Der Tuchscherer ließ noch denselben Tag ein Bett hinaufbringen und etwas

Lebensmittel, welche von Zeit zu Zeit erneuert werden sollten. Eine

kleine Küche war vorhanden, um zur Zeit der Weinlese sieden und braten

zu können; ebenso enthielt das Erdgeschoß einen Vorratsraum, und unter

der Treppe war mit wenig Mühe ein Ziegenstall hergestellt für eine

solche Milchträgerin. So ward Wilhelm plötzlich zu einem

einsiedlerischen Arbeitsmanne und fügte sich mit Geschick und Fleiß in

seine Lage. Er ließ die Äcker von den Tagelöhnern, welche der

Tuchscherer anstellte, sorgfältig zubereiten und besonders die Steine

hinaustragen und besäete sie mit Heusamen. Die Reben bearbeitete er fast

ganz allein und kam damit zu Ende, ehe man es gedacht; wie es denn öfter

vorkommt, daß solche, die ausnahmsweise oder nach langer Unterbrechung

ein Werk beginnen, im ersten Eifer mehr vor sich bringen, als die immer

dabei sind. In wenigen Wochen gewann er Zeit, sich zunächst dem Häuschen

ein Gemüsegärtchen anzulegen, um etwas Kohl und Rüben mit dem Fleische

kochen zu können, welches man ihm wöchentlich zweimal schickte. In einer

dunkeln Nacht holte er sich sogar in der Stadt Schößlinge von seinen

Nelken und Levkojen und setzte sie, wo sich ein Raum bot; um das

Gärtchen her zog er eine Hecke von wilden Rosen, an Geländer und Säulen

empor ließ er Geißblatt ranken, und als der Sommer da war, sah das Ganze

aus fast so bunt und zierlich wie ein Albumblatt.

Noch ehe die Sonne im Osten heraufstieg, war er täglich auf den Füßen

und suchte seinen Frieden in rastloser Bewegung, bis der letzte

Rosenschimmer im Hochgebirge verblichen war. Dadurch wurde seine Zeit

ausgiebig und reichlich, daß er frei wurde in der Verwendung der

Stunden, ohne seine Pflicht zu vernachlässigen. Um sich seinen

Holzbedarf zu sammeln, machte er weite Rundgänge durch den Wald, aus

welchen sich eine Bürde fast von selbst zusammenfand. Er benutzte dazu

die heiße Tageszeit, um im Schatten zu sein und zugleich für die

Erdschwere der Handarbeit ein erbauliches Gegengewicht zu suchen. Denn

der Wald war jetzt seine Schulstube und sein Studiersaal, wenn auch

nicht in großer Gelehrsamkeit, so doch in beschaulicher Anwendung des

Wenigen, was er wußte. Er belauschte das Treiben der Vögel und der

andern Tiere, und nie kehrte er zurück, ohne Gaben der Natur in seinem

Reisigbündel wohlverwahrt heimzutragen, sei es eine schöne Moosart, ein

kunstreiches, verlassenes Vogelnest, ein wunderlicher Stein, oder eine

auffallende Mißbildung an Bäumen und Sträuchern. Aus einem verfallenen

Steinbruche klopfte er manches Stück mit uralten Resten heraus von

Kräutern und Tieren. Auch legte er eine vollständige Sammlung an von den

Rinden aller Waldbäume in den verschiedenen Lebensaltern, indem er

schöne viereckige Stücke davon, mit Moosen und Flechten bewachsen,

herausschnitt oder sinnig zusammensetzte, die Nadelhölzer sogar mit den

glänzenden Harztropfen, so daß jedes Stück ein artiges Bild abgab. Mit

alledem schmückte er in Ermanglung anderen Raumes die Wände und die

Decke seines Stübchens. Nur nichts Lebendiges heimste er ein; je schöner

und seltener ein Schmetterling war, den er flattern sah, und es gab auf

diesen Höhen deren mehrere Arten, desto andächtiger ließ er ihn fliegen.

Denn, sagte er sich, weiß ich, ob der arme Kerl sich schon vermählt hat?

Und wenn das nicht wäre, wie abscheulich, die Stammtafel eines so

schönen, unschuldigen Tieres, welches eine Zierde des Landes ist und

eine Freude den Augen, mit einem Zuge auszulöschen! Abzutun, ab und tot,

das Geschlecht einer zarten fliegenden Blume, die sich durch so viele

Jahrtausende hindurch von Anbeginn erhalten hat und welche vielleicht

die letzte ihres Geschlechtes in der ganzen Gegend sein könnte! Denn wer

zählt die Feinde und Gefahren, die ihr auflauern?

Für diesen frommen Sinn wurde er von einem untergegangenen Geschlechte

belohnt, indem eine Erderhöhung mitten im Forste, welche ihm verdächtig

erschien und die er ausgrub, das Grab eines keltischen Kriegsmannes

enthüllte. Ein langes Gerippe mit Schmuck und Waffen zeigte sich vor

seinen Blicken. Aber er baute das Grab sorgfältig wieder auf, ohne

jemand davon zu sagen, weil er nicht aus seiner Verborgenheit treten

mochte. Indessen durchforschte er den Wald aufmerksam, entdeckte noch

mehrere solche Erhöhungen mit darauf zerstreuten Steinen und behielt

sich vor, in späterer Zeit davon Anzeige zu machen. Die gefundenen

Schmuck- und Waffensachen fügte er den Merkwürdigkeiten seiner

Einsiedelei bei.

Auf diese Weise erfuhr er, wie das grüne Erdreich Trost und Kurzweil hat

für den Verlassenen und die Einsamkeit eine gesegnete Schule ist für

jeden, der nicht ganz roh und leer.

Umso schneller machte er sich unsichtbar, wenn der Tuchscherer etwa mit

großer Gesellschaft heraufkam, um sie in dem lustigen Winzerhäuschen zu

bewirten und auf den Matten herumspringen zu lassen. Insbesondere die

lustigen Damen suchten neugierig des einsiedlerischen Jünglings

ansichtig zu werden, der sich so gut anschickte und in Freiheit, Sonne

und Bergluft ein hübscher brauner Gesell geworden. Es schien auf einmal

der Mühe wert, den Flüchtling nicht zu unabhängig von der Macht ihrer

Augen werden zu lassen. Auch einzeln dehnte dann und wann eine

Vorwitzige ihre Spaziergänge bis zu dieser Höhe aus und spukte wie von

ungefähr um das Häuschen herum. Allein Wilhelm war wie umgewandelt.

Anstatt die Augen niederzuschlagen und heimlich verliebt zu sein,

blickte er die Streifzüglerinnen ruhig und halb spöttisch an und ging

seiner Wege ohne alle Anfechtung. Das war ein neues Wunder und vermehrte

das Gerede über ihn in der Stadt.

Der Tuchscherer war zufrieden über seinen Besitz. In der Ebene, wo er

auch ein Stück Land besaß, hatte er eine geräumige Stallung und eine

Scheune gebaut. Dort stand das Vieh, dessen Zucht und Verkauf Wilhelm

mit gutem Verstande beriet. Die zweimalige Heuernte brachte er ebenfalls

glücklich unter Dach, und die Weinlese, welche darauf folgte, zeigte,

daß der Berg trefflich besorgt war.

Als der Tuchscherer nun seine Rechnung machte, fand er, daß er für die

Zukunft wohl bestehen würde, wenn es so fortginge, und statt nur seinen

vorübergehenden Spaß an der Sache zu haben, wie es am Orte Sitte war,

entschloß er sich, mit Ernst dabei auszuharren und zu trachten, daß er

ein gutes Ende gewänne. Obgleich er auch ein lustiger Tuchscherer war,

barg er doch eine gute Anlage in sich von irgend einem Äderchen her,

weshalb er durch die frische Arbeitslust, Verständigkeit und Ausdauer

Wilhelms aufmerksam wurde, besonders da er sah, daß der träumende und

verliebte Schulmeister ganz plötzlich diese Tugenden hervorgekehrt, als

wenn er sie auf der Straße gefunden hätte. Was ein anderer könne, dachte

er, das werde er auch im stande sein; und so wurde er in ehrgeiziger

Laune ein sorgfältiger und wachsamer Mann. Er stand früh auf und nahm

seine Geschäfte der Ordnung nach an die Hand. Statt in seiner

Tuchschererei alles den Arbeitern zu überlassen, sah er selbst dazu und

förderte die Arbeit, daß sie gut getan wurde und rasch vor sich ging,

und er gewann noch hinlängliche Zeit für seine Landwirtschaft. Den

Aufenthalt in den Versammlungen und Wirtshäusern, wo die Spottvögel

saßen, kürzte er immer mehr ab und gewöhnte sich, zu jeder beliebigen

Zeit auszubrechen und sich loszureißen, ohne gerade ein sogenannter

Leimsieder zu werden. Er bemerkte, daß die rechte Lustigkeit erst nach

getaner Arbeit entsteht, und daß Leute, welche immer in derselben

Wirtshausluft, bei denselben Manieren sitzen, zur schönsten Krähwinkelei

gedeihen; daß der liederliche Spießbürger um kein Haar geistreicher ist,

als der solide, und daß überhaupt Männer, die sich immerwährend und

täglich mehrmals sehen, einander zuletzt dumm schwatzen. Dennoch stieß

seine Bekehrung auf große Schwierigkeiten und er mußte die tapfersten

Anstrengungen machen, um nicht zurückzufallen. Aber wenn die Verlockung

und das Geräusch zu stark wurden, verließ er die Stadt und floh zu

Wilhelm hinauf, den er liebgewonnen und zu seinem Vertrauten machte.

Hierdurch wurde dieser wiederum angefeuert, daß er in seinem löblichen

Wesen nicht mürbe wurde. Allein der Teufel suchte abermals Unkraut zu

säen, indem des Tuchscherers Frau nicht von der alten Weise lassen

wollte und den Verkehr mit den Müßigen und Lustigmachern stets

erneuerte. Der Mann klagte dem Einsiedler seine Not; Wilhelm dachte nach

und riet ihm dann, der Frau das Haar dicht am Kopfe wegzuschneiden,

damit sie ein Jahr lang nicht ausgehen könne. Denn er hielt sich für

einen Weiberfeind und freute sich, einer eine Buße anzutun. Doch der

Tuchscherer sagte, das ginge nicht an, das Haar seiner Frau sei zu schön

und, da sie sonst nicht viel tauge, ein Hauptstück seines Inventars. Da

besann sich Wilhelm aufs neue und riet ihm dann, der Frau den

Milchverkauf zu übergeben und ihr einen Teil des Gewinns zu lassen.

Dadurch würde ihre Habsucht gereizt, sie werde nicht verfehlen, Wasser

unter die Milch zu mischen, sich deshalb mit der ganzen Stadt verfeinden

und in eine wohltätige Isolierung geraten. Dieser Plan ward nicht übel

befunden und bewährte sich auch so ziemlich. Die Frau fand Freude an dem

Gewinn und war, besonders des Abends, ans Haus gebunden, um das Melken

der Kühe zu überwachen und zu sehen, daß sie nicht zu kurz käme.

Inzwischen war der Herbst gekommen und für Wilhelm nichts weiter zu tun,

als das Vieh zu hüten, welches jetzt auf die Weide getrieben wurde. Er

ließ sich das demütige Amt nicht nehmen und wollte wenigstens einen

Herbst entlang mit den schönen Tieren allein auf der Weide sein. Allein

gerade diese Übertreibung, da er den Dienst eines kleinen Hirtenbuben

verrichtete, bekam ihm übel und beraubte ihn plötzlich wieder der

Freiheit und Gemütsruhe, welche er sich erarbeitet hatte. Denn als er so

da saß auf den sonnigen Hügeln, beim Getön der Herdenglocken und die

Stadt im goldenen Herbstrauch liegen sah, tauchte die Gestalt Gritlis

immer deutlicher wieder empor, fast nach dem Sprichworte: Müßiggang ist

aller Laster Anfang! Im Grunde war es eine von den unfertigen und

abgebrochenen Geschichten, welche wie ein abgeschossenes Bein mit der

Veränderung der Jahreszeiten und des Wetters sich immer bemerklich

machen. Jedes zurückgebliebene Restchen von Hoffnung auf ein verlorenes

Glück erneut tausend Schmerzen, sobald die Seele müßig wird und die

Sonne durchscheinen läßt.

Als er eines Tages, da es in den Tälern Mittag läutete, nach seinem

Häuschen ging, um sein einfaches Essen zu bereiten, entdeckte er

plötzlich eine zierliche Frau, welche unter dem Vordache stand und in

die Ferne hinaussah. Er war kaum noch zweihundert Schritte entfernt und

glaubte Gritli zu erkennen. Heftig erschreckend stand er still und

sagte: Was will sie hier? was sucht sie da?

Er verbarg sich hinter einem wilden Birnbaum und wagte wohl fünf Minuten

lang nicht mehr hinzusehen. Als er es aber endlich tat, hatte sich die

Erscheinung umgekehrt, guckte durch das Fenster in das Innere des

Winzerhäuschens und schien die kleine Stube aufmerksam zu betrachten,

darauf setzte sie sich auf die oberste Treppenstufe, zog, wie es schien,

ein Brötchen oder dergleichen aus der Tasche und fing an es zu essen,

und es war keine Aussicht, daß die Dame so bald wieder abziehen wolle.

Wilhelm machte Kehrtum und ging ohne Umsehen und ohne gegessen zu haben,

zu seiner Herde zurück, da er seine Behausung solchergestalt bewacht

fand. In großer Aufregung blieb er bis zum Abend fort, aber endlich

trieb ihn der Hunger wieder hin; vorsichtig näherte er sich seiner

Klause und fand den Platz geräumt. Der Engel mit dem feurigen Schwert

war abgezogen vor der Pforte. Wilhelm betrachtete alles wohl, das

Fenster und die Treppe, und fand alles, wie es gewesen, still und

unverfänglich. Doch seine Ruhe war dahin, wenngleich er nicht einmal

bestimmt wußte, ob es Gritli gewesen sei.

Ohne es sich gestehen zu wollen, kleidete er sich von dem Tage an

sorgfältiger, daß er für einen Rinderhirten fast zu gut aussah, und

näherte sich nicht selten behutsam dem Häuschen; aber die Erscheinung

kehrte nicht wieder. Dafür bevölkerte sich der ganze Berg mit ihrem

Bilde, auf Weg und Steg trat es ihm entgegen und guckte ihm durch die

runden Scheiben; es schien ihm unerträglich, so nahe bei ihr zu wohnen,

und doch hätte er nicht wegziehen mögen; denn der Umstand, daß sie jetzt

frei und einsam war, vermehrte die Unordnung seiner Gedanken. Doch

zuletzt wurde er nochmals Meister über dies Wesen und stellte sich

wieder steif auf die Beine.

Als der erste Schnee fiel, war es mit dem Hirtenleben vorbei; der

Tuchscherer wollte Wilhelm nun zu sich ins Haus nehmen. Der aber

sträubte sich dagegen und bat, ihn auf dem Berge zu lassen; jener mochte

ihn in seiner Laune nicht hindern, schaffte ihm einen kleinen Ofen

hinauf und versah ihn mit allerhand Arbeit von sich und andern. Auch

kaufte sich Wilhelm für den Lohn, den er erhielt, einige Bücher, die ihm

der Tuchscherer besorgte, damit er der Pflege seiner Geisteskräften

obliegen könne, und so wurde er bald eingeschneit und sah sich einsamer

als je.

Eigentlich nur so einsam, als ein rechter Einsiedel sein kann, denn ein

solcher hat noch allerlei Zuspruch. So bekam auch Wilhelm jetzt eine

wunderliche Kundschaft. Die Bauern der Umgegend, mehrere Stunden in die

Runde, sprachen von ihm als von einem halben Weisen und Propheten, was

hauptsächlich von seinem Treiben im Walde und der seltsamen

Ausstaffierung seiner Wohnung herrührte. Sobald die Bauern einen solchen

Heiligen aufspüren, der von Reue über irgend einen geheimnisvollen

Fehltritt ergriffen, sich auf außerordentlichem Wege zu helfen sucht, in

die Einsamkeit geht und ein ungewöhnliches Leben führt, so wird alsobald

ihre Phantasie aufgeregt und sie schreiben dem Sonderling besondere

Einsichten und Kräfte zu, welche zu nutznießen sie eine unüberwindliche

Lust verspüren, im Gegensatze zu den Städtern und Aufgeklärten, so ihren

Rat bei denen holen, die niemals von der goldenen Mittelstraße abweichen

und nie über die Schnur gehauen haben.

Zuerst kam eine bedrängte Witwe mit einem ungeratenen Kinde, welches in

der Schule nichts lernen wollte und sonst allerlei Streiche verübte, und

bat ihn um Rat, indem sie vor dem Kinde ihre bittere Klage vorbrachte.

Wilhelm sprach freundlich mit dem Sünder, fragte, warum es dies und

jenes tue und nicht tue, und ermahnte es zum Guten, indem es sich besser

dabei befinden werde. Der weite Gang, die feierliche Klage der Mutter,

die abenteuerliche Einrichtung des Propheten und dessen

freundlich-ernste Worte machten einen solchen Eindruck auf das Kind, daß

es sich in der Tat besserte, und die Witwe verbreitete den Ruhm

Wilhelms.

Bald darauf kam eine andere Frau, welche über eine böse Nachbarin

klagte; dann kam ein alter Bauer, der sich das Schnupfen abgewöhnen

wollte, weil er es für Sünde hielt; Wilhelm sagte, er solle nur

fortschnupfen, es sei keine Sünde, und dieser lobte und pries den

Ratgeber, wo er hinkam. Endlich verging kaum ein Tag, wo er nicht

solchen Besuch empfing, und alle möglichen moralischen und häuslichen

Gebrechen enthüllten sich vor ihm. Am meisten besuchten ihn Mädchen und

Weiber, um geheime Briefe von ihm schreiben zu lassen, welchen sie eine

besondere Wirkung zutrauten, und sogar abergläubische Leute kamen, denen

er gestohlene oder verlorene Sachen wieder verschaffen oder

geheimnisvolle Mittel gegen körperliche Übel oder am Ende gar weissagen

sollte. Das wurde ihm denn doch lästig und bedenklich, und er suchte die

Bittsteller mit Scherzen oder barschen Worten abzuweisen. Allein nun

hieß es erst recht, er habe seine Mucken und stehe nicht jedem Rede,

woran er ganz recht tue. Am liebsten verkehrte er mit Kindern, die in

der Schule nicht fortkamen und deren man ihm häufig brachte, so daß sie

nachher allein kommen konnten. Mit diesen gab er sich liebevoll ab und

war froh, öfter eines oder mehrere um sich zu haben. Er brachte fast

alle ins Geleise und erwarb sich dadurch Dank und Ansehen und unter den

Kleinen eine große Anhängerschaft, die ihn an schönen Sonntagen manchmal

in ganzen Scharen besuchte und ihm kindliche Geschenke brachte, zum

Beispiel jedes einen schönen Apfel, so daß alle zusammen ein Körbchen

voll gaben, oder jedes zehn Nüsse, so daß sich eine Lade damit füllte.

Sie mußten dann singen und er geleitete sie eine Strecke weit heimwärts.

Von diesen Taten hörte Frau Gritli häufig erzählen und sie nahm

lebendigen Anteil, ohne es merken zu lassen. Sie war sehr neugierig und

wünschte eifrig, seine Wirtschaft selbst einmal zu sehen und ihn

sprechen zu hören. Als eine auswärtige vertraute Freundin sie für einige

Zeit besuchte, um ihr die Tage verbringen zu helfen, beschlossen die

beiden zu dem Einsiedel zu gehen. Sie verkleideten sich in junge

Bäuerinnen, färbten ihre Gesichter mit vieler Kunst und verhüllten

überdies die Köpfe mit großen Tüchern. So machten sie sich an einem

hellen Wintermorgen auf den Weg und bestiegen den Berg, der in seiner

weißen Decke blendend vom blauen Himmel abstach. Als sie vor dem

Rebhäuschen anlangten, standen sie still und betrachteten es neugierig

und mit erstaunten Blicken. Denn es glitzerte und leuchtete wie lauter

Kristall und Silber. Vom Dache hingen ringsherum große Eiszacken nieder

mit feinen Spitzen, manche beinahe bis auf den Boden. Die Wetterfahne,

die eisernen Verzierungen des Geländers, noch aus der Zopfzeit, und die

Geißblattranken waren mit Reif besetzt, und das alles wurde von der

Sonne mit siebenfarbigen Strahlen umsäumt. Unter dem Vordache auf den

Steinplatten wimmelte es von größern und kleinern Waldvögeln, die da

ihr Futter pickten und lustig durcheinander hüpften; sie waren so zahm,

daß sie kaum Platz machten vor den Füßen der Pilgerinnen und sich der

Reihe nach auf das Geländer und vor das Fenster setzten. Jede der Frauen

stieß die andere an, daß sie anklopfen sollte; die eine hustete, die

andere kicherte, aber keine wollte klopfen. Doch wagte es endlich die

Freundin, pochte nun so stark wie ein Bauer, und öffnete zugleich die

Tür, mit patzigen Schritten eintretend.

Wilhelm saß über einem großen Buche mit Pflanzenbildern; er war nicht

sehr erfreut über die frühe Störung, zumal er zwei junge frische

Weibsbilder ankommen sah. Aber Ännchen, die Freundin, begann sogleich

ein geläufiges Kauderwelsch, in welchem sie eine Anzahl Fragen und

Anliegen bunt durcheinander vorbrachte. Sie wollte eine Rechnung über

verkauftes Stroh berichtigt haben, gegen welches sie eine Zeitkuh

eingetauscht, zog ein Papier voll gegossenen Bleies hervor und forderte

die Erklärung desselben; dann sollte er aus ihrer Hand wahrsagen,

Auskunft geben, wann es am besten Hafer zu säen sei, ob man im gleichen

Jahre zweimal die Ehe versprechen dürfe, ob er nicht eine verhexte

Kaffeemühle herstellen könne, in welcher ein Kobold sitze; ferner

brachte sie ein dickes Bündel Hühner-, Enten- und Gänsefedern zu Tage

und bat ihn, dieselben zu schneiden für Geld und gute Worte, sie wolle

sie dann schon gelegentlich abholen; denn sie schreibe für ihr Leben

gern, habe aber keine Federn; und endlich verlangte sie zu wissen, ob

das neue Jahr gedeihlich zum Heiraten sein würde für eine ehrbare junge

Bäuerin. Dies alles, Stroh, Zeitkuh, Hafer, Blei, Kaffeemühle, Kobold,

Federn und Heirat, warf sie so behend und verworren untereinander, daß

kein Mensch darauf antworten konnte, und wenn Wilhelm den Mund auftat,

unterbrach sie ihn sogleich, widersprach ihm, sie habe nicht das,

sondern jenes gemeint, und machte den ergötzlichsten Auftritt. In der

Zeit stand Gritli da, die Hände unter der Schürze, und rührte sich

nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Sie beschaute sich eifrig Wilhelms

sonderliche Behausung, welche inwendig noch märchenhafter aussah als von

außen. Die Wände waren mit bemooster Baumrinde, mit Ammonshörnern,

Vogelnestern, glänzenden Quarzen ganz bekleidet, die Decke mit wunderbar

gewachsenen Baumästen und Wurzeln, und allerhand Waldfrüchte,

Tannzapfen, blaue und rote Beerenbüschel hingen dazwischen. Die Fenster

waren herrlich gefroren; jedes der runden Gläser zeigte ein anderes

Bild, eine Landschaft, eine Blume, eine schlanke Baumgruppe, einen Stern

oder ein silbernes Damastgewebe; es waren wohl hundert solcher Scheiben,

und keine glich der andern, gleich dem Werk eines gotischen Baumeisters,

der einen Kreuzgang baut und für die hundert Spitzbogen immer neues

Maßwerk erfindet.

Das alles gefiel der Frau, welche von Viggi und seiner Kätter als eine

platte und prosaische Natur verschrieen wurde, über die Maßen wohl; doch

ließ sie zuweilen auch einen Blick über den Bewohner dieses Raumes

gleiten, und derselbe gefiel ihr nicht minder. Er war in einen rötlichen

Fuchspelz gehüllt, den ihm der Tuchscherer für den Winter gegeben; sein

dunkles Haar war dicht und lang gewachsen, ein dunkles Bärtchen war auf

seiner Oberlippe erstanden, und der ganze Gesell hatte an selbstbewußter

und freier Haltung gewonnen. Ein langes rotes Tuch, welches er lose um

den Hals geschlungen trug, vermehrte noch die kecke Wirkung seines

Aussehens, welche freilich kaum so keck gewesen wäre, wenn er gewußt

hätte, wen er vor sich habe.

Ännchen machte aber ihre Sache so gut, daß er keinen Verdacht schöpfte

und ein tolles Weibsstück zu sehen glaubte, begleitet von einer blöden

und schüchternen Person. Als ihm der Handel endlich zu bunt wurde,

unterbrach er die Schwätzerin gewaltsam und sagte: »Eure Rechnung über

Stroh und Kuh beträgt so und so viel, alles übrige ist dummes Zeug, das

Ihr anderwärts anbringen mögt, liebe Frau!«

»So!« sagte Ännchen in köstlichem Tone, und Wilhelm: »Ja, so! Geht in

Gottes Namen und laßt mich in Ruhe!«

»Auf die Weise!« erwiderte Ännchen, »aha! So so! Nun, so habt denn Dank,

Herr Hexenmeister! und nichts für ungut! Behüt' Euch Gott wohl und

zürnet nicht! Komm, Frau Barbel!«

Doch als sie bereits unter der Tür war, kehrte sie nochmals um und rief:

»Ei, so hätte ich bald vergessen, Euch den Gruß auszurichten! Oder hab'

ich's schon getan?« »Nein! von wem?« »Ei, von einer gar feinen und

hübschen Frau, Ihr werdet sie besser kennen als ich, denn ich weiß ihren

Namen nicht zu sagen!« »Ich weiß nicht, ich kenne keine solche Frau!«

»He, so besinnt Euch nur, sie wohnt an der Stadtmauer, ist nicht gar

groß, aber ebenmäßig gewachsen und trägt den Kopf voll brauner

Haarlocken wie ein Pudel! Da, die Barbel und ich haben ihr Eier

gebracht, wir sagten, daß wir da hinaufgehen wollten, um uns wahrsagen

zu lassen, und da war's, daß sie uns den Gruß bestellte!«

Wilhelm wurde hochrot, rief hastig: »Ich weiß nicht, wen Ihr meint!« und

wandte sich stracks zu seinem Buche, ohne die Frauen weiter eines

Blickes zu würdigen. So trollten sich diese davon und polterten in ihren

schweren Schuhen mutwillig die Stufen hinunter.

Kaum waren sie außer dem Bereiche des Häusleins, so sagte Ännchen:

»Höre, wenn ich nicht schon einen Mann hätte, so würde ich dir den

wegfangen! Dies ist ja ein netter Kerl, obgleich er ein grober Lümmel

ist!«

»Ach, er gefällt mir nur gar zu wohl,« seufzte Gritli, »aber ich trau'

ihm nicht! Er könnte trotz der soliden Manier, die er angenommen hat,

leicht wieder ein verliebter Zeisig werden oder noch sein, der sich in

alle Welt vergafft, und dann käme ich vom Regen in die Traufe. Man müßte

ihn auf irgend eine Art auf die Probe stellen!«

»Nun, das kann man ja tun!« sagte die Freundin; sie berieten sich über

den Weg, den sie einschlagen wollten, und Ännchen versprach, die Sache

auszuführen, sobald der Winter vorüber sei. Da seufzte Gritli abermals

und meinte: »Ach, das ist noch lange hin und im Frühling sollte es schon

getan sein!«

Lachend erwiderte Ännchen: »Da kann ich nicht helfen, meine Liebe! Ich

muß jetzt wieder zu meinem Mann; auch habe ich doch nicht Lust, durch

diesen Schnee öfter in die Wildemannshütte zu klettern, so hübsch

eingefroren sie auch ist! Also Geduld! sobald die Veilchen blühen, werde

ich wieder kommen und deine Bergamsel probieren, aber auf deine Gefahr

hin!«

Gritli fügte sich darein; sie verbrachte den Rest des Winters in größter

Stille; aber der Schnee schien ihr nicht weichen zu wollen und sie

schwankte manchmal, ob sie die Probe überhaupt anstellen und nicht

lieber die Sache gleich zu Ende führen wolle. Da kam endlich der

gewaltige Südwind und goß seine warmen Regenfluten schief über Berg und

Tal hin. In eilender Flucht schmolzen die Schneemassen und Wasser

sprangen von allen Abhängen, lachend, redend und singend mit tausend

Zungen. Gritli lauschte dem Klingen, als ob es ein Hochzeitsgeläute

wäre. Sobald die nächste Wiese trocken war, lief sie hinaus, um nach den

Veilchen zu sehen; sie fand keines, dafür aber einige Schneeglöckchen,

und als sie zurückkam, war dennoch die Freundin angekommen mit einem

großen Koffer, worin sie das nötige Handwerkszeug für ihr Vorhaben

mitbrachte.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 11 / 26 段