Das hatte ihm nicht gefallen -- nein -- nein. --

Es müßte sich jemand finden, der Klara sagte: paß auf!

Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit,

»konventionell« und »formell« sich zu betragen, mischt man sich nicht

ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt

einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht:

deine Frau macht dich zum Gespött. -- Zusehen ist schicklicher.

»Nun, ich werde dieser jemand sein -- sobald ich Gelegenheit habe!«

schloß er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen.

Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausführliche Kritik

des geräuschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders

hatte es ihr mißfallen, daß Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein

eigenes Auto wegschickte -- »als wenn's zum Jahrmarkt gegangen sei,«

hatte sie das Betragen gefunden.

»Gottlob, daß es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz

amüsieren können,« sagte Likowski abweisend.

Aber diesmal ließ sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mußte

sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht

zurückhalten läßt.

»Liebster, bester Herr von Likowski,« raunte sie, »ich klatsche nie --

aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.«

»Sie wissen, Lamprächtige -- hab' keine Spur von Neugier ...«

»Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, daß

-- daß Wynfried und die Hegemeister -- wenn er verreist -- verreist sie

auch. -- Und er ist manchmal allein auf Lammen -- aber nicht mit seinem

eigenen Auto sagen die Leute.«

»Sagen Sie den Leuten wieder, daß sie ihre Nase in ihre eigenen

Angelegenheiten stecken sollen,« befahl Likowski.

Und die Alte dachte bekümmert, daß ein Hagestolz doch für gewisse Dinge

kein Gefühl übrig habe. Diese Teilnahmslosigkeit -- denn es ging doch

Klaras Leben an -- kränkte sie schwer.

Gegen Abend saß Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt.

Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte

Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche würden beginnen --

es war vom Professor das Wort »Wiesbaden« ausgesprochen. Und ganz gewiß

-- morgen würde es offenbar werden, davon war er überzeugt -- sein

linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. -- Marning schwor ihm

zum unendlichsten Male zu, daß es nur zwei Zentimeter seien, und daß der

Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal

steifer oder nachschleifender würde es werden.

Aber das war es nicht allein -- andere Dinge hatte Likowski gelesen: in

England waren die Menschen wie verrückt: glaubten einen Zeppelin in

nächtlicher Dunkelheit über London gesehen zu haben. Und in Frankreich

-- diese Empfindlichkeit, dieser anmaßende Ton ... Und die Wunder

unserer Disziplin! Als ob es nicht den Männern an der Grenzwacht in

allen Nerven zuckte.

»Sie haben noch mehr!« sagte ihm Marning auf den Kopf zu.

»O ja -- ich merk', Sie kennen mich -- ja schmerzen tut's mich -- daß

die junge Frau von drüben nicht kommt. -- Und da wären so allerhand

Gründe ... möcht' mal mit ihr eins schwatzen -- mal sehen, wie weit man

mit dem Gespräch sich wagen kann ...«

Stephan saß schweigend und blaß.

»Und kurz und gut -- sagen Sie's ihr nur geradezu -- es sei keine Sache,

einen alten Freund in trüben Tagen zu vernachlässigen.«

Plötzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: »Herrjes -- wie ist

mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drüben gewesen?«

»Nein, lange nicht.«

»Aber jetzt gondeln Sie mal 'rüber und bestellen ihr ...«

»Gewiß, gern -- gelegentlich,« sagte Stephan ausweichend. »Sie wissen

doch: wir mögen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr

jetzt nicht einlädt, komm' ich nicht hinüber.«

Zu seiner Erleichterung ließ der Hauptmann das Gespräch völlig fallen --

lag grübelnd, mit bösem Gesicht da.

Er dachte: »Wenn man doch die Wahrheit erfahren könnte! Ob Marning auch

von dem Klatsch gehört hat? Deshalb nicht mehr 'rüberfährt?«

Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht

zart genug behandeln kann. --

Er fühlte. »Ich muß bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht

-- man ist doch kein Überzähliger! Gottlob nicht. Und könnt' sein, daß

da drüben die junge Frau auch mal 'n Freund braucht ...«

Vom nächsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst

natürlich wetterte er über die Maßen herum, daß sein Bein nicht bloß

eine Handbreit, nein daß es um die Hälfte verkürzt sei und die Knochen

wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er's gleich noch

mal brechen. Aber mit viel Geräusch und ungemeiner Energie kam er

vorwärts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben. --

Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das

rechtzeitige Abernten der Felder unmöglich gemacht. Die Manöver mußten

teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski

die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien

führte, ließ zum Ersatz ganz besonders große Marsch- und

Felddienstübungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am

Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.

Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte,

der erst herausheilen mußte. Aber dann konnte Likowski doch Marning

vorrechnen: »Wenn Krieg kommt, kann ich's wagen, mitzureiten. Bleibt

Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach

sieben, acht Wochen als Jüngling und Schnelläufer wieder. Und dann

kommen Sie um Ihre Versetzung ein -- wenn Sie nicht anderen Sinnes

geworden sind.«

Und an einem Tage, als der öde Regen durch stürmisches Unwetter eine

Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmäßigkeit am

Himmel wildes Gewölk schwarz und schwer sich dahinwälzte, kam endlich

die junge Frau.

Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thüraufs

getroffen und zufällig erfahren, daß heute eine Übung stattfinden solle,

von der die Kompanien erst gegen Abend zurückkehren würden. So war sie

sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen

hatte ...

Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz

betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War

man so des Anblicks von holder Schönheit entwöhnt, daß einem die

bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?

Welch ein Lächeln voll Güte ... Und dennoch -- irgend etwas Rührendes

darin ...

Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, daß sie noch

nicht hier gewesen sei -- ging schweigend daran vorbei. Und da wußte er

in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor,

wenn man ihn auch nicht erfährt!

Sie saß neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der

seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zärtlich zu streicheln,

als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Großen und

Severin dem Kleinen.

Und Klara sagte, daß ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken

sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, daß ihr

Mann die eigentlich für den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise

aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemünde aus Anfang Juli seine

Jacht nach der Elbmündung gehen lassen, wo er die Segelei großartiger

und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach

Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit

Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie

freue sich dessen für ihn. Nun könne sie ihren Vater recht pflegen. Was

aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklärt!

»Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und

streckt die dicken Händchen nach seinem Großvater aus! Ja, der ist ein

bißchen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat's noch nie

gegeben -- Wie eben Großväter sind ...«

»Und junge Mütter auch! Ich hab' mich bisher als Barbar betragen gegen

Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch

wird -- na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch

auf lange hinaus meine blanken Knöpfe anziehender erscheinen sollten als

mein Charakter.«

Klara lachte. Wie wirkte sie glücklich in diesem Augenblick!

Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. -- Und doch riß es ihn

zu mächtig in die Nähe dieser Sorge. Plötzlich fragte er: »Na, und die

Baronin? Hängt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwärmerei

an?«

»Ich weiß nicht,« sagte Klara unbefangen, »sie verfehlt mich beständig.

Wär's nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je

feindselig sein kann, dächt' ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glück mit

ihr -- traf sie mal in Hamburg -- fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow,

auf Lammen vor --«

»Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden,« setzte sie

beschönigend hinzu. »Vormittags bin ich ganz gebunden, habe überhaupt

viele Pflichten: Vater -- das Kind. -- Agathe hat keine.«

Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe -- wie bei

einem Menschen, der seiner sicher ist.

Likowski, im Gemüt infolge der letzten Wochen ein wenig mürbe, war

eigentlich ganz weich -- so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, daß er

früher nicht doch ... Aber Unsinn -- weg mit solchen Anwandlungen!

Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind

sollten Anspruch an sein Leben haben -- das gehörte einer großen Aufgabe

allein! Eine Familie gründen -- nein! Aber ihre Heiligkeit schützen --

ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrät,

schieße ich ihn über den Haufen.

So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, daß sie von diesen schweren

Gedanken nichts ahnte.

Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort »Wissen Sie noch?« stand über

ihren Gesprächen. Da lebte Vollerts Vorgänger wieder auf, Mau, der

durchaus nicht begreifen konnte, daß es nicht heiße »djewoll, Herr

Hauptmann«, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein »to Bafehl«

angewöhnte. Und die gute alte Lamprächtige nahmen sie ein wenig durch.

Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten draußen am

Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab.

Und Likowski sagte: »Wissen Sie noch: so 'n ähnliches Wetter war an

jenem Morgen, als wir uns an der Fähre trafen. Ich denke noch manchmal

daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue

Wollmütze auf, die Ihnen entzückend, e--n--t--zückend stand; und keiner

von uns hatte 'ne blasse Ahnung, daß Sie sich noch selbigen Tags mit

Wynfried Severin verloben würden --«

»Ja« sprach Klara leise, »ich weiß es noch ...«

»Was mir Marning geworden ist! -- Und vor allem in den letzten Wochen!

Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen -- will sich nu mal

partout versetzen lassen -- ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie

führen muß. Na, aber eh' es so weit kommt, ziehn wir doch unter der

gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn's den einen von uns

trifft -- schön wär's, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von

Freundeshand den letzten Druck zu spüren. -- Aber wie Gott will ...«

Klara stand auf. Bleich und still. Sie ließ noch einmal ihre Hand dem

treuen Mann. Er küßte sie -- immer wieder.

»Aber Likowski!« sagte sie mit einem mühsamen Lächeln scheltend.

»Weiß selbst nicht -- mir ist so wunderlich -- grad als sollt' ich Ihnen

sagen: wenn Sie mal jemand brauchen -- soweit mein Kaiser mich nicht

braucht -- allzeit Ihr treuer Freund. -- Aber nicht wahr, dies ist kein

Abschied? Wir sehen uns wieder?«

Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene

Erregung des Mannes auf sie hinüber, sprach sie: »Warum sollten wir uns

nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, daß wir Ihnen das Auto

schicken können. Vater freut sich schon auf Sie.«

Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervösen Charakter an, daß

alles Persönliche zurücktrat.

Jetzt, jetzt war es so weit. -- Der September war da -- ein Tag schlich

vorbei -- wieder einer -- eine Woche. -- Und die große Frage brannte in

aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus

Berlin gehört, der andere das. -- Jede Nachricht widersprach der

anderen.

Likowski fieberte vor Aufregung und übte Bewegungen und schrie nach der

alten Frau, damit sie bestätigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er

ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rücksicht auf den

guten Vermögensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem

Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fünfundzwanzigtausend Mark.

Stephan war ruhig. Ernsten, gefaßten Blickes sah er dem Geschick

entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und

dessen Ausspruch, daß der Krieg zur Erziehung der Völker notwendig sei,

hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, daß Humboldt recht

habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu dürfen für

das Größte.

Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen -- auch ohne die eine, die er

liebte. Aber wenn er es für das Vaterland einsetzen durfte, das würde

wie Erlösung und Krönung sein. --

Und dann, dann dämmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein

Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jäh deutlich erhellt. Nein,

auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich

Ernüchterung, die Gewißheit: die Lage _entspannte sich_ -- wieder

einmal! --

Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, daß sie wieder

einen klaren Himmel über sich sahen. Aber Millionen fühlten, daß die

Muttererde mit den Nebeln gärende Keime eingesogen habe.

Likowskis Vetter, der Kapitänleutnant, schrieb, was auch zugleich schon

in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen.

Stille Helden: Roman · 第 44 / 69 题