Nun aber entwickelte sich unter den jüngeren Gästen, welche bislang

horchend dagesessen hatten, das Gespräch. Einer fing an mit einer

spöttischen Bemerkung über die altväterische Unterhaltung dieser Alten,

welche gewiß vor vierzig Jahren einmal die Schöngeister dieses Nestes

gespielt hätten. Diese Bemerkung wurde lebhaft aufgenommen, und indem

ein Wort das andere gab, entwickelte sich abermals ein Gespräch

belletristischer Natur, aber von ganz andrer Art. Von den verjährten

Gegenständen jener Alten wußten sie nicht viel zu berichten, als das

und jenes vergriffene Schlagwort aus schlechten Literargeschichten;

dagegen entwickelte sich die ausgebreitetste und genaueste Kenntnis in

den täglich auftauchenden Erscheinungen leichterer Art und aller der

Personen und Persönchen, welche sich auf den tausend grauen Blättern

stündlich unter wunderbaren Namen herumtummeln. Es zeigte sich bald, daß

dies nicht solche Ignoranten von alten Gerichtsräten und

Privatgelehrten, sondern Leute vom Handwerk waren. Denn es dauerte nicht

lange, so hörte man nur noch die Worte Honorar, Verleger, Clique,

Koterie und was noch mehr den Zorn solchen Volkes reizt und seine

Phantasie beschäftigt. Schon tönte und schwirrte es, als ob zwanzig

Personen sprächen, die tückischen Äuglein blinkerten und eine allgemeine

glorreiche Erkennung konnte nicht länger ausbleiben. Da entlarvte sich

dieser als Guido von Strahlheim, jener als Oskar Nordstern, ein dritter

als Kunibert vom Meere. Da zögerte auch Viggi nicht länger, der bisher

wenig gesprochen, und wußte es mit einiger Schüchternheit einzuleiten,

daß er als Kurt vom Walde erkannt wurde. Er war von allen gekannt, sowie

er ebenso alle kannte, denn diese Herren, welche ein gutes Buch

jahrzehntelang ungelesen ließen, verschlangen alles, was von

ihresgleichen kam, auf der Stelle, es in allen Kaffeebuden

zusammensuchend, und zwar nicht aus Teilnahme, sondern aus einer

sonderbaren Wachsamkeit.

Sie sind Kurt vom Walde? hieß es dröhnend, ha! willkommen! Und nun

wurden mehrere Flaschen eines unechten wohlfeilen und sauren Weines

bestellt, der billigste unter Siegel, der im Hause war, und es hob erst

ein energisches Leben an. Nun galt es zu zeigen, daß man Haare auf den

Zähnen habe! Alle Männer, die es zu irgend einem Erfolge gebracht und in

diesem Augenblicke Hunderte von Meilen entfernt vielleicht schon den

Schlaf der Gerechten schliefen, wurden auf das gründlichste demoliert;

jeder wollte die genauesten Nachrichten von ihrem Tun und Lassen haben,

keine Schandtat gab es, die ihnen nicht zugeschrieben wurde, und der

Refrain bei jedem war schließlich ein trocken sein sollendes: Er ist

übrigens Jude! Worauf es im Chor ebenso trocken hieß: Ja, er soll ein

Jude sein!

Viggi Störteler rieb sich entzückt die Hände und dachte: »Da bist du

einmal vor die rechte Mühle gekommen! Ein Schriftsteller unter

Schriftstellern! Ei! was das für geriebene Geister sind! Welches

Verständnis und welch sittlicher Zorn!«

In dieser Nacht und bei diesem Schwefelwein ward nun, um der schlechten

Welt vom Amte zu helfen und ein neues Morgenrot herbeizuführen, die

förmliche und feierliche Stiftung einer »neuen Sturm- und Drangperiode«

beschlossen, und zwar mit planvoller Absicht und Ausführung, um

diejenige Gärung künstlich zu erzeugen, aus welcher allein die Klassiker

der neuen Zeit hervorgehen würden.

Als sie jedoch diese gewaltige Abrede getroffen, konnten sie nicht

weiter, sondern senkten alsbald ihre Häupter und mußten das Lager

suchen; denn diese Propheten ertrugen nicht einmal guten, geschweige

denn schlechten Wein und büßten jede kleine Ausschreitung mit großer

Abschwächung und Übelkeit.

Als sie abgezogen waren, fragte der alte Herr, welcher zurückgeblieben

war und sich höchlich an dem Treiben ergötzt hatte, den Kellner, was das

für Leute wären? »Zwei davon,« sagte dieser, »sind Geschäftsreisende,

ein Herr Störteler und ein Herr Huberl; der dritte heißt Herr Stralauer,

doch nur den vierten kenn' ich näher, der nennt sich Doktor Mewes und

hat sich vergangenen Winter einige Wochen hier aufgehalten. Er gab im

Tanzsaal beim Blauen Hecht, wo ich damals war, Vorlesungen über deutsche

Literatur, welche er wörtlich abschrieb aus einem Buche. Dasselbe mußte

aus irgend einer Bibliothek gestohlen worden sein, dem Einbande nach zu

urteilen, und war ganz voll Eselsohren, Tinten- und Ölflecke. Außer

diesem Buche besaß er noch einen zerzausten Leitfaden zur französischen

Konversation und ein Kartenspiel mit obszönen Bildern darin, wenn man es

gegen das Licht hielt. Er pflegte jenes Buch im Bett auszuschreiben, um

die Heizung zu sparen; da verschüttete er schließlich das Tintenfaß über

Steppdecke und Leintuch, und als man ihm eine billige Entschädigung in

die Rechnung setzte, drohte er, den Blauen Hecht in seinen Schriften und

'Feuilletons' in Verruf zu bringen. Da er sonst allerlei häßliche

Gewohnheiten an sich hatte, wurde er endlich aus dem Hause getan. Er

schreibt übrigens unter dem Namen Kunibert vom Meere allerhand süßliche

und nachgeahmte Sachen.«

»Was Teufel!« sagte der Alte, »Ihr wißt ja wie ein Mann vom Handwerk

über diese Dinge zu reden, Meister Georg!« Der Kellner errötete, stockte

ein wenig und sagte dann: »Ich will nur gestehen, daß ich selbst

anderthalb Jahre Schriftsteller gewesen bin!« -- »Ei der Tausend!« rief

der Alte, »und was habt Ihr denn geschrieben?« -- »Das weiß ich kaum

gründlich zu berichten,« fuhr jener fort, »ich war Aufwärter in einem

Kaffeehaus, wo sich eine Anzahl Leute von der Gattung unserer heutigen

Gäste beinahe den ganzen Tag aufhielt. Das lag herum, flanierte,

räsonierte, durchstöberte die Zeitungen, ärgerte sich über fremdes

Glück, freute sich über fremdes Unglück und lief gelegentlich nach

Hause, um im größten Leichtsinn schnell ein Dutzend Seiten zu schmieren;

denn da man nichts gelernt hatte, so besaß man auch keinen Begriff von

irgend einer Verantwortlichkeit. Ich wurde bald ein Vertrauter dieser

Herren, ihr Leben schien mir meiner dienstbaren Stellung weit

vorzuziehen und ich wurde ebenfalls ein Schriftsteller. Auf meiner

Schlafkammer verbarg ich einen Pack zerlesene Nummern von französischen

Zeitungen, die ich in den verschiedenen Wirtschaften gesammelt, wo ich

früher gedient hatte, ursprünglich, um mich darin ein wenig in die

Sprache hineinzubuchstabieren, wie es einem jungen Kellner geziemt. Aus

diesen verschollenen Blättern übersetzte ich einen Mischmasch von

Geschichtchen und Geschwätz aller Art, auch über Persönlichkeiten, die

ich nicht im mindesten kannte. Aus Unkenntnis der deutschen Sprache

behielt ich nicht nur öfter die französische Wort- und Satzstellung,

sondern auch alle möglichen Gallizismen bei, und die Salbadereien,

welche ich aus meinem eigenen Gehirne hinzufügte, schrieb ich dann

ebenfalls in diesem Kauderwelsch, welches ich für echt schriftstellerisch

hielt. Als ich ein Buch Papier auf solche Weise überschmiert hatte,

anvertraute ich es als ein Originalwerk meinen Herren und Freunden,

und siehe, sie nahmen es mit aller Aufmunterung entgegen und wußten es

sogleich zum Druck zu befördern. Es ist etwas Eigentümliches um die

schlechten Skribenten. Obgleich sie die unverträglichsten und

gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie doch eine

unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun und ins Massenhafte zu

vermehren, gewissermaßen um so einen mechanischen Druck nach der

oberen Schicht auszuüben. Mein Büchlein wurde sofort als das

sehr zu beachtende Erstlingswerk eines geistreichen jungen Autors

verkündet, welcher deutsche Schärfe des Urteils mit französischer

Eleganz verbinde, was wohl von dessen mehrjährigem Aufenthalt in Paris

herrühre. Ich war nämlich in der Tat ein halbes Jahr in dieser Stadt

bei einem deutschen Gastwirt gewesen. Da unter dem übersetzten Zeuge

mehrere pikante, aber vergessene Anekdoten waren, so zirkulierten diese,

unter Anführung meines Buches, alsbald durch eine Menge von Blättern.

Ich hatte mich auf dem Titel George d'Esan, welches eine Umkehrung

meines ehrlichen Namens Georg Nase ist, genannt. Nun hieß es überall:

George Desan in seinem interessanten Buche erzählt folgenden Zug von dem

oder von jenem, und ich wurde dadurch so aufgeblasen und keck, daß ich

auf der betretenen Bahn ohne weiteren Aufenthalt fortrannte, wie eine

abgeschossene Kanonenkugel.«

»Aber zum Teufel!« sagte jetzt der Alte, »was hattet Ihr denn nur für

Schreibestoff? Ihr konntet doch nicht immer von Eurem Pack alter

Zeitungen zehren?«

»Nein! Ich hatte eben keinen Stoff als sozusagen das Schreiben selbst.

Indem ich Tinte in die Feder nahm, schrieb ich über diese Tinte. Ich

schrieb, kaum daß ich mich zum Schriftsteller ernannt sah, über die

Würde, die Pflichten, Rechte und Bedürfnisse des Schriftstellerstandes,

über die Notwendigkeit seines Zusammenhaltens gegenüber den andern

Ständen, ich schrieb über das Wort Schriftsteller selbst, unwissend, daß

es ein echt deutsches und altes Wort ist, und trug auf dessen

Abschaffung an, indem ich andere, wie ich meinte, viel geistreichere und

richtigere Benennungen ausheckte und zur Erwägung vorschlug, wie zum

Beispiel Schriftner, Dinterich, Schriftmann, Buchner, Federkünstler,

Buchmeister und so fort. Auch drang ich auf Vereinigung aller

Schreibenden, um die Gewährleistung eines schönen und sicheren

Auskommens für jeden Teilnehmer zu erzielen, kurz ich regte mit allen

diesen Dummheiten einen erheblichen Staub auf und galt eine Zeitlang für

einen Teufelskerl unter den übrigen Schmierpetern. Alles und jedes

bezogen wir auf unsere Frage und kehrten immer wieder zu den

'Interessen' der Schriftstellerei zurück. Ich schrieb, obgleich ich der

unbelesenste Gesell von der Welt war, ausschließlich nur über

Schriftsteller, ohne deren Charakter aus eigener Anschauung zu kennen,

komponierte 'ein Stündchen bei X.', oder 'ein Besuch bei N.', oder 'eine

Begegnung mit P.', oder 'ein Abend bei der Q.' und dergleichen mehr, was

ich alles mit unsäglicher Naseweisheit, Frechheit und Kinderei ausstattete.

Überdies betrieb ich eine rührige Industrie mit sogenannten 'Mitgeteilts'

nach allen Ecken und Enden hin, indem ich allerlei Neuigkeitskram und

Klatsch verbreitete. Wenn gerade nichts aus der Gegenwart vorhanden war,

so übersetzte ich die Sesenheimer Idylle wohl zum zwanzigsten Male aus

Goethes schöner Sprache in meinen gemeinen Jargon und sandte sie als

neue Forschung in irgend ein Winkelblättchen. Auch zog ich aus bekannten

Autoren solche Stellen, über welche man in letzter Zeit wenig gesprochen

hatte, wenigstens nicht meines Wissens, und ließ sie mit einigen

albernen Bemerkungen als Entdeckung herumgehen. Oder ich schrieb wohl

aus einem eben herausgekommenen Bande einen Brief, ein Gedicht aus und

setzte es als handschriftliche Mitteilung in Umlauf, und ich hatte immer

die Genugtuung, das Ding munter durch die ganze Presse zirkulieren zu

sehen. Insbesondere gewährte mir der Dichter Heine die fetteste Nahrung;

ich gedieh an seinem Krankenbette förmlich wie die Rübe im Mistbeete.«

»Aber Ihr seid ja ein ausgemachter Halunke gewesen!« rief der alte Herr

mit Erstaunen, und Meister Georg versetzte: »Ich war kein Halunke,

sondern eben ein armer Tropf, welcher seine Kellnergewohnheiten in eine

Tätigkeit übertrug und in Verhältnisse, von denen er weder einen

sittlichen noch einen unsittlichen, sondern gar keinen Begriff hatte.

Überdies brachte mein Verfahren niemandem einen wirklichen Schaden.«

»Und wie seid Ihr denn von dem schönen Leben wieder abgekommen?« fragte

der Alte.

»Ebenso kurz und einfach, wie ich dazu gekommen!« antwortete der

Exschriftner, »ich befand mich trotz alles Glanzes doch nicht behaglich

dabei und vermißte besonders die bessere Nahrung und die guten

Weinrestchen meines frühern Standes. Auch ging ich ziemlich schäbig

gekleidet, indem ich einen ganz abgetragenen Aufwärterfrack unter einem

dünnen Überzieher Sommer und Winter trug. Unversehens fiel mir aus der

Heimat eine kleine Geldsumme zu, und da ich von früher her noch eine

alte Sehnsucht nährte, ordentlich gekleidet zu sein, so bestellte ich

mir sofort einen feinen neuen Frack, eine gute Weste und kaufte ein

gutvergoldetes Uhrkettchen, sowie ein feines Hemd mit einem Jabot. Als

ich mich aber, dergestalt ausgeputzt, im Spiegel besah, fiel es mir wie

Schuppen von den Augen; ich fand mich plötzlich zu gut für einen

Schriftsteller, dagegen reif genug für einen Oberkellner in einem

Mittelgasthofe und suchte demgemäß eine Anstellung.«

»Aber wie kommt es,« fragte der Gast noch, »daß Ihr nun so einsichtig

und ordentlich über jenes Treiben zu urteilen wißt?«

»Das mag daher kommen,« erwiderte Georg Nase lächelnd, »daß ich mich

erst jetzt in meinen Mußestunden zu unterrichten suche, aber bloß zu

meinem Privatvergnügen!«

Worauf der Alte endlich seine Zeche bezahlte und sich entfernte, nachdem

er den Aufwärter eingeladen, in Zukunft doch an den Gesprächen der Gäste

teilzunehmen und ja nicht zu versäumen, von seinen lustigen Taten und

Erlebnissen so viel mitzuteilen, als er immer wüßte. So fügte es sich,

daß in diesem Gasthofe die täglichen Stammgäste samt dem Kellner mehr

Bildung und Schule besaßen, als der kleine Schriftstellerkongreß, der

zur Stunde unter dem gleichen Dache schlummerte.

Am nächsten Tage zerstreuten sich die Herren nach allen Winden, nicht

ohne nochmals die zu gründende Sturm- und Drangperiode kräftiglichst

besprochen zu haben. Indem sie vorläufig schon einige Rollen verteilten,

wurde es als eine glückliche Fügung gepriesen, daß in Viggi Störteler

die schweizerischen Beziehungen trefflich angebahnt seien, und er

übernahm es, einstweilen Bodmer und Lavater zusammen darzustellen, um

die reisenden neuen Klopstocks, Wieland und Goethe zu empfangen und

aufzumuntern.

So kehrte er ganz aufgebläht von Aussichten und Entwürfen in seine

Heimat zurück. Er ließ die Haare lang wachsen, strich sie hinter die

Ohren, setzte eine Brille von lauterem Fensterglas auf und trug ein

kleines Spitzbärtchen, um sein Äußeres dem bedeutenden Inhalte

entsprechen zu lassen, den er durch seine neuen Bekanntschaften mit

einem Schlage gewonnen. Seiner Sendung gemäß, die er übernommen, begann

er sich mehr unter seinen Mitbürgern umzutun und suchte Anhänger. Wo er

wußte, daß einer ein Histörchen in den Kalender geschickt oder einige

spöttische Knittelverse verfaßt hatte, die einzige Literatur, so in

Seldwyla betrieben wurde, da strebte er ein Mitglied für die Sturm- und

Drangperiode zu erwerben. Allein sobald die wackeren Leute seine

Absichten merkten und seine wunderlichen Aufforderungen verstanden,

machten sie ihn zum Gegenstande ihres Gelächters und neuer Knittelverse,

welche zu seinem Verdruß in den Wirtschaften verlesen wurden. Als er

vollends an einem Bürgermahle den Stadtschreiber verblümt fragte, was

er von »Kurt vom Walde« für eine Meinung hege, und jener erwiderte:

»Kurt vom Walde? was ist das für ein Kalb?« da hatte er für einmal genug

und spann sich wieder in seine Häuslichkeit ein.

Dort betrachtete er sein Weib, und da er sah, wie anmutig Gritli in

ihrem Häubchen am Spinnrädchen saß, mit rosigem Munde, mit stillbewegtem

Busen und mit zierlichem Fuße, da ging ihm ein Licht auf; er beschloß,

sie zu erhöhen und zu seiner Muse zu machen. Von Stund an hieß er sie

das mit beinernen Ringen und Glöckchen kunstreich gezierte Spinnrad zur

Seite stellen und das grüne Band vom seidigen Flachse wickeln. Dafür gab

er ihr eine alte Anthropologie in die Hand und befahl ihr, darin zu

lesen, während er in seinem Kontor arbeite, damit die große

Angelegenheit in der Zeit nicht brach liege. Hierauf ging er an seine

Geschäfte, sehr zufrieden mit seinem Einfall. Als er aber zum Essen kam

und begierig war auf die erste geistige Rücksprache mit seiner Muse, da

schüttelte sie den Kopf und wußte nichts zu sagen.

»Ich muß zartere Saiten aufziehen für den Anfang!« dachte er und gab ihr

nach Tisch einen Band »Frühlingsbriefe von einer Einsamen«, darin sollte

sie lesen bis zum Abend. Dann ging er in sein Magazin, einen Haufen

Farbhölzer wegführen zu lassen, dann in den Wald, um einer Steigerung

von Eichenrinde beizuwohnen. Dort machte er einen guten Handel und,

vergnügt darüber, noch einen Spaziergang, aber nicht ohne abermaligen

Nutzen. Er steckte das geschäftliche Notizbuch beiseite und zog ein

kleineres hervor mit einem Stahlschlößchen.

Damit stellte er sich vor den ersten besten Baum, besah ihn genau und

schrieb: »Ein Buchenstamm. Hellgrau mit noch helleren Flecken und

Querstreifen. Zweierlei Moos bekleidet ihn, ein fast schwärzliches und

dann ein sammetähnliches glänzend grünes. Außerdem gelbliche, rötliche

und weiße Flechten, welche öfter ineinander spielen. Eine Efeuranke

steigt an der einen Seite hinauf. Die Beleuchtung ist ein andermal zu

studieren, da der Baum im Schatten steht. Vielleicht in Räuberszenen

anzuwenden.«

Dann blieb er vor einem eingerammten Pflock stehen, auf welchen irgend

ein Kind eine tote Blindschleiche gehängt hatte. Er schrieb:

»Interessantes Detail. Kleiner Stab in Erde gesteckt. Leiche von

silbergrauer Schlange darum gewunden, gebrochen im Starrkrampf des

Todes. Ameisen kommen aus dem hohlen Innern hervor oder gehen hinein,

Leben in die tragische Szene bringend. Die Schlagschatten von einigen

schwanken Gräsern, deren Spitzen mit rötlichen Ähren versehen sind,

spielen über das Ganze. Ist Merkur tot und hat seinen Stab mit toten

Schlangen hier stecken lassen? Letztere Anspielung mehr für

Handelsnovelle tauglich. #NB.# Der Stab oder Pflock ist alt und

verwittert, von der gleichen Farbe wie die Schlange; wo ihn die Sonne

bescheint, ist er wie mit silbergrauen Härchen besetzt. (Die letztere

Beobachtung dürfte neu sein.)«

Auch vor einem Karrengeleise stellte er sich auf und schrieb: »Motiv für

Dorfgeschichte: Wagenfurche halb mit Wasser gefüllt, in welchem kleine

Wassertierchen schwimmen. Hohlweg. Erde feucht, dunkelbraun. Auch die

Fußstapfen sind mit Wasser gefüllt, welches rötlich, eisenhaltig. Großer

Stein im Wege, zum Teil mit frischen Beschädigungen, wie von

Wagenrädern. Hieran ließe sich Exposition knüpfen von umgeworfenen

Wagen, Streit und Gewalttat.«

Weiter gehend, stieß er auf eine arme Landdirne, hielt sie an, gab ihr

einige Münzen und bat sie, fünf Minuten still zu stehen, worauf er, sie

vom Kopf zu Füßen beschauend, niederschrieb: »Derbe Gestalt, barfuß, bis

über die Knöchel voll Straßenstaub; blaugestreifter Kittel, schwarzes

Mieder, Rest von Nationaltracht, Kopf in rotes Tuch gehüllt, weiß

gewürfelt --« allein urplötzlich rannte die Dirne davon und warf die

Beine aus, als ob ihr der böse Feind im Nacken säße. Viktor, ihr

begierig nachsehend, schrieb eifrig: »Köstlich! dämonisch-populäre

Gestalt, elementarisches Wesen.« Erst in weiter Entfernung stand sie

still und schaute zurück; da sie ihn immer noch schreiben sah, kehrte

sie ihm den Rücken zu und klopfte sich mit der flachen Hand mehrere Male

hinter die Hüften, worauf sie im Walde verschwand.

So kehrte er heimwärts, beladen wie eine Biene mit seiner Ausbeute.

»Nun, liebes Muschen!« rief er seine Frau an, »hast du dein Buch

gelesen? Mir ist es sehr gut gegangen, ich bringe treffliche Studien

nach Hause, über deren Benutzung wir heute noch plaudern wollen!« Allein

sie wußte abermals nichts zu sagen, weil sie den ganzen Nachmittag im

Garten gesessen und mit großer Behaglichkeit grüne Erbsen ausgehülst

hatte. Diesmal schüttelte er seinerseits den Kopf und dachte: »Seltsam!

Vielleicht ist es besser, gleich mit der Praxis zu beginnen und sich auf

den weiblichen Scharfsinn zu verlassen!« Demgemäß las er ihr beim

Nachtessen seine heutigen Notizen vor, entwickelte ein Gespräch über den

Nutzen solcher Beobachtungen, und indem er ihr riet, sich ebenfalls

dergleichen Wahrnehmungen aufzuzeichnen und ihm das Gesammelte

mitzuteilen, forderte er sie auf, ihre Meinung über alles dies zu sagen.

»Ich verstehe dies alles nicht!« war ihre ganze Antwort. Sich zur

Geduld zwingend, sagte er: »So wollen wir gleich ein Ganzes vornehmen,

welches dir vielleicht klarer sein wird, und worin du vielleicht die

Verfechtung solcher Teile, so kunstreich sie auch ist, wahrnehmen

magst!«

Also nahm er seine neueste Handschrift hervor und begann sie vorzulesen,

oft unterbrochen durch die Störungen, welche die allerorts

durchstrichene und verbesserte Schreiberei veranlaßte, sowie durch das

Hin- und Herrücken der Brille, welche ihn blendete. Dennoch gewahrte er

erst nach einem halben Stündchen, daß seine Gattin eingeschlummert war.

Da klingelte er mit dem Messer gegen den metallenen Leuchter und sagte,

als sich Gritli zusammenraffte, ernst und mißfällig: »Das kann so nicht

gehen, liebe Frau! Du siehst, wie ich mir alle Mühe gebe, dich zu mir

heranzubilden, und du kommst mir dennoch nicht entgegen! Du weißt, daß

ich die dornenvolle Laufbahn eines Dichters betreten habe, daß ich des

Verständnisses, der begeisterten Anregung, des liebevollen Mitempfindens

eines weiblichen Wesens, einer gleichgestimmten Gattin bedarf, und du

lässest mich im Stich, du schläfst ein!«

»Ei, mein lieber Mann!« erwiderte Frau Gritli, indem sie über diese

Reden errötete, »mich dünkt, ein rechter Dichter soll seine Kunst

verstehen ohne eine solche Einbläserin!«

»Gut!« rief Viggi, »verhöhne mich nur noch, statt mich zu erheben und

aufzurichten! Gut! Ich werde in Gottes Namen meinen Weg allein wandeln!«

Und er legte sich kummervoll schmollend zu Bett und sein Weib legte sich

neben ihn in Sorgen, daß es um seinen Verstand übel stehen möchte. Er

schmollte nun mehrere Tage und wandelte seinen Weg allein; doch hielt er

das nicht aus, sondern beschloß, nunmehr mit männlicher Strenge seinen

Willen durchzusetzen und die Gattin zu dem zu zwingen, wofür sie ihm

einst danken würde. Er machte schnell einen Erziehungsplan, legte eine

Anzahl Bücher zurecht, trat fest vor die Frau hin und wies sie an,

unfehlbar zu lesen und zu lernen, was er ihr vorlege. Dadurch geriet sie

in große Not; sie sah, daß der Friede Gefahr lief, gänzlich zerstört zu

werden; auch getraute sie sich nirgends Rats zu holen, um ihren Mann

nicht zu verraten und dem Spotte der Leute auszusetzen, welchen diese

Geschichte ein »gefundenes Fressen« wäre. Sie fügte sich also, obgleich

mit zornigem Herzen, und tat wie er verlangte, indem sie die Bücher in

die Hand nahm und so aufmerksam als möglich darin zu lesen suchte; auch

hörte sie seinen Reden und Vorträgen fleißig zu, nahm sich vor dem

Einschlafen in acht und stellte sich sogar, als ob ihr das Verständnis

für manches ausginge, weil sie glaubte, dadurch dem Unglück bälder zu

entrinnen. Heimlich aber vergoß sie bittere Tränen; sie schämte sich vor

sich selber in dieser törichten und schimpflichen Lage und schleuderte

die Bücher oft in eine Ecke oder trat sie unter die Füße. Denn der

Teufel ritt ihren Mann, daß er ihr alles in die Hand gab, was er von

langweiliger und herzloser Ziererei und Schöntuerei nur

zusammenschleppen konnte.

Anfänglich war er nicht übel zufrieden mit ihrer Fügsamkeit; als er aber

nach einigen Wochen bemerkte, daß sie immer noch keine begeisternde

Anregung von sich ausgehen ließ, sagte er eines Morgens: »Das führt uns

vorderhand nicht weiter! Darum frisch nun das Leben selbst, die schöne

Leidenschaft zu Hilfe gerufen! Eine längere Reise werde ich heute

antreten, da ich das Herbstgeschäft einleiten muß. Wohlan, wir werden

einen Briefwechsel führen, der sich einst darf sehen lassen! Nun gilt

es, mein liebes Weibchen, deine Empfindungen und Gedanken in Fluß zu

bringen! Ich werde dir gleich von der nächsten Stadt aus den ersten

Brief schreiben; diesen beantwortest du im gleichen Sinne. Daß du mir ja

nicht schreibst, das Sauerkraut sei bereits geschnitten, und du habest

mir neue Nachthemden bestellt, und du wollest mich am Ohrläppchen

zupfen, wenn ich nach Hause komme, und du habest neulich in meiner

Nachtmütze geschlafen und es am Morgen nicht mehr gewußt, sondern darin

gefrühstückt, und was dergleichen Trivialitäten mehr sind, die du sonst

zu schreiben pflegst! Nein doch! Ermanne dich, oder vielmehr erweibe

dich einmal! möchte ich beinahe sagen, das heißt kehre deine höhere

Weiblichkeit hervor, lasse voll und rein die Harmonien ertönen, die in

dir schlafen müssen, so gewiß als in einem schönen Leibe eine schöne

Seele wohnt! Kurz, merke auf den Ton und Hauch in meinen Briefen und

richte dich danach, mehr sag' ich nicht!«

Als er wirklich reisefertig in der Stube stand, überraschte ihn Gritli

mit einem allerliebsten Handköfferchen aus buntem Korbgeflecht, in

welchem ein gebratenes Huhn, einige Brötchen, zwei Kristallfläschchen

mit altem Wein und Likör, ein silbernes Becherchen, ein Besteck und zwei

kleine Servietten auf das bequemste und appetitlichste zusammengepackt

waren. Das hatte sie alles nach ihrer Angabe herrichten lassen, weil er

sich schon oft über den Hunger und Durst beklagt, welchen man auf den

endlosen Eisenbahnen erleiden müsse. Er nahm es, von seinen Ideen

eingenommen, zerstreut entgegen, sagte aber beim Abschiede noch kalt und

streng: »Wende deine Gedanken nun von dergleichen materiellen Dingen ab

und sinne an das, was ich dir gesagt! Bedenke, daß von dieser letzten

Probe der Frieden und das Glück unserer Zukunft abhangen!«

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 7 / 26 段