Bäuerin her. Doch fügte er

sich, holte eine von des Tuchscherers Porzellantassen, welche dieser

hier aufbewahrte, und teilte seinen Kaffee ehrlich mit dem Eindringling.

»Ihr könnt wahrlich guten Kaffee machen, Herr Hexenmeister,« sagte sie,

»wo habt Ihr's nur gelernt?« »Freut mich, wenn er Euch schmeckt!« sagte

Wilhelm, »doch bitte ich Euch, mich nicht immer Hexenmeister zu nennen;

denn ich kann leider nicht hexen!« »Nicht? ich hab's geglaubt!« sagte

sie lächelnd, indem sie einen glänzenden Blick zu ihm hinüberschoß,

»wenigstens habt Ihr mir es schon ein weniges angetan, obgleich Ihr

nicht der höflichste seid! Aber ein hübscher Mensch seid Ihr! ist es

Euch nicht langweilig so ganz allein?« »Es scheint nicht so!« erwiderte

Wilhelm errötend, »sonst würde ich wohl unter die Leute gehen; Ihr

scheint aber gut aufgelegt, schöne Frau!«

»Schöne Frau? Ei seht, das tönt schon besser! Ihr solltet noch ein wenig

in die Schule gehen, ich glaube, es könnte doch noch gut mit Euch

kommen! Aber leider muß ich selbst in die Schule gehen. Da habe ich noch

ein Anliegen, daß ich es nicht vergesse, das ist die Hauptsache, warum

ich gekommen bin, wenn's erlaubt ist! Die Rechnung, die Ihr mir neulich

so schnell gemacht, daß ich es nicht einmal merkte, hat mir guten Dienst

geleistet. Ich habe aber einen großen Hof und kein Mann ist da, der das

Wesen in Ordnung hält und rechnet; ich selbst habe als Schulkind niemals

aufgemerkt und nichts gelernt, wie ich denn auch sonst nicht viel

taugte. Nun muß ich es erst büßen und bereuen, denn ich weiß nie, wie

ich stehe und ob ich betrogen werde oder nicht? Gut! dacht' ich, du bist

noch nicht zu alt zum Lernen, ein Jahr fünf- oder sechsundzwanzig, du

gehst also zum Hexenmeister und bittest ihn, daß er dir zeige, wie man

dies und jenes ausrechnet. Für guten Lohn wird er's gewiß tun, ein Sack

Erdäpfel oder eine halbe Speckseite sollen mich nicht reuen, wenn er's

zurecht bringt, daß ich mit den verwünschten Zahlen umgehen kann. Seht,

da habe ich schon eine Tafel mitgebracht und auch eine Kreide, nun, wo

hab' ich die Kreide?«

Sie legte die Tafel auf den Tisch, fuhr mit der Hand in die Rocktasche

und klapperte ungeduldig darin. Dann zog sie eine Handvoll Zeug heraus

und warf es auf den Tisch, ein geringes Taschenmesser, einen eisernen

Fingerhut, einige Geldstücke, Brotkrumen, eine Hundepfeife, eine

gedörrte Birne und ein kleines Stück Kreide. Die Birne steckte sie

schnell in den Mund und rief kauend: »Da ist die Teufelskreide! Jetzt

fangt nur an!« Zugleich rückte sie mit ihrem Stuhle ihm dicht zur Seite

und schaute ihm erwartungsvoll ins Gesicht.

»So große Schülerinnen bin ich eigentlich nicht gewohnt,« sagte Wilhelm

verlegen und rückte ein bißchen zur Seite, »doch wenn Ihr gut aufmerken

wollt, so will ich wohl sehen, was zu machen ist!« Hierauf begann er,

der Frau die vier Spezies vorzumachen, und sie stellte sich, als ob sie

nagelneue Dinge hörte. Sie rückte ihm wieder näher, nahm ihm alle

Augenblicke die Kreide aus der Hand, verdarb die Rechnung und trieb

tausend schnackische Dinge, über welchen sie zuweilen plötzlich die

Augen voll zu ihm aufschlug. Er sah sie dann verwundert und nicht ohne

Wohlgefallen an, ohne jedoch aus der Fassung zu geraten, und auch wenn

sie auf die Tafel blickte, betrachtete er ruhig den hübschen Kopf, wie

man etwa ein edles Gewächs betrachtet. Indessen wurde er dabei still und

vergaß ein paarmal zu antworten. Unversehens stand sie auf und sagte:

»Für heute muß es gut sein, sonst werde ich zu gelehrt! Übermorgen auf

den Abend komm' ich wieder, wenn Ihr dann Zeit habt; behüt' Euch Gott,

Herr!«

Womit sie, ohne seine Antwort abzuwarten, sich entfernte, so unerwartet

als sie gekommen war.

Wilhelm sah ihr nach, ohne von seinem Stuhle aufzustehen. Dann grübelte

er etwas in seinen Gedanken herum und sagte schließlich: »Am Ende werde

ich hier auch fortgetrieben; es scheint mir mit dieser Person nicht ganz

richtig zu sein!«

Frau Ännchen gefiel sich so gut in der ländlichen Tracht, daß sie auf

einsamen Feldwegen herumspazierte, bis es Mittag läutete. Sie

betrachtete gedankenvoll bald die junge Saat, bald den emsigen Lauf

eines Bächleins; doch sie bedachte weder die Saat noch das Wasser,

sondern erwog, wie weit sie die Probe mit dem jungen Manne treiben

wolle; sie glaubte den Erfolg in ihrer Gewalt zu haben und war nur

unschlüssig, ob sie denselben erst ein wenig zu ihrer eigenen

Lustbarkeit lenken oder ob sie als ehrliche Frau und Freundin handeln

solle. Denn der Einsiedler schien ihr wie geschaffen zu einer

ersprießlichen Zerstreuung und zu einem Lustspiel für eigene Rechnung.

Wenn Wilhelm sich verlocken ließ, so war ja ihrer Freundin von einem

unbeständigen Mann geholfen und trefflich gedient und er selbst wurde

durch einen lustigen Betrug gehörig bestraft. Sie stand eben vor einer

stillen Ansammlung eines Wässerleins und beschaute darin ihr

Spiegelbild. Sie kam sich fast zu schön vor für ihren eigenen

teilnahmslosen Mann; auf der andern Seite aber schien das Abenteuer doch

bedenklich und konnte ihr zuletzt übel bekommen und ihre behagliche Ruhe

in die Luft sprengen; auch war der Freundin ein freundliches Los zu

gönnen und sie wußte wohl, daß Gritli den Vogel festhalten würde, wenn

sie ihn nur erst unversehrt in der Hand hielte. So schwebten ihre

ernsten Erwägungen im Gleichgewicht; sie stellte die Entscheidung

endlich auf ein welkes Blatt, das in der Wasserstille langsam kreiste

und einen Ausweg suchte. Legte es sich ans rechte Bord, so wollte sie

der Freundin dienen, wenn ans linke, für sich selbst sorgen. Allein das

Blatt schwamm plötzlich abwärts und ins Weite, und sie beschloß, der

Sache den Lauf zu lassen, wie es gehen möge. Da erklang die

Mittagsglocke und Ännchen schritt, von keinem menschlichen Auge gesehen,

nach der Hintertür in der Stadtmauer; denn es war die Zeit, da in der

alten Welt der große Pan schlief und in der neuen die Seldwyler mit

Kind und Kegel so vollzählig um den Sonntagsbraten saßen, daß die

Straßen stiller waren als in dunkler Mitternacht.

Mit ängstlicher Erwartung verschlangen Gritlis Augen die mutwillige

Freundin, als sie lachend in die Stube trat. Diese umarmte und küßte sie

sogleich, indem sie rief: »Komm, es ist mir ganz küsserlich zu Mute

geworden bei deinem Schatz!« »O! sei nicht so häßlich!« rief jene

vorwurfsvoll, »du hast doch nicht so tolles Zeug getrieben! Wie ist es

gegangen? Wie hat er sich gehalten?« »Sei ruhig, wie ein Stück Holz hat

er sich gehalten!« sagte Ännchen, und Gritli rief: »Gott sei Dank! so

wollen wir es denn dabei bewenden lassen!« »Bewenden lassen? das wäre

eine schöne Geschichte!« fuhr Ännchen dazwischen, »da wüßten wir erst

recht nichts! Er war wie ein Stück Holz, aber nun kommt erst die

Hauptsache, wo er sich immer noch zum Schlimmen wenden kann, freilich

auch zum Guten! Nun, wie er sich bettet, so wird er liegen!«

Da ermannte sich Gretchen abermals und sagte: »Ja! es muß durchgeführt

sein! Wenn er deinen Teufeleien entrinnt, so hat er sich gründlich

gebessert und wird umso preiswürdiger sein!«

Also machte sich die Versucherin am zweiten Tage wieder auf den Weg und

zwar in der Abenddämmerung. Sie trug dieselbe Tracht, nur mit einiger

Abwechslung und größerer Einfachheit, wie eine Bäuerin etwa während der

Woche zu tragen pflegt, wenn sie über Land geht. Sie trug aber Sorge,

daß nichtsdestoweniger alles gut und reizend saß. Die Haare waren

merkwürdigerweise städtisch geflochten und mit einem Tuche bedeckt.

Wilhelm war absichtlich weggegangen und dachte, die sonderbare Schöne,

wenn sie wirklich wiederkommen sollte, einen vergeblichen Gang tun zu

lassen. Als es aber dunkelte, beschleunigte er mehr als notwendig seine

Schritte, die Wohnung zu erreichen, sei es aus Neugier oder aus dem

Bedürfnisse, sich an der scherzhaften Dame zu erheitern. Er traf richtig

mit ihr an der Tür zusammen, als sie eben vergeblich gepocht hatte.

»Ach, da kommt Ihr!« sagte sie sanft, »ich habe schon geglaubt, Ihr

hättet mich im Stich gelassen! Nun, da bin ich wieder, wenn's erlaubt

ist, ich konnte den Tag über nicht abkommen.« Er zündete das Licht an

und sagte: »Wie steht's? Habt Ihr noch was behalten vom neulichen

Unterricht oder habt Ihr's schon wieder vergessen?« »Ich weiß es selber

kaum,« erwiderte sie bescheidentlich und schien überhaupt in einer

weichen Stimmung zu sein, so daß der Lehrer wieder nicht aus ihr klug

wurde.

Als sie zu rechnen begannen, war die Frau still und zerstreut und in der

Zerstreuung machte sie nicht nur keinen Fehler, sondern rechnete die

Aufgaben wie aus Versehen rasch und richtig zu Ende und machte von

selbst die Proben dazu. Sie konnte plötzlich so gut rechnen wie der

Schulmeister selbst, schien es aber durchaus nicht zu wissen. Er sah ihr

eine geraume Weile zu, während es ihm pricklig im Gemüt wurde. Da fiel

es ihm endlich auf, welch weiße Hand die Bauersfrau besaß, und ihr

künstlich geflochtenes Haar duftete nicht weit von seiner Nase. Einesmal

sagte er: »Sie sind keine Bäuerin! Woher kommen Sie? Was wollen Sie

hier?«

Sie legte erschrocken die Kreide hin, sah ihn furchtsam an und dann vor

sich nieder, indem sie die Hände ineinander legte. Es herrschte eine

große Stille. Endlich begann sie mit einem leichten Seufzer und leise:

»Ich bin eine junge Witfrau, die aus langer Weile schon mehr als eine

Torheit begonnen hat. Neulich wurde ich mit einer Freundin einig, den

weisen Einsiedler zu beschauen, der so viel von sich reden macht. Sie

haben gesehen, wie wir unsern Vorsatz ausführten; aber die Neugierde ist

mir nicht gut bekommen!«

»Und warum nicht?« fragte Wilhelm lachend, obgleich es ihm anfing,

schwül zu werden. Da sagte sie noch leiser: »Ich habe mich leider in Sie

verliebt!« und zugleich schlug sie lächelnd die Augen zu ihm empor. Es

war freilich kein echter und ursprünglicher Blick, sondern einer aus der

Fabrik, ein böhmischer Brillant, das fühlte Wilhelm wohl; dennoch war er

feurig genug, in ihm eine Reihe von Gefühlen und Gedanken zu erwecken,

welche sich schnell wie der Blitz aneinander entzündeten.

»Man muß am Ende die Weiber nehmen wie die Skorpione, den Stich des

einen heilt man mit dem Safte, den man dem andern ausquetscht! Was nützt

es, die Süßigkeit der Frauen zu verschmähen, weil sie schwach und

betrüglich sind? Pflücke die Rosen vorsichtig oben weg, und lasse den

Stock unberührt, so wirst du nicht gestochen! Trinke den Wein und stelle

den Becher dahin, so wirst du in Frieden leben! Wer durch die Wüste

wandelt, der trinke vom Brunnen der Gelegenheit, und wer einsam ist, der

locke die Amsel! Sieh! die eine geht, die andere kommt, die ist braun

und jene golden; gut ist nur die, so dich küßt!«

Nicht diese ausführlichen Worte, aber deren frevelhafter Sinn drängte

sich in Wilhelms Empfindung zusammen, als er Ännchens Hand ergriff und

sie unschlüssig, aber lächelnd ansah. Freilich waren seine Handlungen

viel zaghafter als seine Gedanken, und so kam es, daß nach einer Minute

nicht er die Schöne, sondern sie ihn im Arme hielt und ihm eben einen

Kuß aufdrücken wollte, als abermals eine Reihe von Gedanken und

Vorstellungen sich in dem Augenblick und in Wilhelms Gemüte

zusammendrängte.

»Das ist also,« dachte er ungefähr, »das vielgewünschte Glück in

Frauenarmen! Nun, schön genug ist's und gar nicht unangenehm! Gott sei

Dank, daß ich mal eine dicht bei mir habe! Was würde wohl Gritli dazu

sagen, wenn sie mich so sähe?«

Zugleich sah er Gritli im Geiste auf der Treppe vor dem Häuschen stehen

und dann sitzen. »Wie,« dachte er, »wenn sie dich gesucht, wenn sie dich

doch lieb hätte?« Ein großes Mitleiden mit ihr ergriff ihn, er erschrak

ordentlich über seine Hartherzigkeit; kurz, zerstreut und in Gedanken

verloren fuhr er zurück und entzog damit plötzlich und unerwartet seinen

Mund dem Kusse, den Ännchen eben darauf absetzen wollte. Er starrte ins

Blaue hinaus und sah immer deutlicher Frau Gritlis vermeinte Gestalt,

wie sie still vor seiner Tür saß und auf ihn zu warten schien. Dann

besann er sich und sagte unversehens zu Ännchen: »Was hatte es denn für

eine Bewandtnis mit dem Gruße, den Sie mir das erste Mal, da Sie hier

waren, von jener Frau gebracht haben? Und was macht sie, wie geht es

ihr?«

»Welche Frau, welcher Gruß?« fragte sie etwas betroffen und verlegen,

und als er sich genauer erklärt, sagte sie kalt: »Ach, das war nur eine

Neckerei von mir! Ich kenne die Frau gar nicht!« Diese schnöde und kühle

Antwort gefiel ihm nicht und kränkte ihn; unwillkürlich machte er sich

frei und trat ans Fenster, öffnete es und guckte verstimmt hinaus in die

Nacht.

Der gestirnte Himmel spannte sich über das Tal, in welchem die Lichter

von Seldwyla in einem dichten Haufen glänzten; darüber vergaß er, was in

der Stube war, seine Gedanken irrten um die dunkle Stadtmauer in der

Tiefe, und eben tat er einen ordentlichen Seufzer, als dicht unter

seinem Fenster eine weibliche Gestalt vorüberging mit den Worten: »Gute

Nacht, Herr Hexenmeister!« Es war Frau Ännchen, welche unbemerkt aus dem

Häuschen gehuscht war und lachend den Berg hinuntersprang. Er machte

eine Bewegung und eine Stimme rief in ihm: Laß sie nicht entwischen!

Aber dennoch wich er nicht von der Stelle und seine Sehnsucht flog über

die spukhafte Bäuerin hinweg in das Tal, wo Gritli war. Alle Geister der

Leidenschaft waren nun aufgeweckt und taumelten wie trunken in seinem

Herzen umher, und er verbrachte die Nacht schlaflos und aufgeregt.

»Dem wollen wir abhelfen!« rief er, als die Sonne schon hoch am Himmel

stand und er aus dem unruhigen Morgenschlaf erwachte, »ich will für

einige Zeit den Platz räumen, und andere Luft suchen!« Gesagt, getan! Er

hing zum zweitenmal die Reisetasche um, ergriff einen Stecken, schloß

Fensterladen und Tür und machte sich auf den Weg, dem Tuchscherer den

Schlüssel zu bringen und sich bei ihm zu beurlauben.

Ein leichter und rascher Schritt weckte ihn aus dem Brüten, in dem er

alles getan hatte. Er kannte den Schritt und lauschte ihm einige

Augenblicke, eh' er aufzuschauen wagte. Schon warf die Morgensonne den

leichten Schatten eines Schleiers auf den glänzenden Weg, dicht unter

seine Augen; der Florschatten umflatterte ein paar rund gezeichnete

Schultern. Wilhelm war plötzlich wie in ein Fegefeuer gesteckt und

bemerkte dennoch in aller Verwirrung, daß der wohlklingende Schritt fast

unmerklich zögerte. Endlich blickte er in die Höhe und sah Frau Gritli

nahe vor sich, welche ihrerseits errötete und verlegen lächelnd vor sich

hinsah. Beide Personen beschleunigten in der Verwirrung ihren Gang und

eilten sich vorüber, wahrscheinlich um sich nie wieder zu treffen. Da

zog Wilhelm doch noch seinen Hut und Gritli erwiderte den Gruß mit einer

raschen Verbeugung. Wie an einem Drahte gezogen sah jedes zurück, stand

still und wendete sich mit mehr oder weniger langsamer Bewegung; endlich

schossen sie zusammen wie zwei Hölzchen, die auf einem Wasserspiegel

dahintreiben, und stehenden Fußes gingen sie eilig nebeneinander fort.

»Sie wollen doch nicht verreisen, weil Sie Tasche und Stab tragen?«

sagte Gritli. Wilhelm erwiderte, er wolle allerdings fortgehen, und als

sie fragte, warum und wohin? erzählte er von Geschäften, von schönem

Wetter, von diesem und jenem, und Gritli flocht ebenso inhaltlose Dinge

dazwischen, aber alles in tiefster Bewegung. Sie gingen rasch, atmeten

schnell und sahen sich abwechselnd an; so waren sie, ohne es zu sehen,

auf einen Waldpfad geraten und gingen schon tief in den Bäumen, als

Gritli endlich rief: »Wo sind wir denn hingekommen? Ist das Ihr Weg?«

»Meiner?« sagte Wilhelm ernsthaft, »nein!« »Nun, das ist gut!« meinte

sie lachend, »so müssen wir nur sehen, daß wir bald wieder

hinauskommen!« Er sagte: »Da wollen wir hier quer durchgehen!« und

wanderte auf einem schmalen Seitenpfade voran durch den Forst. Nach

einer Weile kamen sie auf eine kleine Lichtung, die von hohen Föhren

eingeschlossen war, deren Kronen sich ineinander bauten. Unter den

Föhren lagen große rötliche Steine übereinander, denn es war das Grab

des keltischen Mannes, und rings herum war der Platz von den weißen

Sternen der Anemonen bedeckt.

»Hier ist's schön!« rief Gritli, »hier muß ich ein wenig ausruhen, ich

bin müde geworden!« Sie setzte sich auf die Steine und Wilhelm blieb vor

ihr stehen. »Machen Sie nicht, daß der aufwacht, der da unten liegt!«

sagte er; erschreckt fragte sie, was er meine, und er erzählte ihr die

Geschichte von dem Grabe. Nach einer Weile bemerkte sie: »Wo mag wohl

seine Frau liegen? Gewiß nicht weit!« »Das kann man freilich nicht

wissen!« antwortete Wilhelm lachend, »vielleicht liegt sie auf einem

Schlachtfelde in Gallien, vielleicht auf einem andern Berge in dieser

Gegend, vielleicht hier ganz in der Nähe, und vielleicht hat er gar

keine gehabt!«

Hierauf trat eine Stille zwischen die zwei Leute und jedes schien in

eigentümliche Gedanken vertieft. Gritli hatte ihren Hut abgelegt und

zeigte plötzlich statt der Locken, die dem Schulmeister sonst in die

Augen gestochen, ein glänzend glattgekämmtes Haar, einen schlichten

runden Kopf. Das verblüffte und verblendete ihn gänzlich, denn durch die

ungewohnte Veränderung erschien sie ihm schöner als je. Auch war sie

außerordentlich fein und anmutig gekleidet, obschon einfach, aber alles

frisch und wohlgemacht; nichts Einzelnes fiel auf und doch machte alles

einen angenehmen Eindruck, der sich wieder der Herrschaft des schlichten

blühenden Kopfes durchaus unterordnete. Diese Frau war in ihren Kleidern

und bei sich selbst zu Hause, und wer da einkehrte, befand sich in

keiner Marktbude. Das alles versetzte Wilhelm in tiefe Melancholie und

er sah die schöne Frau vor sich, wie man in die frühlingsblaue Ferne

sieht, in die man nicht hinein kann.

Als die tiefe Stille einige Minuten gedauert, während Gritlis Busen

unruhig wallte, rief der Kuckuck aus der Tiefe des Waldes, und zwar nur

ein einziges Mal, aber hell und widerhallend. Beide sahen sich an, und

ohne weitere Zeit zu verlieren, sagte Gritli mit einem freundlichen

Lächeln: »Es ist mir lieb, Sie noch getroffen zu haben; denn halb und

halb hatte ich die Absicht, Sie in Ihrem Häuschen aufzusuchen!«

Wilhelm sah sie mit großen Augen an; diese Worte weckten ihn aus seiner

Vergessenheit und machten ihm das Verhältnis gegenwärtig, in welchem er

eigentlich zu der Frau stand. Er brachte deswegen nur ein mißtrauisches

und kurzes »Warum?« hervor und glaubte sich mit heißen Wangen einer

neuen Komödie ausgesetzt. Sie aber sagte: »Ich wollte Sie gern fragen,

ob Sie mir noch zürnen wegen der Geschichte mit den Liebesbriefen?«

»Ich habe Ihnen nie gezürnt,« erwiderte er, »sondern nur mir selbst;

dennoch war das, was Sie vor Gericht von mir sagten, nicht gut und auch

undankbar; denn ich habe Ihre Schönheit und Lieblichkeit so hoch

gehalten, daß ich mir nicht anders zu helfen wußte, als an einen Gott zu

glauben, der Sie geschaffen und mir geschenkt habe, was freilich ein

eitler und eigennütziger Gedanke war!«

Eine prächtige Röte überflog Gritlis Gesicht. »Ich war nicht undankbar!«

sagte sie, indem sie die Handschuhe auszog und ihre Fingerspitzen

betrachtete, »als ich jene Worte sprach, dachte ich --« sie stockte, und

Wilhelm sagte mit fast tonloser Stimme: »Nun, was dachten Sie?« »Ich

dachte,« flüsterte sie, die Augen niederschlagend, »nun, ich dachte in

meinem Herzen, daß dafür meine Person, wie sie ist, Ihnen für immer

angehören solle, wenn die Zeit gekommen sei! Und da bin ich nun!«

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 12 / 26 段