Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log -- sondern weil die Inbrunst
in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine
männliche Fassung fast zerbrach.
Und wieder neigte Klara sich über dieses düstere, halbzerstörte,
ächzende Geschöpf. Mit leisen, liebevollsten Händen streichelte sie
seine Schläfen -- strich ihm das nasse Haar aus der Stirn.
Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander -- in schrecklicher Klage und
in innigem Trost.
Da bückte sich die junge Frau noch tiefer und küßte die berußte, von
wilden Schmerzen verzerrte Stirn.
* * * * *
Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saßen der Hauptmann
von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning,
noch spät zusammen. Die Fenster waren geöffnet, und der schwebende Rauch
aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen
hinaus ins Dunkel der Nacht.
Marning hatte das schlichte Abendbrot des älteren Kameraden geteilt.
Dann saßen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski
sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit
stritten sie hin und her. Aber nun war es für heute genug. Morgen früh
vier Uhr begann eine große Marschübung. -- Also: gute Nacht --
»Ich danke Ihnen, daß ich heute abend bei Ihnen sein konnte,« sagte
Marning, während er seinen Säbel umschnallte.
»Na ja, und ich dank' Ihnen, daß Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie
mal, Marning, was ist das, daß wir uns um Vorwände bemühen, Herrn
Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit
Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er muß meinen,
nach der Art unserer Absage, daß bei mir 'n großer Kommispekko für
Unbeweibte stattfindet. Und wir haben bloß friedlich zu zweien
fachgesimpelt -- leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.«
»Ich weiß auch nicht, was es ist,« sprach Marning.
»Schade! Ist ja übrigens nicht auf unserer Höhe! Nach Vorgefühlen gehen!
Denn was anderes als dies unbestimmte 'Wir mögen ihn nu mal nich' können
wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswürdiger Wirt. Er soll sich
zum fixen Geschäftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher
Art mit Vater und Frau verkehren. Daß er acht Jahre lang 'n Lebejüngling
war -- nu -- über so was wächst ja Gras -- -- Und dennoch: nee -- ich
kann nu mal kein Herz zu ihm fassen -- ich trau' ihm nich -- -- Er ist
mir auch zu schön.«
Marning hätte kaum etwas antworten mögen und können. -- Und ihm wurde
auch jede Antwort abgeschnitten. -- Ein Knall -- dunkel und groß -- von
dem Nachklang krachender Geräusche begleitet, zerriß die Nachtluft in
Stücke.
Sie sahen sich an -- erschreckt nachhorchend -- ein paar Augenblicke.
Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher
anderen der vielen industriellen Anlagen hüben und drüben am Fluß? Oder
gar auf »Severin Lohmann«?
Likowski riß die Tür zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer
auf und stürzte ans Fenster. Von dort, über das Stalldach hinweg, konnte
er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von
beschienenem Gewölk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem
schwarzen Nachthimmel?
Nein, nicht wie immer -- da stiegen weiße Wolken -- kochte Dampf auf.
»Ein Unglück. Rasch, Marning -- den zweiten Zug alarmieren -- der
dritte soll sich bereit halten ...«
Der Ruf: »Vollert -- Vollert!« donnerte durch das Haus. Der Bursche
polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab.
Sie griffen nach ihren Mützen und liefen.
Unten streckte sich ein altes, graues Frauenköpfchen aus der Türspalte,
und man sah eine weißbekleidete Schulter.
Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und erörternden Gesprächen.
»Ich glaube nicht,« sagte Marning im Laufen, »daß sie uns drüben
brauchen. -- Die abgelöste Belegschaft tritt ja ein -- wenn wirklich was
los ist -- aber immerzu --«
»Nun -- anbieten müssen wir's --«
Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch
aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefühlszweifel in Verse goß und sich
mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte.
»Sie -- Hornmarck -- den zweiten Zug alarmieren -- der dritte soll sich
bereit halten. -- Laufschritt zur Fähre -- drüben ebenso nach 'Severin
Lohmann' -- immer zwei Gruppen auf einmal übersetzen lassen. -- Die
beiden Mann der letzten Rotte hüben und drüben postieren -- zum
Nachrichtendienst. -- -- Wir laufen voraus ...«
Likowski und Marning eilten die schräge Straße hinab, die zur Fähre
führte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder.
Einzelne Männer erschienen in den Türen. Aber sie sagten, es sei wohl
nichts Besonderes. Da war auch der Fährmann, in Pantoffeln und nur in
Hosen und dem blauen Hemd.
Aber da half ihm nun nichts: Likowski hätte ihn mitgeschleppt, wäre er
selbst noch kümmerlicher bekleidet gewesen. Und Sörensens mürrischer
Einwand: »Herrjes -- in Büxen?« half ihm nicht.
»Wat -- Büxen! Is ja Sommertid -- man to -- man to!«
Sie standen voll Ungeduld im großen, schweren Kahn, während die eiserne
Kette klirrte. Nun warf Sörensen sie hinein, daß es krachte, und fuhr
los.
Über den Fluß, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der
dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermeßlicher Weite. Alle
Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nähe zeigte ihr Bild in
großen Zügen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der
Flut; vor dem mächtigen Hintergrund quoll weißer Dampf in die Höhe.
Sie schwiegen.
Nun waren sie drüben. Sie hatten schon während der Überfahrt gesehen:
weder die »Klara« noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das
junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurück.
»Gottlob!« dachte Stephan. -- So brauchte er der Einen nicht zu
begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte.
Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die
die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun
das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei -- im
Laufschritt. -- Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten
von der Straße schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr saß darin --
neben ihm stand Leupold Wache.
»Herr Geheimrat!« rief Likowski perplex.
Das mächtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu.
Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um »Severin
Lohmann« begann.
»Ja,« sagte er vor Zorn fast heiser, »angebunden. -- Und dieser Kerl
weigert sich, mich hinzufahren! -- Mich zu verlassen! Mir meine Tochter
zu holen -- und das Schaf -- der Georg, der findet sie nicht -- --«
Leupold nahm den »Kerl« nicht übel. Er sagte nur kurz: »Wie kann und
darf ich Herrn Geheimrat verlassen?«
»Ihre Tochter?« fragte Likowski. »Nicht mitgesegelt?!«
»Sie ist drüben -- Georg läuft her und hin und kann sie nicht finden --«
»Was ist los? -- Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier
sein. -- Soldaten können Sie haben, so viel da sind ...«
»Oh -- unnötig!« wehrte der Geheimrat ab. »Ihre Soldaten können uns
nichts nutzen -- danke -- danke -- was los ist? Durchbruch! Ein Mann
verunglückt. -- Und Schaden -- schwerer Schaden -- Produktionsminderung
auf zwei, drei Wochen -- ich weiß noch nichts Genaues.«
Er sah den atemlosen Georg heranrasen -- zum drittenmal.
»Welche sagen, die gnädige Frau sei bei dem Verunglückten -- da darf ich
nicht 'rein.«
»Marning,« flehte der alte Herr, »holen Sie mir meine Tochter ...«
Stephan salutierte gehorsam. -- Er konnte nichts sagen. Er ging.
Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkräftig hatte er Retter und
Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewünscht.
»Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rückt sonst mit den Leuten an
-- vielleicht halt' ich sie noch auf --«
Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach,
während der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem
früheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging.
Stephan kam an das große Eingangstor, darüber auf breitem Blechband in
schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand.
Er kannte hier alles genau -- oft und oft war er hier umhergegangen --
allein -- mit dem Generaldirektor -- mit einem der Ingenieure oder der
Chemiker. Sein Interesse war unersättlich, sein Verständnis ein so
rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf
vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn
Menschen von ihren überkommenen Bahnen aus plötzlich den Blick gewinnen
auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefühlt haben würden, wenn sie es
gekannt hätten.
Heute aber war das Bild doch verändert. Nicht all der zischende
Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Höhe -- viel von diesem weißen
Gewölk schlich sich um die Eisenträger, unter den Bahnen und Rohren,
zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschädigten Ofen
her, glänzte unheimlich über das Gelände hin.
Er wußte auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem
Verunglückten beistand, mußte sie dort sein.
Vor der Tür traf er vier Männer. Sie warteten in bedrücktem Schweigen,
mit finsteren Mienen. Das Mitleid fraß an ihnen und das Bewußtsein von
der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit.
»Wir sollen ihn 'rüber bringen,« sagten sie.
In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den
vollkommenen Einrichtungen.
Stephan zauderte -- durfte er eintreten? Er fühlte: ja! Nicht nur, weil
die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im
Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun.
Er öffnete die Tür.
Und er und die finster wartenden Männer sahen es alle: -- Da drinnen
kniete eine junge Frau und küßte die berußte, schmerzverzerrte Stirn des
Verunglückten. -- --
»So,« sagte Doktor Sylvester, »nu faßt an -- aber leise, -- leise --
schwebt sozusagen -- geht auf Eiern. -- Schwester Ludmilla hat schon
telephoniert -- alles bereit drüben.«
Der Verunglückte schloß die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen
zusammengebissenen Zähnen hervor ...
Und wie die vier schwer tragenden Männer mit ihrer düsteren Last
davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die
zusammengepreßten Hände an der hellen Wand.
Draußen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm
Stephans.
Er raunte: »Ich will Ihnen mal was sagen -- es gibt noch edle Frauen! --
Und den Mann mach' ich gesund -- wenn Gott uns nich ganz verläßt -- dem
Tode aus 'm Rachen reiß' ich ihn. -- Ja ...«
Stephan trat über die Schwelle. Gefaßt und erhoben.
»Edle Frau,« dachte er -- »edle Frau --«
Sie hörte ein Geräusch -- sie hatte gedacht, sie sei nun allein. -- Sie
brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen --
das Geheul des armen Menschen -- und der betäubende Geruch -- Jodoform
-- verbranntes Fleisch -- furchtbar! -- Sie war wie benommen. -- Von der
Nähe des Mannes hatte sie keine Ahnung. -- Nun schreckte ein Schritt sie
auf, der hinter ihr anhielt. Sie löste sich von der Wand, an der sie
Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer müden Bewegung.