Unter diesen Umständen war es nicht zu verwundern, wenn die

Schlichtungsversuche der Behörden keinen Erfolg hatten und der Endprozeß

der Scheidung endlich heranrückte. Frau Gritli wurde nicht im mindesten

geschont, indem eine ziemliche Anzahl Zeugen, deren Auffindung Kätter

Ambach betrieben hatte, vernommen wurden. Auch Wilhelm wurde wiederholt

verhört, aber alles dies ergab nichts, was die beiden Übeltäter

belästigen konnte. Nur ein Kind hatte mehrmals die Briefe in die Hecke

tun oder daraus nehmen sehen; aber dieser briefliche Verkehr wurde von

Gritli und Wilhelm selbst eingestanden.

So erschien denn der große Gerichtstag, und Viggi hielt eine strenge und

beredte Anklage. Er schilderte auf das anmutigste sein edles, geistiges

Streben, wie er mit heiliger Mühe gesucht habe, seine Gattin an

demselben teilnehmen zu lassen und jene Harmonie in der Gesinnung zu

erringen, ohne welche ein glückliches Ehebündnis unmöglich sei; wie sie

aber erst durch eigensinniges Verharren in der Unwissenheit und

Geistesträgheit ihm das Leben verbittert, dann durch schlaue Verstellung

ihn getäuscht und endlich wegen seiner mühevollen Geschäftsreisen, die

er sich durch einen innigen und gebildeten Briefwechsel mit der Gattin

habe erleichtern und erheitern wollen, zum förmlichsten Treubruch

geschritten sei und die empörendste Komödie mit dem vertrauensseligen

Gatten gespielt habe! Er überlasse zutrauensvoll den Richtern, zu

beurteilen, ob das fernere Zusammenleben mit einer solchen mit

Geierkrallen bewaffneten Gans möglich sei!

Mit diesem schimpflichen Trumpf, den er sich nicht versagen konnte,

schloß er seinen Vortrag. Ein allgemeines leises Gelächter erfolgte

darauf; die gekränkte Frau verhüllte ihr Gesicht einige Augenblicke und

weinte. Doch dann erhob sie sich und verteidigte sich mit einer

Entrüstung und mit einer Beredsamkeit, welche ihren eiteln Mann sogleich

in Erstaunen setzte und in die größte Beschämung.

»Ob sie roh und unwissend sei, könne sie selbst nicht beurteilen,« sagte

sie, »aber noch seien die Lehrer und die Geistlichen alle am Leben,

welche sie erzogen, denn es sei noch nicht so lange her, daß sie ein

Kind gewesen. Ihr Mann habe sie als ein einfaches Bürgermädchen

geehelicht und sie ihn als einen Kaufmann und nicht als einen Gelehrten

und Schöngeist. Nicht sie habe ihren Charakter geändert, sondern er, und

bis dahin habe sie treulich und zufrieden mit ihm gelebt und er

scheinbar mit ihr. Selbst als er seine neuen Künste angefangen, wie

jedermann bekannt sei, habe sie nicht mit den Leuten darüber gelacht,

sondern als sie gesehen, daß es sich um den häuslichen Frieden handle,

sei sie ehrlich beflissen gewesen, in seine Weise einzugehen, so lange

nur immer möglich, ungeachtet der peinlichen und wenig rühmlichen Lage,

in welche sie dadurch geraten. Zuletzt aber habe er das Unmögliche von

ihr verlangt, nämlich ihre Frauengefühle in einer geschraubten und

unnatürlichen Sprache und in langen Briefen für die Öffentlichkeit

aufzuschreiben, und statt ihrem häuslichen Leben nachzugehen, die

schöne Zeit mit einer ihr fremden und widerwärtigen, nutzlosen Tätigkeit

zu verbringen. Nicht sie habe sich der Verstellung hingegeben, sondern

gerade er, indem er, bei trockenen und durchaus nicht begeisterten

Gewohnheiten, sich selbst und sie damit gezwungen habe, eine höchst

lächerliche Komödie in Briefen zu spielen. Dennoch habe sie, von ihm

geängstigt und in der Hoffnung, diese ganze Störung werde umso eher

vorübergehen, ihn zufriedenzustellen gesucht, allerdings auf einem in

der Not und Verwirrung falsch gewählten Wege, wie sie unverhohlen

bekenne.

»Jede Frau in Seldwyla wisse, daß der junge Lehrer Wilhelm ein ebenso

verliebter als bescheidener, schüchterner und ehrbarer Mensch sei, mit

welchem man zur Not einen unschuldigen Scherz ausführen könne, ohne in

eine bedenkliche Stellung zu geraten. Umso eher habe sie geglaubt, eine

harmlose List gebrauchen und ihm die Beantwortung der Briefe ihres

Mannes aufgeben, ja förmlich bestellen zu können, wie man öfter

schriftliche Arbeiten und namentlich auch Liebesbriefe durch Schullehrer

anfertigen lasse; sie berufe sich hierin auf manch wackeres

Dienstmädchen. Nicht sie habe die zu beantwortenden Briefe verfaßt,

sondern Störteler, und hiermit sei wohl die Anklage der Untreue kurz

abgeschnitten. Der Handel gehöre nach ihrer Meinung und nach ihren

schwachen Begriffen vor ein literarisches Gericht und nicht vor ein

Ehegericht. Dennoch habe sie sich dem letzteren unterzogen, weil das

Geschehene ein unvermutetes Licht über den innern Zustand dieser Ehe

aufgesteckt habe. Sie empfinde keine Zuneigung mehr für Herrn Störteler,

für sie Grund genug, da die Dinge einmal so weit gediehen, ebenfalls auf

gänzlicher Trennung zu bestehen.«

Obgleich das Gericht, da sich der Treubruch als ein bloßes äußerliches

Fehlgreifen herausstellte, wenigstens für ein streng altväterisches

Ehegericht, nun die Scheidung nicht hätte aussprechen müssen, so machte

es den Herren und der ganzen Stadt zu viel Spaß, den armen Viggi seiner

schmucken und feinen Frau zu berauben und ihn mit der komischen Kätter

zusammenrennen zu lassen, als daß sie die Scheidung nicht ausgesprochen

hätten. Sie ward also erkannt auf Grund unvereinbarer Neigungen und

Gewohnheiten, roher Mißhandlung von Seite des Mannes, wie Einsperrung in

den Keller und rücksichtslose Ausstoßung auf die Straße, und

leichtsinniger Fehlgriffe der Frau, wie der Briefverkehr mit dem Lehrer.

Doch solle die Frau als unbescholten und unverdächtig gelten, jeder Teil

in seinem Vermögen bleiben und zu keinerlei Leistung verpflichtet sein,

so daß Störteler das Vermögen Gritlis, das sie zugebracht, von Stund' an

herauszugeben oder sicherzustellen habe.

Viggi ging mehr niedergeschlagen als fröhlich nach Hause und wunderte

sich selbst darüber, da er doch nun frei war von der bedrückenden Last

einer geistesträgen und nichtsnutzigen Hausfrau. Allein es fehlte ihm

nicht an Aufklärungen und Erläuterungen; denn schon unter der Tür des

Gerichtshauses riefen ihm einige Herumsteher zu: »O du Erznarr! Du mußt

Tinte gesoffen haben, daß du ein solches Weibchen kannst fahren lassen!

Und das artige Vermögen, die runden Schultern, der treffliche Anstand!

Hast du gesehen,« sagte einer zum andern, »wie auf allen Seiten

glänzende Locken unter ihrem Hute hervorrollten?« »Ja,« erwiderte der,

»und hast du gesehen den allerliebsten Zorn, das sanfte Feuer, das noch

in ihren lachenden Augen brannte? Wahrlich, wenn ich die hätte, ich

machte sie alle Tage bös, nur um sie in ihrem Zorne dann abküssen zu

können! Nun, Gott sei Dank, die wird jetzt schon noch an einen Kenner

geraten!«

Auf dem Wege rief jemand: »Da geht einer, der wirft Aprikosen aus dem

Fenster und ißt Holzäpfel!« -- »Wohl bekomm's ihm!« antwortete es von

der andern Seite. Ein Schuster rief: »Der gibt dem Quark eine Ohrfeig'

und meint, er sei ein Fechtmeister!« Und ein Knopfmacher: »Laßt ihn, er

ist halt ein Grübler, es gibt aber verschiedene Grübler, es gibt auch

Mistgrübler.« Der Kupferschmied endlich, der mit dem Werg in einer

verzinnten Pfanne herumfuhr, setzte hinzu: »Er hat's wie der Teufel; ich

muß mich verändern! sagte der, nahm eine Kohle unter den Schwanz und

setzte sich auf ein Pulverfaß.«

Diese Reden kränkten und betrübten den Viggi über die Maßen; er trat

recht mutlos in seine Stube und verfiel in große Traurigkeit. Allein

bald zerstreuten sich diese Wolken vor der Sonne, die ihm aufging.

Kätter Ambach trat herein in flottem Taffetkleide, geschmückt mit einem

dünnschaligen, brüchigen, goldenen Ührchen, das seit fünfzehn Jahren nie

aufgezogen war, weil es längst keine Feder mehr in sich barg. Sie warf

das Tuch ab und setzte sich, seine Hand teilnehmend ergreifend, neben

Viggi auf das Sofa; sie bestrickte ihn völlig und das treffliche Paar

wurde stracks einig, sich zu heiraten und das Musterbild einer Ehe im

Geist und schöner Leidenschaft darzustellen. So hatte sich die lustige

Kätter glücklich zur Braut gemacht; sie blieb gleich zum Essen da und

sie trieben ein solches Karessieren, daß die Magd, welche der früheren

Frau anhing, sich schämte. Sie bespitzten sich leicht in Viggis bestem

Weine und zogen am Nachmittage Arm in Arm durch die Straßen, bis sie

endlich in Kätters Wohnung einmündeten, einige Bekannte zusammenriefen

und die Verlobung feierten. Das beste war, daß Kätters alte Mutter bei

dieser Gelegenheit reichliches Essen und Trinken herbeischleppen sah und

sich seit langen Jahren einmal sattessen konnte; denn sie hatte seit

dreißig Jahren nur besorgt sein müssen, die heißhungrige Tochter zu

füttern und derselben mehr zugesehen, als selbst gegessen. Doch da

Kätter endlich noch einen wohlhabenden Schwiegersohn ins Haus führte,

dachte sie nun gern zu sterben, weil die Tochter, die nichts zu arbeiten

wußte, nicht verlassen und hilflos in der Welt zurückblieb. So ist jedes

Unwesen noch mit einem goldenen Bändchen an die Menschlichkeit gebunden.

Die Hochzeit wurde so bald als möglich gehalten, glänzend, reichlich und

geräuschvoll; denn Kätter wollte diese Aktion in allen Einzelheiten

recht durchgenießen und sich als den holden Mittelpunkt eines großen

Festes sehen, und Viggi benutzte die Gelegenheit, indem er eine Menge

Menschen einlud, sich mit den gut bewirteten Mitbürgern wieder auf einen

bessern Fuß zu stellen. Die neue Frau Störteler war nicht gesonnen, ein

stilles und beschauliches Leben zu führen, sondern veranlaßte ihren

Mann, die Lustbarkeit, welche mit der Hochzeit begonnen, fortzusetzen,

alle Gesellschaften mit ihr zu besuchen, sein eigenes Haus aufzusperren

und im vollen Galopp zu fahren.

Er befand sich übrigens herrlich dabei und lebte zufrieden mit ihr in

solchem Trubel; denn überall gab sie ihn für ein Genie aus und machte

ihn allerorten zum Gegenstande des Gesprächs, bezog alles auf ihn und

nannte ihn nur Kurt.

»Mein Kurt hat dies gesagt und jenes geäußert,« sagte sie alle

Augenblicke; »wie hast du dich doch neulich ausgedrückt, lieber Kurt, es

war zu köstlich! Ich muß dich nur bewundern, bester Kurt, daß du nicht

gänzlich abgespannt bist bei deinen Arbeiten und Studien! Ach! ich

fühle recht die schwere Pflicht und was eine Gattin einem solchen Manne

sein könnte und sollte! Wollen wir auch nicht lieber nach Hause gehen,

guter Kurt? Du scheinst mir doch müde; wickle ja deinen Plaid recht um

dich, mein Kind! Heute darfst du mir aber nicht mehr schreiben, wenn wir

heimkommen, das sage ich dir schon jetzt!«

Alles dies schwatzte sie vor vielen Leuten, und Viggi schlürfte es ein

wie Honig, nannte seine Frau dafür »mein kühnes Weib« oder »trautes

Weib« und stellte sich leidend oder feurig, je nach den Reden seiner

kurzbeinigen Fama.

Den Seldwylern aber schmeckte alles das noch besser als Austern und

Hummersalat, ja ein gebratener Fasan hätte sie schwerlich weggelockt, wo

Viggi und Kätter sich aufspielten. Für Jahre waren sie mit neuem

Lachstoff versehen; doch benahmen sich die abgefeimten Schlingel mit der

äußersten Vorsicht, um das Vergnügen zu verlängern, und es entstand

daraus eine neue Übung, nämlich einen tollen Witz vorzuschieben und

scheinbar über diesen zu lachen, wenn die Mundwinkel nicht mehr

gehorchen wollten. Es wurde stets ein Vorrat solcher Schwänke in

Bereitschaft gehalten, vermehrt und verbessert und gedieh zuletzt zu

einer Sammlung von selbständigem Werte. Es gab Seldwyler, Handwerker und

Beamte, welche Tage, ja Wochen über der Erfindung und Ausfeilung eines

neuen Geschichtchens zubringen konnten. Schien der Schwank gehörig

durchdacht und abgerundet, so wurde er erst in einem Kneipchen probiert,

ob die Pointe die rechte Wirkung täte, und je nach Befund, oft unter

Zuziehung von Sachverständigen, nochmals verbessert, nach allen Regeln

eines künstlerischen Verfahrens. Wiederholungen, Längen und

Übertreibungen waren strenge verpönt oder nur statthaft, wenn eine

besondere Absicht zu Grunde lag.

Von diesem gewissenhaften Fleiße besaß Viggi keine Ahnung. Mit

bedauerndem Hochmut saß er in der Gesellschaft, wenn dergleichen

vorgetragen wurde und das Gelächter von ihm ablenkte. »Wie glücklich ist

man doch zu preisen,« sagte er zu seiner Gemahlin, »wenn man über solche

Kindereien hinweg ist und etwas Höheres kennt!«

Auf diesem Höheren fuhr er nun mit vollen Segeln dahin, aufgeblasen

durch den gewaltigen Odem seiner Frau. Und er fuhr so trefflich, daß er

binnen Jahr und Tag mit Kätters Hilfe da landete, wo es den meisten

Seldwylern zu landen bestimmt ist, besonders da sein Kapital mit Gritlis

Vermögen aus dem Geschäfte geschieden war. Statt diesem obzuliegen,

trieb er mit einer Handvoll ähnlicher Käuze, die er im Lande

aufgegabelt, eine wilde und schülerhafte Literatur, welche so neben der

vernünftigen Welt herlief und sich mit ewigen Wiederholungen als etwas

Nagelneues und Unerhörtes ausgab, obgleich sie nur an weggeworfenen

Abschnitzeln kaute oder reinen Unsinn hervorbrachte. Gegen jeden, der

sich nicht auf ihren zudringlichen Ruf stellte, wurde der Spieß gedreht

und der einzelne als bösartige und feindliche Clique bezeichnet. Sie

selbst verachteten sich gegenseitig unter der Hand, und Viggi, der sonst

ein so einfaches und sorgloses Leben geführt, war jetzt nicht nur von

Sorgen und Verwicklungen, sondern auch von törichten Leidenschaften und

den Qualen des gehänselten und ohnmächtigen Ehrgeizes geplagt. Bereits

machte es ihm Beschwerde, das Postgeld zu erlegen für all' die

inhaltlosen Briefe, für die gedruckten oder lithographierten Sendungen,

Aufrufe und Prospekte, die täglich hin und her flogen und weniger als

nichts wert waren. Seufzend schnitt er schon die Frankomarken von den

immer kürzer werdenden Riemchen, während die soliden, einträglichen und

frankierten Geschäftsbriefe immer seltener wurden. Endlich hatte er

überhaupt keine Marken mehr im Hause und Kätter ging gemäß ihrer Mission

mit den Sachen auf die Post, um sie dort zu frankieren; aber sie warf

die Briefe in den Kasten und vernaschte das Geld. War es Vormittag, so

ging sie in den Wurstladen und aß einen Schweinsfuß; nach Tische dagegen

besuchte sie den Zuckerbäcker und aß eine Apfeltorte. Dafür bekam Viggi

dann von den rachsüchtigen Korrespondenten doppelt so viele unfrankierte

Zusendungen mit »Gruß und Handschlag« und heimlichen Verwünschungen.

Während dieser Zeit war Gritli wie von der Erde verschwunden. Man sah

sie nirgends und hörte nichts von ihr, so eingezogen lebte sie. Wenn sie

ausging, so trat sie aus der Hintertür ihres Hauses, welches an der

Stadtmauer lag, ins Freie und machte einsame Spaziergänge; auch war sie

öfters abwesend, manchmal monatelang, wo sie sich dann an andern Orten

bescheidentlich erholen und ihrer Freiheit freuen mochte. In Seldwyla

war sie für keinen Freier zu sprechen; doch hieß es mehrmals, sie habe

sich auswärts von neuem verlobt, ohne daß jemand etwas Näheres wußte.

Daß sie sich auch nichts um Wilhelm zu kümmern schien und ihn niemals

sah, wunderte niemand; denn niemand glaubte, daß sie ernstlich dem armen

jungen Menschen zugetan gewesen sei.

Desto schlimmer erging es ihm. Von ihm zweifelte keiner, daß er nicht

bis über die Ohren in Gritli verliebt sei, und Männer wie Frauen nahmen

es ihm äußerst übel, die Augen auf sie gerichtet zu haben, während er

zugleich wegen seiner leichtgläubigen Briefstellerei verhöhnt wurde.

Sogar die Mädchen am Brunnen sangen, wenn er vorüberging:

Schulmeisterlein, Schulmeisterlein,

Des Nachbars Äpfel sind nicht dein!

Er schämte sich auch gewaltig und zwar nicht so sehr vor den Leuten als

vor sich selbst. Die Art, wie ihn Gritli vor Gericht hingestellt hatte,

war ihm als ein Stich ins Herz gegangen, öffnete ihm, wie er meinte, die

Augen über sich und die Weiber, und er stieß die ganze Schar von nun an

aus seinen Gedanken. Also ging er in sich, ließ alle Narrheit fahren und

wandte sich mit Fleiß und Liebe seinen Schulkindern zu. Aber im besten

Zuge ging just seine Amtsdauer zu Ende, da er nur Verweser und nicht

fest angestellt war. Wie er nun aufs neue gewählt werden sollte, wußte

der Stadtpfarrer als Vorstand der Schulpflege seine Bestätigung bei den

Behörden zu hintertreiben, indem er Bericht erstattete von Wilhelms

Verwicklung in einem bedenklichen Ehehandel und den jungen Sünder einer

heilsamen Bestrafung empfahl. Er haßte den Schulmeister wegen seines

Unglaubens und seiner mythologischen Hantierungen; denn er wußte nicht,

daß Wilhelm sich zum alleinigen und wahren Gott bekehrt hatte, sobald er

sich geliebt glaubte. So wurde er für zwei Jahre außer Amts gesetzt und

stand brot- und erwerblos da.

Er schnürte darum sein Bündel, um anderwärts ein Unterkommen zu suchen,

und zwar entschloß er sich in seinem Reumut, sich in die Dunkelheit zu

begeben und als ein armer Feldarbeiter bei den Bauern sein Brot zu

verdienen; denn als der Sohn einer verschwundenen Bauernfamilie aus der

Umgegend kannte er die ländlichen Arbeiten, denen er sich von

Kindesbeinen auf hatte unterziehen müssen. In dieser Absicht wanderte er

an einem trüben Märzmorgen über den Berg; als er aber auf die Höhe

gekommen, verwandelte sich der feuchte Nebel in einen heftigen Regen;

Wilhelm sah sich nach einem Obdach um, da er hoffte, der Regen würde

bald vorübergehen. Er bemerkte in einiger Entfernung ein Rebhäuschen,

welches zu oberst in einem großen Weinberge stand, am Rande des

Gehölzes. Das Vordach dieses Winzerhäuschens gewährte guten Schutz, und

er ging hin, sich auf die steinerne Treppe darunter zu setzen. Es war

ein malerisches altes Häuslein mit einer Wetterfahne und runden

Fensterscheiben. Das Vordach ruhte auf zwei hölzernen Säulen, die Treppe

war mit einem eisernen Geländer versehen und bildete zugleich einen

Balkon, von welchem man, wenn es schön war, weit ins Land hinein sah,

nach Süden und Westen in die Schneeberge. Das Holzwerk und die

Fensterläden waren bunt bemalt, alles jedoch etwas verwittert und

verwaschen.

Wie er so da saß, regte sich's in der kleinen Stube, die Tür tat sich

auf und der Eigentümer des Weinberges trat heraus und lud Wilhelm ein,

ins Innere zu kommen und mit ihm gemeinschaftlich den Regen abzuwarten.

Es stand eine Flasche mit Kirschgeist auf dem Tisch; der Mann holte noch

ein Gläschen aus einem Wandschränkchen und füllte es für seinen Gast.

»Brot habe ich keines hier oben,« sagte er, »doch wollen wir eine Pfeife

zusammen rauchen!« Er holte also aus dem Schränklein zwei neue lange

Tonpfeifen nebst gutem Knaster; denn es war bei den Männern von

Seldwyla, da ihnen die Zigarren verleidet waren, soeben Mode geworden,

wieder würdevoll aus altertümlichen Tonpfeifen zu rauchen, wie

holländische Kaufherren.

Dieser Seldwyler, obgleich er ein Tuchscherer war, hatte den Einfall

bekommen, Landwirtschaft zu treiben, weil deren Erzeugnisse hoch im Preise

standen und die Betreibung zahlreiche Spaziergänge veranlaßte. Der Weinberg

bildete mit mehreren großen Wiesen und einigen Bergäckern eine ehemalige

Staatsdomäne, welche der Tuchscherer gekauft, und er war jetzt

hinaufgestiegen, um den Zustand der Reben zu untersuchen, weil die

Frühlingsarbeit in demselben beginnen sollte. Er fragte Wilhelm, wo er hin

wolle, was er im Sinne habe; denn er wußte noch nichts von seiner

Absetzung. Wilhelm sagte, daß er bei Landleuten sein Auskommen suchen

wolle, indem er ihnen in allem an die Hand gehe, was zu tun sei; da er

nicht viel bedürfe, so hoffe er, sich im stillen durchzubringen. Der

Tuchscherer wunderte sich hierüber und drang weiter in ihn, bis er die

Ursache von des Schulmeisterleins Auszug erfahren. »Das ist,« sagte er,

»ein recht hämischer Streich von dem Pfaffen, der eine Kinderei nicht von

einer Schlechtigkeit unterscheiden kann. Wir wollen ihm übrigens sein

ewiges Gehätschel und Getätschel mit seinen Unterweisungsschülerinnen auch

einmal abschaffen; die Hübschen und die Feinen hält er sich allfort dicht

in der Nähe, die Buckligen aber, die Einäugigen und die Armseligen setzt er

in den Hintergrund und spricht kaum mit ihnen, und das ist ärgerlicher als

Eure ganze Briefschreiberei. Wenn diese Stilübungen ihm übel angebracht

schienen, so ist uns sein Schönheitssinn noch weniger am rechten Ort! Aber

verstehen Sie denn etwas von der Feldarbeit und den ländlichen Dingen

überhaupt?«

»O ja, ziemlich!« antwortete Wilhelm, »ich habe während der Krankheit

meiner verstorbenen Eltern alles gemacht und bin erst im achtzehnten

Jahre, als sie gestorben und unser Gut verkauft wurde, mit dem kleinen

Vermögensreste ins Lehrerseminar gegangen; es sind erst fünf Jahre

seither, und im Seminar mußten wir auch Feldarbeit betreiben.« »Und

warum wollen Sie nicht lieber Ihre Kenntnisse benutzen und eine bessere

Tätigkeit suchen, als den Bauern zu dienen?« fragte jener; allein

Wilhelm hatte seinen Entschluß gefaßt und war nicht aufgelegt, sich mit

dem Manne weiter über seine Lage einzulassen.

Indessen hatte sich der Regen wirklich gelegt und die Sonne beschien

sogar die weite Gegend. Der Eigentümer schickte sich an, den Weinberg zu

besehen und forderte Wilhelm auf, ihm noch eine Stunde Gesellschaft zu

leisten, weil er für heute noch weit genug kommen würde.

In den Reben sah der Seldwyler, daß Wilhelm in diesen Dingen eben so

sichere Kenntnis als guten Verstand besaß, und als er hier und da eine

Rebe schnitt und aufband, um seine Meinung zu zeigen, erwies sich auch

eine geübte Hand. Er ging daher mit ihm auch in die Matten und Äcker und

befragte ihn dort um seine Meinung. Wilhelm riet ihm kurzweg, die Äcker

ebenfalls wieder in Matten umzuschaffen, was sie früher auch gewesen

seien; denn was an Ackerfrüchten hier oben gedeihe, sei nicht der Rede

wert, während vom Walde her genug Feuchtigkeit da sei, die Wiesen zu

tränken. Dadurch würde ein Viehstand erhalten, der an Milch und

verkäuflichen Tieren schönen Vorteil verspräche; schon die Herbstweide

allein sei reiner Gewinn. Das leuchtete dem Tuchscherer ein; er besann

sich kurze Zeit, worauf er dem Lehrer antrug, in seinen Dienst zu

treten. Er solle arbeiten, was er leicht möge, und im übrigen das Gut in

Ordnung halten und alles beaufsichtigen. Was er irgend zu verdienen

gedächte, das wolle er ihm auch geben und ihn darüber hinaus noch mit

Rücksicht behandeln. Wilhelm bedachte sich auch einige Minuten und

schlug dann ein, aber unter der Bedingung, daß er in dem Rebhäuschen

auf dem Berge wohnen dürfe und nicht in der Stadt zu verkehren brauche.

Das war jenem sogar lieb, und so hatte der Flüchtling schon am Beginne

seiner Wanderschaft ein Obdach gefunden.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 10 / 26 段