Nun war sie vor ihm und sah ihn an -- nur ihn -- als sei nicht noch
einer hier, der ihren Blick und Gruß erwarten durfte.
Und doch sah, fühlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet,
schweigend und unbeweglich dastand.
»Ja, mein Kind -- Wynfried -- er hat -- ein Unfall ... Später erfährst
du das Genaue. -- Er liegt in Köln -- krank ...«
Sie wich ein wenig zurück -- im Schreck. Und wußte sofort: dann muß ich
dahin -- ihm helfen -- er ist meines Kindes Vater -- ich _muß_. -- Ich
wollte ja Geduld haben -- wollte vergeben -- nun muß ich es beweisen ...
»Dann will ich zu ihm -- gleich -- ja gleich. -- Ihn pflegen -- ihm
beistehen --«
»Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun
wohl seine Zukunft gehören muß, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe --
sie wird gelöst werden.«
»Vater!« schrie sie auf.
Sie legte beide Hände vor ihr Gesicht.
Und die Männer schwiegen.
Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, daß in ihrer Seele eine
ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere überflutete. --
Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die
erkennt: meine Würde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet! --
Niemand sieht ohne Erschütterung den Bau seines Lebens in Trümmer
zerfallen -- auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe
errichtet ward ...
Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam
zurück.
Und ein großes, schmerzliches Entsetzen erwachte.