So saßen sie und sahen zu dem vom rötlichen Schein angehauchten Rauch
hinüber, der sich in der schwarzen Höhe verlor. Sie sahen von diesem
Stück Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel
mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fäden, mit
denen es an die Gegenwart, an alle großen Fragen und Forderungen der
Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit -- ihre Herzen
wurden bescheiden und still.
Leise sprach der Alte -- für sich hin -- zu ihr, die mit seinem Enkel
sein Werk bewachen und fortsetzen sollte -- vielleicht hinaus zu
Tausenden, die ihn nicht hörten:
»Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit läßt nicht nur neue Formen,
Schönheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten
entstehen, wälzt nicht nur Technik und Bedürfnisse um. Fast fürchte ich
mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man
sagt, daß alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich
forterbenden Scholle sitzen, diese mit heißer Inbrunst lieben. Wie
sollten sie nicht! Und dennoch muß die Liebe, die Männer wie ich zu
ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und
ausschließlicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern
fließt mein _Blut_ -- nicht nur _mein_ Blut -- vielleicht, nein gewiß,
noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes
fließt nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ -- meinen _Geist_ -- meine
_Energie_ -- alles, was ich bin, körperlich und seelisch, hab' ich
hinübergepflanzt in dies Werk. Geheimste Ströme gingen von mir fort in
meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr
mein Kind, in viel unzerstörbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist
diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Größe?
Voll drohender Mahnungen? Werte abwägen gegeneinander -- das fordert die
Zeit. Vielen, vielen ließ sie das Idyll des Familienlebens und das
Auskosten seiner kleinen und großen Kämpfe. Aber für die, denen ein
Platz ward in der Front der Schaffenden, heißt es sich fragen: Was ist
wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe -- und so,
wie mein Sohn ist -- trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber --
muß ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, nötiger --
mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer -- mein großes,
starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn? ...«
Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der
sich vor sich selbst fürchtet.
Und die junge Frau fühlte: er wußte vielleicht alles. Er war vielleicht
bereit, den Sohn preiszugeben.
Aber das war doch unmöglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die
einfache Tatsache der festgefügten Lebensverhältnisse verbot es. --
Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen
konnte? Aber so seltsam gefaßt, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor
dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.
»Du und dein Kind -- ihr wißt es -- ich habe ein Herz! Deine Mutter
wußte es! -- Und dennoch -- dennoch -- wenn ich denn ein unnatürlicher
Vater bin: -- mein Werk steht mir näher als mein Sohn. Ihn könnt' ich
lassen -- meinem Werk gehört mein letzter Gedanke. Wir Menschen von
heute, wir arbeiten so furchtbar, daß Blut und Schweiß uns
zusammenschmiedet mit unserer Arbeit -- und wenn unsere Kinder dies
heilige Bündnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.«
Klara fror. -- Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. -- Und ihr war, als
sei es kein Zufall, daß seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen
abgerungen habe ...
»Vater,« sprach sie leise. »Wir müssen doch Geduld haben.«
Da drückte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer --
und dennoch wie Segen -- Trost -- Dank. --
Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht
hinüber auf den bestrahlten, quellenden und zerreißenden Rauch, der toll
vor dem schwarzen Himmel jagte. --
Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark
genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr.
Nun, wozu auch Antwort? Am nächsten Morgen würde sein Sohn selbst
eintreffen.
Aber die Stunde, für die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war,
verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein.
Der Geheimrat ließ Thürauf herüberbitten. Der tauchte aus seinem Übermaß
von Arbeit auf und hatte zwei Minuten für den alten Herrn. Wynfried? Vor
vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm über die
Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne.
Seither erhielt Thürauf persönlich keine Nachricht vom Juniorchef der
Firma. --
Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken überstürzten sich. Auch
dieser, daß Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen
sei.
Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lächeln.
Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie
tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es
nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur
ein Sommervergnügen -- vielleicht hatte es geheißen: halb zog sie ihn,
halb sank er hin. -- Ach -- klein -- klein -- banal!
Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit für
Klara gehabt.