Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmächtig hier! Ein dumpfes Gefühl
sagte ihr, daß Wynfried diesen Schritt mißbilligt haben würde, weil --
weil -- er vielleicht gar nicht frei sein wollte.
Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem
Hauptmann gab es nur noch eins: sich öffentlich zueinander bekennen. Als
Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt
gewinnen -- sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten.
Aber etwas kleinlaut sagte sie: »Nein. Ich kam, weil -- weil -- es so
nicht weitergehen kann -- ich habe solche Angst.«
Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fühlt diese,
daß er anfängt, sich von ihr zu wenden -- mir zu. Und sie will sich
deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedächtnis
brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein
siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Körper.
»Du weißt nicht, was Liebe ist,« fuhr Agathe fort. »Du bist eine
Verstandesnatur. Gegen die große, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man
erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.«
Klara schloß die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die
Größe ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen.
»Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten -- wo
ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.«
Nun hatte die junge Frau sich ganz gefaßt.
»Gerade deswegen ist unsere Ehe unlöslich,« sprach sie.
»Klara ...«
»Sie war kein Handel, der rückgängig gemacht werden kann, denn ich habe
mich nicht verkauft.«
»Klara ...«
»Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wußten, was wir
taten.«
»Klara!« Nun schrie es die andere Frau -- flehend, jammernd.
»Wir haben uns die Hände gereicht zur Erfüllung sittlicher Pflichten.
Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen
Sohn.«
Sie stand auf. Und der anderen war, als müsse sie sich zu ihren Füßen
hinwinden -- irgend etwas schrecklich Demütiges tun. Aber sie kämpfte
doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben
gespürt, daß der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr
Leben war wirklich vernichtet -- ihre Zukunft verdorben, wenn er sie
verließ.
Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.
In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehässiges Licht.
»Oh,« sagte sie, »wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht
dir, sondern mir gehört! Ich möchte wohl wissen, wie du dir deine
weitere Ehe denkst.«
Ein herbes Lächeln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach
sie: Ȇber die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen.
-- Und mir scheint -- auch sonst nichts mehr.«
»Du weisest mich fort?« fragte Agathe und kämpfte wieder mit jäh
aufsteigenden Tränen, »du willst mich beschimpfen?«
»Nein. Aber du mußt begreifen: nur mit meinem Mann habe ich über diese
Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehört habe, daß er
frei zu sein wünscht, werde ich mich fragen müssen, was ich zu tun habe.
Ich, von mir aus, muß unsere Ehe für unlöslich erklären.«
Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen
Lauten.
Sie ängstigte sich ja gerade davor, daß es dem Manne gar nicht um
Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine große Vergebungs- und
Versöhnungsszene zwischen den Gatten voraus.
Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach
gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so großmütig.
Agathe hatte in der Unverschämtheit kleiner Seelen all die Großmut der
höheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von
jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, kränken, berauben
können, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so großherzig, du wirst
verzeihen. --
»Weine nicht,« sagte die junge Frau, »geh und laß mich allein.«
Noch einmal stürmte Agathe mit ihrem Körpergewicht in heftiger Umarmung,
mit Schluchzen und Betteln gegen sie an.
»Er darf, er kann mich nicht verlassen,« schrie sie fast, »es ist zu
spät ... Die Folgen ... Ich fühle ...«
»Geh. Laß mich allein.«
Das war kaum hörbar -- aber es drang doch durch all den Lärm der Bitten,
Klagen und des Geschluchzes der anderen.
Und sie ging.
Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: »Gott -- man
sieht, wie verweint ich bin ...«
Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum ...
Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.
Und sie hatte ein elendes Gefühl vor diesem Manne, der doch bloß ein
Diener war.
Die Tür des Autos wurde geöffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrückt
fror die Gerwald unter der Pelzdecke.
Agathe sank schwer auf ihren Sitz -- die Tür schloß sich.
»Geliebte Gerwald -- Sie müssen mit dem Nachtzug mit mir nach Köln
fahren.«
»Bitte, bitte, liebe Baronin -- nicht weinen -- es wird ja alles gut
werden ...«
11
Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die große Aufregung
wirkte zunächst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre
Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her
und her und hin -- mit fieberisch erhitztem Gesicht.
Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe
bedenken.
Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestört.
Sie hatte gar keinen Haß oder nur Zorn auf die andere Frau -- dachte
kaum an sie.
Sie dachte an ihre Ehe -- an den Vater -- an das Kind.
Würde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das würde er
nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe
festhielt -- o, die hatte er mit Füßen getreten -- sondern -- sondern --
weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben ...
Es war ihr, als müsse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren
Gedanken.
Vor einem Jahr hatte sie gläubig auf das Wunder der Liebe gewartet.
Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblüht.
Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte -- die war ihr wie eine
Beleidigung.
Sie konnte lange gar nichts denken -- ging hin und her, mit
beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.
Dann kam die Erkenntnis: »Unsere Ehe -- gerade unsere -- mußte durch
Treue geadelt werden.«
Und nun, wo sie entadelt war -- mußte sie aufrecht erhalten werden?
Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten,
gegen den Vater, gegen ihr Kind?
Nein. Sie mußte verzeihen.
Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?
Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen,
leidvollen Gesicht empor. -- Das schwieg. -- Wie Tote schweigen, die nur
sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. -- Und die entsetzte Seele
der jungen Frau hatte keine -- erbebte in stummer Not ...
Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden
Gedanken: »Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen
geben können!«
Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals
stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr,
und alle unbewußte Mütterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu
helfen. Damals wußte ihre Seele nicht, was Liebe ist -- die dämmerte
noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres
Gefühlslebens.
Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte längst, daß jene
geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten.
Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht.
Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.
Und neue, noch viel stärkere Empfindungen waren emporgewachsen --
töchterliche -- mütterliche.
Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu
durchbohren. Die weiße Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn
sie es doch hätte sehen können! Der Anblick der rauchenden Schlote und
der mystischen Glutscheine würde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so
stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des großen Arbeiters, der ihr
Vater geworden war.
Ihre Ehe lösen hieß: ihn verlassen!
Wie würde er leiden!
Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr
Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran
hindern.
Das würde den alten Mann töten!
Seit er den Enkel besaß, wußte er, für wen er gearbeitet, für wen der
Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drüben so stark und lebendig
schlug. --
Sein Enkel bedeutete ihm die Erfüllung aller Lebenshoffnungen ... Spät,
nach vielen und herben Enttäuschungen war sie ihm geworden. -- Diese
winzigen Kinderhände hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle
Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich -- an
der Schwelle des Grabes fast -- gab das kleine Kind ihm noch Freude --
Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewöhnlichen Natur empfunden.
Und dieses Glück sollte sie ihm fortnehmen?
»Nein,« dachte Klara, »das kann ich nicht.«
Eine Stimme schien sie zu fragen: »Aber kannst du dich denn noch einmal
dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken
verfolgt?«
Wie groß die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte -- das
äußerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Würde blieb
unverletzt.
Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?
Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekämpfenden
Pflichten und Gefühlen?
Undurchdringlich wie der weiße Nebel stand die Zukunft vor ihr.
Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr gequält wurde von
dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel
zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr
alles Maß für die Zeit abhanden gekommen.
Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete.
Es hieß wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen,
damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei ...
Mechanisch ging sie ins Eßzimmer -- vergaß, sich umzukleiden -- vergaß
den Blick in den Spiegel. -- Ging im Zwange der Gewohnheit. --
Es schien, als habe der Tag sein jähes Ende gefunden. Im Eßzimmer waren
die Vorhänge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein.
Festlich glänzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von
stumpfgeschliffenem Kristall.
Zu Häupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand,
saß schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.
Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von
einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und
sich geschmeichelt gefühlt, daß dieser kleine Herr des Hauses vor
Vergnügen mit den Patschhändchen schlug, wie ein unflügges Vögelchen mit
den noch kümmerlichen Flügeln, als der Großvater hereingefahren wurde.
Aber ganz plötzlich änderte sich der Ausdruck seines Blickes.
Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglühendem Gesicht? Wie eine Fiebernde?
»Bist du krank?«
»Ich? -- Nein.«
Sie setzte sich. Man aß. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. --
Ja, schon fünf Zähnchen. -- Ja, Judereit war nun genesen. -- Ja, er war
in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit
vernünftigen Plänen. -- Ja, Thüraufs Finchen wollte nach München und
sich der Malerei widmen. Ja -- zu allem -- und alles war so
gleichgültig. Und sie fühlte immer, wie die großen, blitzenden Augen sie
mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen. --
»Nachrichten von Wynfried?«
»Nein, seit dem Telegramm keine,« antwortete sie.
»Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen
Bekannten nach Köln fährt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr
Betrieb interessieren ihn mehr als 'Severin Lohmann', und wenn er freie
Wahl hätte, siedelte er dahin über. Der muntere Zug im Leben des
Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, daß du da bist, Kind,
und daß wir Severin den Kleinen haben. Sonst hätte ich Angst, nach
meinem Tode wendete mein Sohn dieser Stätte den Rücken. Aber du wurzelst
in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.«
Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hören konnte.
Und sie wußte nicht, daß die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und
daß ihr Gesicht elend, leichenblaß, zusammengefallen erschien -- und
ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mühsam
aus der Brust herauf.
Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen
hohe Geigentöne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem
Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig -- hatte eine letzte
Willensregung: nicht fallen -- nicht fallen. -- Dann war alles
abgeschnitten -- als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewußtsein
niedergesaust.
Nichts, gar nichts wußte sie davon, daß ihr Kopf vornüber auf die
Tischplatte geschlagen wäre, hätte nicht Leupold sie aufgefangen, der
die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte.
Sie hörte nicht, daß nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward --
sah nicht, daß der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld
vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fäuste auf die Lehnen stemmte.
Als das feine Singen und Klingen, dies dünne Vorspiel des Erwachens,
wieder in ihrem Ohr begann, dämmerte eine Art Verwunderung in ihr. --
Sie horchte dem wieder nach. -- Wie lange das andauerte. -- Sie wußte
nicht, daß viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es
zuerst gehört.
Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett?
Wie kam sie dahin? Sie saß doch bei Tisch?
Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hörte sie eine Stimme sagen:
»Gottlob!«
Und ein weibliches Haupt neigte sich über sie -- es schien das der
Wirtschafterin -- und man versicherte tröstend, daß Doktor Sylvester
gewiß gleich da sein werde.
Da kam ihr Bewußtsein klar zurück, und zugleich brach sie in
leidenschaftliches Weinen aus und drückte ihr Gesicht tief in die
Kissen. --
Der alte Mann, der wuchtig und gebändigt, vor Sorge und Schmerz außer
aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den
flinken jungen Georg hin und her. An dem Türspalt des Schlafzimmers
mußten sie Nachricht erfragen.
Und endlich kam Leupold und sagte: »Die gnädige Frau ist wieder zu sich
gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor
Sylvester ist schon unterwegs.«
»Komm her!« befahl der Geheimrat.
Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schüttelte ihn
beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder über ihn
gekommen.
»Hör du,« sagte er rauh, »ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein
Leben ist für dich von Glas -- sprich -- was geht in meinem Hause vor --
sprich -- als Mensch -- nicht als Diener -- sprich --«
»Herr Geheimrat,« sprach der Mann blaß und verstockt, »hier im Hause
geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.«
»Mensch -- keine Wortklauberei. -- Sag, was du denkst.«
»Ich denke, daß die Ohnmacht und die Tränen der gnädigen Frau wohl damit
zusammenhängen, daß die Baronin Hegemeister heute hier war.«
»Die Baronin --«
»Ich war zufällig auf der Diele. Und dann blieb ich da -- um Wache zu
halten -- daß niemand horcht --«
»Warum? Die Baronin -- das ist eine Freundin des Hauses -- ist zahllose
Male hier gewesen -- was wär' da zu horchen?« fragte er lauernd. Denn in
seinem Gedächtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen
Wochen schon zugetragen hatte.
»Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und -- Herr Geheimrat haben
befohlen, daß ich sprechen soll -- und die ganze Gegend klatscht davon,
daß sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der 'Klara', der
hier auf Severinshof sich 'ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum
Besuch und erzählte, daß der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt
ist ... Und da dacht' ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel
abzubitten. Und ich wollte nicht -- dem Georg muß man immer mal
aufpassen, daß er nicht horcht. Und ich selbst mußte mir Mühe geben,
wegzuhören. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. -- Was soll
ich noch mehr sagen ...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen
auch, wie wir die gnädige Frau alle vergöttern -- ich auch -- ja ... Und
dann der Kleine! -- Nein, so was durfte nicht kommen. -- Verzeihen mir
Herr Geheimrat -- aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.«
Es sättigte ihn wohl, sprechen zu dürfen. Denn der Groll fraß ihm schon
lange das Herz ab. Aber er ängstigte sich auch schwer. Sein Herr war in
den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den
zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren täglich mit
heimlichem Zittern gefaßt war.
Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen.
Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf --
langsam hob er seinen Oberkörper -- richtete sein Haupt empor. In jener
furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkörperte Wille selbst, saß er
da.
Das Licht füllte den Raum -- die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf
dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah über alles weg.