Die Gesellschafterin fühlte sich wieder einmal ganz beglückt -- seit
drei Jahren hatte all das Elend der Demütigungen und des ewigen
Wechselns von Häuslichkeit zu Häuslichkeit ein Ende. -- Rührung erfaßte
sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser
Stunde war sie wie berauscht -- nicht gerade vom leise und fein
schäumenden Burgunder -- nein, vielmehr noch von der Schwärmerei ihrer
Herrin und von der Mannesschönheit Wynfrieds.
Agathe war vor Glückseligkeit wie benommen. -- Ach, es lohnte sich ja
doch noch, zu leben! -- Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz
anderes Wesen bekommen hätte -- gleichsam als habe eine Zauberhand über
sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, fröhlich unternehmenden,
sprühenden Ausdruck gegeben?
Ja -- Wynfried fühlte sich wirklich wie verwandelt -- nicht verwandelt
-- vielmehr wie ein Erwachender -- wie ein Zurückgekehrter, der lange
verbannt war -- so dergleichen -- er wußte selbst nicht, wie ihn das
ankam. -- Jedenfalls war es eine Gehobenheit. -- Er war ganz
durchrieselt von jenen köstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie
Weib in den Anfängen der Liebe überraschen. -- Ach, was gab es denn
Lebensvolleres als dies Vorahnen möglicher Wonnen, dies sich
Einanderentgegendrängen mit Blick und Lächeln und sinnschweren
Worten. --
Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf ...
Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Töne über Himmel, Land und Meer
gelegt -- dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinüberspielende.
Fräulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht
mit Andacht genießen, und suchte sich vorn am Bug ein Plätzchen, da wo
der Klüverbaum über Bord hinausragte wie ein Spieß ... Dort hockte sie
nieder und fand Lehne und Halt.
Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften
Sitzplatzes. Dicht nebeneinander -- er nahm ihre Hand und küßte sie und
legte sie ihr in den Schoß zurück.
»Solche Stunden,« sagte Agathe, »entschädigen für alles, was man
gelitten hat.«
»Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin?« sprach
Wynfried. »Daß Ihre Ehe kein Vergnügen war, kann ich mir denken. Bitte,
erzählen Sie nichts davon -- mir ist, als würde ich zu zornig werden. --
Es gibt nur eins: vergessen!«
Sie redeten sehr leise miteinander.
»Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es
ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurückkommt und sich immer neu
straft, was man einmal verbrach ...«
»Verbrach?! Sie -- Agathe. -- Nein, Sie können keine Schuld auf sich
geladen haben. -- Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu
tun.«
»Nein -- keine Schuld. -- Und doch -- aus Unkenntnis -- aus Neugier --
aus einer schrecklichen Sehnsucht nach -- ach, ich weiß selbst nicht,
wonach -- nach Liebe, oder nach Glück -- oder nach Geheimnis -- ja, aus
Unkenntnis kann man fehlen.«
»Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen.
Erfahrene Herzen urteilen anders.«
»Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie,
woran doch auch sie die Schuld trugen.«
»Wollen Sie mir nicht vertrauen -- liebe Agathe. -- Ich -- verstehe
alles --«
Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille.
Und sie neigte den blonden Kopf näher zu ihm -- stockend -- in immer
wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend.
Immer dunkler ward die Sommernacht -- die Flut glänzte in der Nähe
schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den
Wogen kam eine gleichmäßige, an- und abschwellende Musik herauf -- von
der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbündel hinaus und
backbord ein grünes -- die glitten als magischer Schein mit der Fahrt
und schwebten über der Tiefe.
»Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen,« erzählte Agathe.
»Und immer von zwei Gouvernanten bewacht -- ich sollte Französisch und
Englisch wie Deutsch können. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch
hinaus. -- Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Händen, hat
große Verbindungen -- das war so 'ne Art Vorarbeit, begriff ich später
-- das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft
sichern. Und mal 'ne ganz, ganz große Partie! Hochadel oder allererste
Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben für sein Geld, und
Mama für all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir
herumerzogen -- und gar keine lustige Kindheit hatt' ich -- und keine
Freundin durft' ich haben -- damit nicht einmal unerwünschter Anhang da
sei. -- Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position
ganz fest begründet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben -- man
muß erst sehen, wohin man gelangen kann.«
»Eine kluge Dame Ihre Mama ...«
»Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir bloß
erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte
ich -- und da waren nur die steifen Gouvernanten -- und sie und ich, wir
haßten uns.«
»Armes Kind!« sagte Wynfried leise, obschon er nur flüchtig zuhörte,
sondern nachprüfend Agathens Parfüm aufatmete und dachte: ja, es ist
_das_ Parfüm.
»So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da draußen, zwischen
den Fabriken -- das Haus war prachtvoll -- aber doch in Berlin selbst
hätte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt -- mehr Zerstreuung. Ich sah
oft die Herren aus dem Bureau -- sie begegneten mir und grüßten -- wenn
ich mit meinem Nero spielte -- ja, ich hatte eigentlich bloß meinen
Bernhardiner zum Vergnügen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich
Nero in die Spree hinausschwimmen ließ zum Baden -- dann mußte ich
hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da ...«
sie stockte.
Wynfried fragte: »Und da?« und legte seinen Arm fester um die zitternde
Frau ...
»Und da war einer -- mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen
Schnurrbärtchen -- so italienisch -- bildete ich mir damals ein -- Papa
sagte später: wie ein Friseurgehilfe ... Ich weiß nicht, wie es kam --
wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero
schlecht bekam, dann ging ich immer öfter, um ihn zu baden, und immer um
die Zeit, wo 'er' an seinem Parterrefenster stand. -- Und ich war mit
einem Male glücklich und hatte fortwährend an etwas Schönes zu denken.
Und dann -- einen Tag -- es war im Juni -- da warf er ein Briefchen
heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, daß er mich wahnsinnig liebe
und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen könne, und wo
es wohl sein könne -- und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde
vorbei komme, eine Antwort bringen -- einen Zettel in sein Zimmer
werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so
fing es an.«
Agathe weinte ein wenig. Sie schämte sich noch immer wieder. Und
erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-süßen Ängste und Wonnen
von damals.
»Wir trafen uns -- hinter Zäunen -- zwischen den Winkeln von Schuppen
und Lagerhäusern -- da war keine Poesie -- kein Wald -- kein Mondschein
-- keine Nachtigall -- alles hatte gleich so was furchtbar
Verzweifeltes. -- Und er schwor, sich zu erschießen, wenn ich nicht die
Seine werde.«
Agathe trocknete ihre Tränen. Stärker als Scham und Gram ward das heiße
Erinnern.
»Dann verreisten die Eltern -- ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus --
jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so daß vier Wochen lang nur
eine Tyrannin mich bewachte. -- Und Miß Brown war sehr leidend --
benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz früh
schlafen zu gehen -- es war ein so schwüler August. Ich starb vor
Sehnsucht -- litt -- o -- dachte zu verbrennen -- und da geschah es. --
Ich wußte ja nicht, was ich tat -- ich war nur selig -- selig ...«
Sie erschauerte. -- Sie flüsterte weiter. -- Und es war, als ob ihre
raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Töne seien,
die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkämen.
»Ich hab' es nie begriffen -- nie -- daß das schlecht von mir gewesen
sein sollte -- so unmenschlich glückselig in Liebe zu sein --«
Sie schwiegen beide lange. -- Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner
Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter.
»Die Eltern kamen zurück. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit
ihnen zu sprechen -- denn die ganze Fabrik hatte es gewiß schon lange
gemerkt -- wie hätt' ich daran denken können? -- Und dann gab es einen
Zustand -- o Gott -- ein Massenmörder kann nicht härter bestraft werden.
-- Hinrichtung ist ja milde dagegen. -- Und Miß Brown flog hinaus -- und
'er' schrieb kühn und stark an Papa, daß ich seine Braut sei und daß er
mich heiraten wolle -- und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur
spekuliert -- Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit
ihm hinausziehen und betteln. -- Dafür hatte Papa nur ein schreckliches
Gelächter. -- Wiedergesehen hab' ich ihn nie -- nicht einmal Abschied
nehmen durfte ich. -- Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika
-- da ist er verdorben und gestorben -- das hat Papa erst nach vier,
fünf Jahren gehört. -- Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei
Papa und Mama war, wollte ich sterben. -- Es ist schwer, zu sterben --
man weiß nicht, wie man es machen soll --«
Sie seufzte.
»Ich war noch ganz gebrochen -- dann kamen die Eltern und sagten, ich
müsse den Baron Hegemeister heiraten, es sei für mich das beste -- das
einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich -- weil
ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. -- Und ich dachte:
vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewiß ein besseres Leben als
das, was ich zu Haus gehabt hätte. -- Obgleich ... Bis auf den heutigen
Tag zürnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in
Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die
Wahrheit und erzählt, wie trist ich eigentlich lebe.«
Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.
»Und um dieser jungen, törichten, heißen Liebe willen, soll mein ganzes
Leben verpfuscht sein? O, ich weiß wohl -- böse Menschen flüstern noch
immer allerlei -- und vielleicht hat einer, für den ich ein bißchen
schwärmte, gedacht, als Offizier könne er das nicht. -- Aber von wie
vielen Frauen wird geflüstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und
Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt
habe -- soll ich nie mehr -- nie -- nie mehr die Glückseligkeit erfahren
-- geliebt zu sein ...«
Da neigte sich das Gesicht des Mannes über das ihre.