waren, das Körbchen, eine leckere Mahlzeit zu halten und die
Reisegefährten zu reizen. Das Huhn war vortrefflich zerschnitten und
kunstreich wieder zusammengefügt, die Brötchen besonders wohlgebacken;
nur war er unschlüssig, ob er von dem alten Sherry oder von dem feinen
Kirschbranntwein trinken solle; nahm aber zuletzt von beidem. So lebte
er lecker und fröhlich und zündete sich dann eine Zigarre an aus dem
reichen Täschchen, das ihm seine Frau gestickt.
Diese saß indessen nicht in der besten Gemütsverfassung zu Hause; das
Herz war ihr recht schwer; denn als ein sehr eingefleischter Narr hatte
Herr Viggi Störteler einen herrlichen Ausweg gefunden, sie auch aus der
Ferne zu quälen, und anstatt daß durch seine Abreise ein Alp von ihr
genommen wurde, welcher Gedanke ihr auch neu und verwirrend war, hatte
sie nun in dem Postboten ein neues Schreckgespenst zu erwarten. Und daß
die ganze Geschichte bedenklich wurde, bewiesen seine letzten Worte. So
harrte sie denn voll Bangigkeit der Dinge, die da kommen sollten, und
nahm sich vor, wenn immer möglich, die Briefe ihres Mannes zu
beantworten nach ihren besten Kräften. Richtig erschien noch vor Ablauf
von sechzig Stunden folgender Brief:
»Teuerste Freundin meiner Seele!
Wenn sich zwei Sterne küssen, so gehen zwei Welten unter! Vier rosige
Lippen erstarren, zwischen deren Kuß ein Gifttropfen fällt! Aber dieses
Erstarren und jener Untergang sind Seligkeit und ihr Augenblick wiegt
Ewigkeiten auf! Wohl hab' ich's bedacht und hab' es bedacht und finde
meines Denkens kein Ende: -- Warum ist Trennung? --? -- Nur _eines_
weiß ich dieser furchtbaren Frage entgegenzusetzen und schleudere das Wort
in die Wagschale: Die Glut meines Liebeswillens ist stärker als
Trennung, und wäre diese die Urverneinung selbst -- -- so lange dies
Herz schlägt, ist das Universum noch nicht um die Urbejahung gekommen!!
Geliebte! fern von Dir umfängt mich Dunkelheit -- ich bin herzlich müde!
Einsam such' ich mein Lager -- -- schlaf' wohl! -- --«
Bei diesem Briefe lag noch ein Zettel des Inhalts:
»#P. S.# Ich habe absichtlich, liebe Frau! diesen ersten Brief kurz
gehalten, daß der Anfang Dir nicht zu schwierig erscheinen möge! Du
siehst, daß es sich in diesen Zeilen nur um ein einziges Motiv handelt,
um den Begriff der Trennung. Äußere nun hierüber Deine Gefühle und füge
eine neue Anregung hinzu, welche zu finden nun eben die Sache Deines
Herzens und Deines guten Willens sein wird. Heut schlaf' ich zum
erstenmal in einem Bette seit meiner Abreise; wenn's nur keine Wanzen
hat! Der junge Müller an der Burggasse, welchen ich angetroffen, hat
mich um vierzig Franken angepumpt in Gegenwart von andern Reisenden und
ganz #en passant#, so daß ich es in der Eile nicht abschlagen konnte. Da
ich weiß, daß seine Eltern noch eine Partie Ölsamen haben, so soll unser
Kommis gleich hingehen und den Ölsamen kaufen und auf Rechnung setzen.
Es muß aber gleich geschehen, ehe sie wissen, daß der Junge mir Geld
schuldig ist, sonst bekommen wir weder Ölsamen noch Geld.
#NB.# Wir wollen die geschäftlichen und häuslichen Angelegenheiten auf
solche Extrazettel setzen, damit man sie nachher absondern kann. In
Erwartung Deiner baldigen Antwort, Dein Gatte und Freund Viktor.«
Mit diesem Briefe in der Hand saß sie nun da und las und wußte nichts
darauf zu antworten. Wenn sie sich auch über die Grausamkeit oder
Nützlichkeit der Trennung einige hausbackene Gedanken zurecht gezimmert,
so fehlte ihr für die neue Anregung, die sie hinzufügen sollte, jeder
Einfall, oder wenn sich einer einstellen wollte, so blieb er weit hinter
den küssenden Sternen und hinter der Urbejahung zurück, und darüber
verbleichten auch wieder ihre Trennungsbetrachtungen, welche sich doch
nur um die Notwendigkeit und Einträglichkeit einer Geschäftsreise
drehten, da ihr sonst kein anderer Grund bekannt war.
Sie ging mit dem Briefe auch in den Garten und ging auf und nieder, in
immer größerer Angst befangen; da sah sie den Handlungsdiener ihres
Mannes und geriet auf den Einfall, ihn ins Vertrauen zu ziehen, ihm ihre
Not zu klagen und ihn zur Mithilfe zu veranlassen. Allein sie gab diesen
Gedanken sofort auf, um den Respekt gegen ihren Mann nicht zu
untergraben. Da fiel ihr Blick auf das Gärtchen eines Nachbarhauses,
welches von ihrem Garten nur durch eine grüne Hecke getrennt war, und
plötzlich verfiel ihre Frauenlist auf den wunderlichsten Ausweg, welchen
sie auch, ohne sich lange zu besinnen und wie von einem höheren Licht
erleuchtet, alsobald betrat.
In dem Nachbarhäuschen wohnte ein armer Unterlehrer der Stadt, namens
Wilhelm, ein junger, für unklug oder beschränkt geltender Mensch, mit
etwas schwärmerischen und dunkeln Augen. Derselbe sah für sein Leben
gern die Frauen, war aber außerordentlich still und schüchtern und
durfte überdies seiner beschränkten und ärmlichen Stellung wegen nicht
daran denken, sich zu verheiraten oder sonst dem schönen Geschlechte den
Hof zu machen. Er begnügte sich daher, die Schönheit mehr aus der Ferne
zu bewundern, und da es für sein Verlangen gleich erfolglos war, ob er
eine Frau oder ein Mädchen zum Gegenstande seiner Bewunderung machte,
so wechselte er in aller Ehrbarkeit und wählte bald diese, bald jene zum
Ziel seiner Gedanken. So lebte er in seinem Herzen wie ein Pascha, und
alles Schöne, was Kaffee trank und Strümpfe strickte oder auch müßig
ging, gehörte ihm. Dies doch einigermaßen leichtfertige Wesen
wissenschaftlich zu begründen oder zu beschönigen, war der gute Wilhelm
auch vom Christentum abgefallen und, obgleich er des Sonntags in der
Kinderlehre vorsingen mußte, wo er immer aufs neue den Katechismus
erläutern hörte, einer wahrhaft heidnischen Philosophie zugesteuert.
Alle Götter und Göttinnen der Mythologien, welche er gelesen, rief er
ins Leben zurück und bevölkerte damit sich zur Kurzweil die Landschaft;
je nach der Stimmung des Himmels, der über Seldwyla hing, war er
entweder Germane, Grieche oder Indier, und behandelte seine Weiber
heimlich nach der Art dieser Landsleute. Nur wenn das Wetter gar zu
graulich, sein Brot gar zu knapp und nirgends ein freundliches
Frauenauge zu erblicken war, blies er zuweilen alle diese Götter
auseinander und behauptete bei sich selbst, zu einem solchen Leben
brauche man gar keinen Gott.
Diesen jungen Schulmeister wählte sich die schöne Frau zu ihrem Retter,
sobald er ihr in den Sinn kam. Daß er sie gern sah, wußte sie seit
einiger Zeit, und daß er ein ganz stiller und schüchterner Mensch war,
ebenso, weil er errötete und die Augen niederschlug, wenn er ihr
begegnete, und er schien ihr gerade von der rechten Art zu sein, um ein
Geheimnis zu verschweigen. Sie ging also hin und schrieb den Brief ihres
Mannes ab und zwar dergestalt, daß sie einige Worte veränderte, oder
hinzusetzte, als ob eine Frau an einen Mann schreiben würde. Dann
faltete sie das Papier zierlich zusammen und versiegelte es, ohne aber
eine Adresse darauf zu setzen.
Dann ging sie zur Abendzeit wieder in den Garten, als Wilhelm eben seine
paar Blümchen begoß, nahe der Hecke. Sie trat so dicht davor, als sie
konnte, und rief ihn leise beim Namen. Zitternd und verstohlen zeigte
sie ihm das Briefchen, als er aufblickte, und fragte, indem sie einen
ganz seltsam sonnigen Blick hinüber schoß: Ob er schweigsam sein könne?
Diesmal vergaß er, die Augen niederzuschlagen, lachte sie unbewußt
vielmehr an, wie ein halbjähriges Kind, welchem man ein glänzendes Ding
zeigt, und war im Begriff, indem er die Gießkanne fallen ließ, mit den
Händen nach ihrem Kopf zu fahren, um ihn auch nach dem Munde zu führen,
wie es die Kinder machen, die den Raum noch nicht zu beurteilen wissen.
Doch antwortete er nicht, bis sie ihn nochmals gefragt hatte, worauf er
ernsthaft nickte. »So nehmt das Briefchen hier, wenn es niemand sieht,
und legt mir eine hübsche und passende Antwort dafür hin! es handelt
sich um einen Scherz und Ihr sollt nicht im Schaden bleiben!« sagte sie,
steckte die Epistel durch das Laub des Hages und eilte davon, wie von
einer Schlange gebissen, sich auf ihrem Stübchen verbergend.
Wilhelm schaute ihr nach, wie einer, der eine Erscheinung sah; dann nahm
er den Brief sachte aus dem Weißdorn, machte einen Umweg, so groß ihn
das kleine Grüngärtchen erlaubte, und schlüpfte dann in sein kleines
Gemach, welches unmittelbar am Gärtchen lag. Dort las er hastig den
Brief, einmal, zweimal und rief, indem ihm das Herz übermächtig zu
schlagen anfing: »O Herr Jesus! Das ist wahrhaftig ein Liebesbrief!«
Sogleich zerküßte er das Papier, dann stutzte er wieder, erinnerte sich
jedoch des Blickes, welchen sie ihm zugeworfen und hielt sich für
geliebt. Er sah sich um in seinem Stübchen. Dichte Winden mit blauen und
roten Blumen verhüllten fast ganz die niederen Fenster, doch drang die
Abendsonne hindurch und streute einige goldene Lichter an die Wand, über
sein ärmliches Bett und seine drei oder vier Götterlehren und das
Schreibzeug. Der erste Gedanke, der sein dankbares Gemüt durchblitzte,
war der liebe Gott, und zwar der alleinige und christlich anständige.
»Versteht sich!« rief er auf- und niedergehend, den Brief in der Hand,
wie eine Depesche, »versteht sich, gibt es einen Gott! Versteht sich,
natürlich!« Und er fühlte sich ganz glückseliglich, daß er auf so
angenehme Weise seinen Frieden mit dem Schöpfer schließen konnte, der
die schönen Frauen geschaffen. Aber aufs neue stutzte er. »Was Teufel
tue ich mit ihr? Sie hat ja einen Mann! -- Aber halt! das ist ihre
Sache! Was sie befiehlt, das tu' ich! Will sie's, so sprech' ich nie ein
Wort zu ihr, verlangt sie's, so kriech' ich mit ihr in die Erde hinein,
und begehrt sie's, so tue ich's allein!« Nun setzte er sich auf das Bett
und ergab sich einem entzückten Träumen; endlich überlas er in der
späten Dämmerung nochmals das Briefchen; es schien ihm doch etwas kurios
und töricht geschrieben zu sein. »Ach!« sagte er lächelnd vor sich hin,
»auch bei einem geschenkten Herzen heißt es: dem geschenkten Gaul sieh
nicht ins Maul! Ich will die Antwort in ihrer Weise schreiben, da sie es
so liebt und versteht!«
Also zündete er ein Lichtstümpfchen an, suchte ein Blatt Papier hervor
und schrieb darauf eine Antwort auf Viggis Brief, wie sie dieser nur
wünschen konnte, nicht ohne Geist, aber dazu noch mit aller herzlichen
Glut durchwärmt, welche er in diesem Augenblicke empfand. Er faltete das
Blatt zusammen und trug es hinaus in die Hecke. Sodann ging er zurück
und zu seiner Wirtin, um seine Abendsuppe zu essen; aber siehe da! er
war ganz erstaunt, daß er nur wenige Löffel hinunter brachte, so
gesättigt fühlte er sich von allen guten Dingen, während er sonst bei
seinen geträumten Liebesverhältnissen allzeit die größte Eßlust
empfunden hatte. Darum legte er sich ungesäumt zu Bett und war nur
begierig, ob er auch von seiner Geliebten träumen würde; denn ohne das
schienen ihm die langen Stunden des Schlafes ein unverantwortlicher
Zeit- und Sachverlust zu sein. Kaum lag er im Bette, so fing er, seit
geraumer Zeit zum ersten Male, ganz von selbst an zu beten und begann
dem lieben Herrgott inniglich und angelegentlich zu danken für die gute
Gabe einer Liebsten, die er so unerwartet gewonnen; aber mitten im Gebet
brach er kleinlaut ab, da ihm einfiel, daß der Handel doch nicht ganz
zum Beten eingerichtet sei, und er bedauerte fast, daß er so
unvorsichtig den christlichen Gott seiner Kindheit wieder eingesetzt
hatte, der nicht so lustig mit sich umspringen ließ, wie die
Alphabetgötter aus seinen Wörterbüchern. Und doch war es ein schönes
Leben, was ihn beseelte; denn in den schlimmsten Tagen hatte er nie um
ein Stück Brot gebetet. So dachte er denn auch, gewissermaßen
hinterrücks, an die schöne Frau, bis der Morgen anbrach und er fest
einschlief. Da hatte er einen Traum. Ihm träumte, er sitze und mahle ein
Pfund duftig gerösteten Kaffee, und die Kaffeemühle spielte eine süße
himmlisch klingende Musik, daß ihm ganz selig zu Mute ward, und doch
träumte er nicht von Frau Gritli.
Diese hatte inzwischen seinen Brief richtig gesucht und gefunden und
noch während der Nacht abgeschrieben mit den nötigen Veränderungen.
Hierbei begegneten ihr zwei Dinge; erstens klopfte ihr das Herz ziemlich
bang und ungestüm, als sie gar wohl die Wärme fühlte, welche in
Wilhelms Worten glühte, und sie dieselben so bedächtig abschrieb;
zweitens aber fiel es ihr diesmal im Traume nicht ein, in der befohlenen
geschäftlichen Nachschrift oder auch im Briefe selbst eine jener muntern
Redensarten von Zupfen am Ohrläppchen oder von der Nachtmütze einfließen
zu lassen, und das Verbot ihres Mannes erwies sich als ganz überflüssig.
Aber auf beide Dinge gab sie nicht weiter acht, da die Sorge, ihren Mann
zufrieden zu stellen, sie zu sehr beschäftigte. Ihre Nachschrift aber
lautete: »Unser Schreiber ist heute gleich zu Müllers an der Burggasse
gegangen und hat den Ölsamen gekauft; aber kaum zwei Minuten nachher,
noch ehe wir ihn herbringen konnten, ließen sie für den Betrag hundert
blaue Wetzsteine holen. Derweil müssen sie die Nachricht von ihrem Sohne
bekommen haben, daß er von Dir vierzig Franken entlehnt; denn als man
hierauf den Ölsamen holen wollte, ließen sie sich entschuldigen, die
Frau habe ohne Wissen des Mannes denselben schon vor zwei Tagen an einen
Bauer verhandelt. So haben sie nun die vierzig Franken und die
Wetzsteine dazu. Gebe Gott, daß Dir mein Brief nicht gänzlich mißfallen
möge; er hat mich ziemlich Anstrengung gekostet, jedoch nicht allzu
große, und ich merke, daß das Ding schon gehen kann.«
Mit der ersten Post versandte sie den Brief und erhielt schon nach zwei
Tagen eine Antwort von vier Seiten mit folgendem Beizettel: »Hier wäre
der zweite Brief von mir, liebe Frau! Ich bin ordentlich stolz darauf,
daß ich nun endlich das richtige Verfahren eingeschlagen; denn, ohne
Schmeichelei, Du hast Dich vortrefflich gehalten! Aber nun nicht locker
gelassen! Du siehst, daß ich schon tüchtig ins Zeug mit Dir gehe und
vier Seiten mit lauter energischen Gedanken und Bildern angefüllt habe.
Ich sage abermals nichts weiter, als: mach' Dich dahinter! Die Müllers
soll der Teufel holen, wenn ich nach Hause komme! Es hat mich gekränkt,
was sie taten, und mir einen schönen Tag verbittert, wo ich die
interessantesten Bekanntschaften gemacht! Ich habe vergessen, den ersten
Brief zu unterzeichnen, schreibe doch darunter, aber genau: Kurt v. W.
Oder laß es lieber bleiben, ich werde doch die ganze Sammlung nachher
durchgehen.«
Während der letzten zwei Tage hatte Gritli sich die Sache ernstlicher
überlegt und beschlossen, mit Wilhelm abzubrechen. Sie wollte ihm noch
zur rechten Zeit sagen, daß es sich um einen Scherz gehandelt habe, den
sie ihm auf irgend eine Weise schon noch zu erklären gedenke; auch hatte
sie durch das Abschreiben der beiden Briefe etwas Mut geschöpft und
hoffte, am Ende allein zurechtzukommen. Als sie aber das neue
Geschreibsel in Händen hielt, ward es ihr rot und blau vor den Augen,
und wenn sie bedachte, daß das nun fortschreitend immer toller werde, so
gab sie jede Hoffnung auf und beeilte sich in ihrer erneuten Angst, die
vier Seiten nur wieder abzuschreiben und an den bewußten Ort zu tun.
Wilhelm, welcher zwei schlimme Tage zugebracht hatte, weil er von seiner
Dame nichts hörte oder sah, stürzte sich wie ein Habicht auf die Beute
und stellte in weniger als einer Stunde eine Antwort her, welche an
Schwung und Zärtlichkeit Viggis Kunstwerk weit hinter sich ließ. Als
Gritli dies abschrieb, fühlte sie sich tief bewegt und es fielen ihr
sogar einige Tränen auf das Papier, denn dergleichen hatte ihr noch
niemand gesagt. Fast wollte es sie bedünken, wenn sie an einen Menschen
wie Wilhelm zu schreiben hätte, so würde ihr das Werk leichter, aber an
Viggi? sie gab nun jeden Gedanken auf, den Briefwechsel allein zu führen
und ließ den Dingen ihren Lauf, auf ihre List vertrauend, welche in der
Not schon einen neuen Ausweg finden sollte. Diesmal fügte sie folgende
Nachschrift hinzu: »Neues weiß ich von hier nichts zu melden, als eine
kleine närrische Geschichte, welche ich nicht in den Hauptbrief zu
setzen wagte. Der arme Schorenhans an dem Tore, welcher, wie Du weißt,
mehr Witze macht als er Fleisch zu sehen kriegt, sollte jüngsten Sonntag
einen schweren Zins nach der Hauptstadt tragen. Weil er fast nichts
übrig behielt, um dort einzukehren und etwas zu genießen, so sagte er zu
seiner Frau: 'Ich werde mich früh um 4 Uhr auf die Beine machen und
streng laufen, denn es sind sieben Stunden, so werde ich bis zum
Mittagessen eintreffen und wohl einen Teller Suppe und vielleicht auch
ein Glas Wein vom Zinsherrn bekommen.' So tat er denn auch und lief mit
seinem Gelde wie besessen. Um 10 Uhr ungefähr verspürte er einen solchen
Hunger, daß er kaum glaubte, hinzugelangen, und fragte daher die Leute,
welche des Weges kamen, wie weit es noch sei? 'Wenn Ihr gut lauft,' hieß
es, 'so habt Ihr noch eine Stunde!' Und wann man denn dort Mittag esse?
fragte er noch ängstlich. 'Am Sonntag um 11 Uhr!' sagten die Leute. So
lief der arme Kerl aus allen Leibeskräften, denn es handelte sich um den
langen Rückweg und er trug nicht einen eigenen Batzen in der Tasche.
Endlich langte er an, als es eben 11 Uhr läutete, und drang atemlos
gleich hinter der anmeldenden Dienstmagd in die Stube, mit seinem
Geldsäckchen ein Geräusch erregend. Die Familie saß schon am Tische und
die Suppe wurde eben weggetragen. Etwas ungehalten über das Eindringen
sagte der Zinsherr: 'Gut, lieber Mann! setzt Euch nur dort auf die
Ofenbank und geduldet Euch eine Weile!' So setzte er sich erschöpft und
wehmütig auf die Bank und sah der Herrschaft zu, wie sie aß und trank,
und hörte die Kinder plaudern und lachen und roch den mächtigen Braten,
der jetzt herein gebracht wurde. Niemand gedachte seiner, bis zufällig
der Herr sich zu ihm wandte und sagte: 'Und was gibt es Neues bei Euch
draußen, guter Freund?'
'Nichts Apartes!' erwiderte der Schorenhans schnell besonnen, 'als daß
merkwürdigerweise diese Woche eine Sau dreizehn Ferkel geworfen hat!' Auf
diese Worte schlug die Zinsfrau erbarmungsvoll die Hände über dem Kopf
zusammen und rief: 'O du lieber Gott! Was machen sie doch aus deiner
Weltordnung! Ein Mutterschwein hat ja nur zwölf Zitzchen, wo soll denn das
dreizehnte Säulein saugen!' Schorenhans zuckte lächelnd die Achsel und
erwiderte: 'Es hat's eben wie ich, es muß zusehen!' Darüber lachte der
Hausherr und rief: 'Frau, laß dem Bauer einen Teller bringen, und gib ihm
zu essen von allem, was wir gehabt haben!' So geschah es, er bekam Suppe,
Braten und alles Gute und der Herr schenkte ihm von dem alten Weine in das
Glas und gab ihm ein gutes Trinkgeld, als er fortging. Ich teile dir,
lieber Mann! diesen Spaß nur deswegen mit, weil mir etwas dabei eingefallen
ist. Ich wünschte nämlich, da du so viele Verbindungen hast, daß du die
kleine Geschichte als einen artigen Beitrag für eines deiner
Unterhaltungsblätter abfassen oder aufsetzen und ein bißchen ausschmücken
möchtest, bis sie beträchtlich genug ist. Dann würdest du, indem du ja den
Zweck angeben könntest, ein kleines Honorar, etwa zehn Franken, dafür
verlangen, und diese gäben wir dem Schorenhans, der gewiß eine komische
Freude hätte über diesen unverhofften Ertrag seines Einfalls!«
Auf diesen Brief erfolgte von Viggis Seiten ein noch größerer mit
folgender Beilage: »Die Sache geht gut, liebes Gritli! Wir können nun
keck ausschreiten und wollen uns täglich schreiben, hörst Du, täglich!
Vielleicht in einiger Zeit zweimal des Tages, um die Dauer meiner
Abwesenheit gut zu benutzen und eine ansehnliche Sammlung zu stande zu
bringen. Ich denke auch schon auf einen idealen Namen für Dich; denn
Deinen prosaischen Hausnamen können wir hier nicht brauchen. Wie gefällt
Dir Isidora oder Alwine? Mit Deiner Geschichte vom Schorenhans hast Du
nichts erreicht, als daß sie mir die doppelte Brieftaxe verursachte;
denn erstens ist aus diesem albernen Witze nichts zu machen, und wenn es
wäre, so kannst Du doch nicht verlangen, daß ich meine Muse mit
dergleichen kleinlichen Angelegenheiten beschäftige! Für eine
öffentliche wohltätige Unternehmung ließe sich das eher hören; ich bin
auch schon bei einigen solchen ehrenvollen Missionen engagiert. Wenn Du
jedoch den Leuten ein paar Franken aus der Tasche magst zukommen lassen,
so habe ich nichts dagegen; denn ich möchte Deinem mildtätigen Sinne
nicht gerade hinderlich sein. Ich wünschte, daß Du Dich für den Namen
Alwine entscheidest.«
Nun ging also die seltsame Briefpost tagtäglich und nach einiger Zeit in
der Tat zweimal des Tages. Gritli hatte nun alle Tage vier lange Briefe
abzuschreiben, weshalb ihre feinen rosigen Finger fast immer mit Tinte
befleckt waren. Sie seufzte reichlich bei diesem ungewohnten Tun, mußte
bald lachen, bald weinen über die Einfälle und Mitteilungen der beiden
Briefsteller, die durch ihre Hand gingen, und sie unterschrieb die
Briefe an Viggi mit Alwine, diejenigen an Wilhelm mit Gritli, wobei sie
dachte: der ist wenigstens zufrieden mit meinem armen Namen! Seit
einiger Zeit hatte sie bemerkt, daß Wilhelm nicht zum besten mit Papier
versehen war, indem er immer andere Farben und Abschnitzel verwandte.
Sie kaufte daher ein Paket schönes Briefpapier und legte es ihm hin mit
der Anweisung: »Es muß jetzt täglich zweimal geschrieben werden! Fragt
nicht warum, kennt mich nicht, seht nicht nach mir! Das Geheimnis wird
sich aufklären!«
Sie rechnete fest auf seine Gutherzigkeit, Einfalt und stille
Ergebenheit, welche, wenn auch eines Tages enttäuscht, dennoch das
Geheimnis bewahren würde, froh darüber, ein solches zu besitzen. So ging
denn der Verkehr wie besessen, und an drei Orten häufte sich ein Stoß
gewaltiger Liebesbriefe an. Viggi sammelte die vermeintlichen Briefe
seiner Frau sorgfältig auf, Gritli verwahrte die Originale von beiden
Seiten und Wilhelm bewahrte Gritlis feine Abschriften in einer dicken
Brieftasche auf seiner Brust, während er sich um seine eigenen
Erzeugnisse nicht mehr kümmerte.
In einer Nachschrift bemerkte Viggi: »Ich habe mit Vergnügen gesehen,
daß Spuren von vergossenen Tränen zwischen Deinen Zeilen zu sehen sind
(wenn Du nicht etwa einen Schnupfen hattest!). Aber gleichviel, ich
trage mich jetzt mit dem Gedanken, ob solche Tränen zwischen den Zeilen
bei einer allfälligen Herausgabe im Druck nicht durch einen zarten
Tondruck könnten angedeutet werden? Freilich, fällt mir ein, müßte dann
wohl die ganze Sammlung faksimiliert werden, was sich indessen überlegen
läßt.« Wilhelm schrieb dagegen in einem Briefe: »O liebes Herz, es ist
doch traurig, so unerbittlich getrennt zu sein und immer mit der
schwarzen Tinte zu sprechen, wo man das rote Blut möchte reden lassen!
Ich habe heute schon zweimal einen frischen Bogen nehmen müssen, weil
mir Tränen darauf gefallen sind, und soeben konnte ich einen dritten nur
dadurch retten, daß ich schnell die Hand darauf legte. Wenn Du mich nur
ein wenig liebst, so verachtest Du mich nicht wegen dieser
Schwachheit!«
Solche Stellen, welche sie nach ihrer Meinung besonders angingen, merzte
sie sorgfältig aus in der Abschrift; dafür verwechselte sie manchmal die
hochtrabenden Anreden: »Teurer Freund meiner Seele!« und dergleichen in
den Sendungen an Wilhelm mit vertraulichen Benennungen, wie »mein liebes
Männchen« oder »mein gutes Kind«, was sie dann wieder in Reu' und Sorgen
setzte, während sie die großen, hohlen Worte in den Briefen an den Mann
großartig stehen ließ. Kurz, sie wünschte endlich sehnlich die Heimkehr
ihres Eheherrn, damit alle Gefährde ein Ende nehmen und zum Schluß
gebracht werden möchte. Da schrieb er unversehens, seine Geschäfte jeder
Art seien nun zu Ende. Allein der Briefwechsel sei nun in einen so
glücklichen Zug geraten, daß er noch vierzehn Tage fortbleiben wolle,
damit diese Angelegenheit, an welcher ihm sehr viel liege, recht
ausgebildet und zur glücklichen Vollendung geführt werden könne. Er
werde sich diese zwei Wochen noch ausschließlich damit beschäftigen und
ermahne auch sie, getreulich auszuhalten und das Ziel, welches ihr auf
immer eine Stelle in den Reihen ausgezeichneter Frauen sichere, bis ans
Ende zu verfolgen.