Einmal fragte sie: »Wo standen Sie früher?«

»In Köln, gnädige Frau. Zuletzt war ich in Berlin -- zur Turnanstalt

kommandiert.«

»Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer

auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.«

»Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann

die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat

immer das Gefühl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken

umsprüht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!«

»Wie freut es mich, daß Sie es so empfinden,« sagte Klara lebhaft. »Mir

ist oft, als sähe ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns

sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen,

durchsichtigen Prozeß vor unseren Augen abspielen. In so einem

Hüttenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft

unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und

Kochkünste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere

und positivere Art.«

»Gnädige Frau haben Verständnis und Interesse für das Lebenswerk Ihres

Herrn Schwiegervaters.«

Das war nun wieder eine abschließende Bemerkung. Aber Klara fragte:

»Haben Sie das Hüttenwerk schon besucht?«

»Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.«

»Wir wollen es Ihnen zeigen -- Wynfried und ich -- oder mein Mann

allein,« setzte sie rasch hinzu. »Wenn er mich nicht dabei haben

mag ...« dachte sie.

»Ich nehme es mit Dank gelegentlich an,« sagte er unbestimmt.

Sie suchte nach einem anderen Thema.

»Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier

geworden?« fragte sie.

»Aus Wunsch und Tradition, gnädige Frau.«

»Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein,« sagte sie, »der lange

Friede -- und das mehr und mehr entschwindende Verständnis für die Größe

Ihres Berufs ...«

Er sah sie überrascht an. Ihre Blicke trafen sich.

»Ganz gewiß, gnädige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich

abzuwehren, daß sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist

schmal -- die Zulage klein -- Offizier sein, heißt von tausend Fällen

neunhundertmal: mit stiller Würde entsagen können und auf alle sorglos

reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt

und ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden, das volle Hingabe immer

gibt. Aber wenn man denn so spürt, daß diese Hingabe von breiten

Volksschichten gar nicht verstanden und gewürdigt wird -- das tut weh.

Es ist auch kein erhebendes Gefühl, wenn man todmüde vom Dienst kommt

und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was

Uniform trägt, als Troddel dargestellt wird. Naß bis auf die Haut ist

man vielleicht, tat in Wind und Kälte seit Morgengrauen Dienst --

vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher

Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal bloß in sozialdemokratischen

Blättern, Urteile, Schilderungen über uns, deren Böswilligkeit oder

Unverständnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen

zu können, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben -- ja, die wird

schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie

Likowski. Und doch -- während man so ungeduldig ist, muß man zugleich

aus tiefstem Herzen wünschen, daß dem Volke das Grauen eines Krieges

erspart bleibt. -- Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ...

Konflikte ... keine leichten ...«

»Es gehört stilles Heldentum dazu,« sprach Klara. »In dieser Zeit, wo

gewisse Schichten das Wort 'Vaterland' nicht hören können, ohne von

Hurrapatriotismus und Sentimentalität zu höhnen.« Und nach einer kleinen

Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am

stärksten gewesen war: »Und man ist mit dem guten Bewußtsein zufrieden,

das volle Hingabe immer gibt.«

Er fühlte, daß sie diesen Ausspruch auch für sich annahm -- so deutlich

fühlte er es, als habe sie es ihm erklärt.

Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefühl der Vorsicht, das ihn

zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er

dachte: »Wir verstehen einander -- sie und ich ...«

Aber sie hatte sich ja doch verkauft -- und das war gegen seine

Einschätzung von Frauenwürde. Er sagte es sich noch einmal

nachdrücklich.

Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht

so mächtig da, daß alle Leute sich von etwas rätselvoll Großem wie

gebändigt fühlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der

hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel

ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch -- zu

kleinen Pünktchen geworden, in unermeßbarer Höhe, kaum erkennbar. Und

die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drüben unten blinkerten die

Lichter von Travemünde. Daß der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier

nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen

Schein, der nach regelmäßigen Pausen über die grenzenlose Dunkelheit

hinhuschte, von der man wußte: sie ist das Meer ...

Stephan Marning schrak aus verträumtem Hinsinnen auf. Ohne daß er darauf

achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genähert. Sie flüsterte, als sei

schon geheimes Einverständnis zwischen ihnen: »Richten Sie es so ein,

daß wir zusammen ins Ruderboot kommen.«

Der heiße Ton der dringlichen Mahnung berührte ihn, als wolle eine

Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ...

Er nahm sich zusammen. -- Sie nicht verletzen -- klug sein. -- Heute

nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut hätte er doch beinah die roten

Lippen geküßt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib ...

»Wenn es unauffällig geschehen kann ...« flüsterte er zurück.

Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den

geschmückten Booten auf dem nächtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur

ein paar ältere Herren und die Baronin Bratt blieben zurück.

»Es wetterleuchtet!« schrie Fräulein Edith.

»Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms,« sagte jemand.

Fräulein von Gerwald hatte auch gesehen, daß es sehr starkes

Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin

nicht das Programm verderben. Und würgte lieber die jäh aufsteigende,

schlotternde Angst hinunter.

Dieser Menschentrupp, von einer teils künstlichen, teils echten

Lustigkeit wie besessen, hatte für Stephan etwas merkwürdig Törichtes.

Im unsicheren Licht, das die an den abwärtsführenden Wegen aufgehängten

bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann.

Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen

Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem

Dämmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar.

Sie hatte doch reich werden wollen ...

Unten am Bootshaus war ein Gedränge und Gelächter.

Edith tat, als sei sie beständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und

war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und

deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig

schwer atmend, schon saß und sich von Wynfried Lohmann einen Schal

umlegen ließ. Das Boot füllte sich so rasch, daß es Stephan keine Mühe

kostete, sich auszuschließen.

Frau Agathe rief: »Aber Herr von Marning sollte doch mit hier

herein ...«

Stille Helden: Roman · 第 15 / 69 题