Alles war dasselbe geblieben --

Klara wußte nun, daß sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf

jedes wahre Herzensglück durchführen mußte ...

Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen

Wochen war man es schon gewohnt, daß eine neue Hauptperson vorhanden

war, die meist schlief und zuweilen überaus kräftig schrie. Auch eine

pompöse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit

buntem Brusttuch und weißen Hemdärmeln, mit rotbuntem Rande um den

schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weiße Tüllteile sich

künstlich gesichtswärts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt.

Denn Wynfried bestand sogleich darauf, daß man ein solches Wesen suche.

Er erklärte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, daß es ihm einfach

gegen sein ästhetisches Gefühl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nähren

wolle. Er kümmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er

fest. Doktor Sylvester stritt energisch für das Natürliche. Aber über

Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie

konnte nicht kämpfen.

Sie hatte nur ein dumpfes Gefühl von einer unüberbrückbaren

Verschiedenheit in großen Dingen. --

Sie mußte den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. Über Wynfrieds

Wünsche durfte man nicht hinweggehen -- sie nicht, deren Aufgabe es war,

einen _Mann_ aus ihm zu machen -- und sie spürte: hier war es ihm ein

Bedürfnis, sich als Gebieter zu fühlen.

Er kümmerte sich sowieso wenig um das Kind. Ärgerlichkeiten sollten in

ihm nicht aufkommen.

Bald bemerkte Klara, daß ihr Mann entweder die Veränderung im

Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit

zurückgebe, oder daß er die letzten Nervositäten abschüttelte, die ihm

noch angehaftet.

Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der

erfreulichsten Ausgeglichenheit.

Unfern der Anlegebrücke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete

Sandsteintreppe hinabführte, ankerten nun ein Motorboot und eine

seegehende Schonerjacht. Hart an der Brücke schaukelte an seiner

eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlägen

zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.

Das Motorboot war viel größer und eleganter als das der Baronin Agathe

Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajüte, aus deren rotgrauen

Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombüse und ein

kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Größere Ausflüge, mit

Übernachten an Bord, ließen sich nötigenfalls im Motorboot ausführen. Es

hieß dem Kinde zu Ehren »Severin«, während die Jacht den Namen »Klara«

trug.

Die war schneeweiß und wirkte neben dem von Benzin getriebenen

Mahagonigefährten südlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen

Pitschpinebohlen, strahlte von Glätte und Sauberkeit. Sie besaß im Raum

eine Hauptkajüte, eine Damenkajüte, wo drei Damen es nicht allzu eng

haben würden, Kombüse und große Mannschaftskojen, war also zu größeren

Küstenreisen durchaus eingerichtet und seetüchtig, auch in den Sunden

und Belten der holsteinischen und dänischen Gewässer zu kreuzen.

Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weißen Hosen und krebsrote

Zipfelmützen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und

Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln

flink hantieren. Sie wurden von einem »Schiffer« kommandiert, der einen

marineblauen Jackenanzug mit Goldknöpfen trug und um seine Schirmmütze

ein goldenes Band hatte.

Daß Wynfried plötzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem

Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des

gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer

regelmäßiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das

zurückgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die

gesunde Jugendkraft.

Und wenn sie sich im Sport betätigen wollte, konnte ihr hier, in der

Nähe von Travemünde und dem berühmten Segelwasser der Lübecker Bucht,

keiner verlockender scheinen als dieser.

Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen.

Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst

gegen jetzt.

»Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Außerdem: alles liegt

anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so

gepeitscht, daß er Ausgleich für seine Nerven haben muß, wenn er sich

nicht zu früh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation

-- ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fängt's

ja schon für die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, daß

Wynfried die Erholung im Sport sucht.«

»Ja -- gottlob,« dachte der Geheimrat. »Wenn er alle Augenblick nach

Berlin oder Hamburg führe, um sich zu erholen ...«

Sicherlich, das hätte sein Vaterherz geängstigt -- obgleich -- Nein!

Nein -- solche Frau -- und einen Sohn in der Wiege -- da war wohl keine

Gefahr mehr.

Klara fuhr fort: »Du hast mir einmal erzählt, daß seine Mutter sehr

vergnügungssüchtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh --

es rumort doch gewiß auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will

durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar

sein, daß er sie in der Natur sucht?«

»Nimm ihn nur in Schutz,« sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er

gar nicht hören. -- --

Die Taufe wurde mit einem großen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen

Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lübeckischen, die Freunde des

Hauses gefahren kamen.

Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange

fortgewesen. Nun kam wie eine Erlösung diese Tauffestlichkeit. Agathe

hatte ihren Eltern klar machen können, daß sie dabei nicht fehlen dürfe,

ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu kränken. Und Agathe war

beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck,

daß die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter

jeden Frühling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wünschten, der

Welt ein inniges Verhältnis mit ihr vorzuführen. Agathe konnte mit ihrer

treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort

nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine

versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor.

Ganz abgesehen von der beständigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewußten,

wegen dessen Kälte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht

glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben -- sie habe

keine Hoffnung mehr.

»Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glänzend bekommen,«

meinte Klara.

»Ich bin eine von den unglücklichen Konstitutionen, denen man ihren

geheimen Jammer nie glaubt,« sagte Agathe bekümmert.

Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit

Kälte zu strafen.

Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, daß ihre

»intimste Freundin« nicht einmal nach dem Kind gefragt habe -- nicht

einmal verlangt, es zu sehen -- merkwürdig!

Aber Klara nahm es nicht übel. Ebenso gut hätte man einer Rose Vorwurf

daraus machen können, daß sie nur Schönheit und Duft habe und sonst zu

gar nichts nötig sei.

Am anderen Tag freilich -- es mochte diese Unterlassungssünde Agathen

selbst schwer auf die Seele gefallen sein -- fand sie den Täufling süß

und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und stärkste über das

festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm

zuschwörend, daß Severin der Vierte ihm fabelhaft ähnlich sehe.

Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jünger und hübscher

glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr

Haar habe er denn doch auch noch.

Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler,

unverhältnismäßig großer Kinderschädel ist nie schön.

Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich

berührt, ja beleidigt: »Sehen sie denn nicht die Augen -- nicht diese

Wundertiefen darin? ...«

Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerührt, als Klara selbst ihr

kleines Kind auf die Knie des Großvaters legte, der es mit scheuen

Händen festhielt.

Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebändigte alte

Riese wohl in diesem Augenblick empfinden möge.

Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des

einen, der hier zu sprechen hatte.

Die Sonne schien herein, über eine ganze Wand von Grün und Blumen kamen

die goldenen Strahlen und umglänzten den Pastor und den Alten im

Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Schoß, von dem feine Stoff- und

Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.

Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch

der leuchtende Schein.

Stephan Marning stand irgendwo in den gedrängten Reihen der Taufgäste.

Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem

improvisierten Altar.

Sein Herz klopfte -- er wurde selbst davon überrascht, so jäh begann

dies schnelle Schlagen.

Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah ...

»Warum hatte sie ihn geheiratet?« fragte er sich zum unendlichsten Mal.

Er wußte: Der Geheimrat hatte sie unterstützt nach dem Tode ihrer

Eltern. Für einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen

Beamten eine brave, aber keine so große Tat, daß die Empfängerin der

Wohltat sich dafür hinopferte ...

Sein Blick ließ nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen

Gesicht mit den dunklen Augen, über denen die geraden Brauen etwas

zusammengerückt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.

Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie

hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf -- und sah in das

große, sprechende Auge des Mannes.

Sie erblaßten beide.

Klara senkte die Lider -- ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt

zu gehen.

Ihn überfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen,

kein Sturm fassungsloser Aufregung.

Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis.

Endlich klärte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefühl: »Ich muß

fort ...«

Ja, fort -- sich versetzen lassen -- an die russische oder französische

Grenze -- wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man

nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg ...

Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer

Art von spöttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt

hatte. Und Agathe blühte in ihrer üppigen Schönheit lockender als je.

Aber sie mußte einsehen, daß ihre Liebe verschwendet sei. Heute lösten

sich auch die letzten Illusionen in einen trüben Nebel auf -- und der

hieß: Entsagung.

Ihr ganzes Gemüt war voll von Tränen, die sich hier nur nicht laut

herausschluchzen ließen.

Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rührung über sich und ihre

weiche Natur: »Hassen kann ich ihn nicht ...«

Nein -- das lag ihr nicht.

Und ihr war gewissermaßen so zumut, als könne sie ihn, abschiednehmend,

segnen. Wobei vielleicht im Unterbewußtsein doch noch ein unsterbliches

Fünkchen Hoffnung glomm, daß ihre demütige Weiblichkeit ihn dennoch

bezaubern werde.

Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt

werden konnte mit seinen weiten Rasenflächen und seinen großen Baum- und

Gebüschgruppen.

Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nächte

schlossen. Von dämmerigem Frühlingsabendzauber konnte man deshalb nicht

sprechen, und zur Sentimentalität lud das blaue Licht nicht ein.

Zwischen den Wipfeln und über den Büschen sah man die Schornsteine und

die Burgen der Hochöfen herüberragen, und vor dem Abendhimmel stand der

Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer überschwebte.

Glühender Schein glänzte geheimnisvoll auf.

Vom Fluß herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine

Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwärts

gezogen wurde.

Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr

beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstört,

und du selbst stehst fest noch mitten darin.

Nur nicht wieder diesen großen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder --

darin war etwas gewesen -- was? Großer Gott -- was denn?

Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?

Und als sie einmal sah, daß ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und

der rothaarigen, nicht mehr so völlig entzückend häßlichen Edith Stuhr

zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu.

Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die

Travemünder Woche. Denn wenn auch die »Klara« sich mit den Jachten ihrer

Klasse, des Kaisers »Meteor« und der Kruppschen »Germania«, noch nicht

in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und

Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden

und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen

Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrüßt worden, daß

Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht

erworben habe.

Fräulein Edith, deren Häßlichkeit schärfere Linien bekommen hatte,

tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit -- wollte eine Art

freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten

sie erschrecken. Papa würde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa

beikäme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hände: Ja, ja!

Das konnte sehr lustig werden.

»Was? Die gräßliche Natur! Das langweilige Meer! Plötzliche

Geschmacksänderung?« spottete Likowski.

»Ach -- Sie! So 'n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen

einer Frauenseele.«

»Na, es freut mich immerhin. Natur -- das ist doch wenigstens kein

schlechter Geschmack!«

»Das sagt er mir! Als hätte ich je solchen!« rief Agathe empört.

Likowski lehnte für seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und

sagte auch gleich -- weil er wußte, er half damit dem Kameraden -- daß

es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so,

daß es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der

Kapitänleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im

Spätherbst lassen sich die Engländer auf nichts mehr ein. Wir sind

ihnen mit unseren Torpedobooten überlegen, und deren erfolgreichstes

Feld ist: dunkle Herbstnächte. Das wissen sie da überm Kanal. Nein, in

solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da

hatte er keinen Sinn für Sport.

»Ach Unsinn, es geht nie los,« sagte Edith, zog höchst vertraulich

Wynfried am Arm etwas beiseite und flüsterte: »Laden Sie nicht Hornmarck

ein, lieber Lohmann. Nein -- nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen

Sie sein sein -- aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, daß er

anhält ... Das wär' zu peinlich -- wo man sich hier doch immer

gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war

doch bloß so 'n Backfischstadium.«

Alle hörten es.

»Nee,« sprach Likowski. »Keine Bange nich, Fräulein Edith. Hornmarck hat

mir noch gestern gesagt, er heirat' bloß, wenn er 'ne sehr gediegene,

weibliche, schöne Frau kriegt -- --«

»Na,« lachte Edith, »also grad' so 'n Mädchen, wie ich bin.«

Und alle lachten mit.

Klara hatte ein Gefühl: wie tut das wohl, all diese Banalitäten -- es

schien so zu beweisen, daß nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, daß

sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie

durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem

Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton.

Sie fühlte: das große, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie hätte

nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.

Welche qualvolle Unerklärlichkeit -- was stand denn zwischen ihr und

ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemütes mit ihrem Schwiegervater von

diesem Mann -- gerade ihn vor allen preisend und glücklich dem Lobe

horchend, das der alte Herr für ihn hatte?

Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese

nervöse Angst? Der Entschluß wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen ...

Und ihr war, als müsse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen.

Sie sprach etwas undeutlich davon, daß es die Zeit sei, wo sie dem

Schwiegervater Gute Nacht sagen müsse ... er zog sich ja immer früh

zurück ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an

und fuhr hinauf.

Der alte Herr war still. Nicht müde -- aber als sei er satt vom Tage. Er

mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden.

Da kam die junge Frau.

»Kind,« schalt er, »so außer Atem ... Und so elend siehst du aus -- was

ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?«

Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine

Schulter.

»Es war wohl ein bißchen viel,« sagte sie leise, »ich hätt' die Feier

lieber im kleinen Kreis gehabt.«

»Ich auch, aber das ist Wynfried. Man muß ihm zu Willen sein.«

»O ja -- immer -- immer,« sprach Klara.

Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie -- lange --

lange.

Wie tat das wohl -- gab solchen Frieden.

* * * * *

An diesem Abend verlobte sich das älteste Fräulein Thürauf doch noch mit

Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein

Gespräch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche

überhangenen Sitzplatz, im nüchternen Schatten, wurde die Angelegenheit

verhandelt. Der Freier in seiner schönen, aristokratischen Erscheinung,

mit den schon angegrauten Schläfen und dem sorgenvollen Ausdruck,

sprach: »Ihre Luise, meine gnädige Frau, und ich, wir haben uns lieb.

Ich weiß, daß Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so

oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrücklich

bestätigt, daß wir von vorneherein wissen: wir müssen mit dem

bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre

Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art

mir gesagt hat, sie könne ohne Luxus leben und bewerte eine

herzlich-friedliche Ehe höher als Glanz, so hoffe ich, daß Sie, Herr

Generaldirektor, und Sie, gnädige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht

vorenthalten werden.«

Die wunderhübsche Frau drückte sogleich gerührt mit der Linken ihr

Spitzentüchlein gegen die Augen, während sie mit ausdrucksvoller Geste

ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll

küßte.

Der Generaldirektor besah seine Hände, schien zwei Sekunden

nachzudenken, schlug plötzlich die kühlen Augen auf und hatte ein

leises, ironisches Lächeln.

»Darf ich als Vater ein wenig präzisere Angaben über dies bescheidene

Los erbitten?«

Herr von Brelow errötete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es

herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick für ihn. Als Mann

von Herz und Ritterlichkeit hätte er lieber erklärt: »Ich biete Ihrer

Tochter eine große Stellung.«

Und er mußte sagen: »Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre

alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich

darf hinzusetzen: Vormünder und Agnaten sind mit meiner Administration

so zufrieden, daß ich meine Stellung als lebenslänglich ansehen darf.

Sie wissen auch, daß Schloß Prankenhorst verschlossen dasteht und daß

ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist geräumig und würde, völlig

eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgemäße Häuslichkeit

bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle

Erträgnisse des sehr großen Gemüsegartens und für die Hauswirtschaft ein

natürlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und

die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt

habe, ist freilich so bescheiden, daß ich die Ziffer vor einem Mann, wie

Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir

würden uns durchaus damit einrichten -- sie will gern sparen.«

Das ironische Lächeln auf dem klugen Gesicht des Zuhörers war noch

deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die

verletzt -- Frau Thürauf kannte dies Lächeln. Und es weckte auf ihrem

Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude.

»Sie sind Idealist, Herr von Brelow,« begann er. »Aber glauben Sie

nicht, daß wir Männer der Großindustrie und der Naturwissenschaft dafür

kein Verständnis hätten -- wir brauchen selbst einen starken Posten

Idealismus -- ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An

Ihrer Stelle würde ich doch eine große Mitgift, eine wohlhabende Heirat

gesucht haben. Natürlich, ich bin kein armer Mann -- aber Luise hat zu

viel Herz, und Sie, taxier' ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine

Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und länger ausbleiben

kann.«

»Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich,« antwortete Brelow

kurz, ja schroff.

»Also denn ja -- und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche

ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!«

Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebüsch, das den Weg zu diesem

tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner Ältesten herankommen.

Brelow erhob sich auf der Stelle auch.

»Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow -- halten Sie mich

nicht für 'n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins

darin: die Kinder bescheiden erziehen! -- Zu große Gewohnheiten haben

noch keinem Menschen das Leben erleichtert -- und die Gefahr lag zu nah:

daß mal Mitgiftjäger sich 'ranmachen könnten. Meine Mädels taugen was!

Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden -- nicht

als Eisenprinzessinnen auf 'n Heiratsmarkt kommen. -- Na -- und ich seh'

ja nun -- Sie und Luise -- Sie wollen zufrieden sein mit den Früchten

des Feldes ... Schön, sehr schön! -- Aber ich möchte denn doch, daß es

die Früchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wären. Ich

denke, wir lassen mal durch 'n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der

Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich

reden läßt ...«

Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand

bleich vor freudigem Schreck.

»Bitte, bitte,« wehrte der Generaldirektor lächelnd ab, »es ist keine

Mitgift! -- Ich bin und bleibe ein Mann von Wort -- schon allein, um dem

dicken Pankow nicht den Triumph zu gönnen -- durchaus: keine Mitgift! --

Bloß Hochzeitsgeschenk.«

Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage

innerlich sehr glücklich bedrängt, jedoch äußerlich verlegen die

Glückwünsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein

Pläsier.

Er stieß mit dem Zeigefinger mehrere Löcher in die Luft, in der Richtung

auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: »Was diese Eisenbarone

kokett sind! -- Ich wollte unserem Freunde Thürauf schon 'n Platz im

Pankower Männerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so

zusammengeläppert, daß Fräulein Luise 'n kleines Rittergut zur Hochzeit

kriegt. Hören Se mal, Thürauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir

Ihren Posten.«

Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: »Brelow hat's

natürlich gewußt, daß es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift

und so ...«

Klara umarmte die vor Glück ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort:

»Sie lieben sich -- sie lieben sich! ...«

Und es schien ihr ein Wunder, daß zwei aus Liebe sich zusammenfinden

durften. -- --

Von nun an sah man jeden Nachmittag die weiße Jacht mit den gelbbleichen

Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die

Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemünde vorbei, hinaus in die

freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute

schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus.

Der Geheimrat sah es mit Staunen, daß der Juniorchef Wynfried Severin

Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, daß

sein Sohn in der frischen Seeluft, dem köstlichen Sport, geradezu in

erneuter Mannesschönheit aufblühte.

Er sprach mit Thürauf. Und der Generaldirektor gestand, daß Wynfried

mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das

väterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand --

als schüttle er es nur so aus dem Ärmel. Bei Beratungen traf er rasch

den Kern der Dinge, auf die es ankam.

Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch -- ihm schien, als

halte Thürauf irgend etwas zurück -- das war sonst nicht seine Art.

Er sprach auch mit Wynfried selbst.

Der lachte.

»Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist

was Individuelles. Weißt du, mir hat immer der große Gelehrte imponiert

-- Robert Koch soll's gewesen sein -- der sich sein Leben so einteilte:

acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergnügen. Kann

man seine vierundzwanzig Stunden klüger einteilen?«

»Gewiß nicht,« gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken:

»Gerecht bleiben!«

Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte

seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhörliches Ringen

mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde

Frau -- ein Glück in der Ehe -- das hatte er doch?

Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zügen

dieser jungen Frau so rätselhaft.

Was am Tauftage ihm zuerst so bänglich aufgefallen, dieser Zug von

Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief

eingezeichnet, daß er nie mehr wich.

So sieht das Glück nicht aus ...

Er nahm sich zusammen, hörte zu, was sein Sohn in fröhlich flottem Ton

weitersprach.

»Ich kann wohl sagen, es macht Spaß, wenn man da so auf dem Werk sich

abhetzt -- rasche Entschlüsse fassen muß -- das prickelt -- -- Spannung

und Wagnis ist dabei -- grad' wie beim Segeln -- man sieht die Böe

kommen -- es heißt Umlegen -- ja, da kommt es auf die Sekunde an --

Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen muß man's haben, wann

das Tau locker zu geben ist -- und hart an der Gefahr des Kenterns

vorbei -- dann hat man so recht ein Gefühl von Lebensfülle.«

Plötzlich wußte der Geheimrat, was Thürauf in seinen Äußerungen nicht

mit vorgebracht hatte.

Das _Sportgefühl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenüberstand! ... Sie

war ihm keine heilige Sache. War nebensächlich.

»Nun,« sagte er, vorsichtig die Worte suchend, »es ist doch wohl ein

Unterschied. Arbeit ist kein Sport.«

»Ich meine doch beinah -- wenigstens für uns, die wir's eigentlich nicht

nötig haben.«

»Eines Sports kann man überdrüssig werden. Der großen Aufgabe nicht.«

»Keine Angst, Vater,« sagte er leichthin; »ich hoffe doch, sie bleibt

mir immer interessant. Nur -- ich will daneben noch was vom Leben

haben.«

»Ich bin der letzte, dir das zu mißgönnen,« versicherte der Vater.

Wynfried streichelte Klara das Haar.

Und in einem jähen Gefühl fand der alte Herr: auch nebensächlich ...

»Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, großartige Frau

in mir geweckt.«

Klara lächelte freundlich.

Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es

nicht schon oft und oft gehört? Immer dies Rühmen der »famosen,

großartigen« Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an

Worten?

Fort -- fort -- Gespenster -- Grübeleien -- fort ...

Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurück.

»Na, du kleines Kerlchen,« sagte Wynfried und sah, auch aus Gefälligkeit

gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so kräftig, es war so

wundervoll gepflegt, daß man sich daran freuen mußte. Und es gewährte

Wynfried auch Genugtuung, daß alle Menschen, die es sahen, es

bewunderten.

Der alte Mann fuhr beinahe zusammen -- da war wieder ein Nachhall --

aber er kam von weit her -- aus Zeitfernen.

War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen?

Sagte sie nicht geradeso »na, du kleines Kerlchen«, wenn die Wärterin

ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte?

O, dieser Tonfall -- durch den alles zur oberflächlichsten Nichtigkeit

zu werden schien -- in dem kein Klang von tiefem Gefühl mitschwang.

In seinem Gemüt gärten die neu erwachenden Sorgen so schwer, daß er sie

nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. »Sein Kind« -- das war ja

die junge Frau. --

Es war gegen Abend, und er saß schon wieder oben in seinem mächtigen

Stuhl, als er sagte: »Ich muß dich fragen ...«

Klara kniete sogleich neben ihm hin -- denn das war ja die Stellung, in

der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er

legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.

»Hast du Kummer?«

»Nein, Vater.«

»Du bist verändert.«

Sie erblaßte.

»Wie sollte ich es sein?«

»Hast du über Wynfried zu klagen?«

»Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rücksichtsvoll.«

Er wollte weiter fragen: bist du glücklich? Er wagte es nicht.

Er hörte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie

erblaßte.

Und was unbestimmt in seinem Gemüt gärte, verdichtete sich zu dem

Angstgefühl, daß seinem Hause Unheil nahe ...

»Klara,« sagte er, »hab Geduld mit ihm.«

»Das brauch' ich ja gar nicht. Ich habe ja über nichts zu klagen,«

sprach sie matt.

»Aber wenn ... je ...«

Da raffte sie sich auf.

»Vater!« sprach sie fest. »Was ich vor Gott geschworen habe, halt' ich!

Sonst wär' ich nicht wert, dein Kind zu sein.«

7

Klara stand mit Wynfried auf der Brücke, und sie sahen dem Fährboot

entgegen, das vom jenseitigen Ufer Fräulein Edith heranbrachte. Schlank,

im engen schneeweißen Sportkostüm, einen langen hellblauen Mantel überm

Arm, stand sie und winkte schon von weitem.

Es war ein herrlicher Tag. Alles glänzte fröhlich: der wolkenlose

Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote

kleine Stadt drüben auf der sandigen Höhe, der sich im Winde schuppende

Fluß. Und die schwarzen Bauten, die düsteren Eisengerippe des

Hüttenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den

ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig -- das wirkte

beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und

ausdrücklich betonen will, daß die wichtige und finstere Arbeit der

Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Veränderliches wie das

schöne Wetter kehre. --

Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte

man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Fräulein von

Gerwald, aufnehmen und dann in der Lübecker Bucht den von Kiel kommenden

Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schloß wie

immer mit einer Wettfahrt nach Travemünde, wo dann noch unter Gegenwart

und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage

mit Wettsegeln, Frühstücken, Diners und Tänzen abgehalten wurden.

Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fährboot. Klara erschrak

beinah. Was hatte das Mädchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken,

brandroten Haare in zwei Zöpfen als Schnecken über die Ohren gelegt! Und

das Gesicht mit der kecken Nase, dem großen Mund und den

bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch

häßlicher.

»Ich bin wütend,« sagte sie gleich, »ich kann nur bis Travemünde mit! Da

muß ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von

Hannover und will drei Tage in Travemünde bleiben. Ich muß ihr

Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kämpfen Götter selbst vergebens.

Sogar Papa hat aufgetrumpft: daß du dich nicht unterstehst -- -- na --

und so weiter. Wie Väter auftrumpfen, die man sonst um 'n Finger

wickelt. Er hat ja ihr Vermögen im Geschäft, und ich soll es mal erben

-- ich bitt' um stilles Beileid ...«

»Aber mein Mann hat wirklich Pech heute,« sagte Klara, »ich kann ihn

auch nicht begleiten.«

»Sie sind leidend,« sprach Edith, mehr feststellend als fragend.

»Meine Frau? Leidend?« fragte aber Wynfried erstaunt. »Keine Spur. Der

Kleine hat, glaub' ich, einmal gehustet -- da bringt niemand und nichts

meine Frau von ihm weg.«

Edith lachte.

»O Gott ja -- diese fanatischen jungen Mütter ...«

Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde

neckte. War's nicht, als würde man sie necken, weil sie atme?

»Fanatisch -- das ist das Wort,« stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. »Als

ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald:

sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn

-- als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da

sei.«

Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in

Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten

konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein -- mit ganzer Inbrunst

täglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufühlen -- ihm

Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend für Abend ging sie mit in

die Theater. Wynfried wählte immer das, wo man sich am meisten

Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im

rauschenden, rollenden Lärm und der benzindurchhauchten Staubluft -- dem

nie abreißenden Hintereinander der Gefährte -- wie waren sie mühsam

gewesen. Gewiß, auch durch das quälende Heimweh nach ihrem Kinde. -- Das

Kind war doch der Zweck ihres Daseins -- dies Kind gab in einem

besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie spürte

wohl, sie würde ihre Sehnsucht bezwungen haben -- sie war ja nicht nur

Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie

hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes

Geist und Art kam kein Ton zu ihr herüber, der sie belebt und

beschäftigt hätte -- sie hörte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf

neue Wege geleitet hätte. Und dann -- diese Unruhe in ihr, dies

unbestimmte und doch furchtbare Gefühl, wie von etwas Vernichtendem

bedroht zu sein -- das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein

konnte.

Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr --

deshalb spürte sie nichts von der Wucht der Eindrücke.

»Aber nun fix!« mahnte Wynfried.

Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins

Gesicht.

»Sie sehen aber wirklich noch immer 'n bißchen matt aus -- ich fand es

schon damals auf der Taufe. -- Da sollten Sie grad' mitsegeln.«

»Ich tue es oft,« sagte Klara, »nur heute ... Der Kleine ist wirklich

etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.«

»Schad',« meinte Wynfried, »es ist so großartiges Wetter. Likowski und

Marning haben auch abgesagt.«

»Was -- die auch?« rief Edith. Für sie konnten es, bei solcher

Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer

ununterbrochenen, plänkelnden Unterhaltung sicherer.

»Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, daß Sie, Baronin

Agathe und meine Frau mitsegeln würden.«

»Ach Marning! -- Ich glaub', der retiriert vor Baronin Agathe,« meinte

das rothaarige Mädchen.

»Wie ist sie unzart ...« dachte Klara.

»Na -- nu los. Und ängstige dich nicht -- wenn gegen Abend Flaute kommt

-- es kann spät werden ...«

Er und Edith saßen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren

Ruderschlägen bordseit der »Klara«. Die hatte schon ihr Fallreep mit den

drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck

der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den

weißen Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militärisch

salutierten.

Das Motorboot stieß einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann

zu stoßen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt

stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein großer Sohn der kleinen

Mutter, so folgte die weiße Jacht der Führung. Großsegel und

Schunersegel waren noch gerefft.

Wynfried und Edith standen am Großmast und winkten Grüße hinüber, bis

Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg.

»Ihre Frau hat sich aber wirklich verändert,« sagte Edith.

»Kann ich nicht finden. Höchstens vielleicht, daß sie oft ermüdet

aussieht -- sowie der Junge nachts sich rührt, steht sie ja auf -- die

Amme sei nicht verläßlich.«

»O Gott -- und der Schlummer Ihrer Nächte!« sagte Edith mit komischem

Pathos.

»Hab' mich einstweilen aus diesem Bereich zurückgezogen und mein altes

Quartier oben genommen -- bin sehr stolz auf meinen Sohn -- auf sein

nächtliches Geschrei leg' ich aber keinen Wert.«

Sie machten es sich nun gemütlich. Hinter dem Eingang zur Kajüte, der in

üblicher Weise schräg überdacht war, hatte das Deck eine bassinartige,

ovale kleine Vertiefung, in die man über zwei Stufen hineintrat. Ein

breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von

Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender,

rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rücken stopfen konnte oder

unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange

glatte Fahrt war, ungesehen und ungehört, und nur bei irgend welchen

Segelmanövern tauchten die weißroten Matrosen auf.

Wynfried und das rothaarige Mädchen saßen in träger Stellung einander

gegenüber. Er hatte die Hände zwischen den Knien gefaltet und schaute

aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in

ihren dreisten Augen. Und was ihren großen Mund betraf, dessen schön

geschwungene, volle Lippen sich über sehr blendenden Zähnen leise

öffneten, so dachte Wynfried: »Derart lüstern, daß es einen Mann

irritieren könnte --«

»Nun, was sehen Sie mich so an?« fragte er.

»Ach -- ich denk' so: Sie haben ja viel zu früh geheiratet ...«

»Ich?«

»Na ja -- wenn man so von nächtlichem Kindergeschrei hört ...«

»Meine Frau ist eine famose, großartige Frau. Jeder Mann hat Ursache,

mich zu beneiden,« bemerkte er etwas ablehnend.

»Will nichts gegen sie sagen -- nicht von fern -- ich verehre Ihre Frau

kolossal,« versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte

Empfindung gehabt, daß man über seine Ehe so mit ihm sprechen könne --

aber sie spürte: das schien doch nicht geraten ...

Seit einiger Zeit fand sie, daß Wynfried Lohmann der schönste Mann sei,

den sie je gesehen. Ziemlich groß, wundervoll gewachsen -- die Augen

blau und manchmal so rätselvoll im Ausdruck. -- Die Züge vornehm -- und

das lockere Sporthemd ließ zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und

selbst zugriff, weiße Arme und einen herrlichen Nacken sehen.

Und Edith hatte Stunden, wo sie wütend war -- ja, dieser Mann wäre in

jeder Hinsicht für sie gewesen. -- Geld, Stellung -- und seine Schönheit

lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_

Mann wohl von Frauen alles wußte und verstand! Hunderttausende sollte

ihn ihr Studium gekostet haben. -- Ach ja, er war weit und breit der

einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so

langweiligen Person verheiraten müssen.

»Daß man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann

ausgebeten haben,« sagte Wynfried würdevoll.

Aber es war eben ein bißchen mehr Würde, als der Augenblick gerade

erfordert hätte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der

überraschend scharf war, fühlte sie das gleich.

Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an ...

Aber sie sprach sehr vernünftig-nüchterne Dinge.

»Ist es wahr, daß Thürauf Teilhaber wird?«

»Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.«

»Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.«

»Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie

wäre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem

Krankheitsthron aus spricht er ja völlig geistesfrisch noch immer das

gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thürauf uns verlassen hätte, um

anderswo als Kompagnon einzutreten. -- Nun bin ich nach Wunsch freier

Mann -- denn Thürauf hat ja bloß eine Leidenschaft: arbeiten.«

»Papa sagt: Thürauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.«

»Sie sind durchaus normal.«

»Papa sagt, es würden Thürauf nur vier Prozent abgerechnet für all das

Lohmannsche Kapital. -- Es wären acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater

ins Werk gesteckt hat. -- Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes

stehe sich Thürauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark

Einkünfte. O Gott -- und wenn man bedenkt, daß Ihrem Vater auch noch die

Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehören ... Ja, Papa sagt, wenn's mit den

Unternehmungen erst über einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie

sozusagen von selbst weiter.«

»Wie genau Ihr Papa Bescheid weiß,« sagte Wynfried mokant; »und wie Sie

das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen

Mädchens.«

Edith zuckte die Achseln.

»Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen

hören, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen.

So 'n Industrieprinzeßchen wie ich wächst von selbst ins Verständnis für

Geld und Geschäfte hinein. -- Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt

weiß, daß Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese große

Liebe! -- 'Severin Lohmann' sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man

immer gedacht.«

»Soll es auch. Wenn Thürauf Söhne hätte, würde Vater es nicht getan

haben. -- Es steht auch ausdrücklich im Kontrakt, daß die

Teilhaberschaft nicht auf Thüraufsche Schwiegersöhne oder Enkel

übertragbar sein soll.«

Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte

gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ...

und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. -- Und bis der

zähe Thürauf mal alt und arbeitsunfähig werde, sei Wynfried auch ein

alternder und ganz eingearbeiteter Mann. --

»Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thürauf erobert, macht er ja

'n blendendes Geschäft,« sagte Edith voll Verachtung. »Seit Luisens

Verlobung mit Brelow weiß man doch, was die Thüraufs mitkriegen. Seitdem

ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens häuslichen Tugenden.«

»So?« fragte Wynfried ungläubig.

»Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag früh unseren Ritt machten

-- Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich

genier' mich immer, wenn uns sachverständige Herren begegnen -- na, wen

treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thüraufs,

nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jüngelingen. Die Räder lehnten an

dem berasten Erdwall, etwas weiterhin saß man und ließ die Beine hängen

und aß im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst

belegt -- das wäre so in der Situation gewesen. -- Und was tat

Hornmarck? Er band Vergißmeinnicht zusammen. Ich schwöre Ihnen:

Vergißmeinnicht!«

Wynfried lachte.

»Wissen Sie, was ich tat?«

»Bin gespannt.«

»Ich lenkte mein Pferd 'ran -- ich salutierte Hornmarck mit meinem

Reitstock und improvisierte:

Ein Leutnant saß an dem Rain,

Er sammelte Vergißnichtmein

Und fügte sie zum Kranze;

Wie rührend war das Ganze.

Und denn los und davon. -- Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als

Karikatur eines Sportsman, ängstlich hinterher.«

Sie freute sich noch über ihr tolles Davonstieben.

»Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?«

fragte er.

»Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Muß fortan auch wählerisch

sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht für voll. Das ist nun anders.

Als Papas Einzige weiß ich, daß ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a#

bringen darf. -- Er macht Ansprüche! Wo seine Fabrik sich in so enormem

Aufschwung befindet ...« sprach sie in lässiger Prahlerei.

Wynfried wußte, daß das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wußte

sie selbst es auch.

Sie räkelte ihren schlanken Körper auf all den Kissen ganz zurück und

faltete ihre Hände über ihrem Hinterkopf, wo von der weißen Linie des

Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zöpfen hingenommen

waren.

»Ja,« meinte sie im gemütlichen Ton -- aber um ihren großen Mund ging

ein besonderes Lächeln. »Der eine, der mich vielleicht hätte reizen

können -- der ist ja #hors de concours# ...«

Und ihre Augen sprühten Funken -- zu ihm hinüber. -- Daß sie ihn meinte,

war zu fühlen.

Er sah sie an, lächelnd -- vielsagend -- sie konnte nach Belieben alle

Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedürfnis waren.

Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lüsternen Mädchen,

das mit all seiner Häßlichkeit höchst lockend war, einen ausführlichen

Kuß auf den animalischen Mund zu pressen. -- Aber das ging natürlich

nicht an ...

Sie machte ihm aber Spaß -- in ihrem Gemisch von praktischem Verstand

und keckster Herausforderung.

Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten

umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um

ihn bemühte. Das war ihm ein Bedürfnis geworden, von seinen Anfängen

her, wo er als schöner, reicher Jüngling in allzufröhliche Kreise

geraten war.

Von Klara durfte er natürlich solch Umwerben und irgend ein kokettes

Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten.

In der Ehe war überhaupt alles anders. »Ehe« -- die hatte so wenig mit

dem übrigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.

Stille Helden: Roman · 第 22 / 69 题