Daher wurde aufs neue geschrieben und geschrieben, daß die Federn flogen.

Gritli wurde bleich und angegriffen, denn sie mußte schreiben wie ein

Kanzlist; und der Schulmeister magerte ganz ab und wußte nicht mehr wo ihm

der Kopf stand, da er dazu noch in voller Leidenschaftlichkeit schrieb und

nicht mehr aus alledem klug wurde. Gritli wagte nicht mehr sich im Garten

aufzuhalten, um ihn nicht zu sehen, und wenn sie ihn auf der Straße etwa

traf, wagte er seinerseits nicht sie anzusehen, wie wenn er der Übeltäter

wäre.

Viggi indessen, so viel er auch schrieb, ließ sich wohl sein und lebte

in allen Stücken wie ein echter Weltfahrer, da er überhaupt gewohnt war,

nach der Art mancher Leute, seine Geschäftsreisen als Ausnahmezustand zu

betrachten und sich von aller häuslichen Ordnung zu erholen. Jeden Abend

führte er eine andere Schöne ins Theater oder auf die öffentlichen

Bälle, wobei er die Sucht hatte, sich von jeder die Geschichte ihres

Schicksals erzählen und tüchtig anlügen zu lassen. Gegen das Ende wurde

er dann regelmäßig gefühlvoll, fand alles höchst bedeutsam, fing an zu

notieren und wurde hinter dem Rücken verspottet, während man seinen

Champagner trank. Zuletzt jedoch begab er sich auf den Heimweg, nachdem

er noch Gelegenheit gefunden, einen guten Handel in Strohwaren

abzuschließen.

Auf der letzten Station stieg er aus; da es ein schöner Herbsttag war,

wollte er zu Fuß Seldwyla erreichen, das Notizbüchlein in der Hand, um

eine »Wanderers Heimkehr« zu studieren und in der goldenen Abendluft

einen recht famosen Titel für den Briefwechsel auszudenken. Er war

zufrieden mit sich, mit der Welt, mit seiner Frau, mit dem Himmel, und

trug ein höchst wunderbares Hütchen auf dem Kopf, halb von Stroh, halb

von Seide, dessen Band ihm auf den Rücken fiel. »Im Grunde,« sagte er,

»braucht es da keinen besonders künstlichen Titel! Das Einfachste wird

das Beste sein, etwa die beiden Namen zusammengezogen, gibt ein famos

klingendes Wort: Kurtalwino, Briefe zweier Zeitgenossen! Das ist gut,

ganz gut!« Und übermütig froh fing er in dem Gehölz, durch das er ging,

plötzlich an zu singen in der Melodie des Rinaldiniliedes: Kurtalwino,

rief sie schmeichelnd, Kurtalwino wache auf! Deine Leute sind schon

munter, längst ging schon die Sonne auf und so fort. Mit diesem

verrückten Gesange weckte er einen schlanken jungen Mann auf, welcher

unter einer Tanne saß und den Kopf auf die Hand gestützt in tiefen

Gedanken in das Tal schaute. Es war Wilhelm, welcher sich auf den ersten

Ton von Herrn Störtelers Gesang erhob und davoneilte. Dafür setzte sich

dieser an seinen Platz, als er eine dicke Brieftasche dort liegen sah,

die jener offenbar vergessen. »Was hat,« sagte er, »dieser

Hungerschlucker im Freien zu tun, anstatt seine Schulhefte zu mustern?

Was Kuckucks hat er hier für ein Archiv bei sich gehabt?« Und ohne

weiteres öffnete er das Bündel und fand die Unzahl Briefe Gritlis,

welche, obschon auf feines Postpapier geschrieben, doch kaum

zusammenzuhalten waren. Er machte sogleich den ersten auf; denn, dachte

er, wer weiß, welch interessantes Geheimnis, welche gute Studie hier zu

erbeuten ist!

Der Brief fing an »wenn sich zwei Sterne küssen« und so fort. Er besah

die Handschrift genauer, es war die seiner Frau. Er tat den zweiten

Brief auf, den dritten, es waren seine Briefe, er fing von hinten an und

stieß genau auf den letzten, welchen er geschrieben, alle waren zierlich

abgeschrieben und an den Schulmeister adressiert. Er sprang in die Höhe

und rief: »Was Kreuz Millionenhagel ist denn das? Bin ich konfus oder

nicht?«

Einige Minuten stand er wie verstört; dann stieß er die Brieftasche mit

den Papieren kunterbunt in das Reisetäschchen, das er umgehängt hatte,

schwang seinen Stab, drückte sein Hütchen in die Augen, daß das arme

Ding knitterte und sich verbog, und schritt gestrengen Schrittes

vollends heimwärts. Auf dem Weg lief der Schulmeister ängstlich und

hastig an ihm vorüber wieder zurück, offenbar seine Briefe zu suchen.

Viggi tat als sähe er ihn nicht und ging vorwärts.

Als er durch die Stadt zog, waren die Seldwyler verwundert über seine

starre Haltung und daß er niemand grüßte. Viggi Störteler ist zurück!

hieß es: jeder Zoll ein Mann! Potz Tausend, da geht er hin! Er aber

drang unaufhaltsam vor und in sein Haus. Dort sah er die Kellertür offen

stehen, ging hinein und sah sein Weib einige Äpfel auswählen, das Licht

in der Hand. Unversehens trat er vor sie hin, daß sie leicht erschrak

und noch etwas blasser wurde. Er bemerkte dies und betrachtete sie einen

Augenblick, sie sah ihn auch an und keines sagte ein Wort. Plötzlich

nahm er ihr das Licht aus der Hand, riß ihr den Schlüsselbund von der

Seite, ging hinaus, schloß die Kellertür zu und steckte den Schlüssel zu

sich. Darauf ging er in die Wohnstube hinauf, wo ihr Schreibtischchen

stand, ein zerbrechliches kleines Ziermöbel, ihr einst zum Namenstage

geschenkt und nicht geeignet gefährliche Geheimnisse zu beherbergen.

Daher brauchte er auch den Schlüsselbund nicht und die Behältnisse

öffneten sich von selbst, wie man sie nur recht berührte. In einem

Schubkästchen fand er denn auch seine eigenen Briefe und zu seinem neuen

Erstaunen im andern die Originale zu den Briefen seiner Frau, von

fremder Hand, ja mit der Unterschrift des Schulmeisters. Er besah einen

nach dem andern, machte sie auf und wieder zu und wieder auf und warf

alle auf einen runden Tisch, der im Zimmer stand. Dann zog er auch die

Briefe aus seiner Reisetasche hervor, beschaute sie auch nochmals und

warf sie ebenfalls auf den Tisch; es gab einen ganz artigen Haufen.

Dann ging er mit halb irrem Blick um den Tisch herum, hier und da mit

seinem Stock auf die Papiermasse schlagend, daß die Briefe emporflogen.

Endlich erschnappte er etwas Luft und sagte: »Kurtalwino! Kurtalwino;

fahre wohl, du schöner Traum!«

Als er noch einige Mal um den Tisch herumgegangen, stand er still,

reckte den Arm mit dem Stocke aus und fuhr fort: »Eine Buhlerin mit

glattem Gesicht und hohlem Kopfe, zu dumm, ihre Schande in Worte zu

setzen, zu unwissend, um den Buhlen mit dem kleinsten Liebesbrieflein

kitzeln zu können, und doch schlau genug zum himmelschreiendsten Betrug,

den die Sonne je gesehen! Sie nimmt die treuen, ehrlichen Ergüsse, die

Briefe des Gatten, verrenkt das Geschlecht und verdreht die Namen und

traktiert damit, prunkend mit gestohlenen Federn, den betörten Genossen

ihrer Sünde! So entlockt sie ihm ähnliche Ergüsse, die in sündiger Glut

brennen, schwelgt darin, ihre Armut zehrt wie ein Vampyr am fremden

Reichtum; doch nicht genug! Sie dreht dem Geschlechte abermals das

Genick um, verwechselt abermals die Namen und betrügt mit tückischer

Seele den arglosen Gemahl mit den neuen erschlichenen Liebesbriefen, das

hohle und doch so verschmitzte Haupt abermals mit fremden Federn

schmückend! So äffen sich zwei unbekannte Männer, der echte Gatte und

der verführte Buhle, in der Luft fechtend, mit ihrem niedergeschriebenen

Herzblut; einer übertrifft den andern und wird wiederum überboten an

Kraft und Leidenschaft; jeder wähnt sich an ein holdes Weib zu richten,

während die unwissende, aber lüsterne Teufelin unsichtbar in der Mitte

sitzt und ihr höllisches Spiel treibt! O ich begreife es ganz, aber ich

fasse es nicht! -- Wer jetzt als ein Fremder, Unbeteiligter diese schöne

Geschichte betrachten könnte, wahrhaftig, ich glaube, er könnte sagen,

er habe einen guten Stoff gefunden für --«

Hier brach er ab und schüttelte sich, da eine Ahnung in ihm aufging, daß

er nun selbst der Gegenstand einer förmlichen Geschichte geworden sei,

und das wollte er nicht, er wollte ein ruhiges und unangefochtenes Leben

führen. -- »Wo ist meine Ruhe, meine Fröhlichkeit,« sagte er, »nur

bewegt von leichten Geschäftssorgen, die ich spielend beherrschte? Dies

Weib zerstört mir das Leben, nach wie vor; ich hielt sie für eine Gans;

sie ist auch eine, aber eine Gans mit Geierkrallen!«

Er lachte und rief: »Eine Gans mit Geierkrallen! das ist gut gesagt!

Warum fallen mir dergleichen Dinge nicht ein, wenn ich schreibe? Ich

werde noch verrückt, es muß ein Ende nehmen!«

Damit ging er hinaus, schloß das Zimmer ab und begab sich aus dem Hause.

Auf der Treppe stieß er das Dienstmädchen zur Seite, welches verwundert

und ratlos die Herrschaft suchte.

Voll von Ärger und Kummer über die verletzte Eitelkeit und Eigenliebe

ging er durch die dunkeln Straßen. Die Hauptsache, die verlorene Liebe

seiner Frau, schien ihm nicht viel Beschwerde zu machen; wenigstens aß

er ein großes Stück trefflicher Lachsforelle aus der Rathausstube, wohin

er sich begab und wo die Angesehenen den Samstagabend zuzubringen und

die Nacht durchzuzechen pflegten. Dort saß er einsilbig und verwirrt,

oder er mischte sich hastig mit fremden Gegenständen ins Gespräch, und

beides zog ihm bald Sticheleien zu, da er eine ungewohnte Erscheinung

war und die Gesellschaft störte. Er trug immer noch sein neuestes

Modehütchen auf dem Kopfe, welches den Herren nicht genehm war. Denn

wenn sie auch jede Mode, sobald sie im Zuge war, alsobald mitmachten, so

konnten sie die verfrühten Erstlinge derselben nie leiden und hüteten

sich überhaupt vor dem Allzuzierlichen und Närrischen. Nun hatte jüngst

einer von Paris den Witz heimgebracht, den hohen runden Männerhut

Hornbüchse (#boîte à cornes#) zu nennen, welchen Ausdruck sie mit

Jubel aufgriffen. Seither sagten sie statt Deckel, Angströhre, Ofenrohr,

Schlosser, Läusepfanne, Grützmaß #noli me tangere#, Kübel, Witzschale,

Filz und dergleichen für jede Art Hut nur Hornbüchse, und sie benannten

Viggis Kopfbedeckung demgemäß ein artiges Hornbüchschen und meinten,

seine Hörnchen müßten noch ganz jung, zart und klein sein, ansonst er

eine festere Büchse brauchte. Er glaubte, sein Unglück sei also

stadtbekannt und sie zielten schnurstracks auf das, was ihn dermal

bewege; er spitzte die Ohren, stichelte wieder, um sie zu mehrerem

Schwatzen zu verleiten, und hielt mehrere Stunden einen peinlichen Krieg

aus, ganz allein gegen die ganze Ratsstube, ohne daß etwas Mehreres

herauskam, als daß er sich im Zorne betrank und höchst unglückselig

wurde. Als er kein anderes Ziel erreichte, gab er ihnen endlich klar zu

verstehen, daß er sie samt und sonders für Lumpenkerle halte, worauf sie

ihn, nun selber höchlich aufgebracht, hinausfuhrwerkten. Er rückte sich

sein armes mißhandeltes Hütchen zurecht und torkelte bitterlich weinend

nach seinem Hause, legte sich zu Bett und schlief wie ein Murmeltier,

bis es zur Kirche läutete, und er würde noch lange geschlafen haben,

wenn ihn nicht Knecht und Magd geweckt hätten mit der Frage und Klage

nach der Hausfrau. Da stellten sich ihm alle Erfahrungen des letzten

Tages plötzlich dar, verzerrt und vergrößert durch die Verwirrung seines

Kopfes; in fürchterlichem Zorn und mit wilden Gebärden raffte er sich

auf, rieb sich aber dann die Stirn und besann sich, bis ihm der

Kellerschlüssel einfiel. Es war ihm zu Mut, als ob er seine Frau schon

seit Wochen eingesperrt hätte, so sehr war er aus dem Häuschen; aber das

dünkte ihn nur desto wichtiger und großartiger, und er eilte mit

rollenden Augen, das Gericht zu Ende zu bringen. Er öffnete den Keller,

in welchem Gritli totenblaß und erfroren auf einem alten Schemel saß.

Sie hatte sich bisher ruhig und still verhalten in der Hoffnung, der

Mann werde ohne Zeugen kommen und aufmachen, und sie könne alsdann mit

ihm reden; denn bei seinem ersten unerwarteten Anblicke hatte sie

gefühlt, daß er ihres Mißgriffs mit den Briefen bereits inne geworden,

ohne daß sie erraten konnte, auf welchem Wege. Wie sie seiner daher nun

ansichtig wurde, stand sie auf, ergriff seine Hand und wollte ihn

beschwören, nur einige Minuten zuzuhören; doch da sie sah, daß die

Dienstboten hinter ihm standen, konnte sie nichts sagen, und überdies

nahm er sie sofort beim Arme und führte sie unsanft mit den Worten auf

die Gasse hinaus: »Hiermit verstoße und verjage ich dich,

verbrecherisches Weib! und nie mehr wirst du diese Schwelle betreten!«

Worauf er die Haustür zuschlug und seine Leute barsch an ihre Geschäfte

wies.

Hierauf begab er sich, da seine Munterkeit bereits erschöpft war, wieder

ins Bett und schlief abermals wie ein Ratz bis in den Nachmittag hinein.

Vor dem Hause hatte sich schon seit einer Stunde ein Häufchen

Nachbarweiber gesammelt, welche die Ausgestoßene neugierig umgaben und

mit Lamentieren auf jedem Schritte begleiteten. Sie glaubte vor

Erschöpfung, Scham und Verwirrung in die Erde zu sinken, wagte nicht

aufzusehen und wandte sich unschlüssig bald auf diese, bald auf jene

Seite; denn sie hatte keine Eltern oder Verwandte mehr zu Seldwyla,

ausgenommen eine alte Base, welche ihr endlich einfiel. Sie schlug den

Weg nach der Wohnung derselben ein und erreichte sie, ohne die vielen

Kirchgänger zu sehen, durch welche sie hindurch mußte; es herrschte bei

einem Teil der Einwohner gerade wieder eine stärkere religiöse Strömung,

welche jedoch nicht hinderte, daß nicht einige vom Wege zum Tempel

Gottes abschweiften und mit dem Kirchenbuche in der Hand der irrenden

Frau nachliefen.

Gritli wurde übrigens von der Alten gut und sorglich aufgenommen.

Nachdem sie sich etwas erholt, fing sie heftig an zu schluchzen, und als

auch dies vorüber war, schwur sie, nie mehr in das Haus Viggi Störtelers

zurückzukehren, und die Base, schnell beraten, ließ noch am gleichen

Tage Gritlis notwendigste Sachen bei ihm abholen.

Als er endlich ausgeschlafen hatte, fühlte er einen gewaltigen Hunger

und wollte sich stracks zu Tisch setzen; doch die ratlose Magd hielt

nichts bereit und statt mit dem Essen war der Tisch noch mit dem

Briefwechsel zweier Zeitgenossen gedeckt. Er tobte aufs neue, befahl

sogleich zu kochen, was das Haus vermöchte, und verschloß die Briefe bis

auf weiteres in sein Pult. Nachdem er gegessen, war er endlich etwas

beruhigt und begann seiner Einsamkeit inne zu werden, und erst jetzt

wurde es ihm unheimlich; denn nach den Vorfällen der letzten Nacht

konnte er nicht einmal Zuflucht in der Gesellschaft seiner Mitbürger

suchen. Als vollends eine Person kam und er das lieblich duftende Zeug

seiner Frau aus den Schränken herausgeben mußte, liefen ihm die Augen

über, und er wünschte beinahe, daß sie noch da wäre, und überlegte, ob

sich die Übeltat nicht vielleicht verzeihen ließe nach genauerer

Prüfung.

Er wartete daher zwei Tage, ob sie nichts von sich hören ließe, und als

sie das nicht tat, begab er sich zum Stadtpfarrer, um die Scheidung

anhängig zu machen. Über den Versöhnungsversuchen, welche der

geistlichen Behörde oblagen, dachte er, werde sich das Ding vielleicht

aufklären. Er war aber sehr verwundert, als er vernahm, daß Gritli in

gleicher Sache soeben dagewesen sei, und als ihm der Pfarrer bereits

mitteilen konnte, wie es mit den Briefen zugegangen sei, wie Gritli

ihren Fehlgriff einsehe, denselben aber für abgebüßt halte und wegen

des Überschusses an Strafe und sonstiger unvernünftiger Behandlung sich

von ihm zu trennen wünsche.

Er hielt diese Erzählung für Flausen und gedachte die Sünderin schon noch

herumzubringen, ließ also der Sache ihren Lauf. Als er nach Hause kam, fand

er einen Brief vor von einer Dame namens Kätter Ambach. Es war dies ein

Fräulein von sechs- bis achtunddreißig Jahren, welche seit ihrem

vierzehnten Jahre auf allen Liebhaberbühnen zu Seldwyla, so oft deren

errichtet worden, die erste Liebhaberin gespielt hatte, und zwar nicht

wegen ihrer schönen Gestalt, sondern wegen ihres höhern Geistes und ihrer

kecken Vordringlichkeit. Denn was ihre Gestalt betraf, so besaß sie einen

sehr langen hohen Rumpf, der auf zwei der allerkürzesten Beinen einherging,

so daß ihre Taille nur um ein Drittel der ganzen Gestalt über der Erde

schwebte. Ferner hatte sie einen unverhältnismäßigen Unterkiefer, mit

welchem sie beträchtliche Gaben von Fleisch und Brot zermalmen konnte, der

aber ihr Gesicht zum größten Teile in Kinn verwandelte, so daß dieses wie

ein ungeheurer Sockel aussah, auf welchem ein ganz kleines Häuschen ruhte

mit einer engen Kuppel und einem winzigen Erkerlein, nämlich der Nase,

welche sich vor der vorherrschenden Kinnmasse wie zerschmettert zurückzog.

Auf jeder Seite des Gesichts hing eine lange einzelne Locke weit herunter,

während am Hinterhaupte ein dünnes Rattenschwänzchen sich ringelte und mit

seiner äußersten Spitze stets dem Kamme und der Nadel zu entfliehen

trachtete. Denn steckte man eine Nadel hindurch, so ging es auseinander und

spaltete sich in eine Schlangenzunge, und zwischen den engsten Kammzähnen

schlüpfte es hindurch, hast du nicht gesehen!

Was ihren Geist betrifft, so war er, wie schon gesagt, ein höherer, was

man alsobald aus ihrem Schreiben ersehen wird, welches Viggi zu Hause

fand:

»Edler Mann!

Es gibt Lagen, welche uns die Rücksichten der beschränkten Alltagswelt

vergessen lassen und selbst dem zarteren Weibe den Mut geben, ja die

Pflicht auferlegen, aus sich herauszutreten und seine edelste Teilnahme

offen dahin zu wenden, wo verkannte und mißhandelte Männergröße sich in

unverdienten Leiden verzehrt. In einer solchen Lage scheine ich

Endesunterzogene mich zu befinden, und über alle kleinlichen Bedenken

erhaben durch meine Weltkenntnis wie durch meine Bildung, wage ich es

daher, mich in der edelsten Absicht Ihnen zu nähern, geehrter Herr! und

Ihnen freimütig diejenigen Dienste anzubieten, welche Ihr Unglück

vielleicht hindern können! Längst habe ich die Blüten Ihres

Geisteslebens im stillen bewundert und umso inniger in mich aufgenommen,

als ich darüber trauerte, daß ein Mann wie Sie so unverstanden und

einsam in dieser barbarischen Gegend bleiben muß. Umso vertrauter und

glücklicher, dachte ich, muß er im Allerheiligsten seiner Häuslichkeit,

an der Seite einer seelenvollen Gattin sich fühlen! Nun steht auch Ihr

Haus verödet, eine peinliche Kunde durchschweift unsere Stadt --

verzeihen Sie, wenn ich hier den Schleier edler Weiblichkeit vorziehe!

Um es kurz zu sagen: sollten Sie in ihrer jetzigen Verlassenheit der

Teilnahme eines mitfühlenden Herzens, des ordnenden Rates und der Tat

einer sorglichen weiblichen Hand irgendwie bedürfen, so würde ich Sie

bitten, mir die Freude zu machen und ganz ungeniert über meine Zeit und

meine Kräfte zu verfügen; denn ich bin durchaus unabhängig in der

Verwendung meiner Muße und könnte täglich leicht das ein und andere

Stündchen ihren Angelegenheiten widmen. Gewiß, wenn auch Ihr starker

Geist keiner erleichternden Mitteilung bedarf, so ist dafür Ihr Haushalt

dann und wann der vorsorgenden Aufsicht umso bedürftiger; das weiß der

sichere Takt gebildeter Frauen noch besser, als der rohe Instinkt jener

platten Weiber es ahnt, und so werde ich mir es nicht nehmen lassen,

heute oder morgen persönlich an Ihrem verwaisten Herde zu erscheinen, um

Ihre etwaigen Wünsche und Bedürfnisse entgegenzunehmen. Sobald Ihre

Verhältnisse wieder glücklicher geordnet sind, werde ich mich mit der

edelsten Uneigennützigkeit sogleich zurückziehen in die geweihte Stille

meines Arbeitszimmers.

Genehmigen Sie die herzlichste Versicherung der aufrichtigsten

Hochachtung, womit ich mich zeichne

Ihre ergebenste Käthchen Ambach.«

Als Viggi diesen Brief gelesen, beschlich ihn eine sehr gemischte

Empfindung. Er war wie alle Welt gewohnt gewesen, über die Kätter zu

lachen, und hegte nicht die angenehmsten Vorstellungen von ihrem Äußern.

Und doch war es ihm, als ob er schon lange nur auf einen solchen Brief

gewartet habe, als ob hier eine Stimme aus einer besseren Welt sich

hören ließe, als ob hier ein verständnisvolles Gemüt sich vor ihm

enthülle. Indem er so darüber brütete, erschien Kätter selbst.

Sie trug ein Kleid von schwarzem Baumwollsammet, einen roten Schal und

ein rundes graues Hütchen mit einer Feder. Diese Erscheinung bestach ihn

plötzlich, und als sie nun ihm schweigend die Hand gab und ihn mit einem

wehmütig tröstenden Blick ansah, da vergaß er vollends, daß er jemals

über diese Person gelacht; vielmehr fand er sich sogleich trefflich in

die Weise hinein.

Die Unterredung, welche zwischen diesen beiden Geistern nun erfolgte,

ist nicht zu beschreiben; genug, als sie zu Ende war, fühlte Viggi sich

getröstet und durchaus für Kätter eingenommen. Am meisten hatte sie ihn

gerührt, als er ihr die Geschichte mit den Briefen erzählte und den

ganzen Haufen vorwies. Sie hatte kein Wort erwidert, sondern nur

geseufzt und einige stille Tränen vergossen, und zwar ziemlich

aufrichtig, weil sie bedachte, wie viel weiser und geschickter sie für

eine solch' glückliche Stellung eingerichtet gewesen wäre: denn sie

schrieb für ihr Leben gern Briefe.

Zum Schlusse stellte sie mit der Magd ein Verhör an, besichtigte die

Küche, gab einige überflüssige Anweisungen und stieg endlich, das Kleid

aufnehmend, mit großen Umständen und laut sprechend die geräumige Treppe

hinunter, welche ihr, verglichen mit ihrer Hühnerstiege zu Hause,

ausnehmend wohl gefiel. Der angehende Witwer begleitete sie bis auf die

Straße, und es fand ein gespreizter und ansehnlicher Abschied statt.

»Berg und Tal kommen nicht zusammen, aber die Leut'!« sagte ein

Seldwyler, der eben vorbeiging und den stattlichen Auftritt besah.

Der Unglücklichste von allen war Wilhelm, der Schulmeister. Er hatte

sich halbwegs ein Herz gefaßt und gesucht, mit Frau Gritli zu sprechen;

allein es mißlang ihm gänzlich, da sie sich nirgends blicken und nichts

von sich hören ließ. Da schrieb er einen Brief an sie, in welchem er den

Hergang mit seiner Brieftasche erzählte und sie um Aufschluß bat, wie er

sich zu ihrem Besten zu verhalten habe? Weiter wagte er nichts mehr zu

schreiben, als daß er alles tun wolle, was sie für gut erachte. Diesen

Brief trug er mehrere Stunden weit auf die Post und erhielt darauf nur

wenige Zeilen zur Antwort, des Inhalts: Er solle sich ganz ruhig

verhalten, bis er gerichtlich befragt würde; dann solle er sagen, was

er wüßte, nicht mehr und nicht weniger, nämlich er habe auf ihren Wunsch

die Antworten auf die ihm mitgeteilten Briefe geschrieben.

So sich selbst überlassen, von allerlei Gerüchten gequält und in voller

Ungewißheit, was alles das zu bedeuten habe, getraute er sich nicht

einmal mehr vor seine Türe hinaus, um sein Gärtchen zu besorgen, und der

rüstige Briefsteller empfand nun eine nicht unverdiente Furcht vor

allem, was in dem Hause des Nachbar Viggi lebte und webte.

Während so die beschuldigten Sündersleute sich niemals sahen, lebten

Störteler und die Kätter bald im vertrautesten Umgange. Sie besuchte

täglich zweimal sein Haus und gab sich in der ganzen Stadt das Ansehen,

als ob sie aus reiner Aufopferung den Mann aus den traurigsten

Zuständen, wenigstens aus dem Gröbsten, erretten müßte. Dabei schilderte

sie, wo sie hinkam, die von Gritli hinterlassene Ordnung als die

schlimmste, kehrte auch richtig in Viggis Hause das Unterste zu oberst,

indem sie alle Möbeln anders stellte, in alle Ecken Efeuranken

anbrachte, die schönen Vorhänge zerschnitt und wunderliche gezackte

Fähnchen daraus machte. Unter dem Vorwande des Ordnungschaffens leerte

sie alle Schränke aus und wühlte besonders in Gritlis stattlicher

Aussteuer herum, die noch im Hause war. Auch kommandierte sie die Küche;

Viggi war erstaunt und erfreut, immer frisches Fleisch zu genießen und

nie aufgewärmtes Gemüse zu sehen; denn Kätter aß in der Küche das kalte

Fleisch mit großen Stücken Brot, und wenn nichts anderes da war, so tat

sie die Fettscheiben von der Bratenbrühe auf das Brot. Ebenso aß sie

halbe Schüsseln voll kalter Bohnen, Kohlrabi und Kartoffeln, und sechs

große Töpfe, welche Gritli noch mit eingemachten Früchten gefüllt,

hatte sie in weniger als vier Wochen ausgehöhlt, aber auch vollkommen.

Nach diesen Taten setzte sie sich auf ein Stündchen zu Viggi, tröstete

ihn, las mit ihm seine Arbeiten durch, schwärmte mit ihm und wußte ihn

gegen seine Frau aufzustacheln, ohne den Anschein zu haben, und endlich

packte sie noch sein neuestes Schriftstellerwerk ein, um es die Nacht

durchzustudieren. Überdies schleppte sie lernbegierig von seinen Büchern

nach Hause, was sie unter den Arm fassen konnte, las aber dort nur die

kurzweiligsten Sachen daraus, wie Kinder, welche die Rosinen aus dem

Kuchen klauben.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 9 / 26 段