Ohne zu antworten ging sie festen Schrittes voran nach dem Hofe, wo der

Schlitten mit den ungeduldigen wohlgefütterten Pferden bereit stand,

einer der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz,

ergriff das Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni,

mit glücklicher Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die

Pferde gehalten, das Trinkgeld hervorsuchte, trieb sie unversehens die

Pferde an und fuhr auf die Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche

sich bald in einen anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar

ging es nicht nach der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin.

Erst als das leichtbeschwingte Fahrzeug schon dem Blicke entschwunden

war, entdeckte Herr Böhni das Ereignis und lief in der Richtung gegen

Goldach mit Ho ho! und Haltrufen, sprang dann zurück und jagte mit

seinem eigenen Schlitten der entflohenen oder nach seiner Meinung durch

die Pferde entführten Schönen nach, bis er am Tore der aufgeregten Stadt

anlangte, in welcher das Ärgernis bereits alle Zungen beschäftigte.

Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in der Verwirrung oder mit

Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei Umstände mögen hier ein

leises Licht gewähren. Einmal lagen sonderbarerweise die Pelzmütze und

die Handschuhe Strapinskis, welche auf dem Fenstersimse hinter dem Sitze

des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten der Fortuna neben Nettchen;

wann und wie sie diese Gegenstände ergriffen, hatte niemand beachtet und

sie selbst wußte es nicht; es war wie im Schlafwandel geschehen. Sie

wußte jetzt noch nicht, daß Mütze und Handschuhe neben ihr lagen. Sodann

sagte sie mehr als einmal laut vor sich hin: »Ich muß noch zwei Worte

mit ihm sprechen, nur zwei Worte!«

Diese beiden Tatsachen scheinen zu beweisen, daß nicht ganz der Zufall

die feurigen Pferde lenkte. Auch war es seltsam, als die Fortuna in die

Waldstraße gelangte, in welche jetzt der helle Vollmond hineinschien,

wie Nettchen den Lauf der Pferde mäßigte und die Zügel fester anzog, so

daß dieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, während die Lenkerin

die traurigen aber dennoch scharfen Augen gespannt auf den Weg heftete,

ohne links und rechts den geringsten auffälligen Gegenstand außer acht

zu lassen.

Und doch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer,

unglücklicher Vergessenheit befangen; was sind Glück und Leben! von was

hangen sie ab? Was sind wir selbst, daß wir wegen einer lächerlichen

Fastnachtslüge glücklich oder unglücklich werden? Was haben wir

verschuldet, wenn wir durch eine fröhliche gläubige Zuneigung Schmach

und Hoffnungslosigkeit einernten? Wer sendet uns solche einfältige

Truggestalten, die zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während sie

sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen?

Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele Nettchens,

als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen Gegenstand

richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom mondbeglänzten Schnee

abhob. Es war der langhingestreckte Wenzel, dessen dunkles Haar sich mit

dem Schatten der Bäume vermischte, während sein schlanker Körper

deutlich im Lichte lag.

Nettchen hielt unwillkürlich die Pferde an, womit eine tiefe Stille über

den Wald kam. Sie starrte unverwandt nach dem dunklen Körper, bis

derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar darstellte und

sie leise die Zügel festband, ausstieg, die Pferde einen Augenblick

beruhigend streichelte und sich hierauf der Erscheinung vorsichtig,

lautlos näherte.

Ja, er war es. Der dunkelgrüne Sammet seines Rockes nahm sich selbst auf

dem nächtlichen Schnee schön und edel aus; der schlanke Leib und die

geschmeidigen Glieder, wohl geschnürt und bekleidet, alles sagte noch in

der Erstarrung, am Rande des Unterganges, im Verlorensein: Kleider

machen Leute!

Als sich die einsame Schöne näher über ihn hinbeugte und ihn ganz sicher

erkannte, sah sie auch sogleich die Gefahr, in der sein Leben schwebte,

und fürchtete, er möchte bereits erfroren sein. Sie ergriff daher

unbedenklich eine seiner Hände, die kalt und fühllos schien. Alles

andere vergessend rüttelte sie den Ärmsten und rief ihm seinen Taufnamen

ins Ohr: »Wenzel! Wenzel!« Umsonst, er rührte sich nicht, sondern atmete

nur schwach und traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit der Hand

über sein Gesicht, und gab ihm in der Beängstigung Nasenstüber auf die

erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hiedurch auf einen guten Gedanken

gebracht, Hände voll Schnee und rieb ihm die Nase und das Gesicht und

auch die Finger tüchtig, soviel sie vermochte und bis sich der glücklich

Unglückliche erholte, erwachte und langsam seine Gestalt in die Höhe

richtete.

Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den

Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen

Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen.

Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief:

»Verzeih mir! Verzeih mir!«

»Komm, fremder Mensch!« sagte sie mit unterdrückter zitternder Stimme,

»ich werde mit dir sprechen und dich fortschaffen!«

Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab

ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben

mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts.

Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem

eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die

Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch

neulich war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen

und allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von

dem Wandel der Dinge wissen.

Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit

einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch

Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte

sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie

öffnete das Fenster und guckte verwundert heraus. »Ich bin's nur, wir

sind's!« rief Nettchen. »Wir haben uns verirrt wegen der neuen obern

Straße, die ich noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau

Gevatterin, und laßt uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter

fahren!«

Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und

bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große

Tier, den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz

dieser Welt in diesen zwei Personen über ihre Schwelle getreten;

unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgend einen

bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die

gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschaftsleute

zu bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu

halten, und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen

sie jetzt hereinbrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube

einander gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich

auf dem Tische.

Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht

aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die

Augen fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran

man sah, daß sie keineswegs schlief.

Als die Gevattersfrau den Trank auf den Tisch gesetzt hatte, erhob sich

Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: »Laßt uns jetzt eine halbe

Viertelstunde allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns ein

bißchen gezankt und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute

Gelegenheit ist.«

»Ich verstehe schon, Ihr macht's gut so!« sagte die Frau und ließ die

zwei bald allein.

»Trinken Sie dies,« sagte Nettchen, die sich wieder gesetzt hatte, »es

wird Ihnen gesund sein!« Sie selbst berührte nichts. Wenzel Strapinski,

der leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie

aus, mehr weil sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er

blickte sie jetzt auch an und als ihre Augen sich begegneten, und

Nettchen forschend die seinigen betrachtete, schüttelte sie das Haupt

und sagte dann: »Wer sind Sie? Was wollten Sie mit mir?«

»Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!« erwiderte er traurig, »ich bin

ein armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung

geben und nicht lange mehr am Leben sein!« Solche Worte sagte er so

überzeugt und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen

unmerklich aufblitzen. Dennoch wiederholte sie: »Ich wünsche zu wissen,

wer Sie eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen?«

»Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wahrheit gemäß

erzählen will,« antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm

bei seinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, wie er

mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ihr Erscheinen

selbst gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume.

Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimgesucht; doch

überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum Ausbruch

gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin gedachten

Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?« -- »Ich weiß es kaum,«

erwiderte er; »ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche Dinge;

auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ich mir denselben

geben wolle, nachdem ich --«

Hier stockte Wenzel und sein bleiches Gesicht wurde ganz rot.

»Nun, fahren Sie fort!« sagte Nettchen, ihrerseits bleich werdend,

indessen ihr Herz wunderlich klopfte.

Da flammten Wenzels Augen groß und süß auf und er rief: »Ja, jetzt ist

es mir klar und deutlich vor Augen, wie es gekommen wäre! Ich wäre mit

dir in die weite Welt gegangen und, nachdem ich einige kurze Tage des

Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mir

gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zurückgekehrt,

wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergessen hättest.

Niemand brauchte darum zu wissen; ich wäre spurlos verschollen. --

Anstatt an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen

Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken,« fuhr er wehmütig fort, »wäre

ich einen Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch über

allen, die weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben

wollen! O hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so

ruhig eingeschlafen!«

Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin.

Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das

durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt

hatte: »Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon

begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide

getan?«

»Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und

mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches

Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder erfahren! Ja, in jenen

Tagen, als der Hang in mir entstanden, etwas Ordentliches zu sein oder

zu scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden

und einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!«

»Was ist dies?« fragte Nettchen.

»Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer

benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen

Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die

anderen Weiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie

kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etwas zierlicher und

gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister,

starb aber früh, und so blieb uns bei größter Armut keine Aussicht auf

glückliche Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte.

Vielmehr mußte sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernähren, und

damit das Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung,

aufopfern. Unerwartet sagte nun jene neu verwitwete Gutsherrin, als ich

etwa sechszehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die

Residenz für immer; die Mutter solle mich mitgeben, es sei schade für

mich in dem Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle

mich etwas Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich in

ihrem Hause leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun

könne. Das schien nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen

mochte. Alles wurde demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter

nachdenklich und traurig wurde und mich eines Tages plötzlich mit vielen

Tränen bat, sie nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie

werde nicht alt werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas

Gutem gelangen, auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das

betrübt hinterbrachte, kam her und machte meiner Mutter Vorstellungen;

aber diese wurde jetzt ganz aufgeregt und rief einmal um das andere, sie

lasse sich ihr Kind nicht rauben; wer es kenne --«

Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht

fortzuhelfen.

Nettchen fragte: »Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie

nicht fort?«

Wenzel errötete und antwortete: »Sie sagte etwas Seltsames, was ich

nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe;

sie meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und

wollte wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder

etwas dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles

Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich

doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir

vor dem Glücke sei. Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte,

stellte es sich heraus, daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich

zu unserem Dorfschneider in die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die

Mutter weinte so sehr, daß ich mich ergab. Dies ist die Geschichte.«

Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort sei und

wann? erwiderte Wenzel: »Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde

unter die Husaren gesteckt und war ein ganz hübscher roter Husar, obwohl

vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem

Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte

nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da

bin ich denn, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereist

und endlich hier in mein Unglück geraten.«

Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei

aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube;

auf einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen.

»Da Sie,« sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen

Wesen, »stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie

ohne Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen

gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen

-- von mir nicht zu reden?«

»Ach Gott,« erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, »eh' ich zu Ihnen kam,

habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt,

ausgenommen --«

»Nun,« sagte Nettchen.

»Nun,« fuhr er fort, »das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und

bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder

acht Jahren, ein seltsames heftiges Kind und doch gut wie Zucker und

schön wie ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer

machen müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig

nach dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer

Unterricht genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich

öfter mit ihm ins Freie, wenn sonst niemand gerade mitgehen konnte.

Dieses Kind nun, als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld

nach Hause führte, fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an,

erklärte mir, ich müßte dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun

wolle. Ich sagte, daß es nicht sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar

beweglich und dringlich zu bitten, indem es mir am Arme hing und mich am

Gehen hinderte, wie Kinder zu tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos

wohl etwas unwirsch frei machte. Da senkte das Mädchen sein Haupt und

suchte beschämt und traurig die Tränen zu unterdrücken, die jetzt

hervorbrachen, und es vermochte kaum das Schluchzen zu bemeistern.

Betroffen wollte ich das Kind begütigen, allein nun wandte es sich

zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem ist mir das schöne Kind

immer im Sinne geblieben und mein Herz hat immer an ihm gehangen,

obgleich ich nie wieder von ihm gehört habe --«

Plötzlich hielt der Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war,

wie erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an.

»Nun,« sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone in gleicher Weise

etwas blaß geworden, »was sehen Sie mich so an?«

Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie

wenn er einen Geist sähe, und rief: »Dieses habe ich auch schon

erblickt. Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie jetzt

bei Ihnen, die schönen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig aufwärts,

daß man sie sich bewegen sah, und so war es auch zuletzt auf dem Felde

in jenem Abendglanze.«

In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne

liegenden Locken Nettchens leise bewegt wie von einem ins Gesicht

wehenden Lufthauche.

Die allezeit etwas kokette Mutter Natur hatte hier eines ihrer

Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen.

Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand

Nettchen auf, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm um

den Hals mit den Worten: »Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein,

und ich will mit dir gehen trotz aller Welt!«

So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener

Seele, indem sie in süßer Leidenschaft ein Schicksal auf sich nahm und

Treue hielt.

Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein

wenig lenken zu wollen; vielmehr faßte sie rasch und keck neue

Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen

Glückeswechsel verloren träumte: »Nun wollen wir gerade nach Seldwyl

gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie

uns erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben!«

Dem wackern Wenzel wollte dies nicht einleuchten. Er wünschte vielmehr

in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu

leben in stillem Glücke, wie er sagte.

Allein Nettchen rief: »Keine Romane mehr! Wie du bist, ein armer

Wandersmann, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen

diesen Stolzen und Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach

Seldwyla gehen und dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die

uns verhöhnt haben, von uns abhängig machen!«

Und wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbeigerufen und von

Wenzel, der anfing seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden

war, fuhren sie ihres Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel.

Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule

wäre. Denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war

just vor drei Tagen volljährig geworden und konnte dem ihrigen folgen.

In Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch eine

Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale

erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: »Ha, da haben wir eine

Entführung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitet!«

Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Braut, und nachdem sie

in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann,

ein anderes gutes Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls

noch hausenden Seldwyler hindurch in ein Zimmer, das er begehrte, und

überließ sie ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie sich das

grimmigste Kopfweh anzutrinken genötigt waren.

Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zeit schon das Wort

»Entführung!« herum.

In aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem

aufgeregten Böhni und Nettchens betroffenem Vater bestiegen. Fast wären

sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, als sie noch

rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen

sahen und zu ihrem Troste vermuteten, daß wenigstens die schönen Pferde

auch nicht weit sein würden. Sie ließen daher ausspannen, als sich die

Vermutung bestätigte und sie die Ankunft und den Aufenthalt Nettchens

vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein.

Es dauerte jedoch eine kleine Weile, bis Nettchen den Vater bitten ließ,

sie auf ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen.

Auch sagte man, sie habe bereits den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen

lassen, welcher im Laufe des Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat

ging etwas schweren Herzens zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf

welche Weise er das desperate Kind am besten aus der Verirrung

zurückführe, und war auf ein verzweifeltes Gebaren gefaßt.

Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie

dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte und

erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem

Vorgefallenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten

Jahre; zweitens wünsche sie ihr bedeutendes mütterliches Erbe an sich zu

nehmen, welches der Vater ja schon lange für den Fall ihrer Verheiratung

bereit gehalten; drittens wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten;

woran vor allem nichts zu ändern sei; viertens wolle sie mit ihm in

Seldwyla wohnen und ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen helfen, und

fünftens und letztens werde alles gut werden; denn sie habe sich

überzeugt, daß er ein guter Mensch sei und sie glücklich machen werde.

Der Amtsrat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen ja

wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung

ihres wahren Glückes je eher je lieber in ihre Hände legen zu können.

Dann aber schilderte er mit aller Bekümmernis, die ihn seit der ersten

Kunde von der schrecklichen Katastrophe erfüllte, das Unmögliche des

Verhältnisses, das sie festhalten wolle und schließlich zeigte er das

große Mittel, durch welches sich der schwere Konflikt allein würdig

lösen lasse. Herr Melchior Böhni sei es, der bereit sei, durch

augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel

niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen ihre Ehre vor der

Welt zu schützen und aufrecht zu halten.

Aber das Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung.

Sie rief, gerade die Ehre sei es, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni

nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen

Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, und den

sie auch leiden könne!

Es gab nun ein fruchtloses Hin- und Widerreden, welches die standhafte

Schöne endlich doch zum Tränenvergießen brachte.

Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf der Treppe

zusammengetroffen, und es drohte eine große Verwirrung zu entstehen, als

auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und

vor der Hand zur friedlichen Besonnenheit mahnte. Als er in wenigen

vorläufigen Worten vernahm, worum es sich handle, ordnete er an, daß vor

allem Wenzel sich in den Wilden Mann zurückziehe und sich dort still

halte, daß auch Herr Böhni sich nicht einmische und fortgehe, daß

Nettchen ihrerseits alle Formen des bürgerlichen guten Tones wahre bis

zum Austrag der Sache und der Vater auf jede Ausübung von Zwang

verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei.

So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für

einige Stunden.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 3 / 26 段