Unter solchen und anderen Beschäftigungen verging die Zeit auf das

angenehmste; es wurde dem glückhaften John beinahe unheimlich, daß es

auch gar nichts mehr zu hoffen und zu fürchten, zu schmieden und zu

spekulieren gab. Indem er sich so nach neuer Tätigkeit umsah, wollte es

ihn bedünken, daß die Gemahlin des Hausherrn ein etwas unzufriedenes und

verdächtiges Gesicht gegen ihn zeige; es dünkte ihn nur, bestimmt konnte

er es nicht behaupten. Er hatte diese Frau, welche fast immer schlief,

oder wenn sie wachte, etwas Gutes aß, über seinen anderweitigen

Bestrebungen wenig beachtet, da sie sich in nichts mischte und mit allem

zufrieden schien, wenn ihre Ruhe nicht gestört wurde. Jetzt fürchtete er

plötzlich, sie könnte ihm irgend eine nachteilige Wandlung der Dinge

bereiten, ihren Mann umstimmen und dergleichen.

Er legte den Finger an die Nase und sagte: »Halt! Hier dürfte es

geraten sein, dem Werke noch die letzte Feile zu geben! Wie konnte ich

nur diese wichtige Partie so lange aus den Augen setzen! Gut ist gut,

aber besser ist besser!«

Der Alte war eben fort, um im stillen an der Ausmittelung einer

zweckmäßigen Gattin für seinen Stammhalter tätig zu sein, wovon er

selbst diesem nichts verriet. John beschloß unverweilt, sich zu der Dame

zu begeben mit der unbestimmten Vorstellung, ihr auf irgend eine Weise

den Hof zu machen, und sich bei ihr einzuschmeicheln, um das Versäumte

nachzuholen. Er säuselte ehrbarlich die Treppe hinunter bis zu dem

Gemach, wo sie sich aufzuhalten pflegte, und fand wie gewöhnlich die

Türe halb offen stehen; denn sie war bei aller Trägheit neugierig und

liebte, immer gleich zu hören, was vorging.

Er trat vorsichtig hinein und sah sie wieder schlummernd daliegen, ein

halb aufgegessenes Himbeertörtchen in der Hand. Ohne recht zu wissen,

was eigentlich beginnen, ging er endlich auf den Zehen hin, ergriff ihre

runde Hand und küßte sie ehrerbietig. Sie regte sich nicht im mindesten;

doch öffnete sie die Augen zur Hälfte und sah ihn, ohne den Mund zu

verziehen, mit einem höchst seltsamen Blick an, so lang er dastand.

Verblüfft und stotternd zog er sich endlich zurück und lief in sein

Zimmer. Dort setzte er sich in eine Ecke, jenen Blick aus schmaler

Augenzwinkerung immer vor sich. Er eilte wieder hinunter, die Frau

verhielt sich unbeweglich wie vorhin, und wie er näher trat, taten sich

die Augen wieder halb auf. Wiederum zog er sich zurück, wiederum saß er

in der Ecke seiner Kammer, zum drittenmal fuhr er in die Höhe, stieg die

Treppe hinunter, huschte hinein und blieb nun dort, bis der Patriarch

nach Hause kehrte.

Es verging nun kaum ein Tag, wo die zwei Leute sich nicht zusammenzutun

und den Alten zu hintergehen wußten, daß es eine Art hatte. Die

schläfrige Frau wurde auf einmal munter in ihrer Weise; John aber ergab

sich dem leidenschaftlichsten Undank gegen seinen Wohltäter, immer in

der Absicht, seine Stellung zu befestigen und das Glück recht an die

Wand zu nageln.

Beide Sünder taten indessen nur umso freundlicher und ergebener gegen

den betrogenen Litumlei, der dabei sich ganz behaglich fühlte und sein

Haus auf das beste bestellt zu haben glaubte, so daß man nicht

unterscheiden konnte, welcher von beiden Herren mehr mit sich zufrieden

war. Eines Morgens schien jedoch der Alte den Sieg davonzutragen infolge

einer vertraulichen Unterredung, welche seine Frau mit ihm gepflogen;

denn er ging ganz sonderbar herum, stand keinen Augenblick still und

suchte fortwährend allerlei Sätzchen zu pfeifen, was aber wegen Mangels

an Zähnen nicht gelang. Er schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein über

Nacht, kurz, er war der Inbegriff der Selbstzufriedenheit. Aber

denselben Tag noch neigte sich der Sieg wieder auf die Seite des

Jüngeren, als ihn der Alte unversehens frug, ob er nicht Lust habe, eine

tüchtige Reise zu machen, um auch noch die Welt ein wenig kennen zu

lernen und besonders auch, indem er sich selber bilde, die verschiedenen

Arten der Jugenderziehung in den Ländern in Betracht zu nehmen und sich

über die diesfalls herrschenden Grundsätze zu unterrichten, namentlich

mit Bezug auf die vornehmeren Stände?

Nichts konnte ihm willkommener sein, als solch herrlicher Antrag, und

freudig genehmigte er denselben. Er wurde schnell für die Reise

ausgerüstet und mit Wechseln versehen, und er fuhr in höchster Gloria

davon. Zuerst bereiste er Wien, Dresden, Berlin und Hamburg; dann wagte

er sich nach Paris, und überall führte er ein prächtiges und weises

Leben. Er patrouillierte alle Vergnügungsorte, Sommertheater und

Spektakelplätze ab, lief durch die Raritätenkammern der Schlösser und

stand allmittags in der Sonnenhitze auf den Paradeplätzen, um die Musik

zu hören und die Offiziere anzugaffen, eh' er zur Tafel ging. Wenn er

all die Herrlichkeiten unter tausend anderen Menschen mit ansah, so

wurde er ganz stolz und schrieb sich von allem Glanz und Getön das

alleinige Verdienst zu, jeden für einen unwissenden Tropf haltend, der

nicht dabei war. Mit dem behenden Genießen verband er aber die größte

Weisheit, um seinem Wohltäter zu zeigen, daß er keinen Hasen auf Reisen

geschickt habe. Keinem Bettler gab er etwas, keinem armen Kinde kaufte

er je etwas ab, den Dienstbaren in den Gasthäusern wußte er beharrlich

mit dem Trinkgelde durchzugehen, ohne Schaden zu leiden, und um jeden

Dienst feilschte er lange, ehe er ihn annahm. Am meisten Spaß machte ihm

das Vexieren und Foppen der verlorenen Wesen, mit denen er sich im

Vereine mit zwei oder drei Gleichgesinnten auf den öffentlichen Bällen

unterhielt. Mit einem Wort: er lebte so sicher und vergnügt, wie ein

alter Weinreisender.

Zum Schlusse konnte er sich nicht versagen, einen Abstecher nach seiner

Heimat Seldwyla zu machen. Dort logierte er im ersten Gasthof, saß

geheimnisvoll und einsilbig an der Mittagstafel und ließ seine Mitbürger

sich die Köpfe darüber zerbrechen, was aus ihm geworden sei. Sie waren

überzeugt, daß nicht viel hinter der Sache stecke, und doch lebte er zur

Zeit unzweifelhaft im Wohlstand, so daß sie einstweilen ihren Spott

zurückhielten und mit krausen Nasenflügeln nach dem Golde blinzelten,

das er sehen ließ. Er aber regalierte sie nicht mit einer einzigen

Flasche Wein, obgleich er vor ihren Augen vom besten trank und sann,

wie er ihnen noch weiteres antun könne.

Da gedachte er, am Ende seiner Reise, plötzlich des Auftrages, der ihm

zur Erforschung des Erziehungswesens in den durchreisten Ländern

geworden, um die Grundsätze festzustellen, nach welchen die Kinder des

von Litumlei gegründeten und von Kabys fortzupflanzenden Geschlechtes

erzogen werden sollten. Diese Aufgabe in Seldwyla zu lösen, kam ihm nun

trefflich zu statten, da er in den Mantel einer höheren Mission gehüllt,

als eine Art Edukationsrat auftreten und die Seldwyler noch mehr foppen

konnte. Er kam auch gerade vor die rechte Schmiede. Denn seit einiger

Zeit schon waren sie auf einen herrlichen Erwerbszweig geraten, indem

sie alle ihre Mädchen zu Erzieherinnen machten und versandten. Kluge und

unkluge, gesunde und kränkliche Kinder wurden in dieser Weise zubereitet

in eigenen Anstalten und für alle Bedürfnisse. Wie man Forellen

verschiedentlich behandelt, sie blau absiedet oder bäckt oder spickt und

so weiter, so wurden die guten Mädchen entweder mehr positiv christlich

oder mehr weltlich, mehr für die Sprachen oder mehr für die Musik, für

vornehme Häuser oder für mehr bürgerliche Familien zugerichtet, je nach

der Weltgegend, für welche sie bestimmt waren und von wo die Nachfrage

kam. Das Seltsame dabei war, daß die Seldwyler für alle diese

verschiedenen Zweckbestimmungen sich vollkommen neutral und gleichgültig

verhielten und auch von den betreffenden Lebenskreisen durchaus keine

Kenntnis besaßen, und der gute Absatz ließ sich nur dadurch erklären,

daß die Abnehmer des Exportartikels ebenso gleichgültig und kenntnislos

waren. Ein Seldwyler, der den unversöhnlichsten Kirchenfeind spielte,

konnte seine nach England bestimmten Kinder auf Gebet und

Sonntagsheiligung einüben lassen; ein anderer, der in öffentlichen

Reden von der edlen Stauffacherin, der Zierde des freien Schweizerhauses

schwärmte, hatte seine fünf oder sechs Töchter nach den russischen

Steppen oder in andere unwirtliche Gegenden verbannt, wo sie in ferner

Trostlosigkeit schmachteten.

Die Hauptsache war, daß die wackeren Bürger die armen Wesen so bald als

möglich mit einem Reisepaß und Regenschirm versehen hinausjagen und mit

dem heimgesandten Erwerbe derselben sich gütlich tun konnten.

Aus alledem war aber bald eine gewisse Überlieferung und

Geschicklichkeit für die äußerliche Zurichtung der Mädchen entstanden

und John Kabys hatte vollauf zu tun, die kuriosen Grundsätze, die hierin

walteten, mit noch kurioserer Auffassungsgabe einzusammeln und sich zu

notieren. Er ging in den verschiedenen Fabriklein herum, wo die Mädchen

zubereitet wurden, befragte Vorsteherinnen und Lehrer und suchte sich

vorzüglich ein Bild davon zu entwerfen, wie die Erziehung eines

Knäbchens in einem großen Hause von Anfang an standesmäßig betrieben

würde und zwar so recht auf Kosten der hiefür bezahlten Leute und ohne

Mühsal noch Verdruß der Eltern.

Hierüber fertigte er ein merkwürdiges Memorandum an, welches in einigen

Tagen, dank seinen fleißigen Notizen, zu mehreren Bogen anschwoll, und

mit dem er sich Aufsehen erregend beschäftigte. Er verwahrte die Schrift

zusammengerollt in einer runden Blechkapsel und trug dieselbe an einem

Lederriemchen beständig an der Hüfte. Als aber die Seldwyler das

bemerkten, glaubten sie, er sei abgesandt, ihnen das Geheimnis ihrer

Industrie abzustehlen und in das Ausland zu verpflanzen. Sie erbosten

sich über ihn und trieben ihn drohend und scheltend davon.

Erfreut, daß er sie habe ärgern können, reiste er ab und langte endlich

in Augsburg an, gesund und fröhlich, wie ein junger Hecht. Er trat

wohlgemut ins Haus und fand dasselbe ebenso froh belebt. Eine muntere

schöne Landfrau mit hohem Busen war das erste, was er antraf; sie trug

eine Schüssel mit warmem Wasser und er hielt sie für eine neue Köchin

und betrachtete sie vorläufig nicht ohne Wohlgefallen. Doch drängte es

ihn, die Hausfrau schnell zu begrüßen; allein sie war nicht zu sprechen

und lag im Bett, obgleich das Haus von einem seltsamen Geräusch

widerhallte. Dieses rührte vom alten Litumlei her, welcher herumrannte,

sang, rief, lachte und krakeelte und endlich zum Vorschein kam, blasend,

pustend, die Augen rollend und ganz rot vor Freude, Stolz und Hochmut.

Ausgelassen und würdeatmend zugleich hieß er seinen Günstling willkommen

und eilte wieder davon, um etwas anderes zu verrichten; denn er schien

alle Hände voll zu tun zu haben.

Zwischendurch ließ sich von einer Gegend her wiederholt ein gedämpftes

Quieken vernehmen, wie von einem Kreuzertrompetchen; die vollbusige

Bäuerin ging wieder über die Szene mit einer Handvoll weißer Tüchelchen

und rief aus ihrer weißen Kehle: »Gleich, mein Schätzchen! gleich, mein

Bübchen!«

»Daß dich!« sagte John, »was ist das für ein leckerer Bissen!«

Aber er horchte wieder auf jenes Quieken, das sich fort und fort

vernehmen ließ.

»Nun?« rief Litumlei, der wieder hergeträppelt kam, »singt der Vogel

nicht schön? Was sagst du dazu, mein Bursche?«

»Welcher Vogel?« fragte John.

»Ei, Herr Jesus! Du weißt am Ende noch gar nichts?« rief der Alte; »ein

Sohn ist uns allendlich geboren, ein Stammhalter, so munter wie ein

Ferkel, liegt uns in der Wiege! Alle meine Wünsche, meine alten Pläne

sind erfüllt!«

Der Schmied seines Glückes stand wie eine Bildsäule, ohne jedoch die

Folgen des Ereignisses schon zu übersehen, so einfach sie auch sein

mochten; er fühlte nur, daß es ihm höchst widerstrebend zu Mute war,

machte ganz runde Augen und spitzte den Mund, wie wenn er einen Igel

küssen müßte.

»Nun,« fuhr der vergnügte Alte fort, »sei nur nicht zu verdrießlich!

Etwas verändert wird allerdings unser Verhältnis, habe auch bereits das

Testament umgestoßen und verbrannt, sowie jenen lustigen Roman, dessen

wir nun nicht mehr bedürfen! Du aber bleibst im Hause, du sollst bei der

Erziehung meines Sohnes die Oberleitung übernehmen, du sollst mein Rat

sein und mein Helfer in allen Dingen, und es soll dir nichts abgehen, so

lang ich lebe. Nun ruh dich aus, ich muß dem kleinen Kreuzkerl einen

rechten Namen zusammensuchen! Schon dreimal hab' ich den Kalender

durchgesehen, will jetzt noch eine alte Chronik durchstöbern, dort

gibt's so alte Stammbäume mit ganz merkwürdigen Taufnamen!«

John begab sich endlich auf sein Zimmer und setzte sich in jene Ecke;

die Blechkapsel mit der Erziehungsdenkschrift hatte er noch umhängen und

er hielt sie unbewußt zwischen den Knieen. Er sah die Sachlage ein, er

verwünschte die böse Frau, welche ihm diesen Streich gespielt und einen

Erben untergeschoben; er verwünschte den Alten, der da glaubte, er hätte

einen rechtmäßigen Sohn; nur sich selbst verwünschte er nicht, der doch

der wirkliche und alleinige Urheber des kleinen Schreiers war und sich

so selbst enterbt hatte. Er zappelte in einem unzerreißlichen Netze,

rannte aber wieder nach dem Alten, um ihm törichterweise die Augen zu

öffnen.

»Glauben Sie denn wirklich,« sagte er mit gedämpfter Stimme zu ihm, »daß

das Kind das Ihrige sei?«

»Wie, was?« sagte Herr Litumlei und sah von seiner Chronik auf.

John fuhr fort, in abgebrochenen Redensarten ihm zu verstehen zu geben,

daß er selbst ja nie im stande gewesen sei, Vater zu werden, daß seine

Frau wahrscheinlich sich eine Untreue habe zu Schulden kommen lassen und

so fort.

Sobald ihn das kleine Männchen ganz verstand, fuhr es wie besessen in

die Höhe, stampfte auf den Boden, schnaubte und schrie endlich: »Aus den

Augen mir, undankbares Scheusal, verleumderischer Schuft! Warum sollte

ich nicht im stande sein, einen Sohn zu haben? Sprich, Elender! Ist das

der Dank für meine Wohltaten, daß du die Ehre meines Weibes und meine

eigene Ehre begeiferst mit deiner niederträchtigen Zunge? Welch ein

Glück, daß ich noch rechtzeitig erkenne, welch eine Schlange ich an

meinem Busen genährt habe! Wie werden doch solche große Stammhäuser

gleich in der Wiege schon vom Neid und von der Selbstsucht attackiert!

Fort! aus dem Hause mit dir von Stund' an!«

Er lief zitternd vor Wut nach seinem Schreibtische, nahm eine Handvoll

Goldstücke, wickelte sie in ein Papier und warf es dem Unglücklichen vor

die Füße.

»Hier ist noch ein Zehrpfennig und damit fort auf immer!« Hiemit

entfernte er sich, immer zischend wie eine Schlange.

John hob das Päcklein auf, ging aber nicht aus dem Hause, sondern

schlich auf seine Kammer, mehr tot als lebendig, zog sich aus bis auf

das Hemd, obschon es noch nicht Abend war, und legte sich ins Bett,

schlotternd und erbärmlich stöhnend. In allem Jammer zählte er, da er

keinen Schlaf finden konnte, das erhaltene Geld und das, welches er auf

der Reise in oben beschriebener Weise erspart. »Unnütz!« sagte er, »ich

denke nicht daran fortzugehen, ich will und muß hier bleiben!«

Da klopften zwei Polizeimänner an die Türe, traten herein und hießen ihn

aufstehen und sich anziehen. Voll Angst und Schrecken tat er es; sie

befahlen ihm, seine Sachen zusammenzupacken; es war aber alles noch auf

das schönste beisammen, da er seine Reisekoffer noch gar nicht geöffnet

hatte. Darauf führten sie ihn aus dem Hause; ein Knecht trug die Sachen

nach, setzte sie auf die Straße und schloß die Türe vor seiner Nase zu.

Hierauf lasen ihm die Männer von einem Papier ein Verbot vor, bei Strafe

nicht mehr das Haus zu betreten. Dann gingen sie fort; er aber blickte

nochmals an das Haus seines verlorenen Glückes hinauf, als eben einer

der hohen Fensterflügel sich ein wenig öffnete, jene hübsche Amme eine

in ländlicher Weise dort getrocknete Windel hereinlangte und

gleichzeitig das Stimmchen des Kindes sich wieder vernehmen ließ.

Da floh er endlich mit seiner Habe in einen Gasthof, zog sich dort

wiederum aus und legte sich nun ungestört ins Bett.

Am andern Tage lief er aus Verzweiflung noch zu einem Advokaten, um zu

erfahren, ob denn gar nichts mehr zu machen sei? Sobald der aber seine

Rede halb angehört, rief er zornig: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie

Esel, mit Ihrer einfältigen Erbschleicherei, oder ich lasse Sie

verhaften!«

Ganz verstürmt reiste er allendlich nach seinem guten Seldwyla, wo er

erst vor einigen Tagen gewesen war. Er setzte sich wieder in den Gasthof

und zehrte einige Zeit nachdenklich von seiner Barschaft, und je mehr

sie sich verminderte, desto kleinlauter wurde er. Humoristisch

gesellten sich die Seldwyler zu ihm, und als sie, da er nun zugänglicher

geworden, sein Schicksal so ziemlich erforscht hatten und ihn im Besitze

seines abnehmenden kleinen Vermögens sahen, verkauften sie ihm eine

kleine alte Nagelschmiede vor dem Tore, die gerade feil stand und, wie

sie sagten, ihren Mann nährte. Er mußte aber, um den Kaufschilling voll

zu machen, alle seine Attribute und Kleinode veräußern, was er umso

leichter tat, als er nun keine Hoffnung mehr auf diese Dinge setzte; sie

hatten ihn ja immer betrogen und er mochte nicht mehr um sie Sorge

tragen.

Mit der Nagelschmiede, in der zwei oder drei Arten einfacher Nägel

gemacht wurden, ging ein alter Geselle in den Kauf, von dem der neue

Inhaber die Hantierung selbst ohne viel Mühe erlernte und dabei noch ein

wackerer Nagelschmied wurde, der erst in leidlicher, dann in ganzer

Zufriedenheit so dahin hämmerte, als er das Glück einfacher und

unverdrossener Arbeit spät kennen lernte, das ihn wahrhaft aller Sorge

enthob und von seinen schlimmen Leidenschaften reinigte.

Dankbarlich ließ er schöne Kürbisstauden und Winden an dem niedrigen

schwärzlichen Häuschen emporranken, das außerdem von einem großen

Holunderbaum überschattet war und dessen Esse immer ein freundliches

Feuerlein hegte.

Nur in stillen Nächten bedachte er etwa noch sein Schicksal, und einige

Mal, wenn der Jahrestag wiederkehrte, wo er die Dame Litumlei bei dem

Himbeertörtchen gefunden hatte, stieß der Schmied seines Glückes den

Kopf gegen die Esse, aus Reue über die unzweckmäßige Nachhilfe, welche

er seinem Glück hatte geben wollen.

Allein auch diese Anwandlungen verloren sich allmählich, je besser die

Nägel gerieten, welche er schmiedete.

Die mißbrauchten Liebesbriefe

Viktor Störteler, von den Seldwylern nur Viggi Störteler genannt, lebte

in behaglichen und ordentlichen Umständen, da er ein einträgliches

Speditions- und Warengeschäft betrieb und ein hübsches, gesundes und

gutmütiges Weibchen besaß. Dieses hatte ihm außer der sehr angenehmen

Person ein ziemliches Vermögen gebracht, welches Gritli von auswärts

zugefallen war, und sie lebte zutulich und still bei ihrem Manne. Ihr

Geld aber war ihm sehr förderlich zur Ausbreitung seiner Geschäfte,

welchen er mit Fleiß und Umsicht oblag, daß sie trefflich gediehen.

Hierbei schützte ihn eine Eigenschaft, welche, sonst nicht landesüblich,

ihm einstweilen wohl zu statten kam. Er hatte seine Lehrzeit und einige

Jahre darüber nämlich in einer größeren Stadt bestanden und war dort

Mitglied eines Vereines junger Kontoristen gewesen, welcher sich

wissenschaftliche und ästhetische Ausbildung zur Aufgabe gestellt hatte.

Da die jungen Leute ganz sich selbst überlassen waren, so übernahmen sie

sich und machten allerhand Dummheiten. Sie lasen die schwersten Bücher

und führten eine verworrene Unterhaltung darüber; sie spielten aus ihrem

Theater den Faust und den Wallenstein, den Hamlet, den Lear und den

Nathan; sie machten schwierige Konzerte und lasen sich schreckbare

Aufsätze vor, kurz, es gab nichts, an das sie sich nicht wagten.

Hiervon brachte Viggi Störteler die Liebe für Bildung und Belesenheit

nach Seldwyla zurück; vermöge dieser Neigung aber fühlte er sich zu

gut, die Sitten und Gebräuche seiner Mitbürger zu teilen; vielmehr

schaffte er sich Bücher an, abonnierte in allen Leihbibliotheken und

Lesezirkeln der Hauptstadt, hielt sich die »Gartenlaube« und

unterschrieb auf alles, was in Lieferungen erschien, da hier ein

fortlaufendes, schön verteiltes Studium geboten wurde. Damit hielt er

sich in seiner Häuslichkeit und zugleich seine Umstände vor Schaden

bewahrt. Wenn er seine Tagesgeschäfte munter und vorsichtig

durchgeführt, so zündete er seine Pfeife an, verlängerte die Nase und

setzte sich hinter seinen Lesestoff, in welchem er mit großer

Gewandtheit herumfuhr. Aber er ging noch weiter. Bald schrieb er

verschiedene Abhandlungen, welche er seiner Gattin als »Essays«

bezeichnete, und er sagte öfter, er glaube, er sei seiner Anlage nach

ein Essayist. Als jedoch seine Essays von den Zeitschriften, an welche

er sie sandte, nicht abgedruckt wurden, begann er Novellen zu schreiben,

die er unter dem Namen »Kurt vom Walde« nach allen möglichen

Sonntagsblättchen instradierte. Hier ging es ihm besser, die Sachen

erschienen wirklich feierlich unter dem herrlichen Schriftstellernamen

in den verschiedensten Gegenden des Deutschen Reiches, und bald begann

hier ein Roderich vom Tale, dort ein Hugo von der Insel und wieder dort

ein Gänserich von der Wiese einen stechenden Schmerz zu empfinden über

den neuen Eindringling. Auch konkurrierte er heimlich bei allen

ausgeschriebenen Preisnovellen und vermehrte hierdurch nicht wenig die

angenehme Bewegtheit seines eingezogenen Lebens. Neuen Aufschwung gewann

er stets auf seinen kürzeren oder längeren Geschäftsreisen, wo er dann

in den Gasthöfen manchen Gesinnungsverwandten traf, mit dem sich ein

gebildetes Wort sprechen ließ; auch der Besuch der befreundeten

Redaktionsstübchen in den verschiedenen Provinzen gewährte neben den

Handelsgeschäften eine gebildete Erholung, obgleich diese hier und da

eine Flasche Wein kostete.

Ein Haupterlebnis feierte er eines Tages an der abendlichen Wirtstafel

in einer mittleren deutschen Stadt, an welcher nebst einigen alten

Stammgästen des Ortes mehrere junge Reisende saßen. Die würdigen alten

Herren mit weißen Haaren führten ein gemächliches Gespräch über allerlei

Schreiberei, sprachen von Cervantes, von Rabelais, Sterne und Jean Paul,

sowie von Goethe und Tieck, und priesen den Reiz, welchen das Verfolgen

der Kompositionsgeheimnisse und des Stiles gewähre, ohne daß die Freude

an dem Vorgetragenen selbst beeinträchtigt werde. Sie stellten

einläßliche Vergleichungen an und suchten den roten Faden, der durch

all' dergleichen hindurchgehe; bald lachten sie einträchtig über irgend

eine Erinnerung, bald erfreuten sie sich mit ernstem Gesicht über eine

neu gefundene Schönheit, alles ohne Geräusch und Erhitzung, und endlich,

nachdem der eine seinen Tee ausgetrunken, der andere sein Schöppchen

geleert, klopften sie die langen Tonpfeifen aus und begaben sich auf

etwas gichtischen Füßen zu ihrer Nachtruhe. Nur einer setzte sich

unbeachtet in eine Ecke, um noch die Zeitung zu lesen und ein Glas

Punsch zu trinken.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 6 / 26 段