gekannt, eine schlaflose Nacht um die andere, und es ist mit Tadel
hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der Schande, als armer
Schneider entdeckt zu werden und dazustehen als das ehrliche Gewissen
war, was ihm den Schlaf raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas
Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl
der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte jetzt auch
jene Furcht hervor, und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er
beständig den Vorsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur
Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die
Mittel zu gewinnen, aus geheimnisvoller Ferne zu vergüten, um was er die
gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus
allen Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen
mit mehr oder weniger bescheidenem Einsatze, und die daraus entstehende
Korrespondenz, der Empfang der Briefe wurde wiederum als ein Zeichen
wichtiger Beziehungen und Verhältnisse vermerkt.
Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben
sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines Tages von
einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte
Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen. Er
war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu
verstehen schien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem
guten Wagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen
sehr wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden
gradaus zu bezahlen und abzureisen, gedachte er, wie er sich
vorgenommen, eine kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend
einer großen Stadt aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm
verbiete, je wiederzukehren; dabei wolle er seinen Verbindlichkeiten
nachkommen, ein gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe
sich aufs neue und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst
einen anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch
als Schneidermeister in Goldach geblieben und hätte jetzt die Mittel
gehabt, sich da ein bescheidenes Auskommen zu begründen; allein es war
klar, daß er hier nur als Graf leben konnte.
Wegen des sichtlichen Vorzuges und Wohlgefallens, dessen er sich bei
jeder Gelegenheit von Seite des schönen Nettchens zu erfreuen hatte,
waren schon manche Redensarten im Umlauf und er hatte sogar bemerkt, daß
das Fräulein hin und wieder die Gräfin genannt wurde. Wie konnte er
diesem Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das
Schicksal, das ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen
strafen und sich selbst beschämen?
Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel
bekommen, welchen er bei einem Goldacher Haus einkassierte; diese
Verrichtung bestärkte abermals die günstigen Meinungen über seine Person
und Verhältnisse, da die soliden Handelsleute nicht im entferntesten an
einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich
Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes,
einfaches Schwarz gekleidet erschien er und verkündete sogleich den ihn
Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen.
In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt und
Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, seinen
Blicken auszuweichen, bald rot, bald blaß werdend. Dann tanzte sie
mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und
schnell atmend und schlug eine Einladung des Polen, der endlich
herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung aus, ohne ihn anzusehen.
Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen
Mantel um und schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und
nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens
halber so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch
wieder in ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze
Handel eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art.
Wie er so dahin schritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte,
doch unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber und schien, nach
einigen ausgerufenen Worten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen,
obgleich derselbe auf der andern Seite des Hauses stand und hier nur
Winterkohlköpfe und eingewickelte Rosenbäumchen den Schlaf der Gerechten
verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und da er jetzt mit klopfendem
Herzen ihr im Wege stand und bittend die Hände nach ihr ausstreckte,
fiel sie ihm ohne weiteres um den Hals und fing jämmerlich an zu weinen.
Er bedeckte ihre glühenden Wangen mit seinen fein duftenden dunklen
Locken und sein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweiße
Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlersflügeln; es war ein
wahrhaft schönes Bild, das seine Berechtigung ganz allein in sich selbst
zu tragen schien.
Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstand und gewann
das Glück, das öfter den Unverständigen hold ist. Nettchen eröffnete
ihrem Vater noch in selbiger Nacht beim Nachhausefahren, daß kein
anderer als der Graf der Ihrige sein werde; dieser erschien am Morgen in
aller Frühe, um bei dem Vater liebenswürdig, schüchtern und
melancholisch wie immer, um sie zu werben, und der Vater hielt folgende
Rede: »So hat sich denn das Schicksal und der Wille dieses törichten
Mädchens erfüllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortwährend, nur
einen Italiener oder einen Polen, einen großen Pianisten oder einen
Räuberhauptmann mit schönen Locken heiraten zu wollen, und nun haben wir
die Bescherung! Alle inländischen wohlmeinenden Anträge hat sie
ausgeschlagen, noch neulich mußte ich den gescheiten und tüchtigen
Melchior Böhni heimschicken, der noch große Geschäfte machen wird, und
sie hat ihn noch schrecklich verhöhnt, weil er nur ein rötliches
Backenbärtchen trägt und aus einem silbernen Döschen schnupft! Nun, Gott
sei Dank, ist ein polnischer Graf da aus wildester Ferne! Nehmen Sie die
Gans, Herr Graf, und schicken Sie mir dieselbe wieder, wenn sie in Ihrer
Polackei friert und einst unglücklich wird und heult! Ach, was würde die
selige Mutter für ein Entzücken genießen, wenn sie noch erlebt hätte,
daß das verzogene Kind eine Gräfin geworden ist!«
Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung
gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß der künftige
Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenden Reisen nicht
durch Heiratssachen dürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die
Beförderung jener beschleunigen müsse.
Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihn die Hälfte
seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte er zu
einem Feste, das er seiner Braut geben wollte. Es war eben
Fastnachtszeit und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes
Winterwetter. Die Landstraßen boten die prächtigste Schlittenbahn, wie
sie nur selten entsteht und sich hält, und Herr von Strapinski
veranstaltete darum eine Schlittenfahrt und einen Ball in dem für solche
Feste beliebten stattlichen Gasthause, welches auf einer Hochebene mit
der schönsten Aussicht gelegen war, etwa zwei gute Stunden entfernt und
genau in der Mitte zwischen Goldach und Seldwyla.
Um diese Zeit geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt
Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in
einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und
es geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, wie die
Goldacher, auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen
Orte, und zwar eine kostümierte oder Maskenfahrt.
So fuhr denn der Goldacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter
Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der
Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt herniedersahen, und
zum Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinski mit seiner Braut, in
einem polnischen Überrock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt und
schwer mit Pelz verbrämt und gefüttert. Nettchen war ganz in weißes
Pelzwerk gehüllt; blaue Schleier schützten ihr Gesicht gegen die frische
Luft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat war durch irgend ein
plötzliches Ereignis verhindert worden, mitzufahren; doch war es sein
Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes
Frauenbild als Schlittenzierat vor sich, die Fortuna vorstellend; denn
die Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna.
Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gefährte mit je einem Herren und
einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines der Paare so schön
und stattlich, wie das Brautpaar. Die Schlitten trugen, wie die
Meerschiffe ihre Galions, immer das Sinnbild des Hauses, dem jeder
angehörte, so daß das Volk rief: »Seht, da kommt die Tapferkeit! wie
schön ist die Tüchtigkeit! Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu
sein und die Sparsamkeit frisch vergoldet! Ah, der Jakobsbrunnen und
der Teich Bethesda!« Im Teiche Bethesda, welcher als bescheidener
Einspänner den Zug schloß, kutschierte Melchior Böhni still und
vergnügt. Als Galion seines Fahrzeuges hatte er das Bild jenes jüdischen
Männchens vor sich, welcher an besagtem Teiche dreißig Jahre auf sein
Heil gewartet. So segelte denn das Geschwader im Sonnenscheine dahin und
erschien bald auf der weithin schimmernden Höhe, dem Ziele sich nahend.
Da ertönte gleichzeitig von der entgegengesetzten Seite lustige Musik.
Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten
Farben und Gestalten und entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher
hoch am weißen Feldrande sich auf den blauen Himmel zeichnete und
ebenfalls nach der Mitte der Gegend hinglitt, von abenteuerlichem
Anblick. Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je
zwei zusammengebunden, um absonderlichen Gebilden und Schaustellungen
zur Unterlage zu dienen. Auf dem vordersten Fuhrwerke ragte eine
kolossale Figur empor, die Göttin Fortuna vorstellend, welche in den
Äther hinaus zu fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll
schimmernden Flittergoldes, deren Gazegewänder in der Luft flatterten.
Auf dem zweiten Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock
einher, schwarz und düster abstechend und mit gesenkten Hörnern der
Fortuna nachjagend. Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich
als ein fünfzehn Schuh hohes Bügeleisen darstellte, dann eine gewaltig
schnappende Schere, welche mittels einer Schnur auf- und zugeklappt
wurde und das Himmelszelt für einen blauseidenen Westenstoff anzusehen
schien. Andere solche landläufige Anspielungen auf das Schneiderwesen
folgten noch, und zu Füßen aller dieser Gebilde saß auf den geräumigen,
je von vier Pferden gezogenen Schlitten die Seldwyler Gesellschaft in
buntester Tracht, mit lautem Gelächter und Gesang.
Als beide Züge gleichzeitig auf dem Platze vor dem Gasthause auffuhren,
gab es demnach einen geräuschvollen Auftritt und ein großes Gedränge von
Menschen und Pferden. Die Herrschaften von Goldach waren überrascht und
erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen
stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich bescheiden. Ihr
vorderster Schlitten mit der Fortuna trug die Inschrift »Leute machen
Kleider« und so ergab es sich denn, daß die ganze Gesellschaft lauter
Schneidersleute von allen Nationen und aus allen Zeitaltern darstellte.
Es war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiderfestzug,
welcher mit der umgekehrten und ergänzenden Inschrift abschloß: »Kleider
machen Leute!« In dem letzten Schlitten mit dieser Überschrift saßen
nämlich, als das Werk der vorausgefahrenen heidnischen und christlichen
Nahtbeflissenen aller Art, ehrwürdige Kaiser und Könige, Ratsherren und
Stabsoffiziere, Prälaten und Stiftsdamen in höchster Gravität.
Diese Schneiderwelt wußte sich gewandt aus dem Wirrwarr zu ordnen und
ließ die Goldacher Herren und Damen, das Brautpaar an deren Spitze,
bescheiden ins Haus spazieren, um nachher die unteren Räume desselben,
welche für sie bestellt waren, zu besetzen, während jene die breite
Treppe empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des
Herren Grafen fand dies Benehmen schicklich und ihre Überraschung
verwandelte sich in Heiterkeit und beifälliges Lächeln über die
unverwüstliche Laune der Seldwyler; nur der Graf selbst hegte gar dunkle
Empfindungen, die ihm nicht behagten, obgleich er in der jetzigen
Voreingenommenheit seiner Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte und
nicht einmal bemerkt hatte, woher die Leute gekommen waren. Melchior
Böhni, der seinen Teich Bethesda sorglich bei Seite gebracht hatte und
sich aufmerksam in der Nähe Strapinskis befand, nannte laut, daß dieser
es hören konnte, eine ganz andre Ortschaft als den Ursprungsort des
Maskenzuges.
Bald saßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den
gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden
hin, in Erwartung weiterer Freuden.
Die kündigten sich denn auch für die Goldacher an, als sie paarweise in
den Tanzsaal hinüber schritten und dort die Musiker schon ihre Geigen
stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Reihen ordnen
wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das
freundnachbarliche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen
von Goldach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen
einen Schautanz aufzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl
zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen
Seldwylern einen tüchtigen Spaß und setzte sich daher nach der Anordnung
der besagten Gesandtschaft in einem großen Halbring, in dessen Mitte
Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen.
Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander ein.
Jede führte in zierlichem Gebärdenspiel den Satz »Leute machen Kleider«
und dessen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend ein
stattliches Kleidungsstück, einen Fürstenmantel, Priestertalar und
dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit
bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen
aufrichtete und nach dem Takte der Musik feierlich einherging. Auch die
Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige
Krähe erschien, die sich mit Pfauenfedern schmückte und quakend
umherhüpfte, ein Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte,
schließlich ein Esel, der eine furchtbare Löwenhaut von Werg trug und
sich heroisch damit drapierte, wie mit einem Karbonarimantel.
Alle, die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und
machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Ring
von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem
Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und
zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen
sämtlich auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann in
dunklem Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze;
es war niemand anders als der Graf Strapinski, wie er an jenem
Novembertag auf der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen
bestiegen hatte.
Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche
feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat,
dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden
breitete, sich schneidermäßig darauf niedersetzte und anfing ein Bündel
auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie
ihn Strapinski in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und
Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn
schulgerecht aus, indem er das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen
Fingern prüfte. Dann richtete er sich langsam auf, zog seinen
fadenscheinigen Rock aus und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen,
kämmte sich und vollendete seinen Anzug, daß er endlich als das
leibhafte Ebenbild des Grafen dastand. Unversehens ging die Musik in
eine rasche, mutige Weise über, der Mann wickelte seine Siebensachen in
den alten Mantel und warf das Pack weit über die Köpfe der Anwesenden
hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte er sich ewig von seiner
Vergangenheit trennen. Hierauf beging er als stolzer Weltmann in
stattlichen Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den Anwesenden
huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Plötzlich faßte
er den Polen, ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als eine Säule
vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik
aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.
»Ei ei ei ei!« rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den
Arm gegen den Unglücklichen aus, »sieh da den Bruder Schlesier, den
Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer
kleinen Geschäftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun es
freut mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche
Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?«
Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die Hand,
welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während
der Doppelgänger rief: »Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften
Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmägden,
auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen
übergeschnappt ist!«
Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um
Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig
die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte.
Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die
Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum
Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohl einstudierten
diabolischen Lachchores aus dem Saale, während die Goldacher, unter
welchen Böhni die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten
gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten,
so daß es einen großen Tumult gab.
Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige
Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein
paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen,
unschlüssig, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht.
Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem steinernen
ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den
unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.
Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem
Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.
Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die
Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben
fielen.
Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen bedeckten,
hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt
stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen
passieren, indem sie ihm still auswichen ohne zu lachen oder harte Worte
nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten
und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem
Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewußt,
nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe
Straße gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten
hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes,
durch welchen sich die Straße zog. Er war barhäuptig, denn seine
Polenmütze war im Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst
den Handschuhen, und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die
frierenden Hände unter die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während
seine Gedanken sich allmählich sammelten und zu einigem Erkennen
gelangten. Das erste deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war
dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher
Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wäre durch
Hereinbrechen irgend eines verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich
dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er
hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwünschte Stadt nie
ein Vergehen zu Schulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die
Kindheit zurückreichten, war ihm nicht erinnerlich, daß er je wegen
einer Lüge oder einer Täuschung gestraft oder gescholten worden wäre,
und nun war er ein Betrüger geworden dadurch, daß die Torheit der Welt
ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke überfallen
und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht hatte. Er kam sich wie ein Kind
vor, welches ein anderes boshaftes Kind überredet hat, von einem Altare
den Kelch zu stehlen; er haßte und verachtete sich jetzt, aber er weinte
auch über sich und seine unglückliche Verirrung.
Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner
Kirche ohne Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe mit
Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile
eines hohen Lehramtes inne hat und genießt, ohne von der Höhe seiner
Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den
kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit
leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und
Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der
einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine
Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und
Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern
erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne
aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde.
Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, das heißt er fing
solches plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an
der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und
sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und
die Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene
Glück und machten aus dem unklar verliebten Irrgänger einen verstoßenen
Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor
und taumelte mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder
still und schüttelte den Kopf, als plötzlich ein roter Schein den Schnee
um ihn her erreichte und zugleich Schellenklang und Gelächter ertönte.
Es waren die Seldwyler, welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon
näherten sich ihm die ersten Pferde mit ihren Nasen; da raffte er sich
auf, tat einen gewaltigen Sprung über den Straßenrand und duckte sich
unter die vordersten Stämme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und
verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt
worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht
hatte, von der Kälte wie von den erst genossenen feurigen Getränken und
seiner gramvollen Dummheit übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder
aus und schlief ein auf dem knisternden Schnee, während ein eiskalter
Hauch von Osten heranzuwehen begann.
Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sie hatte
dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß
länger als eine Stunde unbeweglich da und stand dann auf, indem sie
bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei
Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten;
sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu
verschaffen, in welche Dinge sie sich sodann stumm verhüllte, die Augen
mit dem Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast
immer zugleich auch die Nase schneuzen muß, so sah sie sich doch
genötigt, das Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz,
worauf sie stolz und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein
geriet Melchior Böhni, der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd
näherte und ihr die Notwendigkeit darstellte, nunmehr einen Führer und
Begleiter nach dem väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda,
sagte er, werde er hier im Gasthause zurücklassen und dafür die Fortuna
mit der verehrten Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten.