Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten s

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Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

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Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext#]

Gottfried Kellers

Gesammelte Werke

Fünfter Band

[Illustration: Verlags-Logo]

Stuttgart und Berlin 1913

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

* * * * *

DIE LEUTE VON SELDWYLA

Erzählungen von

GOTTFRIED KELLER

Zweiter Band

74.-78. Auflage

[Illustration: Verlags-Logo]

Stuttgart und Berlin 1913

J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

Alle Rechte vorbehalten

Inhalt

Seite

Einleitung 7

Kleider machen Leute 11

Der Schmied seines Glückes 66

Die mißbrauchten Liebesbriefe 101

Dietegen 188

Das verlorene Lachen 260

Seit die erste Hälfte dieser Erzählungen erschienen, streiten sich etwa

sieben Städte im Schweizerlande darum, welche unter ihnen mit Seldwyla

gemeint sei; und da nach alter Erfahrung der eitle Mensch lieber für

schlimm, glücklich und kurzweilig, als für brav aber unbeholfen und

einfältig gelten will, so hat jede dieser Städte dem Verfasser ihr

Ehrenbürgerrecht angeboten für den Fall, daß er sich für sie erkläre.

Weil er aber schon eine Heimat besitzt, die hinter keinem jener

ehrgeizigen Gemeinwesen zurücksteht, so suchte er sie dadurch zu

beschwichtigen, daß er ihnen vorgab, es rage in jeder Stadt und in jedem

Tale der Schweiz ein Türmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei

mithin als eine Zusammenstellung solcher Türmchen, als eine ideale Stadt

zu betrachten, welche nur auf den Bergnebel gemalt sei und mit ihm

weiterziehe, bald über diesen, bald über jenen Gau, und vielleicht da

oder dort über die Grenze des lieben Vaterlandes, über den alten

Rheinstrom hinaus.

Während aber einige der Städte hartnäckig fortfahren, sich ihres Homers

schon bei dessen Lebzeiten versichern zu wollen, hat sich mit dem

wirklichen Seldwyla eine solche Veränderung zugetragen, daß sich sein

sonst durch Jahrhunderte gleich gebliebener Charakter in weniger als

zehn Jahren geändert hat und sich ganz in sein Gegenteil zu verwandeln

droht.

Oder, wahrer gesagt, hat sich das allgemeine Leben so gestaltet, daß die

besonderen Fähigkeiten und Nücken der wackeren Seldwyler sich herrlicher

darin entwickeln können, ein günstiges Fahrwasser, ein dankbares

Ackerfeld daran haben, auf welchem gerade sie Meister sind und dadurch

zu gelungenen, beruhigten Leuten werden, die sich nicht mehr von der

braven übrigen Welt unterscheiden.

Es ist insonderlich die überall verbreitete Spekulationsbetätigung in

bekannten und unbekannten Werten, welche den Seldwylern ein Feld

eröffnet hat, das für sie wie seit Urbeginn geschaffen schien und sie

mit _einem_ Schlage Tausenden von ernsthaften Geschäftsleuten

gleichstellte.

Das gesellschaftliche Besprechen dieser Werte, das Herumspazieren zum

Auftrieb eines Geschäftes, mit welchem keine weitere Arbeit verbunden

ist, als das Erdulden mannigfacher Aufregung, das Eröffnen oder Absenden

von Depeschen und hundert ähnliche Dinge, die den Tag ausfüllen, sind so

recht ihre Sache. Jeder Seldwyler ist nun ein geborener Agent oder

dergleichen, und sie wandern als solche förmlich aus, wie die Engadiner

Zuckerbäcker, die Tessiner Gipsarbeiter und die savoyischen Kaminfeger.

Statt der ehemaligen dicken Brieftasche mit zerknitterten Schuldscheinen

und Bagatellwechseln führen sie nun elegante kleine Notizbücher, in

welchen die Aufträge in Aktien, Obligationen, Baumwolle oder Seide kurz

notiert werden. Wo irgend eine Unternehmung sich auftut, sind einige

von ihnen bei der Hand, flattern wie die Sperlinge um die Sache herum

und helfen sie ausbreiten. Gelingt es einem, für sich selbst einen

Gewinn zu erhaschen, so steuert er stracks damit seitwärts, wie der

Karpfen mit dem Regenwurm, und taucht vergnügt an einem andern Lockort

wieder auf.

Immer sind sie in Bewegung und kommen mit aller Welt in Berührung. Sie

spielen mit den angesehensten Geschäftsmännern Karten und verstehen es

vortrefflich, zwischen dem Ausspielen schnelle Antworten auf

Geschäftsfragen zu geben oder ein bedeutsames Schweigen zu beobachten.

Dabei sind sie jedoch bereits einsilbiger und trockener geworden; sie

lachen weniger als früher und finden fast keine Zeit mehr, auf Schwänke

und Lustbarkeiten zu sinnen.

Schon sammelt sich da und dort einiges Vermögen an, welches bei

eintretenden Handelskrisen zwar zittert wie Espenlaub, oder sich sogar

still wieder auseinander begibt wie eine ungesetzliche Versammlung, wenn

die Polizei kommt.

Aber statt der früheren plebejisch-gemütlichen Konkurse und

Verlumpungen, die sie untereinander abspielten, gibt es jetzt vornehme

Akkommodements mit stattlichen auswärtigen Gläubigern, anständig

besprochene Schicksalswendungen, welche annäherungsweise wie etwas

Rechtes aussehen, sodann Wiederaufrichtungen, und nur selten muß noch

einer vom Schauplatze abtreten.

Von der Politik sind sie beinahe ganz abgekommen, da sie glauben, sie

führe immer zum Kriegswesen; als angehende Besitzlustige fürchten und

hassen sie aber alle Kriegsmöglichkeiten, wie den baren Teufel, während

sie sonst hinter ihren Bierkrügen mit der ganzen alten Pentarchie zumal

Krieg führten. So sind sie, ehemals die eifrigsten Kannegießer, dahin

gelangt, sich ängstlich vor jedem Urteil in politischen Dingen zu hüten,

um ja kein Geschäft, bewußt oder unbewußt, auf ein solches zu stützen,

da sie das blinde Vertrauen auf den Zufall für solider halten.

Aber eben durch alles das verändert sich das Wesen der Seldwyler; sie

sehen, wie gesagt, schon aus wie andere Leute; es ereignet sich nichts

mehr unter ihnen, was der beschaulichen Aufzeichnung würdig wäre, und es

ist daher an der Zeit, in ihrer Vergangenheit und den guten lustigen

Tagen der Stadt noch eine kleine Nachernte zu halten, welcher Tätigkeit

die nachfolgenden weiteren fünf Erzählungen ihr Dasein verdanken.

Kleider machen Leute

An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein

auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur

wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner

Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgend

einer Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte

wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihm

ordentlich von diesem Drehen und Reiben, denn er hatte wegen des

Fallimentes irgend eines Seldwyler Schneidermeisters seinen Arbeitslohn

mit der Arbeit zugleich verlieren und auswandern müssen. Er hatte noch

nichts gefrühstückt als einige Schneeflocken, die ihm in den Mund

geflogen, und er sah noch weniger ab, wo das geringste Mittagsbrot

herwachsen sollte. Das Fechten fiel ihm äußerst schwer, ja schien ihm

gänzlich unmöglich, weil er über seinem schwarzen Sonntagskleide,

welches sein einziges war, einen weiten dunkelgrauen Radmantel trug, mit

schwarzem Sammet ausgeschlagen, der seinem Träger ein edles und

romantisches Aussehen verlieh, zumal dessen lange schwarze Haare und

Schnurrbärtchen sorgfältig gepflegt waren und er sich blasser aber

regelmäßiger Gesichtszüge erfreute.

Solcher Habitus war ihm zum Bedürfnis geworden, ohne daß er etwas

Schlimmes oder Betrügerisches dabei im Schilde führte; vielmehr war er

zufrieden, wenn man ihn nur gewähren und im stillen seine Arbeit

verrichten ließ; aber lieber wäre er verhungert, als daß er sich von

seinem Radmantel und von seiner polnischen Pelzmütze getrennt hätte, die

er ebenfalls mit großem Anstand zu tragen wußte.

Er konnte deshalb nur in größeren Städten arbeiten, wo solches nicht zu

sehr auffiel; wenn er wanderte und keine Ersparnisse mitführte, geriet

er in die größte Not. Näherte er sich einem Hause, so betrachteten ihn

die Leute mit Verwunderung und Neugierde und erwarteten eher alles

andere, als daß er betteln würde; so erstarben ihm, da er überdies nicht

beredt war, die Worte im Munde, also daß er der Märtyrer seines Mantels

war und Hunger litt, so schwarz wie des letzteren Sammetfutter.

Als er bekümmert und geschwächt eine Anhöhe hinauf ging, stieß er auf

einen neuen und bequemen Reisewagen, welchen ein herrschaftlicher

Kutscher in Basel abgeholt hatte und seinem Herrn überbrachte, einem

fremden Grafen, der irgendwo in der Ostschweiz auf einem gemieteten oder

angekauften alten Schlosse saß. Der Wagen war mit allerlei Vorrichtungen

zur Aufnahme des Gepäckes versehen und schien deswegen schwer bepackt zu

sein, obgleich alles leer war. Der Kutscher ging wegen des steilen Weges

neben den Pferden, und als er oben angekommen den Bock wieder bestieg,

fragte er den Schneider, ob er sich nicht in den leeren Wagen setzen

wolle. Denn es fing eben an zu regnen und er hatte mit einem Blicke

gesehen, daß der Fußgänger sich matt und kümmerlich durch die Welt

schlug.

Derselbe nahm das Anerbieten dankbar und bescheiden an, worauf der Wagen

rasch mit ihm von dannen rollte und in einer kleinen Stunde stattlich

und donnernd durch den Torbogen von Goldach fuhr. Vor dem ersten

Gasthofe, zur Wage genannt, hielt das vornehme Fuhrwerk plötzlich, und

alsogleich zog der Hausknecht so heftig an der Glocke, daß der Draht

beinahe entzwei ging. Da stürzten Wirt und Leute herunter und rissen den

Schlag auf; Kinder und Nachbaren umringten schon den prächtigen Wagen,

neugierig, welch' ein Kern sich aus so unerhörter Schale enthülsen

werde, und als der verdutzte Schneider endlich hervorsprang in seinem

Mantel, blaß und schön und schwermütig zur Erde blickend, schien er

ihnen wenigstens ein geheimnisvoller Prinz oder Grafensohn zu sein. Der

Raum zwischen dem Reisewagen und der Pforte des Gasthauses war schmal

und im übrigen der Weg durch die Zuschauer ziemlich gesperrt. Mochte es

nun der Mangel an Geistesgegenwart oder an Mut sein, den Haufen zu

durchbrechen und einfach seines Weges zu gehen, -- er tat dieses nicht,

sondern ließ sich willenlos in das Haus und die Treppe hinangeleiten und

bemerkte seine neue seltsame Lage erst recht, als er sich in einen

wohnlichen Speisesaal versetzt sah und ihm sein ehrwürdiger Mantel

dienstfertig abgenommen wurde.

»Der Herr wünscht zu speisen?« hieß es, »gleich wird serviert werden, es

ist eben gekocht!«

Ohne eine Antwort abzuwarten lief der Wagwirt in die Küche und rief:

»Ins drei Teufels Namen! Nun haben wir nichts als Rindfleisch und die

Hammelskeule! Die Rebhuhnpastete darf ich nicht anschneiden, da sie für

die Abendherren bestimmt und versprochen ist. So geht es! Den einzigen

Tag, wo wir keinen solchen Gast erwarten und nichts da ist, muß ein

solcher Herr kommen! Und der Kutscher hat ein Wappen auf den Knöpfen und

der Wagen ist wie der eines Herzogs! und der junge Mann mag kaum den

Mund öffnen vor Vornehmheit!«

Doch die ruhige Köchin sagte: »Nun, was ist denn da zu lamentieren,

Herr? Die Pastete tragen Sie nur kühn auf, die wird er doch nicht

aufessen! Die Abendherren bekommen sie dann portionenweise, sechs

Portionen wollen wir schon noch herausbringen!«

»Sechs Portionen? Ihr vergeßt wohl, daß die Herren sich satt zu essen

gewohnt sind!« meinte der Wirt, allein die Köchin fuhr unerschüttert

fort: »Das sollen sie auch! Man läßt noch schnell ein halbes Dutzend

Kotelettes holen, die brauchen wir so wie so für den Fremden, und was er

übrig läßt, schneide ich in kleine Stückchen und menge sie unter die

Pastete, da lassen Sie nur mich machen!«

Doch der wackere Wirt sagte ernsthaft: »Köchin, ich habe Euch schon

einmal gesagt, daß dergleichen in dieser Stadt und in diesem Hause nicht

angeht! Wir leben hier solid und ehrenfest und vermögen es!«

»Ei der Tausend, ja, ja!« rief die Köchin endlich etwas aufgeregt, »wenn

man sich dann nicht zu helfen weiß, so opfere man die Sache! Hier sind

zwei Schnepfen, die ich den Augenblick vom Jäger gekauft habe, die kann

man am Ende der Pastete zusetzen! Eine mit Schnepfen gefälschte

Rebhuhnpastete werden die Leckermäuler nicht beanstanden! Sodann sind

auch die Forellen da, die größte habe ich in das siedende Wasser

geworfen, wie der merkwürdige Wagen kam, und da kocht auch schon die

Brühe im Pfännchen, so haben wir also einen Fisch, das Rindfleisch, das

Gemüse mit den Kotelettes, den Hammelsbraten und die Pastete; geben Sie

nur den Schlüssel, daß man das Eingemachte und den Dessert herausnehmen

kann! Und den Schlüssel könnten Sie, Herr! mir mit Ehren und Zutrauen

übergeben, damit man Ihnen nicht allerorten nachspringen muß und oft in

die größte Verlegenheit gerät!«

»Liebe Köchin! Das braucht Ihr nicht übel zu nehmen, ich habe meiner

seligen Frau am Totbette versprechen müssen, die Schlüssel immer in

Händen zu behalten; sonach geschieht es grundsätzlich und nicht aus

Mißtrauen! Hier sind die Gurken und hier die Kirschen, hier die Birnen

und hier die Aprikosen; aber das alte Konfekt darf man nicht mehr

aufstellen; geschwind soll die Lise zum Zuckerbeck laufen und frisches

Backwerk holen, drei Teller, und wenn er eine gute Torte hat, soll er

sie auch gleich mitgeben!«

»Aber Herr! Sie können ja dem einzigen Gast das nicht alles aufrechnen,

das schlägt's beim besten Willen nicht heraus!«

»Tut nichts, es ist um die Ehre! Das bringt mich nicht um; dafür soll

ein großer Herr, wenn er durch unsere Stadt reist, sagen können, er habe

ein ordentliches Essen gefunden, obgleich er ganz unerwartet und im

Winter gekommen sei! Es soll nicht heißen, wie von den Wirten zu

Seldwyl, die alles Gute selber fressen und den Fremden die Knochen

vorsetzen! Also frisch, munter, sputet Euch allerseits!«

Während dieser umständlichen Zubereitungen befand sich der Schneider in

der peinlichsten Angst, da der Tisch mit glänzendem Zeuge gedeckt wurde,

und so heiß sich der ausgehungerte Mann vor kurzem noch nach einiger

Nahrung gesehnt hatte, so ängstlich wünschte er jetzt, der drohenden

Mahlzeit zu entfliehen. Endlich faßte er sich einen Mut, nahm seinen

Mantel um, setzte die Mütze auf und begab sich hinaus, um den Ausweg zu

gewinnen. Da er aber in seiner Verwirrung, und in dem weitläufigen Hause

die Treppe nicht gleich fand, so glaubte der Kellner, den der Teufel

beständig umhertrieb, jener suche eine gewisse Bequemlichkeit, rief:

»Erlauben Sie gefälligst, mein Herr, ich werde Ihnen den Weg weisen!«

und führte ihn durch einen langen Gang, der nirgend anders endigte, als

vor einer schönen lackierten Türe, auf welcher eine zierliche Inschrift

angebracht war.

Also ging der Mantelträger ohne Widerspruch, sanft wie ein Lämmlein,

dort hinein und schloß ordentlich hinter sich zu. Dort lehnte er sich

bitterlich seufzend an die Wand, und wünschte der goldenen Freiheit der

Landstraße wieder teilhaftig zu sein, welche ihm jetzt, so schlecht das

Wetter war, als das höchste Glück erschien.

Doch verwickelte er sich jetzt in die erste selbsttätige Lüge, weil er

in dem verschlossenen Raum ein wenig verweilte und er betrat hiermit den

abschüssigen Weg des Bösen.

Unterdessen schrie der Wirt, der ihn gesehen hatte im Mantel dahingehen:

»Der Herr friert! heizt mir ein im Saal! Wo ist die Lise, wo ist die

Anne? Rasch einen Korb Holz in den Ofen und einige Hände voll Späne, daß

es brennt! Zum Teufel, sollen die Leute in der Wage im Mantel zu Tisch

sitzen?«

Und als der Schneider wieder aus dem langen Gange hervorgewandelt kam,

melancholisch wie der umgehende Ahnherr eines Stammschlosses, begleitete

er ihn mit hundert Komplimenten und Handreibungen wiederum in den

verwünschten Saal hinein. Dort wurde er ohne ferneres Verweilen an den

Tisch gebeten, der Stuhl zurechtgerückt und da der Duft der kräftigen

Suppe, dergleichen er lange nicht gerochen, ihn vollends seines Willens

beraubte, so ließ er sich in Gottes Namen nieder und tauchte sofort den

schweren Löffel in die braungoldene Brühe. In tiefem Schweigen

erfrischte er seine matten Lebensgeister und wurde mit achtungsvoller

Stille und Ruhe bedient.

Als er den Teller geleert hatte und der Wirt sah, daß es ihm so wohl

schmeckte, munterte er ihn höflich auf, noch einen Löffel voll zu

nehmen, das sei gut bei dem rauhen Wetter. Nun wurde die Forelle

aufgetragen, mit Grünem bekränzt, und der Wirt legte ein schönes Stück

vor. Doch der Schneider, von Sorgen gequält, wagte in seiner Blödigkeit

nicht, das blanke Messer zu brauchen, sondern hantierte schüchtern und

zimperlich mit der silbernen Gabel daran herum. Das bemerkte die Köchin,

welche zur Tür hineinguckte, den großen Herren zu sehen, und sie sagte

zu den Umstehenden: »Gelobt sei Jesus Christ! Der weiß noch einen feinen

Fisch zu essen, wie es sich gehört, der sägt nicht mit dem Messer in dem

zarten Wesen herum, wie wenn er ein Kalb schlachten wollte. Das ist ein

Herr von großem Hause, darauf wollt' ich schwören, wenn es nicht

verboten wäre! Und wie schön und traurig er ist! Gewiß ist er in ein

armes Fräulein verliebt, das man ihm nicht lassen will! Ja, ja, die

vornehmen Leute haben auch ihre Leiden!«

Inzwischen sah der Wirt, daß der Gast nicht trank, und sagte

ehrerbietig: »Der Herr mögen den Tischwein nicht, befehlen Sie

vielleicht ein Glas guten Bordeaux, den ich bestens empfehlen kann?«

Da beging der Schneider den zweiten selbsttätigen Fehler, indem er aus

Gehorsam ja statt nein sagte, und alsobald verfügte sich der Wagwirt

persönlich in den Keller, um eine ausgesuchte Flasche zu holen; denn es

lag ihm alles daran, daß man sagen könne, es sei etwas Rechtes im Ort zu

haben. Als der Gast von dem eingeschenkten Wein wiederum aus bösem

Gewissen ganz kleine Schlücklein nahm, lief der Wirt voll Freuden in die

Küche, schnalzte mit der Zunge und rief: »Hol' mich der Teufel, der

versteht's, der schlürft meinen guten Wein auf die Zunge, wie man einen

Dukaten auf die Goldwage legt!«

»Gelobt sei Jesus Christ!« sagte die Köchin, »ich hab's behauptet, daß

er's versteht!«

So nahm die Mahlzeit denn ihren Verlauf und zwar sehr langsam, weil der

arme Schneider immer zimperlich und unentschlossen aß und trank und der

Wirt, um ihm Zeit zu lassen, die Speisen genugsam stehen ließ. Trotzdem

war es nicht der Rede wert, was der Gast bis jetzt zu sich genommen;

vielmehr begann der Hunger, der immerfort so gefährlich gereizt wurde,

nun den Schrecken zu überwinden, und als die Pastete von Rebhühnern

erschien, schlug die Stimmung des Schneiders gleichzeitig um und ein

fester Gedanke begann sich in ihm zu bilden. »Es ist jetzt einmal, wie

es ist,« sagte er sich, von einem neuen Tröpflein Weines erwärmt und

aufgestachelt; »nun wäre ich ein Tor, wenn ich die kommende Schande und

Verfolgung ertragen wollte, ohne mich dafür sattgegessen zu haben! Also

vorgesehen, weil es noch Zeit ist! Das Türmchen, was sie da aufgestellt

haben, dürfte leichtlich die letzte Speise sein, daran will ich mich

halten, komme was da wolle! Was ich einmal im Leibe habe, kann mir kein

König wieder rauben!«

Gesagt, getan; mit dem Mute der Verzweiflung hieb er in die leckere

Pastete, ohne an ein Aufhören zu denken, so daß sie in weniger als fünf

Minuten zur Hälfte geschwunden war und die Sache für die Abendherren

sehr bedenklich zu werden begann. Fleisch, Trüffeln, Klößchen, Boden,

Deckel, alles schlang er ohne Ansehen der Person hinunter, nur besorgt,

sein Ränzchen voll zu packen, ehe das Verhängnis hereinbräche; dazu

trank er den Wein in tüchtigen Zügen und steckte große Brotbissen in den

Mund; kurz es war eine so hastig belebte Einfuhr, wie wenn bei

aufsteigendem Gewitter das Heu von der nahen Wiese gleich auf der Gabel

in die Scheune geflüchtet wird. Abermals lief der Wirt in die Küche und

rief: »Köchin! Er ißt die Pastete auf, während er den Braten kaum

berührt hat! Und den Bordeaux trinkt er in halben Gläsern!«

»Wohl bekomm' es ihm,« sagte die Köchin, »lassen Sie ihn nur machen, der

weiß, was Rebhühner sind! Wär' er ein gemeiner Kerl, so hätte er sich an

den Braten gehalten!«

»Ich sag's auch,« meinte der Wirt, »es sieht sich zwar nicht ganz

elegant an; aber so hab' ich, als ich zu meiner Ausbildung reiste, nur

Generäle und Kapitelsherren essen sehen!«

Unterdessen hatte der Kutscher die Pferde füttern lassen und selbst ein

handfestes Essen eingenommen in der Stube für das untere Volk, und da er

Eile hatte, ließ er bald wieder anspannen. Die Angehörigen des Gasthofes

zur Wage konnten sich nun nicht länger enthalten und fragten, eh' es zu

spät wurde, den herrschaftlichen Kutscher geradezu, wer sein Herr da

oben sei, und wie er heiße? Der Kutscher, ein schalkhafter und

durchtriebener Kerl, versetzte: »Hat er es noch nicht selbst gesagt?«

»Nein,« hieß es, und er erwiderte: »Das glaub' ich wohl, der spricht

nicht viel in einem Tage; nun, es ist der Graf Strapinski! Er wird aber

heut und vielleicht einige Tage hier bleiben, denn er hat mir befohlen

mit dem Wagen vorauszufahren.«

Er machte diesen schlechten Spaß, um sich an dem Schneiderlein zu

rächen, das, wie er glaubte, statt ihm für seine Gefälligkeit ein Wort

des Dankes und des Abschiedes zu sagen, sich ohne Umsehen in das Haus

begeben hatte und den Herren spielte. Seine Eulenspiegelei aufs äußerste

treibend, bestieg er auch den Wagen, ohne nach der Zeche für sich und

die Pferde zu fragen, schwang die Peitsche und fuhr aus der Stadt, und

alles ward so in der Ordnung befunden und dem guten Schneider aufs

Kerbholz gebracht.

Nun mußte es sich aber fügen, daß dieser, ein geborener Schlesier,

wirklich Strapinski hieß, Wenzel Strapinski, mochte es nun ein Zufall

sein, oder mochte der Schneider sein Wanderbuch im Wagen hervorgezogen,

es dort vergessen und der Kutscher es zu sich genommen haben. Genug, als

der Wirt freudestrahlend und händereibend vor ihn hintrat und fragte, ob

der Herr Graf Strapinski zum Nachtisch ein Glas alten Tokaier oder ein

Glas Champagner nehme, und ihm meldete, daß die Zimmer soeben zubereitet

würden, da erblaßte der arme Strapinski, verwirrte sich von neuem und

erwiderte gar nichts.

»Höchst interessant!« brummte der Wirt für sich, indem er abermals in

den Keller eilte und aus besonderem Verschlage nicht nur ein Fläschchen

Tokaier, sondern auch ein Krügelchen Bocksbeutel holte und eine

Champagnerflasche schlechthin unter den Arm nahm. Bald sah Strapinski

einen kleinen Wald von Gläsern vor sich, aus welchem der Champagnerkelch

wie eine Pappel emporragte. Das glänzte, klingelte und duftete gar

seltsam vor ihm, und was noch seltsamer war, der arme, aber zierliche

Mann griff nicht ungeschickt in das Wäldchen hinein, und goß, als er

sah, daß der Wirt etwas Rotwein in seinen Champagner tat, einige Tropfen

Tokaier in den seinigen. Inzwischen war der Stadtschreiber und der Notar

gekommen, um den Kaffee zu trinken, und das tägliche Spielchen um

denselben zu machen; bald kam auch der ältere Sohn des Hauses Häberlein

und Co., der jüngere des Hauses Pütschli-Nievergelt, der Buchhalter

einer großen Spinnerei, Herr Melcher Böhni; allein statt ihre Partie zu

spielen, gingen sämtliche Herren in weitem Bogen hinter dem polnischen

Grafen herum, die Hände in den hinteren Rocktaschen, mit den Augen

blinzelnd und auf den Stockzähnen lächelnd. Denn es waren diejenigen

Mitglieder guter Häuser, welche ihr Leben lang zu Hause blieben, deren

Verwandte und Genossen aber in aller Welt saßen, weswegen sie selbst die

Welt sattsam zu kennen glaubten.

Also das sollte ein polnischer Graf sein? Den Wagen hatten sie freilich

von ihrem Kontorstuhl aus gesehen; auch wußte man nicht, ob der Wirt den

Grafen oder dieser jenen bewirte; doch hatte der Wirt bis jetzt noch

keine dummen Streiche gemacht; er war vielmehr als ein ziemlich schlauer

Kopf bekannt, und so wurden denn die Kreise, welche die neugierigen

Herren um den Fremden zogen, immer kleiner, bis sie sich zuletzt

vertraulich an den gleichen Tisch setzten und sich auf gewandte Weise zu

dem Gelage aus dem Stegreif einluden, indem sie ohne weiteres um eine

Flasche zu würfeln begannen.

Doch tranken sie nicht zu viel, da es noch früh war; dagegen galt es,

einen Schluck trefflichen Kaffee zu nehmen und dem Polacken, wie sie den

Schneider bereits heimlich nannten, mit gutem Rauchzeug aufzuwarten,

damit er immer mehr röche, wo er eigentlich wäre.

»Darf ich dem Herrn Grafen eine ordentliche Zigarre anbieten? Ich habe

sie von meinem Bruder auf Kuba direkt bekommen!« sagte der eine.

»Die Herren Polen lieben auch eine gute Zigarette, hier ist echter Tabak

aus Smyrna, mein Kompagnon hat ihn gesandt,« rief der andere, indem er

ein rotseidenes Beutelchen hinschob.

»Dieser aus Damaskus ist feiner, Herr Graf,« rief der dritte, »unser

dortiger Prokurist selbst hat ihn für mich besorgt!«

Der vierte streckte einen ungefügen Zigarrenbengel dar, indem er

schrie: »Wenn Sie etwas ganz Ausgezeichnetes wollen, so versuchen Sie

diese Pflanzerzigarre aus Virginien, selbstgezogen, selbstgemacht und

durchaus nicht käuflich!«

Strapinski lächelte sauersüß, sagte nichts und war bald in feine

Duftwolken gehüllt, welche von der hervorbrechenden Sonne lieblich

versilbert wurden. Der Himmel entwölkte sich in weniger als einer

Viertelstunde, der schönste Herbstnachmittag trat ein; es hieß, der

Genuß der günstigen Stunde sei sich zu gönnen, da das Jahr vielleicht

nicht viele solcher Tage mehr brächte; und es wurde beschlossen,

auszufahren, den fröhlichen Amtsrat auf seinem Gute zu besuchen, der

erst vor wenigen Tagen gekeltert hatte, und seinen neuen Wein, den roten

Sauser, zu kosten. Pütschli-Nievergelt, Sohn, sandte nach seinem

Jagdwagen, und bald schlugen seine jungen Eisenschimmel das Pflaster vor

der Wage. Der Wirt selbst ließ ebenfalls anspannen, man lud den Grafen

zuvorkommend ein, sich anzuschließen und die Gegend etwas kennen zu

lernen.

Der Wein hatte seinen Witz erwärmt; er überdachte schnell, daß er bei

dieser Gelegenheit am besten sich unbemerkt entfernen und seine

Wanderung fortsetzen könne; den Schaden sollten die törichten und

zudringlichen Herren an sich selbst behalten. Er nahm daher die

Einladung mit einigen höflichen Worten an und bestieg mit dem jungen

Pütschli den Jagdwagen.

Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf seinem

Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste geleistet,

seine Militärzeit bei den Husaren abgedient hatte und demnach genugsam

mit Pferden umzugehen verstand. Wie daher sein Gefährte höflich fragte,

ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und Peitsche und

fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe durch das Tor und auf

der Landstraße dahin, so daß die Herren einander ansahen und flüsterten:

»Es ist richtig, es ist jedenfalls ein Herr!«

In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Strapinski

fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf und ließ die feurigen Pferde aufs

beste anprallen; man sprang von den Wagen, der Amtsrat kam herbei und

führte die Gesellschaft ins Haus, und alsobald war auch der Tisch mit

einem halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das

heiße, gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann

fröhlich in Angriff genommen, während der Hausherr im Hause die Kunde

herum trug, es sei ein vornehmer Graf da, ein Polacke, und eine feinere

Bewirtung vorbereitete.

Mittlerweile teilte sich die Gesellschaft in zwei Partien, um das

versäumte Spiel nachzuholen, da in diesem Lande keine Männer zusammen

sein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem

Tätigkeitstriebe. Strapinski, welcher die Teilnahme aus verschiedenen

Gründen ablehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien

ihnen immerhin der Mühe wert, da sie so viel Klugheit und

Geistesgegenwart bei den Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich

zwischen beide Partien setzen, und sie legten es nun darauf an,

geistreich und gewandt zu spielen und den Gast zu gleicher Zeit zu

unterhalten. So saß er denn wie ein kränkelnder Fürst, vor welchem die

Hofleute ein angenehmes Schauspiel aufführen und den Lauf der Welt

darstellen. Sie erklärten ihm die bedeutendsten Wendungen, Handstreiche

und Ereignisse, und wenn die eine Partei für einen Augenblick ihre

Aufmerksamkeit ausschließlich dem Spiele zuwenden mußte, so führte die

andere dafür um so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider.

Der beste Gegenstand dünkte sie hierfür Pferde, Jagd und dergleichen;

Strapinski wußte hier auch am besten Bescheid, denn er brauchte nur die

Redensarten hervorzuholen, welche er einst in der Nähe von Offizieren

und Gutsherren gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen

hatten. Wenn er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen

Bescheidenheit und stets mit einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so

erreichte er damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den

Herren aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: »Es ist ein

vollkommener Junker!«

Nur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich

vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: »Ich sehe es kommen, daß es

wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da!

Es war aber auch Zeit, denn schon sind's zwei Jahre seit dem letzten!

Der Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von

Praga oder Ostrolenka her! Nun, ich werde mich hüten, den Verlauf zu

stören!«

Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der Herren

gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des Amtsrates

ein wenig abzukühlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die Abkühlung

etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in schnöden

Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel vorgeschlagen wurde.

Man mischte die Karten, jeder warf einen Brabantertaler hin und als die

Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl seinen Fingerhut auf den

Tisch setzen. »Ich habe nicht ein solches Geldstück,« sagte er errötend;

aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn beobachtet, für ihn eingesetzt,

ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle waren viel zu behaglich, als

daß sie auf den Argwohn geraten wären, jemand in der Welt könne kein

Geld haben. Im nächsten Augenblicke wurde dem Schneider, der gewonnen

hatte, der ganze Einsatz zugeschoben; verwirrt ließ er das Geld liegen

und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel, welches ein anderer gewann,

sowie das dritte. Doch das vierte und fünfte gewann wiederum der

Polacke, der allmählich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er

sich still und ruhig verhielt, spielte er mit abwechselndem Glücke;

einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er setzen mußte, gewann

wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besaß er einige

Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen, welche er, als er

sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich nahm, nicht

ohne Furcht, daß alles ein Traum sei. Böhni, welcher ihn fortwähren

scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den Teufel

fährt der in einem vierspännigen Wagen!

Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier

nach dem Gelde gezeigt, sich überhaupt bescheiden und nüchtern verhalten

hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die

Sache durchaus gehen zu lassen.

Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien

erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten

Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein

artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten

Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er

seinen Radmantel malerisch um, drückte die Pelzmütze tiefer in die Augen

und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne

langsam auf und nieder, das schöne Gelände betrachtend, oder vielmehr

den Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner

bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen,

seinen glänzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen

seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das

Säuseln der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft

ihn von Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich

ging er immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch,

hinter welchem ein Feldweg vorüber ging, und als er sich vor den Blicken

der Gesellschaft gedeckt sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld

rücken, als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter

Nettchen ihm entgegentrat. Nettchen war ein hübsches Fräulein, äußerst

prächtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich

verziert.

»Wir suchen Sie, Herr Graf!« rief der Amtsrat, »damit ich Sie erstens

hier meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie uns

die Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; die

anderen Herren sind bereits im Hause.«

Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte

ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot übergossen. Denn

eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz

der Ereignisse. Doch schadete ihm seine Blödigkeit und übergroße

Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut

und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns

erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr

durch den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt

es euch, ihr Herren Wildfänge von Goldach, die ihr vor den jungen

Mädchen kaum mehr den Hut berührt!

Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch

lieblich errötete, und sprach sogleich hastig und schnell und vieles mit

ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den

Fremden zeigen wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit

um; während er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle

einzugehen, die man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas

gesuchter zu sprechen und mischte allerhand polnische Brocken in die

Rede, kurz, das Schneiderblütchen fing in der Nähe des Frauenzimmers an

seine Sprünge zu machen und seinen Reiter davon zu tragen.

Am Tisch erhielt er den Ehrenplatz neben der Tochter des Hauses; denn

die Mutter war gestorben. Er wurde zwar bald wieder melancholisch, da er

bedachte, nun müsse er mit den andern wieder in die Stadt zurückkehren

oder gewaltsam in die Nacht hinaus entrinnen, und da er ferner

überlegte, wie vergänglich das Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber

dennoch empfand er dies Glück und sagte sich zum voraus: »Ach, einmal

wirst du doch in deinem Leben etwas vorgestellt und neben einem solchen

höheren Wesen gesessen haben.«

Es war in der Tat keine Kleinigkeit, eine Hand neben sich glänzen zu

sehen, die von drei oder vier Armbändern klirrte, und bei einem

flüchtigen Seitenblick jedesmal einen abenteuerlich reizend frisierten

Kopf, ein holdes Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er

mochte tun oder lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich und

nobel ausgelegt und die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige

Unbefangenheit liebenswürdig befunden von der jungen Dame, welche sonst

stundenlang über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man

guter Dinge war, sangen ein paar Gäste Lieder, die in den

Dreißigerjahren Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied

zu singen. Der Wein überwand seine Schüchternheit endlich, obschon nicht

seine Sorgen; er hatte einst einige Wochen im Polnischen gearbeitet und

wußte einige polnische Worte, sogar ein Volksliedchen auswendig, ohne

ihres Inhaltes bewußt zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit

edlem Wesen, mehr zaghaft als laut und mit einer Stimme, welche wie von

einem geheimen Kummer leise zitterte, auf polnisch:

Hunderttausend Schweine pferchen

Von der Desna bis zur Weichsel,

Und Kathinka, dieses Saumensch,

Geht im Schmutz bis an die Knöchel!

Hunderttausend Ochsen brüllen

Auf Wolhyniens grünen Weiden,

Und Kathinka, ja Kathinka,

Glaubt, ich sei in sie verliebt!

»Bravo! Bravo!« riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, und

Nettchen sagte gerührt: »Ach das Nationale ist immer so schön!«

Glücklicherweise verlangte niemand die Übersetzung dieses Gesanges.

Mit dem Überschreiten solchen Höhepunktes der Unterhaltung brach die

Gesellschaft auf; der Schneider wurde wieder eingepackt und sorgfältig

nach Goldach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht

ohne Abschied davonzureisen. Im Gasthof zur Wage wurde noch ein Glas

Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach dem

Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit

er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen

Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle und jede Habseligkeit

mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an

Gepäck entdeckte und sich vor die Stirne schlug. Dann lief er schnell

hinaus, schellte, rief Kellner und Hausknechte herbei, wortwechselte mit

ihnen, kam wieder und beteuerte: »Es ist richtig, Herr Graf, man hat

vergessen, Ihr Gepäck abzuladen! Auch das Notwendigste fehlt!«

»Auch das kleine Paketchen, das im Wagen lag?« fragte Strapinski

ängstlich, weil er an ein handgroßes Bündelein dachte, welches er auf

dem Sitze hatte liegen lassen und das ein Schnupftuch, eine Haarbürste,

einen Kamm, ein Büchschen Pomade und einen Stengel Bartwichse enthielt.

»Auch dieses fehlt, es ist gar nichts da,« sagte der gute Wirt

erschrocken, weil er darunter etwas sehr Wichtiges vermutete. »Man muß

dem Kutscher sogleich einen Expressen nachschicken,« rief er eifrig,

»ich werde das besorgen!«

Doch der Herr Graf fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm und sagte

bewegt: »Lassen Sie, es darf nicht sein! Man muß meine Spur verlieren

für einige Zeit,« setzte er hinzu, selbst betreten über diese Erfindung.

Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen

den Fall und schloß mit dem Ausspruche, daß der Graf unzweifelhaft ein

Opfer politischer oder der Familienverfolgung sein müsse; denn um eben

diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer

Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden Agenten

beobachtet und umgarnt.

Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er

zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen

Stuhl gehängt, ferner ein Tischchen mit allem möglichen

Toilettenwerkzeug bedeckt. Sodann harrten eine Anzahl Dienstboten, um

Körbe und Koffer, angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleidern, mit

Zigarren, mit Büchern, mit Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit

Reitpeitschen, mit Pelzen, mit Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit

Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten und Geigen abzugeben von seiten der

gestrigen Freunde, mit der angelegentlichen Bitte, sich dieser

Bequemlichkeiten einstweilen bedienen zu wollen. Da sie die

Vormittagsstunden unabänderlich in ihren Geschäften verbrachten, ließen

sie ihre Besuche auf die Zeit nach Tisch ansagen.

Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich oder einfältig, sondern

umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein da ihre

wohlbesorgte Stadt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin

vorkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis,

einen Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt hingaben. Der vierspännige

Wagen, das Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, die Aussage des

Kutschers waren so einfache und natürliche Dinge, daß die Goldacher,

welche keinem müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf

aufbauten, wie auf einen Felsen.

Als Strapinski das Warenlager sah, das sich vor ihm ausbreitete, war

seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob

er träume oder wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit

weilte, so träumte er. Aber nein, der Fingerhut wohnte traulich zwischen

dem gewonnenen Spielgelde und scheuerte sich freundschaftlich an den

Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wiederum in das Ding und stieg

von seinen Zimmern herunter auf die Straße, um sich die Stadt zu

besehen, in welcher es ihm so wohl erging. Unter der Küchentüre stand

die Köchin, welche ihm einen tiefen Knix machte und ihm mit neuem

Wohlgefallen nachsah; auf dem Flur und an der Haustüre standen andere

Hausgeister, alle mit der Mütze in der Hand und Strapinski schritt mit

gutem Anstand und doch bescheiden heraus, seinen Mantel sittsam

zusammennehmend. Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer.

Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um Arbeit

darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schönen,

festgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten

Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen

Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das

Mittelalter spiegelte sich ab in den ältesten Häusern oder in den

Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen

behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da

hieß es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum

blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum

Türken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab,

zur Wasserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum

Einhorn und dergleichen. Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie

war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen

Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur

Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur

Bürgertugend #a#, zur Bürgertugend #b#, zum Vertrauen, zur Liebe, zur

Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren

Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches

Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse

behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube

und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste ein Böttcher, welcher

eifrig und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen

einfaßte und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod!

ein verwaschenes Gerippe erstreckte sich von unten bis oben zwischen den

Fenstern; hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte

der Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt

keiner dem andern etwas schuldig blieb.

Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der

Fabrikanten, Bankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den

wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg,

Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camellia, Wilhelminenburg

und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten

für den Kundigen immer ein schönes Weibergut.

An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichem Uhrwerk, buntem

Dach und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig

erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der

Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber

von der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze,

dennoch zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem

Efeu überwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrünen

Kranze umschloß.

Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er

glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die

Aufschriften der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er

der Meinung, sie bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und

Lebensweisen jedes Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so

aus, wie die Überschrift angab, so daß er in eine Art moralisches

Utopien hineingeraten wäre. So war er geneigt zu glauben, die

wunderliche Aufnahme, welche er gefunden, hänge hiemit im Zusammenhang,

so daß zum Beispiel das Sinnbild der Wage, in welcher er wohnte,

bedeute, daß dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und

zuweilen ein reisender Schneider zum Grafen gemacht würde.

Er geriet auf seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun so über

das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der

pflichtgemäße Gedanke, seinen Weg unverweilt fortzusetzen. Die Sonne

schien, die Straße war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß,

zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm

einkehren konnte, wo er Lust dazu verspürte, und kein Hindernis war zu

erspähen.

Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer

wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab,

stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpfe funkelten lockend

aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verschuldung, ein geheimnisvolles

Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte die freie

Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber auch ein

gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er denn

auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke rollte

ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches mit

wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten

Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr.

Sobald Strapinski nur an seine Mütze griff und dieselbe demütig vor

seine Brust nahm in seiner Überraschung, verbeugte sich das Mädchen

rasch errötend gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer

Bewegung, das Pferd zum Galopp antreibend, davon.

Strapinski aber machte unwillkürlich ganze Wendung und kehrte getrost

nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem

besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft,

durch die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden

Blätter der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes

Haupt.

Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich,

gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden

Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in

Jahren, da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im

Regentropfen. Er beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und

bildete sie während des Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um;

besonders suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm

dächten und was für ein Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild

arbeitete er weiter aus nach seinem eigenen Geschmacke, zur

vergnüglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen

wollten, und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche

nach erbaulicher Anregung dürsteten. So ward er rasch zum Helden eines

artigen Romanes, an welchem er gemeinsam mit der Stadt und liebevoll

arbeitete, dessen Hauptbestandteil aber immer noch das Geheimnis war.

Die Leute von Seldwyla — Band 2 · 第 1 / 26 段