Friede --

Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er

erwartet hatte.

Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster

gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem

Freunde zu.

»Marning,« sprach er, »es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in

der Scheide behalten -- vielleicht überhaupt so lange, wie wir den Rock

noch tragen -- wer weiß es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns

gefordert -- die, die wir schon so lange üben. -- Arbeiten wir weiter!

Still. Zäh. Beißen wir die Zähne zusammen, wenn man uns schmäht, nicht

mehr sieht, was wir tun -- wozu wir da sind. -- _Ein Tag wird dennoch

kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie -- stolz

und schweigend. -- Ich will nie mehr davon sprechen -- nie mehr. -- Aber

denken wollen wir immer daran -- denken!«

Die beiden Männer umarmten sich in heißen, stummen Gelöbnissen.

* * * * *

Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers

und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die

Wassermengen herab oder tröpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie

nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land.

Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber daß Wynfried gerade in diesem

Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel

und Frohsinn zerstörte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei

faßte, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er für zwei, drei Tage

nach Hamburg. Und als es Herbst ward, ließ er dort auch die Jacht in

Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. -- Der Geheimrat

dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich

gesegelt worden ist.

Sein Sohn hätte ihm gefallen sollen. -- Er sah es selbst: ein schöner

Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwürdige Blüte war über ihn

gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen

Liebesfrühling erleben -- seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war,

arbeitete er froh, forsch, geschickt.

Trotz allem -- sein Sohn gefiel ihm nicht.

Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schöne

Aufmerksamkeit mit -- in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer

verwöhnten Frau ausgesucht.

Alles sah geregelt, unauffällig aus.

Weshalb sich sorgen?

Er beobachtete Klara. -- Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst,

jetzt sah sie ihrer Mutter völlig ähnlich. Und er verstand in diesem

Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten.

Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie

verklärt.

Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so

gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen.

War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann

unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter

zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll

Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost --

es war die Zukunft.

Dennoch -- die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen

hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können.

Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau

ihr Herz überwand.

Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht

zurückgezogen hatte.

Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden.

Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen

Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein

Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem

Magneten drüben festgehalten -- war eine von den putzigen Weibern, die

im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen,

weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich

machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und

Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen -- er wußte

doch: sie meinte es redlich.

Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie

beantworten.

Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm

anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er

schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor --

er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl

gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke

sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden,

werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern

beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner

Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte

wieder vorstellen zu dürfen.

Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt

befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie

bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des

Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise.

Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in

diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar

nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde

verzeihen.

Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn

heran.

»Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hören Sie zu. Ich

muß Sie was fragen,« sprach er. »Aber -- offen, Lamprächtige! Ich kann

ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie

antworten.«

»Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu

antworten?«

Und da geschwätzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen

geplagt sind, ward ihr sogleich bänglich.

Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor

seinen Augen.

»All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater

sind Ihnen erinnerlich?«

»Wie sollten sie nicht!« sprach sie zitternd, und das böse Gewissen nahm

sofort ein Riesengewicht an.

»Die Umstände brachten es mit sich, daß Sie alles erfuhren. Freiwillig

hätte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn -- nicht wahr? --

das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber daß ich sonst genau

weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen

Klara zur Pflegetochter gab.«

Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bißchen in ihr Taschentuch

hinein -- halb vorweg aus Rührung -- unbestimmt und ahnungsvoll. Und

dann: eben das Gewissen ...

»Sie haben Ihr Gelöbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten,

furchtbaren Fall gehalten?«

»Unverbrüchlich!« sagte sie und hob ihr Oberkörperchen in

verdienstvoller Haltung, »es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache

mir vorwerfen kann, ich hätte geschwatzt.«

Er besann sich. Fragte dann weiter: »Können Sie mir etwas darüber

sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?«

»Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit

getan. -- Wo Sie doch hofften -- daß Klara Ihren Sohn -- daß Ihr Sohn

durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern

getan ...«

Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.

»Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrüchliches Schweigen!« rief er

heftig.

»Ich meinte -- gegen alle anderen Menschen -- aber als Klara so

leidenschaftlich auf mich eindrang -- es war ja wohl zwei Wochen vor der

Verlobung -- Klara hatte aus Ihren eigenen Erzählungen über Ihr Werk und

Ihr Leben Verdacht geschöpft -- was sollte ich da machen?« sagte sie

beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst

zuzuerkennen, setzte sie hinzu: »Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wären

der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir

gesagt: Lamprächtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein

Mensch. -- Und nun gar Severin der Kleine -- Ihr Enkel!«

»Ich -- ich!« sprach er vor sich hin. -- »Aber sie! Ihre Jugend -- ihr

Leben -- ihr Glück. -- Zu viel der Opfer ...«

Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wußte er, warum Klara seinen

Sohn geheiratet hatte. Es änderte nichts, gar nichts an der Lage -- es

belud nur sein Herz noch schwerer.

Weinerlich sagte die Alte: »Das hab' ich ja auch nicht gedacht, daß

Klara selbst vielleicht zu kurz dabei käme! Ich dachte: so reich zu

werden! Das war doch schön. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch

für die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _muß_ man sich

doch verlieben -- ihr Mann kann gar nicht anders -- muß sie anbeten --

ja, daß er doch nach anderen Frauen guckt -- aber das ist wohl bei den

Männern heutzutage Sitte --«

»Was?!« rief der Geheimrat. Und seine Augen sprühten. Man konnte wieder

einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich förmlich ...

»Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes,« brachte sie heraus, »nur -- die

Leute -- es heißt -- er sei sehr viel -- sehr -- mit der Baronin

Hegemeister zusammen.«

Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen

galt ...

Aber die nächste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, daß alle

Sorgen und alles Geschwätz müßig seien.

Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklärlich. Das

Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September

stattgefunden. Wynfried hatte seine »Klara« erst drei Wochen später auf

einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.

Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen,

unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er

doch Fühlung behalten, sagte er. -- Wie klar alles ...

Täuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen

Hoffnungen, daß dennoch alles gut enden möge, etwas vor? Schien Wynfried

nicht aus seiner freundlichen Liebenswürdigkeit heraus in neue, andere

Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer

Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen

Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt? --

Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Täuschung. Er war der

Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine

Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stören -- er sah es:

Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner

Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten

zärtlich, werbend ihre Augen. Klara erglühte ...

Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in

ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig -- sein

keusches Mannesempfinden war verletzt.

Auch Klara erbebte.

Seit ihre Seele wußte, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie

erwacht.

Sie wollte ihre Pflicht tun -- auch als Gattin. Aber es war eine heiße

Sehnsucht in ihr, ihr möge Zeit vergönnt sein. -- Sie mußte erst weiter

sein, weniger wund vielleicht. -- Ihr Wille, über das Grab in ihrem

Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mußte erst die

Anfänge von Sieg sehen. -- Sie spürte: er begann, sich leidenschaftlich

in sie zu verlieben. -- Und in zitternder Angst bebte sie zurück -- ohne

zu ahnen, daß seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.

So, in schwülen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen düstern Herbst

hinein.

Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weißem Filz vor

den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das

Hochofenwerk und drunten den Fluß und drüben die rote kleine Stadt

verschluckt.

Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein

Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach außen gekehrt war, machte ihre üppige

Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmütze auf ihrem blonden Haar trug als

Schmuck über der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war

erhitzt. Zufällig war es Leupold, der ihr die Tür öffnete.

»Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei

der gnädigen Frau.«

»Herr Lohmann ist verreist,« sagte der alte Diener kalt und sah an ihr

vorbei.

Agathe wurde noch heißer rot.

»Ich wünsche der gnädigen Frau gemeldet zu werden,« wiederholte sie. Sie

gab sich eine hochmütige Haltung. Denn sie fühlte auf der Stelle, daß

Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen.

Und dann stand sie peinliche Minuten. Ließ Klara sie warten? Fand der

Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar

abgewiesen?

Alle Schrecknisse ihrer Lage stürzten über sie her. -- Gewiß -- Klara

wußte schon alles und wollte sie nicht sprechen. -- Aber eine

Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Großmut -- und alles war ja gut!

Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht käme?

Ach -- gottlob! Da war Leupold wieder!

Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: »Die gnädige

Frau läßt bitten.«

Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie

zwischen den Möbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der

Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grünen

Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war,

dies mußte Absicht sein! Und als endlich sich die Tür öffnete, erschrak

sie so, daß ihre Knie unsicher wurden.

Klara kam eilig herein -- mit einem freundlichen Gesicht -- unbefangen.

»Endlich einmal wieder -- Agathe!« sagte sie beinahe fröhlich. »Verzeih,

daß ich dich warten ließ. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fünfte

Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Großvater tut, als wäre es ein

Wunder, ein persönlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen.« Sie

lächelte glücklich. »Aber nun sage -- es war ja unglaublich mit uns --

vier Monate einander immer zu verfehlen!«

»Das hat auch Mühe genug gekostet,« dachte Agathe.

Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschämung und in dem

unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken,

fiel sie der jungen Frau um den Hals und küßte rechts und links ihre

Wangen und war ganz aufgelöst vor Erregung.

»Liebste, einzige Klara!« stammelte sie.

Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gütig:

»Lege doch ab -- bleib zu Tisch -- Vater und ich sind allein. Wynfried

ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den

Kreyser-Werken und ist dann nicht zurückgekehrt, wie wir dachten. Er

depeschierte, er bleibe noch etwas aus -- sein Telegramm kam aus Köln.«

Niemand wußte genauer als Agathe, daß Wynfried sich in Köln befand. Sie

war von dort gestern abend zurückgekommen.

»Nein -- nein -- ich kann nicht hier bleiben,« sprach sie abwehrend. Und

sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der

Modistin, die aus Berlin mit Anproben käme.

Dann saßen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nähe des

Fensters. Der bleiche Nebel draußen hing vor den Scheiben. Und Agathe

war plötzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten

hilflos die Gedanken, um die schöne, innige Rede wieder

zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nächten ausgesonnen.

Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Tränen gerührt

hatte, die auch Klara das Herz erweichen mußte! Mit deren Erfolg sie

Wynfried überraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Köln

zurückzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen -- ihm sagen:

alles ist geordnet.

Nun aber war die Rede fort. Völlig verweht im Sturm der Angst ... Was

sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fände?

Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefühl nicht los werden,

daß aus dieser unglückseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine

Katastrophe entwickle. Ein größeres Pech konnte es auch gar nicht geben!

Sie saß mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der

verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten

niemals eine Uniform dort gesehen, außer der der Bonner Husaren. Und nun

kam eine kleine Gesellschaft, zwei höhere Artillerieoffiziere mit ihren

Damen -- und mit ihnen Likowski, in Zivil.

Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie

aus -- ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der

ersten Zeit. Er sagte: »Likowski ist Kavalier, als solcher weiß er, daß

er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.«

Aber Likowski kam dennoch heran -- auf eine so fremde, ferne Art --

einen Schritt vom Tisch blieb er und grüßte kalt. Und sprach in einem

Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: »Bitte, Herr Lohmann -- auf

ein Wort.«

Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. -- Sie blieben außer

Hörweite stehen. -- Steif und höflich sah es aus, wie sie ein paar kurze

Worte zusammen sprachen. -- Dann verneigten sie sich sehr förmlich

voreinander.

Wynfried kehrte zu ihr zurück -- leichenblaß und stumm, und wehrte

allen Fragen ab. Und bat -- nein -- befahl, daß sie am nächsten Morgen

abreise.

Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Großmut

wird alles in das rechte Geleise bringen. --

»Nun?« fragte Klara. »Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten

ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?«

»Schlecht ist es mir ergangen,« sagte Agathe gedrückt.

»Dir? Schlecht?«

Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war für Agathe

eine Kränkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mühselig und

beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte

ihr, wenn sie litt.

»Ich bin sehr unglücklich,« sprach sie mit weinerlicher Stimme. »Wenn

man entsagen und immer wieder entsagen soll ...«

Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, törichte Frau wieder mit ihrem

Liebesjammer?

Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hören, um einen, den sie

selbst in heiliger Entsagung liebte. Das hätte ihre wunde Seele zu

peinlich gequält.

Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf

sich die andere plötzlich gegen sie -- umklammerte ihren Hals und fing

schluchzend an, zu weinen.

»Mein Gott -- Agathe -- fasse dich doch ...«

»Nein,« stammelte Agathe, »nein -- ich habe alle Fassung verloren -- ich

kann nicht mehr -- ich kam -- weil du -- du allein bist es, die mir mein

Glück geben kann. -- Leben -- Ehre -- Glück -- alles ...«

Was hieß das? Gab es denn, außer dem Vater, der ahnungsvoll ihr

geheimstes Leid zu erraten schien und es andächtig beschwieg, gab es

einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wußte?

Und wie sonderbar drückend war ihr die Körperlast der Weinenden. Sie

schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: »Ich habe kein Glück

zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.«

»Doch: Gib ihn frei -- laß ihn mir -- ich liebe ihn über alles in der

Welt -- ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.«

»Von wem sprichst du?« fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden

Wort.

»Von Wynfried -- von Wynfried!«

Das kam jammernd heraus -- als umschlösse der Name allein alles Unglück

ihrer Gegenwart.

»Von -- von ...?«

»Ich träume,« dachte Klara, »das ist ja Unsinn.«

»Hast du es denn nicht gespürt? Du _mußt_ doch gemerkt haben, wie

glücklich und froh er war. -- Aber das ist es -- so was kannst du nicht

merken -- du bist ja nur seine gute Freundin -- du bist kalt -- ach --

du weißt nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. -- Deshalb kann es

dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.«

Verstummt, gelähmt saß die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in

rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten -- immer

liebenswürdig, höflich -- rücksichtsvoll -- ohne Ansprüche an ihre

Hingabe. -- Wie war es friedlich -- wie erlösend gewesen. -- Aber nun.

-- Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich -- wie ein

Verliebter?

O Schmach!

Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter --

wurde ruhiger -- nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene

eines kleinen Mädchens, das seine ersten Liebessorgen hat -- naiv --

manchmal fast treuherzig. Und sie schloß: »Siehst du, geliebte Klara,

ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe,

sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei

eben damals so herunter und so willenlos gewesen, daß er sich habe

verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenüber auch kein

schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab' dich auch viel zu lieb, als daß

ich dir etwas hätte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu

anständiger Mensch. Laß ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich

sterbe sonst ...«

Und sie drückte ihr Taschentuch gegen die Augen.

Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht -- gedacht -- und doch, in fiebernder

Doppeltätigkeit, alles gehört.

»Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.«

Agathe hörte wohl den Hohn. Aber sie fühlte jetzt zu leidenschaftlich,

und alles war doch anders.

»Jetzt weiß ich erst, was wahre Liebe ist!« schluchzte sie.

Wie diese Tränen Klara schrecklich waren -- sie wuschen alle Würde von

den Worten.

»Du wirst entsagen müssen,« sprach sie hart.

»Dazu ist es zu spät,« sagte Agathe.

Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! -- Ihre Tränen versiegten --

eine Art von Trotz kam ihr -- sie wartete und sah die Frau an -- die

blaß, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasaß. -- Wie

von Unergründlichkeit umwittert. -- Was würde ihr nächstes Wort sein?

Welche Drohung lag darin, daß es so lange ausblieb?

»Ich habe auch mein Recht!« dachte sie.

Stille Helden: Roman · 第 45 / 69 题