In der Stadt, wo der Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem

großen Vermögen, welches vielleicht nach Seldwyla käme durch diese

Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler

schlug plötzlich um zu Gunsten des Schneiders und seiner Verlobten, und

sie beschlossen, die Liebenden zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer

Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher das Gerücht

ging, die Schöne von Goldach sollte mit Gewalt zurückgeführt werden,

rotteten sie sich zusammen, stellten bewaffnete Schutz- und Ehrenwachen

vor den Regenbogen und vor den Wilden Mann und begingen überhaupt mit

gewaltiger Lustbarkeit eines ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige

Fortsetzung des gestrigen.

Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach

um Hilfe. Der fuhr im Galopp hin, und am nächsten Tage fuhren eine

Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um

dem Amtsrat beizustehen, und es gewann den Anschein, als ob Seldwyla ein

neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend gegenüber;

der Stadttambour drehte bereits an seiner Spannschraube und tat einzelne

Schläge mit dem rechten Schlägel. Da kamen höhere Amtspersonen,

geistliche und weltliche Herren auf den Platz, und die Unterhandlungen,

welche allseitig gepflogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest

blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert durch die

Seldwyler, daß das Aufgebot ihrer Ehe nach Sammlung aller nötigen

Schriften förmlich stattfinden und daß gewärtigt werden solle, ob und

welche gesetzliche Einsprachen während dieses Verfahrens dagegen erhoben

würden und mit welchem Erfolge.

Solche Einsprachen konnten bei der Volljährigkeit Nettchens einzig noch

erhoben werden wegen der zweifelhaften Person des falschen Grafen Wenzel

Strapinski.

Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte,

ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf

seinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds

getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse

für ihn einliefen.

Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wies der Advokat nach, daß

Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen ausgegeben,

sondern daß ihm dieser Rang von andern gewaltsam verliehen worden; daß

er schriftlich auf allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen

Namen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte und

somit kein anderes Vergehen vorlag, als daß er eine törichte

Gastfreundschaft genossen hatte, die ihm nicht gewährt worden wäre, wenn

er nicht in jenem Wagen angekommen wäre und jener Kutscher nicht jenen

schlechten Spaß gemacht hätte.

So endigte denn der Krieg mit einer Hochzeit, an welcher die Seldwyler

mit ihren sogenannten Katzenköpfen gewaltig schossen zum Verdrusse der

Goldacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, da der

Westwind wehte. Der Amtsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, und sie

sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchand-Tailleur und Tuchherr werden

in Seldwyla; denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der

Eisenhändler Eisenherr und so weiter.

Das geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler

geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem

Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte

ihnen ihre veilchenfarbigen oder weiß und blau gewürfelten Sammetwesten;

ihre Ballfräcke mit goldenen Knöpfen, ihre rot ausgeschlagenen Mäntel,

und alles waren sie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue,

noch schönere Sachen zu erhalten, welche er kommen oder anfertigen ließ,

mußten sie ihm das frühere bezahlen, so daß sie unter einander klagten,

er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor.

Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr

träumerisch aus; er wurde von Jahr zu Jahr geschäftserfahrener und

gewandter und wußte in Verbindung mit seinem bald versöhnten

Schwiegervater, dem Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich

sein Vermögen verdoppelte und er nach zehn oder zwölf Jahren mit ebenso

vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapinska, geboren hatte,

und mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener

Mann ward.

Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank

oder aus Rache.

Der Schmied seines Glückes

John Kabys, ein artiger Mann von bald vierzig Jahren, führte den Spruch

im Munde, daß jeder der Schmied seines eigenen Glückes sein müsse, solle

und könne, und zwar ohne viel Gezappel und Geschrei.

Ruhig, mit nur wenigen Meisterschlägen schmiede der rechte Mann sein

Glück! war seine öftere Rede, womit er nicht etwa die Erreichung bloß

des Notwendigen, sondern überhaupt alles Wünschenswerten und

Überflüssigen verstand.

So hatte er denn als zarter Jüngling schon den ersten seiner

Meisterstreiche geführt und seinen Taufnamen Johannes in das englische

John umgewandelt, um sich von vornherein für das Ungewöhnliche und

Glückhafte zuzubereiten, da er dadurch von allen übrigen Hansen abstach

und überdies einen angelsächsisch unternehmenden Nimbus erhielt.

Darauf verharrte er einige Jährchen ruhig, ohne viel zu lernen oder zu

arbeiten, aber auch ohne über die Schnur zu hauen, sondern klug

abwartend.

Als jedoch das Glück auf den ausgeworfenen Köder nicht anbeißen wollte,

tat er den zweiten Meisterschlag und verwandelte das i in seinem

Familiennamen Kabis in ein y. Dadurch erhielt dies Wort (anderwärts auch

Kapes), welches Weißkohl bedeutet, einen edleren und fremdartigern

Anhauch, und John Kabys erwartete nun mit mehr Berechtigung, wie er

glaubte, das Glück.

Allein es vergingen abermals mehrere Jahre, ohne daß selbiges sich

einstellen wollte, und schon näherte er sich dem einunddreißigsten, als

er sein nicht bedeutendes Erbe mit aller Mäßigung und Einteilung endlich

doch aufgezehrt hatte. Jetzt begann er aber sich ernstlich zu regen und

sann auf ein Unternehmen, das nicht für den Spaß sein sollte. Schon oft

hatte er viele Seldwyler um ihre stattlichen Firmen beneidet, welche

durch Hinzufügen des Frauennamens entstanden. Diese Sitte war einst

plötzlich aufgekommen, man wußte nicht wie und woher; aber genug, sie

schien den Herren vortrefflich zu den roten Plüschwesten zu passen und

auf einmal erklang das ganze Städtchen an allen Ecken von pompösen

Doppelnamen. Große und kleine Firmatafeln, Haustüren, Glockenzüge,

Kaffeetassen und Teelöffel waren damit beschrieben und das Wochenblatt

strotzte eine Zeitlang von Anzeigen und Erklärungen, deren einziger

Zweck das Anbringen der Alliance-Unterschrift war. Insbesondere gehörte

es zu den ersten Freuden der Neuverheirateten, alsobald irgend ein

Inserat vom Stapel laufen zu lassen. Dabei gab es auch mancherlei Neid

und Ärgernis; denn wenn etwa ein schwärzlicher Schuster oder sonst für

gering Geachteter durch Führung solchen Doppelnamens an der allgemeinen

Respektabilität teilnehmen wollte, so wurde ihm das mit Naserümpfen übel

vermerkt, obgleich er im legitimsten Besitze der anderen Ehehälfte war.

Immerhin war es nicht ganz gleichgültig, ob ein oder mehrere Unbefugte

durch dieses Mittel in das allgemeine vergnügte Kreditwesen eindrangen,

da erfahrungsgemäß die geschlechterhafte Namensverlängerung zu den

wirksameren, doch zartesten Maschinenteilchen jenes Kreditwesens

gehörte.

Für John Kabys aber konnte der Erfolg einer solchen Hauptveränderung

nicht zweifelhaft sein. Die Not war jetzt gerade groß genug, um diesen

lang aufgesparten Meisterstreich zur rechten Stunde zu führen, wie es

einem alten Schmied seines Glückes geziemt, der da nicht in den Tag

hinein hämmert, und John sah demgemäß nach einer Frau aus, still, aber

entschlossen. Und siehe! schon der Entschluß schien das Glück endlich

heraufzubeschwören; denn noch in derselben Woche langte an, wohnte in

Seldwyla mit einer mannbaren Tochter eine ältere Dame und nannte sich

Frau Oliva, die Tochter Fräulein Oliva. Kabys-Oliva! klang es sogleich

in Johns Ohren und wiederhallte es in seinem Gemüte! Mit einer solchen

Firma ein bescheidenes Geschäft begründet, mußte in wenig Jahren ein

großes Haus daraus werden. So machte er sich denn weislich an die Sache,

ausgerüstet mit allen seinen Attributen.

Diese bestanden in einer vergoldeten Brille, in drei emaillierten

Hemdeknöpfen, durch goldene Ketten unter sich verbunden, in einer langen

goldenen Uhrkette, welche eine geblümte Weste überkreuzte, mit allerlei

Anhängseln, in einer gewaltigen Busennadel, welche als Miniaturgemälde

eine Darstellung der Schlacht von Waterloo enthielt, ferner in drei oder

vier großen Ringen, einem großen Rohrstock, dessen Knopf ein kleiner

Operngucker bildete in Gestalt eines Perlmutterfäßchens. In den Taschen

trug, zog hervor und legte er vor sich hin, wenn er sich setzte: ein

großes Futteral aus Leder, in welchem eine Zigarrenspitze ruhte aus

Meerschaum geschnitzt, darstellend den aufs Pferd gebundenen Mazeppa;

diese Gruppe ragte ihm, wenn er rauchte, bis zwischen die Augenbrauen

hinauf und war ein Kabinettsstück; ferner eine rote Zigarrentasche mit

vergoldetem Schloß, in welcher schöne Zigarren lagen mit kirschrot und

weiß getigertem Deckblatt, ein abenteuerlich elegantes Feuerzeug, eine

silberne Tabaksdose und eine gestickte Schreibtafel. Auch führte er das

komplizierteste und zierlichste aller Geldtäschchen mit unendlich

geheimnisvollen Abteilungen.

Diese sämtliche Ausrüstung war ihm die Idealausstattung eines Mannes im

Glücke; er hatte dieselbe, als kühn entworfenen Lebensrahmen, im voraus

angeschafft, als er noch an seinem kleinen Vermögen geknabbert, aber

nicht ohne einen tieferen Sinn. Denn solche Anhäufung war jetzt nicht

sowohl das Behänge eines geschmacklosen eiteln Mannes, als vielmehr eine

Schule der Übung, der Ausdauer und des Trostes zur Zeit des Unsterns,

sowie eine würdige Bereithaltung für das endlich einkehrende Glück,

welches ja kommen konnte wie ein Dieb in der Nacht. Lieber wäre er

verhungert, als daß er das geringste seiner Zierstücke veräußert oder

versetzt hätte; so konnte er weder vor der Welt, noch vor sich selbst

für einen Bettler gelten und lernte das Äußerste erdulden, ohne an Glanz

einzubüßen. Ebenso war, um nichts zu verlieren, zu verderben, zu

zerbrechen oder in Unordnung zu bringen, eine fortwährend ruhige und

würdevolle Haltung geboten. Kein Räuschchen und keine andere Aufregung

durfte er sich gestatten, und wirklich besaß er seinen Mazeppa schon

seit zehn Jahren, ohne daß an dem Pferde ein Ohr oder der fliegende

Schweif abgebrochen wäre, und die Häkchen und Ringelchen an seinen Etuis

und Necessaires schlossen noch so gut als am Tage ihrer Schöpfung. Auch

mußte er zu all dem Schmucke Rock und Hut säuberlich schonen, sowie er

auch stets ein blankes Vorhemdchen zu besitzen wußte, um seine Knöpfe,

Kettchen und Nadeln auf weißem Grunde zu zeigen.

Freilich lag eigentlich mehr Mühe darin, als er in seinem Spruche von

den wenigen Meisterschlägen zugestehen wollte; allein man hat ja immer

die Werke des Genies fälschlich für mühelos ausgegeben.

Wenn nun die beiden Frauenzimmer das Glück waren, so ließ es sich nicht

ungern in dem ausgespannten Netze des Meisters fangen, ja er schien

ihnen mit seiner Ordentlichkeit und seinen vielen Kleinodien gerade der

Mann zu sein, den zu suchen sie ins Land gekommen waren. Sein geregelter

Müßiggang deutete auf einen behaglichen und sichern Zinsleinpicker oder

Rentier, der seine Werttitel gewiß in einem artigen Kästchen

aufbewahrte. Sie sprachen einiges von ihrem eigenen wohlbestellten

Wesen; als sie aber merkten, daß Herr Kabys nicht viel Gewicht darauf zu

legen schien, hielten sie klüglich inne und ihre Persönlichkeit für das,

was diesen guten Mann allein anziehe. Kurz, in wenig Wochen war er mit

dem Fräulein Oliva verlobt, und gleichzeitig reiste er nach der

Hauptstadt, um eine reich verzierte Adreßkarte mit dem herrlichen

Doppelnamen stechen zu lassen, anderseits ein prächtiges Firmaschild zu

bestellen und einige Handelsverbindungen mit Kredit für ein Geschäft mit

Ellenwaren zu eröffnen. Im Übermut kaufte er gleich noch zwei oder drei

Ellenstäbe von poliertem Pflaumenholz, einige Dutzend Wechselformulare

mit vielen merkurialischen Emblemen, Preiszettel und kleine Papierchen

mit goldenem Rande zum Aufkleben, Handlungsbücher und derartiges mehr.

Vergnügt eilte er wieder in seine Heimatstadt und zu seiner Braut, deren

einziger Fehler ein etwas unverhältnismäßig großer Kopf war. Freundlich,

zärtlich wurde er empfangen und seinem Reiseberichte die Eröffnung

entgegengesetzt, daß die Papiere der Braut, so für die Hochzeit

erforderlich waren, angekommen seien. Doch geschah diese Eröffnung mit

einer lächelnden Zurückhaltung, wie wenn er auf eine zwar unbedeutende,

aber immerhin nicht ganz ordnungsgemäße Nebensache müßte vorbereitet

werden. Alles dies ging endlich vorüber und es ergab sich, daß die

Mutter allerdings eine verwitwete Dame Oliva, die Tochter hingegen ein

außereheliches Kind von ihr war aus ihrer Jugendzeit und ihren eigenen

Familiennamen trug, wenn es sich um amtliche und zivilrechtliche Dinge

handelte. Dieser Name war: Häuptle! Die Braut hieß: Jungfer Häuptle, und

die künftige Firma also: »John Kabys-Häuptle«, zu deutsch: »Hans

Kohlköpfle.«

Sprachlos stand der Bräutigam eine gute Weile, die unselige Hälfte

seines neuesten Meisterwerkes betrachtend; endlich rief er: »Und mit

einem solchen Hauptkopfschädel kann man Häuptle heißen!« Erschrocken und

demütig senkte die Braut ihr Häuptlein, um das Gewitter vorübergehen zu

lassen; denn noch ahnte sie nicht, daß die Hauptsache an ihr für

Kabyssen jener schöne Name gewesen sei.

Herr Kabys schlechtweg aber ging ohne weiteres nach seiner Behausung, um

sich den Fall zu überlegen; allein schon auf dem Wege riefen ihm seine

lustigen Mitbürger Hans Kohlköpfle zu, da das Geheimnis bereits verraten

war. Drei Tage und drei Nächte suchte er das gefehlte Werk in tiefer

Einsamkeit umzuschmieden. Am vierten Tage hatte er seinen Entschluß

gefaßt, ging wieder dorthin und begehrte die Mutter statt der Tochter

zur Ehe. Allein die entrüstete Frau hatte nun ihrerseits in Erfahrung

gebracht, daß Herr Kabys gar kein Mahagonikästchen mit Werttiteln

besitze, und wies ihm schnöde die Türe, worauf sie mit ihrer Tochter um

ein Städtchen weiter zog.

So sah Herr John das glänzende Oliva entschwinden wie eine schimmernde

Seifenblase im Ätherblau, und höchst betreten hielt er seinen

Glücksschmiedehammer in der Hand. Seine letzte Barschaft war über diesem

Handel fortgegangen. Daher mußte er sich endlich entschließen, etwas

Wirkliches zu arbeiten oder wenigstens zur Grundlage seines Daseins zu

machen, und indem er sich so hin und her prüfte, konnte er gar nichts,

als vortrefflich rasieren, ebenso die Messer dazu im stande halten und

scharf machen. Nun stellte er sich auf mit einem Bartbecken und in einem

schmalen Stübchen zu ebener Erde, über dessen Türe er ein »John Kabys«

befestigte, welches er aus jener stattlichen Firmatafel eigenhändig

herausgesägt und von dem verlorenen Oliva wehmütig abgetrennt hatte. Der

Spitzname Kohlköpfle blieb ihm jedoch in der Stadt und führte ihm

manchen Kunden zu, so daß er mehrere Jahre lang ganz leidlich dahin

lebte, Gesichter schabend und Messer abziehend, und seinen übermütigen

Wahlspruch fast ganz zu vergessen schien.

Da sprach eines Tages ein Bürger bei ihm ein, der soeben von langen

Reisen zurückgekehrt war, und jetzt nachlässig, indem er sich zum

Einseifen setzte, hinwarf: »So gibt es, wie ich aus Ihrem Schilde

ersehe, doch noch Kabysse in Seldwyla?« »Ich bin der letzte meines

Geschlechts,« erwiderte der Barbier nicht ohne Würde, »doch warum frugen

Sie das, wenn ich fragen darf?« Der Fremde schwieg jedoch, bis er

barbiert und gesäubert, und erst als alles beendigt und der Ehrensold

entrichtet war, fuhr er fort: »In Augsburg kannte ich einen alten

reichen Kauz, welcher öfter versicherte, seine Großmutter sei eine

geborene Kabis von Seldwyla in der Schweiz gewesen, und es nehme ihn

höchlich Wunder, ob da noch Leute dieses Geschlechtes lebten?«

Hierauf entfernte sich der Mann.

Hans Kohlköpfle dachte nach und dachte nach und kam in eine große

Aufregung, als er sich endlich dunkel erinnerte, daß eine Vorfahrin von

ihm sich wirklich vor langen Jahren nach Deutschland verheiratet haben

sollte, die seither verschollen war. Ein rührendes Familiengefühl

erwachte plötzlich in ihm, ein romantisches Interesse für Stammbäume,

und es ward ihm bange, ob der Gereiste auch wiederkommen würde. Nach der

Art seines Bartwuchses mußte er in zwei Tagen wieder erscheinen. In der

Tat kam der Mann pünktlich um diese Zeit. John seifte ihn ein und

schabte ihn beinahe zitternd vor Neugierde. Als er fertig war, platzte

er heraus und erkundigte sich angelegentlich nach den näheren Umständen.

Der Mann sagte: »Es ist einfach ein Herr Adam Litumlei, hat eine Frau,

aber keine Kinder, und wohnt in der und der Straße zu Augsburg.«

John beschlief sich den Handel noch eine Nacht und faßte in derselben

den Mut, doch noch tüchtig glücklich zu werden. Am nächsten Morgen

schloß er seinen Ladenstreifen, packte seinen Sonntagsanzug in einen

alten Tornister und alle seine wohlerhaltenen Wahrzeichen in ein

besonderes Paketlein, und nachdem er sich mit hinlänglichen

Ausweisschriften und pfarrbücherlichen Auszügen versehen, trat er

unverweilt die Reise nach Augsburg an, still und unscheinbar, wie ein

älterer Handwerksbursche.

Als er die Türme und die grünen Wälle der Stadt vor sich sah, überzählte

er seine Barschaft und fand, daß er sich sehr knapp halten müsse, wenn

er im ungünstigen Falle den Rückweg wieder bestehen wolle. Darum kehrte

er in der bescheidensten Herberge ein, welche er nach einigem Suchen

auffinden konnte; er trat in die Gaststube und sah verschiedene

Handwerkszeichen über den Tischen hangen, worunter auch dasjenige der

Schmiede. Unter dieses setzte er sich als ein Schmied seines Glückes,

der guten Vorbedeutung wegen, und stärkte sein Leibliches durch ein

Frühstück, da es noch zeitig am Tage. Dann ließ er sich ein eigenes

Kämmerchen geben, wo er sich umkleidete. Er stutzte sich auf jegliche

Weise auf und behing sich mit dem ganzen Zierat; auch schraubte er das

Perspektivfäßchen auf den Stock. So trat er aus der Kammer hervor, daß

die Wirtin erschrak ob all der Pracht.

Es dauerte ziemlich lang, eh er die Straße fand, nach der sein Herz

begehrte. Doch endlich sah er sich in einer weiten Gasse, worin mächtige

alte Häuser standen; aber kein lebendes Wesen war zu erblicken. Endlich

wollte doch ein Mägdlein mit einem blanken schäumenden Kännchen Bier an

ihm vorüberhuschen. Er hielt es fest und fragte nach Herrn Adam

Litumlei, und das Mädchen zeigte ihm das Haus, vor welchem er gerade

stand.

Neugierig schaute er daran hinauf. Über einem ansehnlichen Portale

türmten sich mehrere Stockwerke mit hohen Fenstern empor, deren starke

Gesimse und Profile ein senkrechtes Meer von kühnen Verkürzungen vor dem

Auge des armen Glücksuchers ausbreiteten, so daß es ihm fast bänglich

wurde und er befürchtete, eine zu großartige Sache unternommen zu haben;

denn er stand vor einem förmlichen Palast. Dennoch drückte er sachte an

dem schweren Torflügel, schlüpfte hinein und befand sich in einem

prächtigen Treppenhaus. Eine steinerne Doppeltreppe baute sich mit

breiten Absätzen in die Höhe, von einem reich geschmiedeten Geländer

eingefaßt. Unter der Treppe hindurch und durch die hintere offene

Haustüre sah man Sonnenschein und Blumenbeete. John ging leise dahin, um

vielleicht einen Dienstboten oder einen Gärtner zu finden, sah aber

nichts als einen großen altfränkischen Garten, der voll der schönsten

Blumen war, sowie einen steinernen Brunnen mit vielen Figuren.

Alles war wie ausgestorben; er ging wieder zurück und begann die Treppe

hinaufzusteigen. An den Wänden hingen große vergilbte Landkarten, Pläne

alter Reichsstädte mit ihren Festungswerken, mit stattlichen

allegorischen Darstellungen in den Ecken. Eine eichene Türe unter

mehreren war bloß angelehnt; der Eindringling öffnete sie zur Hälfte und

sah eine ziemlich hübsche Frau auf einem Ruhebette ausgestreckt, welcher

das Strickzeug entfallen war und die ein geruhiges Schläfchen tat,

obgleich es erst zehn Uhr Vormittags war. Mit klopfendem Herzen hielt

John Kabys, da das Zimmer sehr tief war, seinen Stock ans Auge und

betrachtete die Erscheinung durch das Perspektivchen von Perlmutter; das

seidene Kleid, die rundlichen Formen der Schläferin ließen ihm das Haus

immer mehr wie ein verzaubertes Schloß erscheinen, und höchst gespannt

zog er sich zurück und stieg weiter hinauf, sachte und vorsichtig.

Zu oberst war das Treppenhaus eine ordentliche Rüstkammer, da es

behangen war mit Rüstungen und Waffen aus allen Jahrhunderten; rostige

Panzerhemden, Eisenhüte, Galakürasse aus der Zopfzeit, Schlachtschwerter,

vergoldete Luntenstäbe, alles hing durcheinander, und in den Ecken standen

ziervolle kleine Geschütze, grün vor Alter. Kurz, es war das Treppenhaus

eines großen Patriziers und Herrn John wurde es feierlich zu Mute.

Da ließ sich plötzlich eine Art Geschrei vernehmen, ganz in der Nähe,

wie von einem größeren Kinde, und als es nicht aufhörte, benutzte John

den Anlaß, ihm nachzugehen und so zu Leuten zu kommen. Er öffnete die

nächste Türe und sah einen weitläufigen Ahnensaal, von unten bis oben

mit Bildnissen angefüllt. Der Boden bestand aus sechseckigen Fliesen

verschiedener Farbe, die Decke aus Gipsstukkaturen mit lebensgroßen,

fast frei schwebenden Menschen- und Tiergestalten, Fruchtkränzen und

Wappen. Vor einem zehn Fuß hohen Kaminspiegel aber stand ein winziges

eisgraues Greischen, nicht schwerer als ein Zicklein, in einem

Schlafrock von scharlachrotem Sammet, mit eingeseiftem Gesicht. Das

strampelte vor Ungeduld, schrie weinerlich und rief: »Ich kann mich

nicht mehr rasieren! Ich kann mich nicht mehr rasieren! Mein Messer

schneidt nicht! Niemand hilft mir, o je, o je!« Als es im Spiegel den

Fremden sah, schwieg es still, kehrte sich um und sah mit dem Messer in

der Hand verblüfft und furchtsam auf Herrn John, welcher, den Hut in der

Hand, mit vielen Bücklingen vordrang, den Hut abstellte, lächelnd dem

Männchen das Messer aus der Hand nahm und dessen Schneide prüfte. Er zog

sie einige Male auf seinem Stiefel, dann auf dem Handballen ab, prüfte

hierauf die Seife und schlug einen dichtern Schaum, kurz er barbierte

das Männchen in weniger als drei Minuten aufs herrlichste.

»Verzeihen Sie, hochgeehrter Herr!« sagte hierauf Kabys, »die Freiheit,

die ich mir genommen habe! Allein da ich Sie in solcher Verlegenheit

sah, glaubte ich mich dergestalt auf die natürlichste Weise bei Ihnen

einzuführen, insofern ich etwa die Ehre habe, vor Herrn Adam Litumlei zu

stehen.«

Das Alterchen betrachtete noch immer erstaunt den Fremden; dann schaute

es in den Spiegel und fand sich sauber rasiert, wie lange nicht mehr,

worauf es, Wohlgefallen mit Mißtrauen vermischend, den Künstler abermals

besah und mit Zufriedenheit wahrnahm, daß es ein anständiger Fremder

sei. Doch fragte es mit immer noch unwirschem Stimmchen, wer er sei und

was er wolle?

John räusperte sich und versetzte: er sei ein gewisser Kabys aus

Seldwyla, und da er sich gerade auf Reisen befinde und hiesige Stadt

passiere, so habe er nicht versäumen wollen, die Nachkommen einer Ahne

seines Hauses aufzusuchen und zu begrüßen. Und er tat, als ob er von

Kindheit auf nur von Herrn Litumlei sprechen gehört hätte. Dieser war

auf einmal freudig überrascht und rief freundlich und wohlgemut: »Ha! so

blühet also das Geschlecht der Kabysse noch! Ist es zahlreich und

angesehen?«

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 4 / 26 段