John hatte schon gleich einem Wandergesellen, der vor dem Torschreiber

steht, seine Schriften ausgepackt und vorgelegt. Indem er auf sie wies,

sprach er ernst: »Zahlreich ist es nicht mehr, denn ich bin der letzte

des Geschlechtes! Aber seine Ehre steht noch unbewegt!« Erstaunt und

gerührt ob solchen Reden bot ihm der Alte die Hand und hieß ihn

willkommen. Die beiden Herren verständigten sich schnell über den Grad

ihrer Verwandtschaft; abermals rief Litumlei: »So nahe berühren sich

unsere Lebenszweige! Kommen Sie, lieber Vetter, hier sehen Sie Ihre edle

und treffliche Urgroßtante, meine leibliche Großmama!« Und er führte ihn

im mächtigen Saale umher, bis sie vor einem schönen Frauenbilde standen

in der Tracht des vorigen Jahrhunderts. In der Tat bezeichnete ein

Papierbörtchen, welches in der Ecke des Rahmens befestigt war, die

besagte Dame, sowie auch eine Anzahl der andern Bildnisse mit solchen

Zetteln versehen war. Freilich zeigten die Gemälde selbst noch andere

Inschriften in lateinischer Sprache, welche mit den angehefteten

Papierchen nicht übereinstimmten. Aber John Kabys stand und stand und

überlegte in seinem Innern: »So hast du denn doch gut geschmiedet! Denn

hier blickt auf dich hernieder, hold und freundlich, die Ahnfrau deines

Glückes im reichen Rittersaal!«

Melodisch zu dieser Selbstansprache klangen die Worte des Herrn

Litumlei, welcher sagte, daß nun von einer Weiterreise keine Rede sein

dürfe, sondern der werteste Vetter zur Begründung eines engeren

Verhältnisses vorerst so lange, als dessen Zeit es erlaube, sein Gast

sein müsse. Denn das flunkernde Ziergeräte des Herrn Großneffen,

welches ihm schon in die Augen gefallen, versah trefflich seinen Dienst

und erfüllte ihn mit Vertrauen.

Darum zog er jetzt mit aller Macht an einer Glocke, worauf allmählich

einige Dienstboten herbeischlurften, um nach ihrem kleinen Gebieter zu

sehen, und endlich erschien auch die Dame, welche im ersten Stock

geschlafen hatte, noch gerötet von ihrem Schläfchen und mit halb offenen

Augen. Als ihr aber der angekommene Gast vorgestellt wurde, tat sie

dieselben ganz auf, neugierig und vergnüglich, wie es schien, über die

unerwartete Begebenheit. John wurde nun in andere Räume geführt und

mußte eine gehörige Erfrischung einnehmen, wobei ihm das Ehepaar so

eifrig half, wie Kinder, die zu jeder Stunde Eßlust haben. Dies gefiel

dem Gast über die Maßen, da er sah, daß es Leute waren, die sich nichts

abgehen ließen und welche noch Freude an den guten Dingen hätten.

Seinerseits aber verfehlte er auch nicht, stündlich einen angenehmeren

Eindruck zu machen, ja schon beim bald folgenden Mittagessen stellte

sich derselbe entschieden fest, als jedes der beiden Leutchen seine

eigenen Leibgerichte auftragen ließ, und John Kabys von allem aß und

alles trefflich fand und seine angewöhnte ruhige Würde seinem Urteil

einen noch höheren Wert gab. Es wurde aufs rühmlichste gegessen und

getrunken, und noch nie genossen drei wackere Leute zusammen ein

reichlicheres und zugleich schuldloseres Dasein. Es war für John ein

Paradies, in welchem kein Sündenfall möglich schien.

Genug, es gab sich alles auf das beste. Bereits lebte er acht Tage in

dem ehrwürdigen Hause und kannte dasselbe schon in allen Ecken. Er

vertrieb dem Alten die Zeit auf tausenderlei Weise, ging mit ihm

spazieren und rasierte ihn so leicht wie ein Zephir, was dem Männchen

vor allem aus gefiel. John merkte, daß Herr Litumlei über irgend etwas

nachzusinnen begann und erschrak, wenn jener von seiner Abreise sprach,

was er etwa in ernsten Andeutungen tat. Da fand er, es sei Zeit, jetzt

wieder einen kleinen Meisterschlag zu wagen, und kündigte seinem Gönner

am Ende des achten Tages deutlicher seine demnächstige Abreise an, zum

Grunde nehmend, daß er durch längeres Zaudern den Abschied und die

Gewöhnung an ein einfacheres Leben nicht erschweren dürfe. Denn männlich

wolle er sein Schicksal ertragen, das Schicksal eines letzten seines

Geschlechtes, der da in strenger Arbeit und Zurückgezogenheit die Ehre

des Hauses bis zum Erlöschen zu wahren habe.

»Kommen Sie mit mir hinaus in den Rittersaal!« erwiderte Herr Adam

Litumlei; sie gingen; als dort der Alte einigemal feierlich auf und ab

gewandelt, begann er wieder: »Hören Sie meinen Entschluß und meinen

Vorschlag, lieber Großneffe! Sie sind der letzte Ihres Geschlechts, es

ist dies ein ernstes Schicksal! Allein ein nicht minder ernstes habe ich

zu tragen! Blicken Sie mich an, wohlan! Ich bin der erste des meinigen!«

Stolz richtete er sich auf, und John sah ihn an, konnte aber nicht

entdecken, was das heißen sollte. Aber jener fuhr fort: »Ich bin der

erste des meinigen will so viel heißen, als: Ich habe mich entschlossen,

ein solch großes und rühmliches Geschlecht zu gründen, wie Sie hier an

den Wänden dieses Saales gemalt sehen! Dieses sind nämlich nicht meine

Ahnen, sondern die Glieder eines ausgestorbenen Patriziergeschlechtes

dieser Stadt. Als ich vor dreißig Jahren hier einwanderte, war das Haus

mit all seinem Inhalt und seinen Denkmälern eben käuflich und ich

erstand sogleich den ganzen Apparat als Grundlage zur Verwirklichung

meines Lieblingsgedankens. Denn ich besaß ein großes Vermögen, aber

keinen Namen, keine Vorfahren, und ich kenne nicht einmal den Taufnamen

meines Großvaters, welcher eine Kabis geheiratet hat. Ich entschädigte

mich anfänglich damit, die hier gemalten Herren und Frauen als meine

Vorfahren zu erklären und einige zu Litumleis, andere zu Kabissen zu

machen mittels solcher Zettel, wie Sie sehen; doch meine

Familienerinnerungen reichten nur für sechs oder sieben Personen aus,

die übrige Menge dieser Bilder, das Ergebnis von vier Jahrhunderten,

spottete meiner Bestrebungen. Umso dringender war ich an die Zukunft

gewiesen, an die Notwendigkeit, selbst ein lang andauerndes Geschlecht

zu stiften, dessen gefeierter Stammvater ich bin. Mein Bild habe ich

längst anfertigen lassen, sowie einen Stammbaum, an dessen Wurzel mein

Name steht. Aber ein hartnäckiger Unstern verfolgt mich! Schon habe ich

die dritte Frau und noch hat mir keine ein Mädchen, geschweige denn

einen Sohn und Stammhalter geschenkt. Die beiden früheren Weiber, von

denen ich mich scheiden ließ, haben seither mit andern Männern aus

Bosheit verschiedene Kinder gehabt, und die Gegenwärtige, welche ich

auch schon sieben Jahre besitze, würde es gewißlich gerade so machen,

wenn ich sie laufen ließe.

»Ihre Erscheinung, teurer Großneffe! hat mir nun eine Idee eingegeben,

diejenige einer künstlichen Nachhilfe, wie sie in der Geschichte, in

großen und kleinen Dynastien vielfach gebraucht wurde. Was sagen Sie

hiezu: Sie leben bei uns wie das Kind im Hause, ich setze Sie

gerichtlich zu meinem Erben ein! Dagegen haben Sie zu leisten: Sie

opfern äußerlich Ihre eigene Familienüberlieferung (sind Sie ja doch der

letzte Ihres Geschlechtes) und nehmen nach meinem Tode, das heißt bei

Antritt des Erbes, meinen Namen an! Ich verbreite unter der Hand das

Gerücht, daß Sie ein natürlicher Sohn von mir seien, die Frucht eines

tollen Jugendstreiches; Sie nehmen diese Auffassung an, widersprechen

ihr nicht! Vielleicht läßt sich in der Folge eine schriftliche

Kundgebung darüber aufsetzen, eine Memoire, ein kleiner Roman, eine

denkwürdige Liebesgeschichte, worin ich eine feurige, wenn auch

unbesonnene Figur mache, Unheil anrichte, das ich im Alter wieder gut

mache. Endlich verpflichten Sie sich, diejenige Gattin von meiner Hand

anzunehmen, die ich unter den angesehenen Töchtern der Stadt für Sie

aussuchen werde, zur weiteren Verfolgung meines Zieles. Das ist im

ganzen und im besondern mein Vorschlag!«

John war während dieser Rede abwechselnd rot und bleich geworden, aber

nicht aus Scham und Schreck, sondern vor Freude und Erstaunen über das

endlich eingetroffene Glück und über seine eigene Weisheit, welche

dasselbe herbeigeführt habe. Aber mit nichten ließ er sich davon

überrumpeln, sondern er tat, als ob er sich nur schwer entschließen

könnte wegen der Aufopferung seines ehrbaren Familiennamens und seiner

ehelichen Geburt. Er nahm sich eine Bedenkzeit von vierundzwanzig

Stunden, in höflichen und wohlgesetzten Worten, und fing darnach an, in

dem schönen Garten höchst nachdenklich auf und ab zu spazieren. Die

lieblichen Blumen, die Levkoyen, Nelken und Rosen, die Kaiserkronen und

Lilien, die Geranienbeete und Jasminlauben, die Myrten- und

Oleanderbäumchen, alle äugelten ihn höflich an und huldigten ihm als

ihrem Herrn.

Als er eine halbe Stunde lang den Duft und Sonnenschein, den Schatten

und die Frische des Brunnens genossen, ging er ernsthaft hinaus auf die

Straße, um die Ecke, und trat in einen Gebäckladen, wo er drei warme

Pastetchen samt zwei Spitzgläsern feinen Weines zu sich nahm. Hierauf

kehrte er in den Garten zurück und spazierte abermals eine halbe Stunde,

doch diesmal eine Zigarre dazu rauchend. Da entdeckte er ein Beet voll

kleiner, zarter Radieschen. Er zog ein Büschel davon aus der Erde,

reinigte sie am Brunnen, dessen steinerne Tritonen ihn mit den Augen

ergebenst anzwinkerten, und begab sich damit in ein kühles Bräuhaus, wo

er einen Krug schäumendes Bier dazu trank. Er unterhielt sich

vortrefflich mit den Bürgern und versuchte schon seinen Heimatdialekt in

das weichere Schwäbische umzuwandeln, da er voraussichtlich unter diesen

Leuten einen hervorragenden Mann abgeben würde.

Absichtlich versäumte er die Mittagsstunde und verspätete sich beim

Essen. Um dort eine kritische Appetitlosigkeit durchzuführen, aß er

vorher noch drei Münchner Weißwürste und trank einen zweiten Krug Bier,

der ihm noch besser schmeckte, als der erste. Endlich runzelte er doch

seine Stirn und begab sich mit derselben zum Essen, wo er die Suppe

anstarrte.

Das Männchen Litumlei, welches durch unerwartete Hindernisse einem

leidenschaftlichen Eigensinn zu verfallen pflegte und keinen Widerspruch

ertragen konnte, empfand schon zornige Angst, daß seine letzte Hoffnung,

ein Geschlecht zu gründen, zu Wasser werde, und beobachtete den

unbestechlichen Gast mit mißtrauischen Blicken. Endlich ertrug er die

Ungewißheit, ob er ein Stammvater sein solle oder keiner, nicht länger,

sondern forderte den Bedenkzeitler auf, jene vierundzwanzig Stunden

abzukürzen und seinen Entschluß sogleich zu fassen. Denn er fürchtete,

die strenge Tugend seines Vetters möchte mit jeder Stunde wachsen. Er

holte eigenhändig eine uralte Flasche Rheinwein aus dem Keller, von

welchem John noch keine Ahnung gehabt. Als die entfesselten

Sonnengeister unsichtbar über den Kristallgläsern dufteten, die gar

fein erklangen, und mit jedem Tropfen des flüssigen Goldes, das man auf

die Zunge brachte, schnell ein Blumengärtlein unter die Nase zu wachsen

schien, da erweichte endlich der rauhe Sinn John Kabyssens und er gab

sein Jawort. Schnell wurde der Notar geholt und bei einem herrlichen

Kaffee ein rechtsgültiges Testament aufgesetzt. Schließlich umarmten

sich der künstlich-natürliche Sohn und der geschlechtergründende

Erzvater; aber es war nicht wie eine warme Umarmung von Fleisch und

Blut, sondern weit feierlicher, eher wie das Zusammenstoßen von zwei

großen Grundsätzen, die auf ihren Wurfbahnen sich treffen.

Nun saß John im Glücke. Er hatte jetzt weiter nichts zu tun, als seiner

angenehmen Bestimmung inne zu sein, etwas rücksichtsvoll sich gegen

seinen Herrn Vater zu benehmen und ein reichliches Taschengeld auf die

Art zu verzehren, die ihm am meisten zusagte. Dies geschah alles auf die

anständigste und ruhigste Weise, und er kleidete sich dabei wie ein

Baron. Von Wertgegenständen brauchte er nicht einen einzigen mehr

anzuschaffen; es zeigte sich jetzt sein Genie, indem die vor Jahren

erworbenen auch jetzt noch gerade ausreichten und einem genau

entworfenen Schema glichen, welches durch die Fülle des Glückes nun

vollkommen gedeckt wurde. Die Schlacht von Waterloo blitzte und donnerte

auf einer zufriedenen Brust; Ketten und Klunkern schaukelten sich auf

einem wohlgefüllten Magen, durch die goldene Brille guckte ein

vergnügtes und stolzes Auge, der Stock zierte mehr einen klugen Mann,

als er ihn stützte, und die schöne Zigarrentasche war mit guten Stengeln

angefüllt, welche er aus dem Mazepparöhrchen mit Verstand rauchte. Das

wilde Pferd war schon glänzend braun, der Mazeppa darauf aber erst hell

rötlich, beinahe fleischfarbig, so daß das doppelte Kunstwerk des

Schnitzers und des Rauchers die rechte Bewunderung der Sachverständigen

erregte. Auch Papa Litumlei wurde höchlich davon eingenommen und lernte

bei seinem Pflegesöhnchen eifrig Meerschäume anrauchen. Es wurde eine

ganze Sammlung solcher Pfeifen angeschafft; doch der Alte war zu unruhig

und ungeduldig in der edlen Kunst. Der Junge mußte überall nachhelfen

und gut machen, was jenem wiederum Achtung und Zutrauen einflößte.

Jedoch fand sich bald eine noch wichtigere Tätigkeit für die beiden

Männer vor, als der Papa darauf drang, nun gemeinschaftlich jenen Roman

zu erfinden und aufzuschreiben, durch welchen John zu seinem natürlichen

Sohn erhoben wurde. Es sollte ein geheimes Familiendokument werden in

der Form fragmentarischer Denkwürdigkeiten. Um Eifersucht und Unruhe der

Frau Litumlei zu verhüten, mußte es in geheimen Sitzungen abgefaßt und

sollte ganz im stillen in das zu gründende Familienarchiv verschlossen

werden, um erst in künftigen Zeiten, wenn das Geschlecht in Blüte

stände, an das Tageslicht zu treten und von der Geschichte des

Litumleiblutes zu reden.

John hatte sich schon vorgenommen, nach dem Absterben des Alten sich

nicht schlechtweg Litumlei, sondern #Kabys de Litumley# zu nennen, da

er für seinen eigenen Namen, den er so zierlich geschmiedet, eine

verzeihliche Vorliebe hegte; ebenso nahm er sich vor, das zu errichtende

Schriftstück, wodurch er um seine eheliche Geburt und zu einer

liederlichen Mutter kommen sollte, dereinst ohne weiteres zu verbrennen.

Aber dennoch mußte er jetzt daran mitarbeiten, was eine leise Trübung

seines Wohlseins verursachte. Doch schickte er sich weislich in die

Sache und schloß sich eines Morgens mit dem Alten in einem Gartenzimmer

ein, um das Werk zu beginnen. Da saßen sie nun an einem Tische sich

gegenüber und entdeckten plötzlich, daß ihr Vorhaben schwieriger war,

als sie gedacht, indem keiner von ihnen je hundert Zeilen nacheinander

geschrieben hatte. Sie konnten durchaus keinen Anfang finden, und je

näher sie die Köpfe zusammensteckten, desto weniger wollte ihnen etwas

einfallen. Endlich besann sich der Sohn, daß sie eigentlich zuerst ein

Buch starkes und schönes Papier haben müßten, um ein dauerhaftes

Schriftstück zu errichten. Das leuchtete ein; sie machten sich sogleich

auf, ein solches zu kaufen, und durchstreiften einträchtig die Stadt.

Als sie gefunden, was sie suchten, rieten sie einander, da es ein warmer

Tag war, in ein Schenkhaus zu gehen und sich allda zu erfrischen und zu

sammeln. Vergnügt tranken sie mehrere Kännchen und aßen Nüsse, Brot,

Würstchen, bis John plötzlich sagte, er hätte jetzt den Anfang der

Geschichte erfunden und wolle stracks nach Hause laufen, um ihn

aufzuschreiben, damit er ihn nicht wieder verliere. »So lauf nur

schnell,« sagte der Alte, »ich will unterdessen hier die Fortsetzung

erfinden, ich merke, daß sie mir schon auf dem Weg ist!«

John eilte wirklich mit dem Buch Papier nach jenem Zimmer und schrieb:

»Es war im Jahr 17.., als es ein gesegnetes Jahr war. Der Eimer Wein

kostete sieben Gulden, der Eimer Apfelmost einen halben Gulden und die

Maß Kirschbranntwein vier Batzen. Ein zweipfündiges Weißbrot einen

Batzen, ein ditto Roggenbrot einen halben Batzen und ein Sack Erdäpfel

acht Batzen. Auch war das Heu gut geraten und der Scheffel Haber kostete

zwei Gulden. Auch waren die Erbsen und Bohnen gut geraten und der Flachs

und Hanf waren nicht gut geraten, dagegen wieder die Ölfrüchte und der

Talg oder Unschlitt, so daß alles in allem die merkwürdige Sachlage

stattfand, daß die bürgerliche Gesellschaft gut genährt und getränkt,

notdürftig gekleidet und wiederum wohl beleuchtet war. So ging das Jahr

ohne weiteres zu Ende, wo nun jedermann mit Recht neugierig war zu

erleben, wie sich das neue Jahr anlassen würde. Der Winter bezeigte sich

als ein gehöriger und regelrechter Winter, kalt und klar; eine warme

Schneedecke lag auf den Feldern und schützte die junge Saat. Aber

dennoch ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, taute und

fror wieder während des Monats Hornung in so häufigem Wechsel, daß nicht

nur viele Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge

Eiszapfen entstand, daß das ganze Land aussah wie ein großes Glasmagazin

und jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden

Spitzen nicht angestochen zu werden. Im übrigen behaupteten sich die

Preise der Lebensmittel noch immer, wie oben bemerkt und schwankten

endlich einem merkwürdigen Frühling entgegen.«

Hier kam der kleine Alte eifrig hergerannt, nahm den Bogen an sich, und

ohne das bisher Geschriebene zu lesen oder etwas zu sagen, schrieb er

weiter: »Nun kam Er und hieß Adam Litumlei. Er verstand keinen Spaß und

war geboren anno 17... Er kam dahergestürmt wie ein Frühlingswetter. Er

war einer von denjenigen. Er trug einen roten Sammetrock, einen Federhut

und einen Degen. Er trug eine goldene Weste mit dem Wahlspruch: Jugend

hat keine Tugend! Er trug goldene Sporen und ritt auf einem weißen

Hengst; er stellte denselben in den ersten Gasthof und rief: Ich kümmere

mich den Teufel darum, denn es ist Frühling und Jugend muß austoben! Er

zahlte alles bar und alles wunderte sich über ihn. Er trank den Wein, er

aß den Braten, er sagte: das taugt mir alles nichts! Ferner sagte er:

Komm, du holdes Liebchen, du taugst mir besser als Wein und Braten, als

Silber und Gold! Was kümmere ich mich darum? Denke was du willst, was

sein muß, muß sein!«

Hier blieb er plötzlich stecken und konnte durchaus nicht weiter. Sie

lasen zusammen das Geschriebene, fanden es nicht übel und sammelten sich

wieder während acht Tagen, wobei sie ein lockeres Leben führten; denn

sie gingen öfter ins Bierhaus, um einen neuen Anlauf zu gewinnen; allein

das Glück lachte nicht alle Tage. Endlich erwischte John wieder einen

Zipfel, lief nach Hause und fuhr fort: »Diese Worte richtete der junge

Litumlei nämlich an eine gewisse Jungfrau Liselein Federspiel, welche in

den äußersten Häusern der Stadt wohnte, wo die Gärten sind und bald ein

Wäldchen oder Hölzchen kommt. Diese war eine der reizendsten

Schönheiten, welche die Stadt je hervorgebracht hat, mit blauen Augen

und kleinen Füßen. Sie war so schön gewachsen, daß sie kein Korsett

brauchte und aus dieser Ersparnis, denn sie war arm, allmählich ein

violettes Seidenkleid kaufen konnte. Aber alles dies war verklärt durch

eine allgemeine Traurigkeit, welche nicht nur über die lieblichen

Gesichtszüge, sondern über die ganze Gliederharmonie des Fräulein

Federspiel zitterte, daß man in aller Windstille die wehmütigen Akkorde

einer Äolsharfe zu hören glaubte. Denn es war jetzt ein gar denkwürdiger

Maimonat angebrochen, in welchem sich alle vier Jahreszeiten

zusammenzudrängen schienen. Es gab im Anfang noch einen Schnee, daß die

Nachtigallen mit Schneeflocken auf dem Kopfe sangen, als ob sie weiße

Zipfelmützchen trügen; dann trat eine solche Wärme ein, daß die Kinder

im Freien badeten und die Kirschen reiften, und die Chronik bewahrt

davon den Reim auf:

Eis und Schnee,

Buben baden im See,

Reife Kirschen und blühender Wein

Mocht' alles in einem Maimond sein.

»Diese Naturerscheinungen machten die Menschen nachdenklich und wirkten

auf verschiedene Weise. Die Jungfer Liselein Federspiel, welche

besonders tiefsinnig war, grübelte auch nach und ward zum erstenmal

inne, daß sie ihr Wohl und Wehe, ihre Tugend und ihren Fall in der

eigenen Hand trage, und indem sie nun die Wage hielt und diese

verantwortliche Freiheit erwog, ward sie ebenso traurig darüber. Wie sie

nun dastand, kam jener verwegene Rotrock und sagte unverweilt:

Federspiel, ich liebe dich! Worüber sie durch eine sonderbare Fügung

plötzlich ihren vorigen Gedankengang änderte und in ein helles Gelächter

ausbrach.«

»Jetzt laß mich fortfahren!« rief der Alte, welcher erhitzt nachgelaufen

kam und dem Jungen über die Schulter las, »es paßt mir nun eben recht!«

und setzte die Geschichte fort: »Da ist nichts zu lachen! sagte jener,

denn ich verstehe keinen Spaß! Kurz, es kam, wie es kommen mußte; wo das

Wäldchen auf der Höhe stand, saß mein Federspiel im Grünen und lachte

noch immer; aber schon sprang der Ritter auf seinen Schimmel und flog so

schnell in die Ferne, daß er durch die platzgreifende Luftperspektive in

wenig Augenblicken ganz bläulich aussah. Er verschwand, kehrte nicht

mehr zurück; denn er war ein Teufelsbraten!«

»Ha, nun ist's geschehen!« schrie Litumlei und warf die Feder hin, »nun

habe ich das meinige getan, führe du nun den Schluß herbei, ich bin ganz

erschöpft von diesen höllischen Erfindungen! Beim Styx! Es nimmt mich

nicht wunder, daß man die Ahnherren großer Häuser so hoch hält und in

Lebensgröße malt, da ich spüre, welche Mühe mich die Gründung des

meinigen kostet! Aber habe ich das Ding nicht kühn behandelt?«

John schrieb nun weiter: »Die arme Jungfer Federspiel empfand eine große

Unzufriedenheit, als sie plötzlich vermerkte, daß der verführerische

Jüngling entschwunden war, fast gleichzeitig mit dem denkwürdigen

Maimonat. Doch hatte sie die Geistesgegenwart, schnell das Vorgefallene

in ihrem Innern für ungeschehen zu erklären, um so den früheren Zustand

einer gleichschwebenden Wage wieder herzustellen. Aber sie genoß dieses

Nachspiel der Unschuld nur kurze Zeit. Der Sommer kam, man schnitt das

Korn; es ward einem gelb vor den Augen, wohin man blickte, vor all' dem

goldenen Segen; die Preise gingen wieder bedeutend herunter, Liselein

Federspiel stand auf jenem Hügel und schaute allem zu; aber sie sah

nichts vor lauter Verdruß und Reue. Es kam der Herbst, jeder Weinstock

war ein fließender Brunnen, vom Fallen der Äpfel und Birnen trommelte es

fortwährend auf der Erde: man trank, man sang, kaufte und verkaufte.

Jeder versorgte sich, das ganze Land war ein Jahrmarkt, und so reichlich

und wohlfeil alles war, so wurde doch das Überflüssige noch gelobt und

gehätschelt und dankbar angenommen. Nur allein der Segen, den Liselein

brachte, sollte nichts gelten und keiner Nachfrage wert sein, als ob der

im Überfluß schwimmende Menschenhaufen nicht ein einziges Mäulchen mehr

brauchen könnte. Da hüllte sie sich in ihre Tugend und gebar, einen

Monat zu früh, ein munteres Knäblein, welches so recht darauf angewiesen

war, der Schmied seines eigenen Glückes zu werden.

»Dieser Sohn führte sich auch so wacker durch ein vielbewegtes Leben,

daß er, durch wunderbare Schicksale endlich mit seinem Vater vereinigt,

von demselben zu Ehren gezogen und in seine Rechte eingesetzt wurde, und

ist dies der zweite bekannte Stammherr des Geschlechtes der Litumlei.«

Unter dieses Dokument schrieb der Alte: »Eingesehen und bestätigt,

Johann Polykarpus Adam Litumlei.« Und John unterschrieb ebenfalls. Dann

drückte Herr Litumlei noch sein Siegel bei, dessen Wappenschild drei

halbe goldene Fischangeln im blauen Felde und sieben weiß und rot

quadrierte Bachstelzen auf einem schräglaufenden grünen Balken zeigte.

Sie wunderten sich aber, daß das Schriftstück nicht größer geworden;

denn sie hatten kaum einen Bogen von dem Buch Papier beschrieben.

Nichtsdestoweniger legten sie es in das Archiv, wozu sie einstweilen

eine alte eiserne Kiste bestimmten, und waren zufrieden und guter Dinge.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 5 / 26 段