Nun sah er den jungen Mann voll und groß an -- bezwingend -- --

»Ich tat einmal eine Frage an Sie. -- Heute ist der Augenblick, sie zu

wiederholen. -- In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer

und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag

wird kommen, wo auch er jüngere Schultern als Mitträger braucht. Und

mein Enkel. -- Noch bin ich da! O -- ich hoffe, dem Dunklen, der mir

schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch -- es

ist Menschenlos. -- Mein Enkel und meine Tochter -- einmal brauchen sie

vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als -- als

Freund. -- Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn

für mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen -- wollen Sie

meinem Werke dienen?«

»Ja!«

Laut und feierlich klang das durch den Raum.

Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie

damals, als er für immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und

küßte voll Ehrfurcht diese Hand -- die Hand, die sein Schicksal auf

ungeahnte, nie mehr erhoffte Höhen des Glückes führen wollte.

Den Greis übermannte Rührung. Er zwang das nieder.

Er wußte, mit diesem »Ja« hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke

angelobt. Und nicht nur seinem Werke.

»Nun Klara,« sagte er, »sie muß wissen ...«

Stephan trat erschrocken zurück.

»Nicht in meiner Gegenwart.«

»Doch!« -- Er hatte schon das Zeichen für Leupold gegeben, und dieser

kam so rasch, daß kein Wort mehr gewechselt wurde.

»Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, daß ich Besuch

habe.«

»Herr Geheimrat ...« bat Marning.

Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.

»Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage -- ich

brauche Sie -- -- sonst -- sonst -- es könnte mir die Fassung

zerbrechen. -- Ich hab' diese zwei zusammengeführt -- ich! Bin ich nicht

ein Schuldiger vor ihr?«

»Nein,« rief Stephan, »nein -- nichts von Schuld ...«

Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mächtigen

Stuhl, in dem der Alte saß. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette

gleich.

Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, daß sie die Schwelle überschritten.

Sie blieb stehen -- ihr Fuß wollte sie nicht weitertragen.

Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lächerlichen Notwendigkeiten des

Alltags, die sich in das Große mengen? Gerade jetzt? In diesen

qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe

hing ...

»Mein Kind,« sprach der alte Mann ihr entgegen, »komm -- sieh, hier ist

unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht ...«

Stille Helden: Roman · 第 55 / 69 题