Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei.
Der Geheimrat ließ ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rückantwort
an das Hotel in Köln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den
eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, daß Herr Lohmann
junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, daß dort aber seit gestern
nachmittag eine #D#-Depesche für ihn lagere, aus deren Vorhandensein man
wohl auf seine baldige Ankunft schließen dürfe.
»Meine eigene Depesche,« dachte der alte Herr.
Nun war er außerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle
Kölner Hotels depeschieren. Wer wußte, ob er überhaupt da war? Man hätte
auf Lammen anfragen können. Das verbot sich. Das bloße Suchen nach einem
Vorwand zur Nachfrage verbot sich.
Solche Stunden ertragen sich hart.
Er saß da wie ein zürnender Gott, der seine Blitze in der Hand
zurückhalten muß, die ihn nun selbst brennen.
Er wußte, gerade wie die junge Frau, daß sich die festgefügten
Lebensverhältnisse nicht zerreißen ließen.
Er ahnte gleich ihr, daß Wynfried sich dagegen wehren würde, seine Ehe
zu lösen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu
verlieben.
Ah -- dürfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schützen!
Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte -- er, der
Vater, durfte die Ehe nicht sprengen.
»Hätte ich sie nie zusammengebracht!«
Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem
Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern.
Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn
nicht einmal die reine Würde der jungen Frau ihm Halt hatte geben
können ...
Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten
war -- alle Stimmen der Natur schwiegen.
Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk -- diese über seinen Tod hinaus vor
jeder Gefährdung zu schützen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein
Testament ändern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein
wohlhabender Mann.
Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grübeleien angewiesen
war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine
Nervosität bis zur Unerträglichkeit.
Wenn nur irgend, irgend etwas geschähe, diese Spannung zu lösen ...
Aber beinahe hätte er das, was sie lösen konnte, von seiner Schwelle
gewiesen.
Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl.
Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das
Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen,
in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Fluß schuppte sich unruhig.
Kahl und freudlos schien die Erde ängstlich auf den Winter zu warten.
Leupold kam.
»Ich soll den Freiherrn von Marning melden,« sagte er. Und fügte gleich,
etwaigen Vorwürfen abzuwehren, hinzu: »Ich habe aber keine Aussichten
gemacht -- habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat
er, ich solle doch fragen.«
Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der für
immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt --
Nein, nein -- gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es hätte zu weh
getan. Es würde ihn vielleicht hinreißen, zu diesem zu sprechen. Und
gerade diesem mußte verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete
-- denn es wäre auch für ihn schwer, schwer, davon zu wissen.
»Nein,« sprach er vor sich hin, »ich kann nicht --«
»Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.«
Wichtig? Für ihn? Für wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden.
Kam auf das Anerbieten zurück -- wollte doch zur Industrie übergehen --
kam, um Hilfe für den Weg dahin zu erbitten.
Das entschied. Seine Zuneigung für Marning wallte auf. Es hieß eben,
sich zusammennehmen.
»Also ja ...«
Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr blaß,
sehr ernst.
»Lieber Marning. -- Es freut mich, Sie zu sehen. -- Wenn Sie's nicht
wären ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl -- hab' im
Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. -- Sie müssen schon Nachsicht mit
mir haben. Und mir ein bißchen knapp sagen, was Sie wünschen. Meine
Gesinnung kennen Sie -- die ist unverändert ...«
»Herr Geheimrat,« begann Stephan. »Ich komme nicht in eigener
Angelegenheit.«
Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes ließ den Alten
scharf aufmerken.
»Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefürchtetes.«
»Wenn der Bote Übles brachte! Und das tun Sie demnach.«
»Ernstes. Ja.«
»Sagen Sie's nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten
und Brüchigen dürfe man das Wort 'Tod' nicht laut aussprechen. Ich bin
kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht
gleich, weil's mich doch auch mal treffen muß. Bin seit zwei Jahren an
eine gewisse Nachbarschaft gewöhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter
Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wär's.«
»Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu
bringen.«
»Wa -- was ...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja
unmöglich --«
Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fährte verfolgten -- die des
Todes.
»Likowski befindet sich wohl -- er wird in zwei, drei Tagen zurück sein
-- er wäre schon heute eingetroffen -- aber er hat ... auch mußte er
sich beim Oberst melden.«
»Nun also -- was ist mit ihm los. -- Nehmen Sie's mir nicht übel, lieber
Marning -- aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.«
»Verzeihen Sie,« sprach der jüngere Mann halblaut, »ich bin ungeschickt.
-- Mein Amt ist schwer. -- Likowski hat ein Duell gehabt -- mit -- mit
Ihrem Herrn Sohn.«
Der alte Mann fuhr auf -- blieb erstarrt -- sah den andern an -- mit
offenem Munde.
Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.
Er war furchtbar anzusehen.