Dann ging der Tag seinen Gang. -- --

Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Tränen allmählich

in einen Zustand der Erschöpfung hinüber. Sylvester hatte ihr ein Pulver

aufgedrängt -- sie nahm es aus Gefälligkeit gegen den besorgten Arzt. --

Es mochte helfen, daß die Erschöpfung in einen ruhigen Schlaf überging.

Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hörte sausende Töne. -- Kam das

vom Werk her? Nein -- Sturm! Der Nebel war weggepeitscht.

Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen.

Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht -- nicht denken können.

Und dennoch war in ihr eine eherne Gewißheit und Festigkeit.

Sie wußte: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um

des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie

wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kämpfen -- damit

er begreife: er müsse sich zunächst ihre Achtung erringen.

Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich übersehen ließ -- ob

es ins Dunkel mündete, ins Helle führte -- das mußte die Zukunft lehren.

Dieser gegenwärtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr

... Sie mußte den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre

Ohnmacht gestürzt haben!

Sie kleidete sich an -- rasch -- und dachte: »Ich nehme den Kleinen mit

hinauf.«

Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme

übend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen

können und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen

und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man

das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die großen Augen

glänzten tief.

Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das

flaumige Köpfchen gegen ihre Wange -- in leidenschaftlichem Glück die

Nähe des kleinen Geschöpfes genießend.

So schritt sie hinauf.

Sie merkte kaum, daß ehrfürchtige und eilige Hände alle Türen vor ihr

öffneten.

Sie gelangte hinauf -- mit ihr kam ein Lichtstrom in einen völlig

dunklen Raum.

In seinem Sessel zwischen den unverhüllten Erkerfenstern saß der alte

Herr -- im unerleuchteten Zimmer.

Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im

linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen

ihre Wange drückend -- und um sie der Schimmer von Glanz ...

»Madonna ...« dachte er.

»Wir wollen Großvater Gute Nacht sagen.«

Und ihre Stimme klang wie immer.

»Du hättest liegen bleiben sollen.«

»O nein,« sagte sie leichthin, »es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast

du dich nicht erschreckt. Du weißt ja: 'Der Frauen Zustand ist

beklagenswert' -- Wir sind ein jämmerliches Geschlecht.«

»Heldin!« dachte er.

Stille Helden: Roman · 第 48 / 69 题