Und endlich, endlich sprach er laut und fest. »Er ist tot!«

So sprach das Schicksal selber -- ehern -- ergeben -- furchtgebietend.

»Nein -- nein. -- Er lebt -- er kann -- er wird weiterleben --«

Da sank das schwere Haupt zurück. -- Die Augen schlossen sich -- und ein

wunderbares Lächeln -- geheimnisvoll -- unbegreiflich, irrte um die

Lippen. -- Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine

Träne und rann über die bleiche Wange.

Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.

Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wußte Gott allein.

Sprach dennoch die unergründliche Stimme der Natur, die verstummt

gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefühl empor? -- Rauschte

das Blut -- das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu:

Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rätsel. --

»Was wissen wir von uns selbst!« fühlte der Alte.

Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten

Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden.

Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: »Nun lassen Sie mich alles im

Zusammenhang hören.«

»Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich

Ihnen Likowskis Brief gebe -- wie er nun mal ist. -- Ganz Likowski. --

Ich befürchte da kein Mißverstehen.«

Es wäre ihm ja unmöglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn

däuchte, als müsse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch

Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.

»Mißverständnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und

schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!«

Stephan legte den Brief -- diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betäubt

hatte -- nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den

nächsten Stuhl, den Säbel zwischen den Knien, die Hände auf dem Korb

gefaltet -- so wartete er, und sein Gedächtnis, das den langen Brief

auswendig wußte, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um

Wort ...

»Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da bürde ich Ihnen nichts

Gutes auf. Aber es muß sein! Der alte Herr, den wir verehren und

lieben, der muß wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn

er kann! Wenn er nicht kann, muß ich's ertragen. Mein Bewußtsein

ist: ich habe getan, was sein mußte. Mein Mandat? Das des Mannes

und Offiziers, der kein edles Weib kränken lassen darf. Auch

nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon weiß.

»Zu Ihnen hab' ich nie davon gesprochen -- auch die anderen

Kameraden nicht zu mir -- das war zu delikat, wo es ein Haus

betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein

rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefühl. Aber es war ja

in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem

plötzlichen Verstummen war es, daß auch wir genau wußten, was

sämtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nämlich, daß Herr

Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das

beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im

Katechismus lasen. Sonst wären sie doch wohl mal bis ans sechste

Gebot gekommen ...

»Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab' was an stiller Wut in

mich 'reingefressen. Wo die junge Frau für mich so ungefähr das

Anbetungswürdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf

meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund

und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich weiß, daß der Geheimrat

toben würde, wenn er wüßte, daß man ihr ein Haar krümmen will.

-- Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag's ihm in sein

schönes, nobles Gesicht, daß es für mich sehr häßlich aussieht.

»Bloß die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal?

»Aber so was fällt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all

seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen

ist.

»Geh' mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner

Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein

Restaurant. So 'n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn

der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl -- das wissen

Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwäche und -- das Geld!

Leider. Geld ohne Geschmack -- das ist eine schlimme Mischung.

Da hätte sich Adolf vorsehen müssen. Na, dies nebstbei. -- Und

wer sitzt da in diesem Lokälchen, an zart bestrahltem Tisch, wo

zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen

Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glänzt? Wer?

»Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot -- röter --

am rötesten.

»Ich war ganz ruhig. Ich ging 'ran -- so mit 'ner gewissen

Vorsicht -- Distanz wahrend -- damit nicht etwa die Baronin mir

gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. -- Und da

bat ich ihn denn, mich anzuhören. Drei Worte genügten ja. Daß er

sie nicht einstecken konnte, wenn er 'n Mann von Ehre bleiben

wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang.

Ehrengericht damit befassen war unmöglich. Die Losung mußte

sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache

nachträglich prüfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde

mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefaßt.

-- Zum Glück hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der

Gegend -- Herren, die schlagenden Verbindungen angehörten --

einer war aus 'm ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in

der Regie des Duells. -- Und kurz und gut -- heut im Nebelgrau

standen wir einander gegenüber. -- So 'n rechter schwerer

Rheinnebel war's. -- Das Gelände, zwischen Schonungen, nicht

weit vom Fluß -- seltsam war's mir: man hörte durch den Nebel

den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, daß so 'n

Heulruf ihm das Leben gerettet hat!

»Es war mein Vorsatz: den lösch' ich aus. -- Der verdirbt sonst

noch dieser köstlichen Frau, an die man bloß mit Andacht denken

kann, das ganze Dasein. -- Ich haßte ihn. Kräftig.

»Aber was soll ich Ihnen beichten? -- Wie ich so ziele -- in

diesen gräßlichen Sekunden -- ein, zwei sind's bloß -- da heult

von fern und leise ein Dampfer -- wie bei uns -- plötzlich seh

ich unseren Fluß vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott

verzeih' mir: es war verrückt. Total. Beinahe mag ich es nicht

schreiben: mir war's, als riefe der alte Herr. Es war direkt

unheimlich.«

Stephan sah, daß die beschriebenen Blätter in der Hand des Greises

zitterten ...

Ja, das war diese Stelle -- seltsam -- und so ganz außer Likowskis

Linie ...

Aber weiter ...

»Vielleicht hätt's ihn doch schwer geschlagen -- wenn sein Sohn

... es ist immerhin der einzige! Obschon -- unter uns --

manchmal dacht' ich: heiß ist die Liebe nicht. Und Enkel und

Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was

'reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte

Herz zum Ziel. Aber treffen wollt' ich, und ich traf. Besser als

er, der den ersten Schuß hatte und damit bloß ein Loch in die

Luft machte. Nicht vorsätzlich. Ih nee -- ich merkte, wie er

zielte. Aber natürlich: schlechter Schütze, nicht eingeschossen.

Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat

Sehnen und viele Blutgefäße zerrissen und die Lunge gestreift.

»Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht:

voraussichtlich längeres Krankenlager, aber durchaus keine

Lebensgefahr -- wahrscheinlich auch längeres Schonungsbedürfnis.

»So weit wäre ja nun alles ganz gut und schön gewesen und hätte

ganz sachte vertuscht werden können. Dem alten Herrn konnte man

was von einem Automalheur erzählen. Was ist heutzutage leichter,

als sich auf der Straße die Knochen zu zerbrechen!

»Aber nun kommt's hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen

des vorerst Bewußtlosen zu kümmern, läßt ihn unser Paukarzt ganz

einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter

Chirurg hält. Na, das war vernünftig. Als Lohmann zu sich kommt,

fällt ihm ja wohl bei kleinem ein, daß die Baronin Nachricht

haben muß. Er läßt telephonieren, die Damen möchten abreisen,

und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik

geschickt werden.

»Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen -- und

dann das Wort 'Klinik'. Kurz: nach einer halben Stunde saß sie

schon am Bett. Und erklärte jedermann: da ist mein Platz! Und

nimmt mit der Gerwald mehrere Räume in der Klinik und macht es

offiziös. -- Straf' mich Gott, wenn ich in diesem Falle von

meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen

sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit,

nicht böse über das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu

seiner Frau kann er nicht zurück. Sitzen lassen kann er hiernach

die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Götter und bedienten

sich dazu meiner bescheidenen Person.

»Dieses Auftrumpfen Agathens: 'Mein ist der Mann, und mir gehört

er zu!' -- macht es unmöglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der

alte Herr gar in den Zeitungen davon liest -- ehe der Sohn ihn

benachrichtigen kann -- denn von wegen Agathe kann er nun nicht

eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. --

Die Lage ist nicht einfach für ihn. Donnerwetter! Na also, ehe

was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemüt

des Vaters führt -- gehen Sie sofort zu ihm.

»Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er's mir gesagt.

Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an

den vortrefflichen Thürauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad --

mein Freund -- das sagt alles.

»Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet' ich meiner Feder jedes.

Sie wird leiden -- jetzt -- zunächst in jedem Fall! Aber sie

wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben --

darauf hoffe ich!

»Und nun: Gott befohlen!

Stille Helden: Roman · 第 53 / 69 题