Das klang immer so flach, so äußerlich -- es hatte ihn schon oft
verletzt.
In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurückkam, fühlte er: von
Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung.
Und dieses Gefühl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen
gelebt hatte.
Und der eigene Vater sollte ihm das zerstören?
Unmöglich.
Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses!
Sein Enkel -- sein Stolz und Glück!
Unmöglich!
Das junge Weib -- das Kind -- das Werk -- alles _eine_ Zukunft
zusammengeschmiedet. -- Unzertrennlich. --
Wie sollte sich das alles lösen?
Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrückt.
Zum erstenmal fühlte er sich müde -- sein herrischer Wille -- sein Zorn
-- sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.
Ein leises Ahnen beschlich ihn, daß auch für die stärkste Lebensgier
eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mühselig werden können. --
Und draußen surrte der Regen, emsig gießend, in unermüdlicher
Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglück
nüchtern wegwaschen.
10
Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs
hatte der Professor seinen Patienten nur bändigen wollen. Aber als der
ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, daß die Sache
keineswegs so einfach sei, daß die Heilung noch Wochen in Anspruch
nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemütszustand. Da man ihn
zuerst wohlmeinend getäuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung
nicht, daß alles wieder völlig gut werden würde und seine
Dienstfähigkeit gewiß nicht in Gefahr sei.
Er sah sich schon lahmend und außer Dienst!
Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr -- es war Wut.
Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge
würde er wahrscheinlich kaum gespürt haben, im Hochgefühl kriegerischer
Pflichterfüllung. Aber hier so still liegen und sich gefaßt erweisen,
dazu war er nicht der Mann.
Er erklärte das für Frauenzimmersache. Weiber, die hätten's in den
Nerven, daß sie zäh und ergeben dulden könnten -- deren Nerven seien
eben dehnbarer eingerichtet. Männernerven rissen gleich.
Und die Welt, die nächste um ihn, wie die große, weite draußen, war
nicht in Zuständen, die ihn hätten angenehm zerstreuen können.
Das Wort »Krieg« zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man
es ganz gewiß. Der Herbst würde die Völker gegeneinander werfen. -- Es
schien kein Zweifel mehr.
Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las
ja Zeitungen -- immer mehr -- Zeitungen aller Parteien. -- Und er
spürte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht
durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heißer Opferfreudigkeit
erglühten -- das sah er mit glückseligem Stolz. Wie die anderen feige
nur an ihr bißchen gestörtes Wohlleben dachten, erkannte er mit
Zähneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedürfnis, davon zu
sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich
sein Gespräch, seine Frage.
Thürauf kam. Er mußte bestätigen, daß das Ausland sich mit Bestellungen
zurückhielt, daß wiederum einige Industrien des Inlandes überhetzt
Rohmaterial brauchten. Die geschäftliche Lage war trübe und besonders
von der Ungewißheit geschädigt. In industriellen Kreisen sagten die
einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung
erleben, wenn's überstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schönster
Blüte, die Kinderjahre unserer Industrie sind überwunden, wir
überflügeln die anderen Völker; und nun soll ein Krieg alles zerstören?
Herr von Pankow kam, und seine joviale Behäbigkeit erschien umflort von
gedrückten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wußte Gott
allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und
gute Hereinkommen der Ernte so dringlich nötig! Wußte man denn, ob einem
nicht morgen die Pferde weggeholt würden?
Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar
mitmußte -- stand in Wandsbek, Regiment Königin der Niederlande -- bloß
erst die Ernte 'rein -- dann war man hinterher auch leistungsfähiger.
Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmiß von der
Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, daß er seit
seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt
der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der
sich gerade aus der Praxis zurückgezogen habe, aber bereit sei, ihn in
Severinshof als Hüttenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich
einverstanden erklärte. Und er erzählte, daß der Geheimrat gesagt habe:
ein Krieg sei für Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor
Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn daß ein
Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch
nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes
zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege könnten sie ihre Kraft und
Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange
Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht.
Und Edith Stuhr kam und saß frech und neugierig und vergnügt an seinem
Bett -- was die alte Doktorin Lamprecht unerhört fand -- und erzählte,
daß ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht
nach Sensen.
Und die Kameraden kamen.
Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es
Blick und Händedruck ...
Sein Vetter, der Kapitänleutnant schrieb: »Wenn es wird, muß es vor dem
14. September sein, denn nach dem Flottenmanöver entlassen wir stets
unsere Reserven. -- Marinereserven, einmal entlassen, können nicht so
rasch wie das Landheer zur Waffe zurückberufen werden. Sie zerstreuen
sich, infolge ihres größtenteils seemännischen Berufes, bald über die
Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurückkommen können. Mit eben
frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also:
wenn unsere Reserven zurückbehalten werden, heißt das: Krieg in Sicht!«
Und der Hauptmann schwor wieder: »Ich schieß' mich tot, wenn's losgeht
und ich bin ein Krüppel!«
Und das Allermerkwürdigste war, daß diese ganze Spannung, dies ungeheure
Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach
erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft
gewaschen wurde. Die Natur überhitzte die Nerven gewiß nicht. Der graue
Tageshimmel schüttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom
Abend bis zur Frühe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von
keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab.
Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn bloß endlich mal Schönwetter
würde!
Als sei damit dann viel geklärt.
Aber es wurde kein Schönwetter.
Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre
ermahnenden Reden flossen ohne Unterlaß.
»Grad wie der Regen,« sagte Likowski einmal.
Aber sie steckte oft ihr graues Köpfchen mit dem spiegelglatten
Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in höchst
unmilitärischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, überein, daß
man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas übelnehmen müsse.
Sehr beleidigt war Likowski, daß von »drüben« -- womit ein für allemal
die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren -- niemand kam.
Der Geheimrat natürlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit
erlesenen Früchten und köstlichen Bissen. Und hatte auch in einem
eigenhändigen Brief sein Mitgefühl ausgedrückt.
Die Doktorin erinnerte daran, daß doch Herr Wynfried Severin schon
einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche
nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo
bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte
er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie
noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht
schon damals geachtet und verehrt, so daß er beinahe -- aber natürlich
nur »beinahe« -- erwogen hätte ... Und wußte sie denn nicht, daß sie
keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzählte, wie rührend
sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen
mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, ließ
sie ungetröstet daliegen? Als ob es nicht auch für ihn eine Wohltat
wäre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwürde
einmal an seinem Lager zu spüren.
Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie
wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch für ihre Person etwas übel.
Denn nun, da sie nicht mehr nach drüben zu ihren regelmäßigen
Teebesuchen fahren konnte, mußte doch Klara einmal das Verlangen haben,
ihre Pflegemutter wiederzusehen ...
Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.
Der Besuch machte ihm anfangs Spaß. Die Baronin fuhr, natürlich mit
ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Geräusch des Regens war in der Luft, und
von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte
in gleichmäßiger Eile hinab auf das Straßenpflaster. Das einfache
Zimmer, voll Karten an den Wänden und voll Zeitungshaufen und
Schriftstücken auf dem Tisch, mit dem etwas schräg vornübergebeugten
Spiegel über dem Waschtisch, gegenüber dem Fußende des Bettes -- das war
kein Schauplatz für die Eleganz, die hereinkam.
Agathe hatte draußen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts große
Hände gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff
fallen ließen, was die Damen in Heiterkeit versetzte.
»Wie kommt der Glanz in meine Hütte!« sagte Likowski und hatte sein
Wohlgefallen an dem hellblauen, die üppige blonde Frau knapp
umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst für mich ist es ihr der
Mühe wert, sich schön zu machen -- wie angenehm für unser Männerauge,
daß es Frauen gibt, die das unschuldige Bedürfnis haben, uns sozusagen
was vorzublühen!
Obgleich er ein fröhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war
Agathe doch tief gerührt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden
sehen, es tat ihr zu weh!
Ihre ganze Herzensgüte wallte auf, und Likowski sah wohl, daß es gar
nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand
streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten
Glanz einer Träne.
Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage.
Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit
ihnen.
»Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schöner
geworden. Und ein wenig schlanker -- ganz wenig -- aber gerade sehr
vorteilhaft so. -- Ja und auch Fräulein von Gerwald strahlt? Den Damen
bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir -- im Grunde
verdank' ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn
Sie morgen lesen: der Krieg ist erklärt, so kaufen sie gleich einen
Trauerkranz für einen, der es nicht überleben wird, zu Haus bleiben zu
müssen.«
»Ach,« sagte Agathe, »Wynfried meint, es wird nichts draus.«
Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde.
Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von
Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab
überhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten:
»der Geheimrat« und »Wynfried Severin«, um Vater und Sohn bequem zu
unterscheiden, und den Namen Lohmann wegließen.
»Wie geht's denn Ihrer Freundin? Sie läßt sich bei mir nicht sehen.
Sagen Sie ihr, daß es mich kränkt und schmerzt.«
»O -- es geht ihr gut, höre ich.«
»Hören Sie? So was sieht man doch.«
»Ja denken Sie,« sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich über
ihr Gesicht, »das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir
uns, mit tödlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und
stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie
mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen
zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen,
die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen
... er soll sich angegriffen fühlen. Mal war ich eingeladen, als ein
paar Großindustrielle da waren. Schweden und Finnländer -- ich kann
nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhaßt. Man hat
mich in meiner Jugend zu viel damit geärgert. Neulich lud ich das
Ehepaar ein -- sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag
hatte.«
»Das nennt man Pech!« gab Likowski zu.
Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Fräulein von Gerwald: »Es
tut Frau Baronin wirklich sehr leid.«
Gerade hörte man auf der Straße ein dumpfes Dröhnen, und das hielt vor
dem Hause an.
»Mehr Besuch!« sagte Agathe, »gewiß Stuhr.«
Aber es war nicht Ediths nervöser und sorgenvoller Vater, sondern
Wynfried Severin kam herein. Schön, heiter, ein Mann von Lebensfreude
wie umglänzt.
Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefühl:
dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie
ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried küßte ihr die Hand
und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzählte
dem Hauptmann, daß er das Glück gehabt habe, die Damen in Hamburg zu
treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da
habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu dürfen. Und als sie
aufbrachen, stießen sie in der Tür auf Stuhr. -- Aber Likowski wisse
wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzählt ...
»Nein,« sprach der Hauptmann kurz, »Stuhr ist kein Klatschweib.«
Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, daß in
Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige
Verliebtheit entzündet. Und er hörte wohl, daß in des Mannes Stimme ein
Ton herrischer Vertrautheit mitschwang -- dieser Paschaton, der gewisse
Frauen entzückt.
Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches
an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen --
als könnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gespräch zu Ende kommen und
vor Nervosität nicht zwei Minuten still sitzen -- sie verstimmten ihn
tief.
Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als
sie nun zu dritt gingen -- nicht ohne daß Wynfried den Hauptmann laut
beneidete um das Mitleid dieser holden Gönnerin -- blieb er finster
zurück.