Eine Sache gänzlich für sich -- --

Und nach all dem bekömmlichen Gleichmaß seines letzten Lebensjahres

fühlte er immer öfter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach stärkerer

Bewegung in sich aufsteigen ...

Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwül. Zum Glück zerriß

der Pfiff des Motorboots sie.

Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die

roten und schwarzen Duc d'Alben bezeichneten Fahrstraße ein wenig in das

Wyk hinein und ließ unaufhörlich gelle Pfiffe in die Sommerluft

hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weißen Schlößchens, das aus dem

Grün des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die »Klara« ist zur

Stelle und erwartet ihre Gäste.

»Ach -- wie pünktlich!« rief Edith, »sehen Sie -- die Baronin muß schon

im Bootshaus gewartet haben.«

Vom Ufer unterhalb Schloß Lammen löste sich ein Ruderboot. Mit starken

Schlägen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher

Fahrt heran.

Edith, die genau wußte, daß sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und

Reden nur unter vier Augen gegen eine Männerbrust abbrennen konnte, fand

für ihr Bedürfnis, sich geistig zu betätigen, nun ein unverfängliches

Ziel.

Sie fand üppige Frauen gräßlich und nannte alle, die über eine gewisse

Schmächtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort »dick«.

»Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. -- Agathe Hegemeister im

Futteral eines Sportkleides -- sie hat keine Ahnung von ihrer Fülle.

Keine Spur von Selbstkritik.«

»Da bin ich nun anderer Ansicht,« sagte Wynfried eifrig. »Baronin Agathe

ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten

angezogen. Und ihre leise Fülle ist wundervoll -- noch nicht mal

Rubens ...«

»Ja,« sprach Edith geringschätzig, »Männer haben eben einen total

anderen Geschmack als wir ...«

Agathe schwang im herannahenden Boot einen weißen Chiffonschleier.

Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weißes Leinenkleid an. Und was war

denn das? Schwarze Knöpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu

ihrem verzehrenden Neid, daß es veilchenblaue, rundgeschliffene

Amethyste waren, in Gold gefaßt, die als Knöpfe dienten. Und einen

Matrosenhut -- wie Edith gehofft hatte -- trug sie auch nicht; der hätte

auf der Fülle des schöngeordneten Blondhaares nur lächerlich wirken

können, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von äußerst

kleidsamer Form, um den ein weißer Chiffonschleier geschlungen und links

unterm Ohr in eine große Schleife gebunden war.

Wynfried dachte: entzückend. -- Wie ein Mädchen. Und so weiblich weich

in jedem Blick, jeder Bewegung.

Nun waren die Damen an Bord. Fräulein von Gerwald in Dunkelblau mit

einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine

Rarität unbefangen genau anstarrte.

»Was?« sagte Agathe, »meine liebe, süße Klara fährt nicht mit? Aber das

verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich weiß nicht -- paßt sich denn

das überhaupt? -- Ich allein mit dem Gatten einer anderen?«

»Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin -- und Klara läßt Sie

vielmals grüßen. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes

Fräulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig

schmeichelhaft für mich, daß Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet

ist,« sagte Wynfried.

Agathe sah ihre Gerwald an.

»Herr Lohmann hat Recht,« sprach sie in einem um Zustimmung bittenden

Ton.

»Aber völlig!« versicherte Fräulein von Gerwald mit Nachdruck.

Bis Travemünde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemütlicher

Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mädchen herrschte

eine versteckte Gereiztheit. Sie wußten selbst nicht, warum. Denn jede

dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir

konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel

Vergnügen daran, daß es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemünde

von Bord ging.

Sie wußte in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, daß Agathe

Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das

abscheuliche Mädchen hätten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders

schöne Stunde voll intimer Gespräche gehabt. Und das war Agathe doch ein

leiser, schmerzlicher Stich. --

Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen

hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brücke, an deren Fuß sie

abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie

winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas

großartig wirkte es ... Wynfried lüftete noch einmal seine weiße Mütze

zu ihr hin.

»Nein, dies Mädchen!« sagte Agathe, »so mager und so häßlich. So

eingebildet und dreist.«

»Keine Spur von Weiblichkeit,« erlaubte sich Fräulein von Gerwald

hinzuzufügen.

»Naseweis ist sie schon,« gab Wynfried zu, »aber so intelligent und

temperamentvoll, daß ihre Häßlichkeit zur Schönheit wird.«

»Ja,« meinte Agathe etwas gekränkt, »Männer haben eben einen ganz

anderen Geschmack als wir.«

Nun hieß es erst einmal Tee trinken.

Unten in der Salonkajüte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der

Kombüsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische

Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht führte in einem Akkumulator

elektrische Kräfte für die Beleuchtung und die Kombüse.

Sehr hausfraulich goß Fräulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand

mit Rührung die Kuchen vor, die sie liebte. -- Dafür hatte Klara

gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere.

»Ja,« sagte Wynfried, »sie ist eine famose, großartige Frau -- zu gut

für mich.«

Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verändert. Fern schon schoß

das Motorboot zurück in den Hafen von Travemünde, wo es warten sollte,

bis die »Klara« wieder hereinkäme. Und sie selbst brauste nun in stolzer

Fahrt über die Wogen dahin.

Großsegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blähte sie

prall auf. Er kam von Nordost, und so hieß es, um auf die Höhe von

Fehmarn zu kommen, in langen Schlägen kreuzen. Die »Klara« sauste

scheinbar geradeswegs auf die grünblaue, hügelige Waldküste des

mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser

glitt das Spiegelbild der weißen Jacht als Schatten mit.

Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens.

Das Meer hatte all seine zornigen, mürrischen oder schläfrigen

Stimmungen von sich abgeschüttelt und wogte in einer kraftvollen,

fröhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete

köstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die

runden, trüben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher.

Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberfläche dem Vergnügen zum

Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und groß lag da die

weiße »Hohenzollern«, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte

des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestät befand sich auf dem

»Meteor«, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau

und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge

umwittert, ankerte der »Sleipner« in der Nähe des Kaiserschiffes. Leise

spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben

erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.

Eine Pinaß, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in

eiligem Lauf die Wogen, daß sie ihr weißschäumend am Bug emporstiegen;

und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag

die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.

Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die »Hohenzollern« und

den »Sleipner« im weiten Bogen; man hörte die metallischen Klänge einer

patriotischen Musik von dort herschwirren.

Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwärts

-- entgegen den aufkommenden Jachten.

Und die Sonne umglutete, vom Winde gekühlt, all diese frohe

Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefährlichen Estrich

zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Füßen, mit Schiffen

dahingleiten konnte.

»O,« sagte Agathe wirklich begeistert, »wie schön, wie schön!«

Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, daß ihre geliebte

Klara diese Stunden nicht miterlebe.

Das Wasser schwoll immer gegen den Bug -- es war kein leises Gluckern

und Raunen -- es war ein seidiges, großes Rauschen. Wie besänftigte es

die Gedanken -- es war ein Versinken -- in eine himmlische Art von

Dummheit -- als sei man nur noch ein träges Stück Menschentum und

brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne

bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhören. Das leise

Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel

bluffte.

Zuweilen ging eine kurze Unruhe über Deck. Die flinken Kerls in den

roten Sweatern sprangen -- der »Schiffer« am Steuer rief Kommandoworte

-- die gelblich weißen Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am

Großmast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blähte

sie auf. -- Und nach dem Manöver des Umlegens schwebte dann immer wieder

der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der

Sonne umspann, über der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch

durchschneidend, von hüben nach drüben. Die Bucht weitete sich, und im

Maße, daß man mehr dem offenen Meer sich näherte, kreuzte man in

kürzeren Schlägen.

Die Stunden flogen, und ihr Flügelschlag war so sanft, so unhörbar, daß

niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewußt ward.

Sie mochten kaum sprechen.

Agathe empfand die Größe und Weite des Bildes und die Fülle von

Lebensbetätigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte

und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder

flüsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne

erhitzte ihr niemals kühles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von

allem Glück verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues

Fräulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern

aus völlig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und

ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinüber.

Die Gerwald saß neben Wynfried.

Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenüber war ihm ein

höchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war,

weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfüm allerlei in ihm auf. -- --

»Segel, Segel!« schrie Fräulein von Gerwald.

Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man

weiße Striche, die gar keinem Schiffskörper anzugehören schienen.

»'Meteor' und 'Germania',« sagte Wynfried.

»Bei dem Wind konnte man denken, daß sie schlank herauf kämen -- stick

Nordost. -- Zurück werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemünde

zuhalten können.«

»O -- schon zurück?«

»Erst wenn Sie wollen. -- Für ein kleines Souper ist gesorgt. -- Klara

hat alles an Bord schaffen lassen. -- Hummer -- kaltes Geflügel -- sonst

noch dies und das. -- Ich lasse nur in Notfällen vom Kombüsenmaat

kochen.«

»Herrlich!« sagte Fräulein von Gerwald. Und Agathe bat: »Ja weit hinaus

-- bis ganz nach Fehmarn!«

»Mir ist's recht.«

Die weißen Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald

als Segel -- rasch, vom günstigen Winde getrieben kamen die großen

Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen

Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran --

kühn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.

Das war herrlich zu sehen. -- Und die »Klara« tippte ihre Flaggen, um

die Kaiserliche Jacht zu grüßen.

Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvögeln

schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die

blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weiße Schiffskörper

und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mütze -- der

»Klara« und ihrem Herrn zum Gruß, und Wynfried und die Damen grüßten

wieder.

Möwen kreisten über diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten --

kreischende Laute gellten herab, und der Flügelschlag blitzte vor dem

blauen Hintergrund des Himmels.

Fülle des Lebens. -- Fülle der Freude.

Und Agathe seufzte schwer.

»Nun?« fragte Wynfried.

»Ach,« sprach die blonde Frau klagend, »all diese Schönheit tut mir im

Herzen weh.«

»Darf ich die Gründe einer so paradoxen Wirkung erfahren?«

»Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an

gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine

Eltern wollen durchaus nicht, daß ich selbständig in solchen Sachen

heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines

verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber

darüber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen hätten,

sähe ich wieder nichts mehr von den Travemünder Tagen als alle

Zuschauer, die da am Strande herumlungern. -- Nicht mal mit meinem

Motorboot hätt' ich mich herauswagen können -- dazu ist es zu klein ...«

»Ihre Eltern sind merkwürdig streng.«

»Ja.« Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich

ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Plötzlich fügte sie hinzu: »Und

ich muß wohl artig sein. -- Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es

nicht in Lammen steckt -- und das ergibt dann wie von selbst eine

Kontrolle. -- Und dann -- Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man

immer im Schock ist ...«

Das wußte Wynfried noch. Früher -- da war er seinem Vater auch lieber in

scheuer Ferne aus dem Weg gegangen.

Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach

seiner Heimkehr -- und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters

Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte.

Wie weit und unbegreiflich lag das zurück.

Frei war sein Gemüt dem Vater gegenüber und sein Umgang mit ihm erst von

dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte.

Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den

eigenen Sohn. Wynfried fühlte es genau.

Aber er war nicht eifersüchtig -- gar nicht. Es freute ihn im Grunde.

Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm

selbst mehr ab -- als würde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes,

die völligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn,

den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten -- würde eine beständige

Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein -- alles war

vortrefflich, wie es war. -- Diese ganze häusliche Welt mit Vater, Frau

und Kind gab solch ein Gefühl von Sicherheit und war im Grunde immer wie

ein Zeugnis -- es vernichtete die Vergangenheit. -- An die dachte

Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich

ein, daß er heute das alles klüger anfangen und jedes Weib und jede

Lage mehr beherrschen würde.

Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: »Davon, wie

schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich

niemand einen Begriff.«

»Sie sollten wieder heiraten,« riet Wynfried.

»Noch einmal verkauft werden!« rief sie voll Bitterkeit.

»Liebste Baronin -- eine Frau wie Sie -- so schön -- verzeihen Sie, aber

diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen -- so

wundervoll schön -- so ganz hingebende Weiblichkeit -- so voller

Herzensgüte -- die muß und wird Liebe finden -- keinen 'Käufer' -- nein,

einen leidenschaftlich liebenden Gatten.«

Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb

bekümmert an.

»Wenn Sie so sprechen. -- Und doch -- glauben Sie mir -- es scheint, mir

ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.«

Sie drückte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als

ein Backfisch, der in unruhiger Überfülle unklar drängender Empfindungen

mehr ausspricht, als geschmackvoll ist.

»Ja, die Weiber!« dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjährige

vorhin hatte ihn von Geschäften und Zahlen und mit Bosheiten

unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mädel.

Aber ein so bekümmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost

zu lassen, wäre völlig gegen Wynfrieds Art gewesen.

Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte

sich wohl, daß dies noch die allerletzten Tränen seien, die dem

unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte längst herausgefühlt,

daß bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue

Verliebtheit mischte -- wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am

Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt.

Er hielt tröstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden.

Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, daß sie ganz

gewiß die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.

Es schien ja eigentlich kein Grund zum Erröten vorzuliegen. -- Aber

Agathe errötete doch -- und ihr Atem fing an, rascher zu gehen.

»O,« rief Fräulein von Gerwald, »Fehmarn!«

Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf

Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob,

daß da gerade Fehmarn war ...

Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen

Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden Ährenfeldern und dem kleinen

Städtchen Burg mit seinen dunklen Dächern unter und zwischen der

Ehrwürde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswürdig

pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehäufe der Ortschaft auf.

Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, daß jede

etwa störende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von

kluger und sehr feiner Kunst hingemalt.

Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne,

die hinter der Küste zur Linken unterging. Voraus öffnete sich der

schmale Fehmarnsund.

Das alles war sehr schön, und Fräulein von Gerwald, die am

Kajüteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten

Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf

aufmerksam zu machen, oder ob sie klüger handle, sie ungestört mit Herrn

Lohmann zu lassen. Und außerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen?

-- unten warteten Hummer! -- Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam

man nach Haus? Großer Gott -- es konnte sehr spät werden. --

Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen

Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben.

»Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir,« sagte sie halblaut,

»dafür bin ich Ihnen so dankbar.«

»Ich wünschte nur, ich sähe eine Möglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres

Gemüt zu erhellen.«

»Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich

besorgt sind?« fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich

lieb -- teils aus ihrem allgemeinen Bedürfnis zum Lieben, teils weil sie

sie neidlos bewunderte -- neidlos, aus dem unbewußten Gefühl heraus, daß

Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.

»Ich bitte Sie!« sprach Wynfried sehr lebhaft. »Klara und einem Menschen

etwas nicht gönnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen -- ihrer

Freundin ...«

»Ja, sie ist so selbstlos und gütig,« seufzte Agathe.

»Eine famose, großartige Frau! Ich weiß nicht -- Sie sind doch

Freundinnen -- hat sie sich je über unsere Ehe ausgesprochen?«

»Nie. Klara spricht nie von sich -- sie ist so verschlossen. Ich

bewundere es.«

Wynfried neigte sich noch näher herüber und sprach, beinahe flüsternd:

»Sehen Sie, liebste Freundin -- im tiefsten Vertrauen! Man muß meine Ehe

mit Klara anders beurteilen -- wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns

gewissermaßen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie -- als

ich heimkam -- Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es

möglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht -- eine Frau hatte

mich verraten ...«

Agathe preßte seine Hand.

»Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?«

Und er hörte wohl, daß sie es unfaßlich fände, ihn zu lassen, wenn man

von ihm geliebt sei ...

Er erwiderte dankbar den Händedruck.

»Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, daß ich mich nicht viel

wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara für mich die einzige

moralische Rettung sah. -- Heut freilich -- heut gelänge es Vater

freilich nicht so leicht, mich einzufangen!« Er lachte leise auf -- als

spreche er von sehr drolligen, wenn auch höchst liebenswürdigen

Geschichten. »Ja -- und Klara -- ich dachte erst, sie sei in mich

verliebt -- man neigt als etwas verwöhnter Mann zu arroganten

Einbildungen. -- Aber nein -- Klara hat eigentlich nur so 'ne

schwesterliche Hingebung für mich. -- Geheiratet hat sie mich wegen

Vater -- etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergöttert.«

»O,« sagte Agathe, »das ist ja aber eigentlich tragisch -- oder ... nein

... Ich wollte sagen -- es hätte tragisch werden können ...«

»Keine Spur,« versicherte er mit Nachdruck. »Gerade diese schöne, ruhige

Ehe voll Freundschaft gefällt uns beiden sehr gut -- glauben Sie bitte

nicht, daß ich es bereue. -- Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie

das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen

meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun

glücklich ist! Er trägt sein Schicksal, gelähmt im Stuhl zu sitzen, in

Frieden. -- Wie hätt' er sich sonst daran verzehrt ...«

»Das ist ja alles sehr schön,« sagte Agathe mit einem Male auf

unbestimmte Art ernüchtert.

Aber dies flaue Gefühl wich rasch einer stürmischen Aufwallung. Denn

Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an.

»Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind für den

holdesten, weiblichsten Zauber bin ...« sprach er leise und langsam.

Inzwischen hatten die Kämpfe in Fräulein von Gerwalds Brust zu einer

Entscheidung gedrängt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter,

steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch -- und diese

Zwangsvorstellung entschied.

Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrägen

Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord überliegenden Jacht.

»Es ist schon Abend!« sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt,

als falle ihr diese alltäglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male

in ihrem Leben auf.

Agathe erwachte ...

»O -- wann kommen wir heim? ...« rief sie geängstigt.

»Wann wir wollen!« beruhigte Wynfried; »ich habe zu Haus darauf

vorbereitet, daß es spät in der Nacht werden kann ...«

»Liebste Baronin, Sie müßten aber jetzt etwas genießen,« ermahnte die

Gerwald.

Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind

flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhieß glatte, wenngleich

langsame Rückfahrt.

Dann aß man in einer unbegreiflich übermütigen Stimmung. Roter,

schäumender Romané füllte die Glasbecher. Das rosig verhüllte Licht gab

eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getäfelten

Wänden, zwischen den Wandschränkchen, angebracht waren. Die

Hummerschüssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen

tüchtig zu.

Fräulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder

gegen das von Wynfried. -- Sogleich rief Agathe: »Wir wollen auf Klaras

Wohl trinken!«

Stille Helden: Roman · 第 23 / 69 题