Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende »Nein!«

Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. -- Er tat, wozu es ihn

schon vor Minuten hatte hinreißen wollen -- er neigte sich tief und

küßte die Hand des alten Herrn.

Fast wollte seine Fassung zerbrechen -- ein Übermaß von Empfindungen

stürmte durch ihn hin. -- Als bäte er mit diesem Handkuß: verzeih mir,

daß ich deines Sohnes Frau liebe. -- Als schwöre er: zwischen dieser

edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. -- Als flehe

er: versteh doch, daß ich gehen muß.

Dann richtete er sich auf -- stand voll Haltung.

Er griff nach seiner Mütze und hielt sie in der Hand.

Noch ein paar Herzschläge lang sahen sie einander fest in die Augen!

Höher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im

Bewußtsein, daß er ihn so frei erheben könne.

Dann grüßte er militärisch und ging.

Als müsse dieses leise »Nein« das letzte Wort zwischen ihnen

bleiben. -- --

Und wenn tausend gesprochen worden wären, sie hätten dem alten Herrn

nicht mehr offenbaren können als dies eine.

Nun hatte er keine Zweifel mehr.

Erschöpft legte er sich zurück und schloß die Augen.

»Wie sich alles wiederholt!« dachte der Greis.

Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?

Warum mußte es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden

aufbürden, die er und eine heilige Tote einst getragen?

Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld,

die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern »das Schicksal«

nennt?

Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hände gewesen, die alles so

geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!

Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein!

Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter

gewinnen.

Er täuschte sich nur zu rasch und freudig vor, daß sie für seinen Sohn

Neigung habe.

Er genoß es als Glück, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung

darbringen zu können.

Er glaubte der Geliebten noch über das Grab hinaus Treue zu beweisen,

indem er ihre Tochter in sein Haus zwang.

Und nun wußte er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben -- denn sie

war nicht veränderlichen und leicht entflammten Herzens.

Er erkannte längst: von äußerem Glanz war sie so unabhängig, wie es ihre

Mutter gewesen.

Und er fühlte, daß die teure Tote weinen würde über das Geschick der

Tochter ...

Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal

spielen?

Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst -- sei frei!

Aber das war ja ganz unmöglich!

Er dachte an seinen Sohn -- an den anderen Mann.

Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wußte klar: sein Sohn

war von der Art seiner Mutter. Begabt, schön, beweglichen Verstandes --

ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlässigkeit. Genußfreudig.

Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht

seinen entsagungsvollen Weg ging.

Ja -- dieser wäre Klaras würdiger gewesen ...

Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten!

Wie er selbst einst gelitten ...

Seine heiße Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten

verwoben war, daß sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen

Geheimnissen -- diese heiße, selbstsüchtige und dennoch zugleich über

jedes Mannesgefühl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe -- sie

wallte stürmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmächtig zuzusehen, daß

Klara sich in heimlichem Gram verzehre.

Aber tat sie denn das? Was wußte er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum

hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst

und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich für dich

tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, häßlichen Dingen,

die den Tod ihres Vaters umspielten, wußte sie doch nichts.

Was sollte er tun?

Ganz gewiß war sein Sohn nicht der ebenbürtige Gatte dieses jungen

Weibes.

Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite

fortreißen, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich

hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Würde seiner jungen

Frau. Dennoch aber -- das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen,

daß er daran glaubte -- dennoch stand sie ihm hoch, und er fühlte

dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden

Lebensüberdruß herausgerettet, dem er verfallen gewesen.

Stille Helden: Roman · 第 42 / 69 题