Er flüsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheißung --

Mit einer bezwingenden Selbstverständlichkeit suchten seine Lippen die

ihren zu einem verzehrenden Kuß ...

* * * * *

Und am Klüverbaum hockte das alte Mädchen und starrte in die Nacht

hinaus.

Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wünschen und Entsagen glomm, wie

Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestöbert wird, noch einmal

auf. -- Und sie fühlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel

Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen

zuzumachen.

Und aus der Sommernacht wehte so viel heran -- fast wie Qual des Neides

-- Rührung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glück gönnte --

Sorge vor schrecklichen Kämpfen.

Es war aber schön, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast

wie Brangäne vor.

Märchenhaft -- wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt

-- und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den

Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestät der

Himmel.

Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der 'Hohenzollern' auf, und aus

ihren vielen, vielen Augen glänzte gelbes Licht. -- Und drüben

Travemünde-Strand -- eine Reihe von Lichtperlen nur. -- Und das

Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.

Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Fräulein von Gerwald saß,

und schreckte sie auf.

Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Händen je eine Laterne. -- Er

schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. --

Er semaphorte der Lootsenstation zu, daß die »Klara« in den Hafen wolle,

und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen

wartete ...

Große Unruhe entstand an Bord.

Die rotweißen Matrosen manöverierten, das Schunersegel rauschte herab,

sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Händen zu einer

Faltenrolle zusammengebunden. Das Großsegel schlänkerte gelöst. --

Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da

und gab Befehle.

Fräulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem

Sitzplatz -- in seligem Lächeln sinnend.

Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. -- Aber die

Treue wußte -- dies verband sie beide auf immer.

Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte

Wynfried mit den Damen auf das Motorboot übersiedeln. Die »Klara« sollte

über Nacht in Travemünde bleiben. Mit dem flinken »Severin« dachte

Wynfried erst die Damen an die Lammener Brücke zu bringen und dann nach

Haus zu fahren. Es würde wohl lange nach Mitternacht werden ...

In Travemünde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen -- und zwei

Schiffer riefen allerlei von der hohen Brücke herab ...

Was denn? Ja -- ganz gewiß. -- Der Schlepper 'Primus' hatte die

Nachricht mitgebracht -- gerade als er die Trave abwärts dampfte und

schon eine gute Strecke an »Severin Lohmann« vorbei gewesen war, hatte

er einen furchtbaren Knall von dorther gehört.

Wie von einer Explosion ...

8

Die junge Frau hatte den Besuch ihrer früheren Pflegemutter gehabt. In

allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in

Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit

darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte

gesagt: komm doch an schönen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags

herüber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie

setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gängen

nach dem Herrenhaus von »Severin Lohmann« fest. Das hatte Klara

natürlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage

verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich

darauf gefaßt gewesen, daß man ihr abwinke. -- Die jungen Eheleute

wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. -- Likowski,

der immer einen Augenblick vorsprach, erzählte von der erhaltenen

Einladung, der er nicht folgen könne.

Als dann aber kein Abwinken erfolgte, stürzte sich die alte Frau mit

ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der

Geheimrat? Darüber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den

Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glück

erwies sich alles als überflüssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn

sie fand Mutter und Kind in der völligsten Gesundheit vor, und der

Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretär. Das

Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung

gestört gewesen -- nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und

die Amme in der malerischen Tracht saß dabei und wehrte den Fliegen.

Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter

den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen

Blick auf die Hochöfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen

Himmel, von grünen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin

Lamprecht erzählte mit unermüdlich dahinrinnenden Worten von allem

Kleinkram ihres engen Lebens.

Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fähre, wo es

noch einen wortreichen Abschied gab, bis Sörensen, der Fährmann,

ungeduldig fragte: »Wölt wi nu foahren, oder wölt wie nich foahren?«

Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurückging,

fühlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit

erhoben. Woher ihr die kam -- sie wußte es nicht. Das Grundlose ihrer

wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und

jammervollen Zerdrücktheit, als läge alle Qual der Welt auf ihr -- sie

vermochte es nicht zu erklären. Alles, was sie konnte, war, eine

äußerlich immer beherrschte Haltung zeigen.

Jetzt däuchte ihr, sie sei glücklich, daß das bißchen Unruhe des Kindes

nicht die Vorbotin von ernstlichen Störungen gewesen sei. Sie machte

sich Vorwürfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja

all seine Interessen und Freuden teilen -- das war ihr ernster Vorsatz.

Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schön --

fast, als sei es weniger -- mühsam. --

Als sie sich dem Platze unter den Ulmen näherte, sah sie, daß die Amme

fortgegangen war und daß anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner

einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen

hinab.

Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn überrumpeln, und das gelang ihr

auch. Er fuhr auf und wurde rot.

»Kathrin bat mich -- ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. -- Ich

kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gnädigen Frau

recht sei, möchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.«

Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten

Ärmchen frei -- er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der

anderen zu greifen, ohne daß es ihm gelang -- in diesem allerersten

zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, daß

selbst ein unverständiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold

erkennen mußte, es sei ein köstliches Exemplar von einem Kinde.

Klara sah ihn an -- irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu

sprechen.

»Ich glaube,« sagte er verlegen, »der Kleine wird mal ganz und gar Herrn

Geheimrat ähnlich ...«

Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: »Es ist das schönste

Kind, das ich je gesehen habe ...«

Und ging rasch davon. Klara lächelte. Sie fühlte: der eifersüchtige Mann

hatte ihr nun endlich verziehen, daß sie die Schwiegertochter und

bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte

ihn entwaffnet, und er war vielleicht von ähnlichem Stolz auf den

Stammhalter erfüllt wie der Großvater selbst.

Ja, so kleine Händchen können viel.

»Vielleicht,« dachte Klara, von einer plötzlich aufwallenden Hoffnung

ganz erregt, »vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht

zusammenfügen ...«

O Stunde des Glücks, wenn das geschähe! -- Und warum nicht? Es gibt doch

Gefühlswunder, Wandlungen -- man las so viel Schönes davon. Und was die

Poesie verherrlicht, muß sie doch im Leben gefunden haben. --

Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und saß in seinem Fahrstuhl am

Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster

geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug

ihr Tod im Licht war Klara immer widerwärtig. Der Geheimrat teilte ihren

Ekel davor.

»Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt,« schalt Klara.

»Die Arbeit drängte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die

Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen

will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Störungen die Menge.

Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Röhrenfabrik hat

sich angesagt -- eine Verbindung, die Wynfried anknüpfte. Die Fabrik

will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Außerdem ist Mühlmann aus

Harburg zu erwarten.«

»Ach der alte Herr, der immer denselben Spaß macht, indem er bedauert,

daß er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine

Pröbchen zu Füßen legen könne.«

»Du solltest aber mal wirklich die Mühlmann-Werke mit Wynfried zusammen

ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist's ja nur ein Katzensprung.

Anker für Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Größen

und Gewichten. -- Ja, also Malzan und Mühlmann wohl sicher. Vielleicht

noch zwei Geschäftsfreunde aus Rußland. Und möglicherweise der junge

Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse,

billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt,

muß er zu Tisch gebeten werden. Aber du weißt: alles ist unsicher.«

Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgäste: die, auf

welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und

konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man

niemanden, und eine Stunde vor Tisch hieß es plötzlich, es würden Gäste

kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer

sechs.

Aber die Küche war darauf eingerichtet, und Frau Flüggen, die

Herrenköchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe,

die Klara heimlich bewunderte.

»Und da Thürauf verreist ist,« fuhr der alte Herr fort, »mag ich gern

selbst alle sprechen und sehen. -- Auf dem Werk macht Wynfried ja

sowieso allein die Honneurs, wenn Thürauf fort ist.«

Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus

Kalbsmilchern und Zunge vor, das für ihn besonders bereitet war.

»Du sprachst von einer Denkschrift?« fragte sie.

Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig

hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn

beschäftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war,

verschwammen beider Gestalten für ihn auf das merkwürdigste in eins. Er

konnte seine Empfindungen für die heilige Tote und diese ihn täglich mit

Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war

auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das

ihn zum Entsagen gezwungen. Daß die Vergangenheit rein geblieben war,

adelte ihm heute die zärtlichen Vatergefühle. Klara war ihm teurer, als

eine Tochter aus eigenem Blute hätte sein können -- jene verborgensten,

geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller

Erklärbarkeit liegen.

Wie genoß der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in

seinem brüchigen Zustand diese Stunden -- auch ihm war's im tiefsten

Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der

Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemüht, daß Wynfried

sich nur behaglich fühle ...

Er sprach zu der eifrig Hörenden.

»Weißt du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines

blinden Nationalismus überall -- der so oft Forderungen erhebt, die dem

eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes

zuwiderlaufen. -- In allen Ländern das gleiche. Nun gibt es in Schweden

große Gruppen von Politikern, die es als eine Schädigung der

wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine

Eisenerze auszuführen. Und es wäre beinahe Selbstmord, wenn diese

Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer

groß. -- Und Schweden ist so klein -- es hat auch keine Kohlen -- keine

Arbeitskräfte -- selbst wenn es all seine Erze selbst verhütten wollte

und könnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Hüttenwerken das

Rohmaterial abzunehmen imstande wäre -- und sie könnte auch niemals in

einem Maße entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen

zu verarbeiten. -- Deutschland ist der nächste, der gegebenste Abnehmer

-- es trägt für das Erz, das es empfängt, ein Riesenkapital über die

Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der

Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreißig Jahren um etwa neunzig

Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreißig -- stell dir

das mal vor ...«

Nein, das konnte Klara sich natürlich nicht auf deutliche Art

vorstellen, wie ein Mensch hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauchen

soll. Sie lächelte glücklich, war voll Freude, daß der Vater immer in

dem starken Bedürfnis, sich zu betätigen, geistig so frisch wie nur je

sich zeigte, und sie scherzte ein wenig -- denn das mochte er haben. Und

sie sagte, daß diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besäßen; und

Großvater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin

der Kleine hundertdreißig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mußte

lachen. Und sie lenkte durch wißbegierige Fragen ihn wieder auf seinen

Vortrag zurück.

So saßen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr,

davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken müsse.

»Wenn du sagst 'man', meinst du mich,« scherzte der Geheimrat.

»Eingestandenermaßen! Ich möchte noch aufbleiben -- auf Wynfried warten

-- aber nur bis Mitternacht -- später könnt's ihm eher bedrückend als

erfreuend sein.«

»Klug!« lobte er. »Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der

Hand -- wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte ...«

Klara klingelte zweimal. Das hieß, daß Leupold kommen solle, um seinen

Herrn hinaufzuschaffen, und daß Georg oben zur Stelle zu sein habe, um

beim Zubettgehen zu helfen.

Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus -- der Lift mündete in der Nähe

des Eßzimmers auf die Diele.

Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastür, durch die man in den

Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tür, die von der Diele

aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten führte, stand weit

geöffnet, und die Wärme des Sommerabends kam herein.

Der alte Herr atmete sie ein -- sie tat ihm wohl.

»Ein paar Minuten,« sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf

die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nächsten Stuhl, stützte

den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze

Dickicht des Parkes.

Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fühlte: solange dieser

große Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mußte er immer

und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein

überragender Verstand sich mit Güte und Gerechtigkeit gleich einer

Gloriole umgab. Sie ahnte auch, daß er nicht nur aus Neigung zu dem

Gesprächsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und

seinen tausendfältigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so

aus: er wolle, daß sie ihrem Gatten immer mit Verständnis entgegenkommen

und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflügeln könne.

Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren

des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewöhnt, daß sie es nicht mehr

hörten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzuströmen, und Friede und

ein sanftes Dunkel füllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der

Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem

beruhigenden Schweigen nachzuhängen, war schön.

So ließen sie die Minuten rinnen. -- Da geschah etwas Furchtbares --

grauenvoll Bedrohliches -- sie zuckten zusammen -- ein dunkler, runder

Ton hatte die Luft zerrissen. -- Die Gewalt der Erschütterung war so

groß, daß ein Zittern durch die Nacht ging.

Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie

konnte nicht einmal schreien -- --

»Mein Gott!« stieß der alte Mann heraus. -- Und er saß und war

gefangen ...

Eine Explosion -- irgend etwas war geschehen. -- Ungewöhnliches --

vielleicht Furchtbares.

Sie horchten unwillkürlich dem dunklen, knallenden Ton nach -- ein, zwei

Sekunden -- unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag -- in

der Lähmung des Schreckens.

»Durchbruch?« sagte der alte Mann. -- Als Frage klang das in die jetzt

wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein.

Und seine Hände auf den Lehnen seines Stuhles zitterten.

Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte

hinüberlaufen und fragen. -- Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu

formen.

Denn die junge Frau rannte fort -- es trieb sie -- rief sie.

»Klara!« aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weiße

Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.

Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen,

federnden Schritten.

Sie sah vor sich das Werk -- war nicht alles wie sonst? ... Die vielen

kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in

ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wälzte sich der Rauch

von der Kokerei her langsam in schräger Lage über und durch all das

Eisengestänge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die

dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als

hellbeleuchtete Säulen erhoben sich unbeschädigt die Schornsteine. Die

weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrücken waren klar zu

erkennen. Das ungeheure Geschöpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer,

senkte sich von der ersten Brücke hinab in den Bauch eines Dampfers, um

ihm Riesenhände voll gepulverter Kohle zu entreißen und oben in die

Wagen zu entleeren.

Klara umfaßte im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern

und Feuerscheinen und überhelltem Gewölk, senkrecht und wagerecht von

schwarzen Linien und Gebäudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Märchen

aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand

dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der

dunklen Landschaft.

Ein Blick -- in solcher Angst -- erfaßt in Sekundenschnelle viel -- die

nächste Sekunde änderte das Bild.

War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichüberschneiden der Linien

zerstört? Wo war der leiterartige Schrägaufzug, dieser feine,

durchsichtige Bau von Eisenstäben, zwischen denen sonst die Förderwagen

gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch

der Hochöfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht

zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher

erkennen konnte, geschah etwas Neues. -- Dampf quoll auf, weißer,

dickgeballter Dampf kochte in die Höhe und verhüllte alles.

Schon war die junge Frau am Tor -- von Severinshof strömten Menschen

heran. -- Die Männer der abgelösten Belegschaft, die der Knall aus ihrer

Ruhe riß -- verängstete Frauen.

Der Torwächter gebot diesen Frauen ein Halt. -- Aber wie durfte er es

der Tochter und Gattin der Herren zurufen?

Klara stürzte vorwärts -- sie die einzige Frau unter den Scharen von

Männern.

Nun sah sie -- da am ersten Hochofen sah sie es -- in kurzen Sekunden,

wenn der weiße Dampf zischend höher trieb. -- Ergoß sich ein Lavastrom

aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weißglühende, feurige Masse

her, die alles Wasser, das gleich einem gläsernen, rinnenden Mantel die

Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte?

Das flüssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer

durchfressen.

Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrängen wollten,

machten sie allen Gasen freie Bahn.

Mit einem Donnerknall war die glühende Luft entwichen, indem sie Steine

und Eisen zerbrach -- und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr

nach.

Es war ein ungeheuerliches Bild -- wie dies Gedärm von fließendem Feuer

nun fast ruhevoll herausquoll und sich über den Unterbau, den Herd

ergoß.

Und eine unerhörte Aufregung zuckte durch die Menge.

Vor dem Höllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem

weißkochenden Dampf wich alles weit zurück. -- Und doch hieß es

eingreifen -- größerem Unglück vorbeugen -- von all den maschinellen

Betrieben des Werkes Störungen abhalten -- die vorbeiziehenden Bahnen

und Rohre vor der Schmelzglut schützen -- die fließende Lava aufhalten.

Von der Gießhalle her mußte das Stichloch eingestoßen werden, um den

Abfluß auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.

Tapfere Männer, Hände und Arme mit nassen Lappen umwunden, von

Schläuchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stoßstange vor --

berannten das Stichloch -- damit sein Tonverschluß zerbreche.

Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, näherte sich Klara. --

Sie stand, leichenblaß, zitternd, erdrückt von der Majestät der

Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten.

»Gnädige Frau,« bat der Ingenieur höflich, und es hieß: »Gehen Sie.«

»Alle fort -- Thürauf -- mein Mann --« stammelte sie.

»Was zu tun ist, geschieht,« sagte er ruhig.

»Nein -- ich bleibe ...« Sie stand ja sicher.

Dampf und Glut umhüllten das Bild und entschleierten es in jähem

Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.

Die hellen Töne der Eisenstange, die die Männer gegen das Stichloch

trieben, klangen durch die Wirrnis.

Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.

Im gleichen Augenblick, da das Durchstoßen des Stichloches gelang,

sackte von oben im Gehäuse des Ofens die ganze Beschickungssäule, diese

schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein

nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und preßte so auf die

herausquellenden Massen, daß sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein

Springquell von fließendem Eisen ergoß und auf den Unterkörper des

Vordermannes traf.

Das wahnsinnige Aufheulen ließ jeden erbeben, und da war wohl keiner,

dem nicht ein Frösteln über die Haut lief und ein Gefühl von Übelkeit

emporstieg.

Auch die junge Frau schrie auf -- sie drängte sich durch die Männer --

sie lief und lief und merkte kaum, daß ein paar Atemlose mit ihr fast

Schritt hielten. Zwischen starren Eisenträgern und Mauern vorbei ging

der Weg -- durch Qualm und gasige Dünste -- und da war das kleine

Rettungshaus. -- Da war die Tragbahre -- in Glasschränken alles, was

einem Verunglückten wohltun kann.

Und da war auch schon Doktor Sylvester, der für alle Fälle herbeigeeilt

kam, als er über den Knall erschrak.

Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem

braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann -- gefallen

auf dem Felde der Arbeit -- ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich

dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.

Sein Jammern erfüllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag

fliegen.

Sie weinte und wußte nicht einmal, daß ihr die Tränen aus den Augen

liefen und daß sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrücken

abwischte, um klarer zu sehen.

Mit raschen, gehorsamen Händen folgte sie den Anweisungen Sylvesters --

ihr Frauengefühl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute

Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmiß über die Wange bis zum

Mundwinkel hinein, sah verächtlicher und grollender aus als je -- seine

Stirn war gefaltet -- seine Finger zart, wie die eines schonenden

Weibes.

Und sie schnitten dem Verunglückten die Kleider vom Leibe, und von dem

nackten berußten Körper stieg der furchtbare Geruch verbrannten

Fleisches auf. --

Dann kniete Klara neben der Bahre -- und als der Arzt begann, mit

lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdünnen Bandagen

die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaßten die beiden feinen

Frauenhände manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen

Arbeiterfäuste.

Das heisere, brüllende Schreien des Mannes wurde matter -- er mochte die

Wohltat des Verbandes spüren -- und vielleicht kam die Schwäche -- jene

Grenze der äußersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste

Milderung erlösend empfinden.

Sein Blick -- sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit -- in dem

noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der

jungen Frau.

Und es war, als sprächen sie zusammen.

Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft.

Und diese junge, weiße Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht.

Tief neigte sie sich zu ihm herab -- als wolle sie ihre Seele der seinen

nahe bringen.

Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.

Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen -- in dem

Übermaß der durcheinanderflutenden Gefühle tauchten, gleich

Bruchstücken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf ...

»Ich leide mit dir -- sieh -- ich hab' mich niemals über dich erhoben --

hab' nie hochgemut den Reichtum genossen -- ich bin ein einfacher Mensch

wie du -- deine Schwester -- verzeih mir -- verzeih Gott -- verzeih dem

Leben -- verzeih, daß du leidest -- du sollst keine Sorgen haben -- sei

tapfer -- bleib mutig --«

So stammelte ihr Denken. -- Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten

Hände zum Arzt empor -- ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben?

Und Sylvester verstand diese stumme, glühende Frage.

Stille Helden: Roman · 第 25 / 69 题