Und andere Stimmen riefen dagegen: »Kein Platz mehr.«

»O Gott, es wetterleuchtet wirklich!« sagte ein Fräulein Thürauf.

»Das kommt nich!« beruhigte der Bootsmann.

Stephan saß dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der

jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen,

dunklen Tönen zu puckern. Man hörte ein paar aufgestörte wilde Enten mit

rauschendem Flügelschlag davonstieben. --

»Wie schade,« sagte Klara.

»Was?«

»Daß wir die Sommernacht entweihen.«

Er hatte dasselbe gefühlt.

Fräulein Thürauf II und III waren musikalisch, hatten hübsche Stimmen

und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein

schrie wieder jemand: »Es wetterleuchtet aber fix.«

Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord hätte

man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt.

Die roten, durchleuchteten Papierkugeln töteten den Zauber.

»Zu solchen gewaltsamen Vergnügungen muß man bei frischer Laune sein,«

dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles

so überflüssig und geschmacklos schien.

Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, daß das Wetterleuchten immer rascher

trübrot die Gewölkwand am nordöstlichen Himmel zerriß. Es schien aber

niemand im Boot ein Gefühl für die wilde Schönheit der zuckenden Scheine

zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren

solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die

auftrumpften: »Das Ruderboot denkt nicht an umkehren -- seht! Es schießt

flott weiter hinaus. -- Und da ist doch die Baronin selbst an Bord --

und sie ist doch so ängstlich ... Und Likowski ist dabei -- bloß keine

unnütze Angst, meine Herrschaften.«

Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche

Stimmen unbekümmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden

entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte.

Einige Minuten lang schwiegen die Insassen.

Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nördlichen

Himmel ein Blitz. -- Niemand hatte gemerkt, daß rundherum Wolken

heraufgezogen waren. -- Eine Frauenstimme stieß einen gellenden Schrei

aus.

Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.

Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner

schütterte durch die Luft, das Wasser gärte in Unruhe. Aber man hätte

dieses große Schauspiel ohne Angst ansehen können, denn der Mann an der

Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin,

ruhevoll das Steuer uferwärts. In acht, in zehn Minuten konnte man

wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein.

Höchstens konnte etwa bald einsetzender Regen für die Damen unangenehm

werden.

Aber die Frauen wurden von jenem unerklärlichen weiblichen Bedürfnis

gefaßt, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive

Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen

packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien,

weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten

fürchten.

Die Offiziere baten -- beschworen -- wurden streng. -- Umsonst. Das

leiseste Schaukeln ließ die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes

sich auf die andere hinüberstürzen. Es schwankte so sehr, daß es zweimal

in Gefahr geriet, umzuschlagen.

Und diese wahnwitzige, überflüssige Angst war so ansteckend wie alle

nervösen Anfälle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst

die vernünftigen beiden Fräulein Thürauf weinten -- und die eine schrie:

»Wir wollen an Land schwimmen.« Sie mußte gehalten werden, um sich nicht

ins Wasser zu stürzen.

Stephan saß neben der jungen Frau. -- Er faßte beruhigend nach ihrer

Hand. -- Klara saß ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit

großen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu -- es hörte ja auf,

lächerlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr für das Boot und alle

Insassen war.

Ein nächster Augenblick -- ein Ungefähr konnte das Unglück herbeiführen

-- es brauchte nur ein Blitz greller und näher herabzufahren. Der Donner

brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen würden völlig den

Verstand verlieren.

Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit

des Grauens erfaßt worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen

beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wäre.

Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefaßt ... Da fühlte

sie, daß eine starke Hand tröstend die ihre umfaßte. Sie wußte

plötzlich: es kann ja nichts geschehen.

Er sah ihre Selbstbeherrschung -- wie liebte er gefaßte Haltung,

geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all

der sinnlos sich Gebärdenden war eine Wohltat. Und er dachte: »Ich habe

ihr Unrecht getan!« Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein

wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen können -- die war keiner

niedrigen Handlung fähig.

Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen --

warum nicht trachten, sie näher kennen zu lernen?

Ein Schrei zerriß seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz

niedergefahren. -- Polternd schien die Luft auseinander zu fallen -- als

ob ihre Räume zerbarsten, klang es.

Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinüberwarfen, das Boot

steuerbord so stark auf die Kante, daß nur das Gegengewicht, das mit

Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal

rettete. Und im nächsten Augenblick schüttete es jäh vom Himmel nieder

-- als käme ein Tropenregen herab, so gewaltig und groß prallten die

Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen

keinen Platz.

Und dieser grandiose Regen goß die alberne Angst aus.

Die fürchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die

Begierde auf Rettung durch starke Männerarme, die Schwelgerei weiblicher

Schutzbedürftigkeit in Gefahr -- alles erlosch. Und nur noch der eine

Gedanke hatte Leben, stärkstes Leben: »O Gott, mein Kleid!«

Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und

Tülle der Kleider nur noch anklebende Lappen.

Stephan begann seinen Überrock aufzuknöpfen, und die junge Frau erriet

auf der Stelle, daß er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle.

»Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.«

Auch das Ruderboot kam rasch heran -- an seinem Borde schien kein Kampf

der Furcht sich abgespielt zu haben.

Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedränge halb

komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf,

schämte sich.

Die schöne Hausfrau ertrug es mit Humor, daß ihr blaßlila Chiffonkleid

nur noch ein unzulänglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an,

ihr blondes Haar auseinander zu lösen -- alle konnten so seine Fülle

sehen -- das machte ihr Spaß. --

Am Ufer warteten die zurückgebliebenen Väter und Gatten neben den

Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimäntel gehüllt hatten. So viel

Regenschirme es im Schloß Lammen nur gab, waren zur Stelle.

Aber was halfen nun noch Schirme.

»Wir sind wie gebadete Katzen,« schrie Fräulein Edith, vor Vergnügen

außer sich.

Stephan sah, daß Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner

Frau zuwendete.

»Vielleicht,« dachte er, »vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und

sie lieben sich.«

So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als

sie nachher noch sagte: »Diese gräßlich schöne Natur. -- Verlaß ist nie

darauf.«

5

Klara dachte über die vergangenen Monate nach.

Der Tag lud sie förmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr

dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.

Sie saß in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und

hatte ein Fenster nach dem Hüttenwerk, eines nach den Anlagen und dem

Fluß zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren

gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrägen Blick

hinüber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit.

Die schönen Sachen von Klaras Mutter möblierten das Zimmer. Sie waren

völlig unbeschädigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem

Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen

Seidendamast stand an der Hauptwand. Darüber hing das Bild der Mutter.

Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und

hell vor dem grünen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem

halbhohen Teeschrank an der Wand gegenüber ging zwischen den kleinen

Alabastersäulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des

Zifferblattes, auf der alabasternen Brücke, schritt der kleine,

fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der

Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhänge an den

Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch

häusliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen

war, saß sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte über den

Fluß, das wellige Gelände, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt

mit all den vielen Fischräuchereien drüben sich um den Kirchturm

drängte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich

phantastischen Bauten des Hüttenwerks. An den Hochöfen, die sich nach

oben zu in gebrochenen Linien verjüngten, konnte sie all die sie

umgebenden Rohrwülste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte,

wie an den Schrägaufzügen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wußte,

daß die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsöffnungen

hineinschütteten.

Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg

und zerjagte ihn ostwärts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam

manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der

hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses

und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Städtchens

erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald

gleißte es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie

trübes Zinn. Und die Möwen flogen, mit weißem Flügelschlag im Schatten,

mit silbrigem Blitzen in der Sonne.

Im Vordergrund, an den Büschen und Bäumen der Anlagen hing hie und da

noch rostfarbenes Laub. Von den meisten Ästen und Zweigen aber hatten

Nebel, Regen und Sturm es längst fortgerissen.

Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstraße

von der Besitzung schied, arbeitete der Gärtner, um die Rosen

niederzulegen und allerlei niedrige Ziersträucher, die den Vorgarten

schmückten, für den Winter mit Tannendecken zu schützen.

Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien

niedergedrückt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie über den

Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurückgelegt.

Auf das allermerkwürdigste war dabei die große Veränderung in allen

äußerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen.

Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem

reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen

genug wach waren an die Üppigkeit, die ihre erste Jugend umgab;

vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung

behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom

Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Tränen ihrer Mutter

entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren,

tragen als Gewinn all des Jammers Unabhängigkeit davon. Klara wunderte

sich selbst oft, wie unabhängig sie von dem Bewußtsein der Millionen

dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nüchtern und einfach, wenn etwa

ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es

ist ja gar nicht meiner! -- Sie war keinen Augenblick berauscht von dem

Wissen, daß ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fühlte sie sich

in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte

Erkenntnis, daß es von ihr nicht geschmackvoll sein würde, Aufwand für

ihre Person zu verlangen oder zu treiben.

»Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet,« sagte sie, wenn die alte

Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und

meinte: »An deiner Stelle würde ich ...« Ja, was nicht alles? Sich mit

Schmuck behängen? Und von Samt und Gold starren?

Klara wußte, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr

einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.

Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroße Dankesschuld

abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.

Nun saß sie an diesem Novembermorgen, der für sie wie ein Auftakt zu

einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich

gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen.

Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglückend! Von jenem ersten

Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel

niederkniete und die Hand küßte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters

und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten ...

Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mädchen konnten

nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten:

rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwören: mein Leben für ihn --

damit er dir recht leben kann!

Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie

sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis

auf den heutigen Tag geblieben: ein Lächeln, ein andeutendes Wort, ein

rascher Blick -- und sie wußten voneinander, was sie dachten. In großen

Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal:

»Kind, ich muß mir's immer mit Gewalt vergegenwärtigen, daß du nicht von

meinem Blute bist.« Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer

Übertragungen. »Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden.

-- Das hat hinübergewirkt auf dein Wesen -- vielleicht ohne daß sie es

wußte, hat sie aus dir mein Kind geformt.«

Klara fühlte auch, wie der tägliche Umgang mit ihm sie reich machte und

wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr

geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den

Kranken jeden Sonntag hatte besuchen dürfen.

Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefühl: ich habe

recht getan. --

Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es

für möglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmäßig und milde, wie

man es noch nie an ihm beobachtet hatte.

Und der Generaldirektor Thürauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben

war, sagte der jungen Frau: »So kommt der große Arbeiter, der nie für

sein privates Leben viel Wärme gehabt hat, doch noch zu einem schönen

Abend.«

Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen.

Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?

Da war's nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer

einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von

vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also

heißt es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es

demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Führung eines so

großen Hausstandes vorbereitet war, mußte sie all ihre rasche

Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute

alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres

wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie

entdeckte in sich überraschenderweise die Begabung für diese Dinge, die

vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und

sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater

einmal schalt, daß sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation

der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wäschevorräte und der

Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: »Ach, Vater

-- das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch

vielleicht für deine Einkünfte gleichgültig ist, ob ein paar Tausend im

Jahr mehr verbraucht werden -- für deine Leute ist es nicht

gleichgültig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in großen Häusern

allzu flott wirtschaften dürfen, können sie nachher keine guten

Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen

Selbständigkeit.«

Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne.

Er lebte seit vielen Jahren als großer Herr. Seine unerhörte

Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche

Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm

die Mechanik des Alltagslebens unspürbar machten. Außer dieser

Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstände und den Ablauf der

Nebendinge gestört zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu

reicher Lebensführung. »Wer in bedeutendem Maße Geld verdient,« sagte er

zu Klara, »soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir

verhaßt. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur

zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu

führen.«

So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kümmerte er sich

nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, daß sie bei möglichster

Einfachheit blieb, und sie lächelte oft gerührt in sich hinein, wenn sie

spürte, wie er sie bewunderte. -- Sie dachte dann immer: es ist ja

eigentlich meine Mutter, der er huldigt.

Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und

hieß Leupold. Ein Diener, der sich in fünfundzwanzig Jahren so in die

Art seines Herrn eingelebt hat, daß er sie immer versteht und sich ihr

immer anpaßt, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der

in schweren Nächten treu gewacht und an mühselig-langen Tagen Essen und

Trinken vergaß, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versäumen --

ein solcher Mann verdient alle Rücksichten und alle Hochachtung. Mit der

stattlichen Entlohnung und der schönen Ziffer im Testament war es nicht

getan.

Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wußte

Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gönnerton

gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bißchen

Zerstreuung. -- Von den Betrachtungen, die er früher still bei sich

angestellt über seines Herrn Vorliebe für Fräulein Hildebrandt, wußte

Klara natürlich nichts.

Sie spürte aber, daß er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit

Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte

sie mit feinem Spürsinn für die Gemütsvorgänge in Halbgebildeten,

vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht

standesgemäß. Und ganz gewiß dachte er, die Pflege der Schwiegertochter

sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie

las ihm förmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: »So lange hab'

doch ich's am besten verstanden ...« Nun mußte sie ihm gewissermaßen den

Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht nötig gewesen wäre

und wenn der Geheimrat auch sagte: »Wozu erst Leupold rufen?«

Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts

vergeben durch zu große und verkehrte Rücksichtnahme und dennoch immer

dem Manne zeigen, daß auch sie dankbar seine Verdienste schätze.

Wie störend. Nur ein Nebenumstand -- nicht mehr. Aber doch. -- Mit den

großen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man

immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt:

es ist ja nicht der Mühe wert, darüber so viel nachzudenken -- das sind

die rechten Störenfriede.

Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof ließ sich auch nicht rasch

in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie

sich gedacht gehabt.

So manche Mutter, mit der sie früher aus eigenem herzlichen Antrieb oder

auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, über die

Fehler ihrer Kinder gesprochen oder über die Wünschbarkeit besserer

Pflege für die schwächliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich

mit drängenden und unerfüllbaren Ansprüchen. Es schien gerade, als

hätten Mütter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin für sich

auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara früher in

besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen.

Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von

ihm tröstend vernehmen, daß die Ungleichheit und die Bedürftigkeit doch

nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardäre und

Millionäre ihr Gold zur Verteilung brächten.

Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand

Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln

gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergällt.

Noch ehe ihr überhaupt auch nur einmal das Gefühl gekommen war, sie sei

selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und

Verantwortungen des Reichtums zu spüren.

Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es

gegeben. Ihr früherer Kollege, dessen glühende Verehrung für sie den

vergnügten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr

Kehl seine seelische Abhängigkeit von Fräulein Hildebrandt nicht zu

verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male

umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und

ihre unveränderte freundliche Güte ergriff ihn und steigerte sichtlich

seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prüfung seiner Novelle und die

Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor

allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, daß er von ihr ging mit

dem Gefühl: nun durch ihre mächtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und

Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mächtige Hand und genau

ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder großen Redaktionen wie Herr

Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von überwältigender Komik und

spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte

Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, daß er vielleicht besser

tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, daß sie seine

Arbeit nicht für druckreif halte, fürchtete sie schon, daß sie sich

einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grüßte er kaum und

mit gehässigem Blick. Und von Herrn Magers hörte sie dann, daß man den

Kehl entlassen müsse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden

davon, daß Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers' kluges

Töchterlein hatte gesagt: »Papa, es klingt, als wenn er Fräulein

Hildebrandt meint.« -- Für die Kinder war sie noch immer »Fräulein

Hildebrandt«. --

Auch vielleicht kaum der Mühe wert, über die Episode Kehl nachzudenken!

Und doch, wie war es wunderlich, daß das eigene Leben in keine Bewegung

kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch

anderer Leben in Bewegung zu setzen.

Ihr Schwiegervater überwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in

monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener

Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es würde nicht ohne

schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet

heiße es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen

Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die

hauptsächlichsten waren. Das beschäftigte sie auf erhebende Art. Sie

wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.

Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.

Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten

fühlbar, daß man mit sich und anderen vorwärts kam.

Die wichtigste aller Fragen aber war natürlich diese: Wie weit war sie

mit ihrem Mann gekommen?

Beinahe hätte sie sich rasch geantwortet: sehr weit -- überraschend

weit!

Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mußte sie sich sagen: ich weiß es

nicht!

Was für ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte

sie.

Davon natürlich hatte sie vorher nichts wissen können. Und sie grübelte

dem Rätsel »Mann« nach.

Sie wußte nun schon, daß Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich

tragen und daß nur die Liebe die große Kluft überbrücken kann, die

zwischen beiden sich dehnt. Überbrücken -- nie ganz ausfüllen ...

Welches Wunder: einsam steht der eine hüben, die andere drüben!

Und jeder und jede denkt über den anderen Teil wie über etwas nie ganz

Ergründliches nach.

Das hatte ganz gewiß irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund -- war

keine Laune der Natur. --

Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe

gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie

wollte, sie mußte ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die

klugen Augen des Vaters doch durchschauten, daß sie ein Opfer gebracht

hatte -- ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, kräftigen

Lebensgefühl heraus: sie wünschte sich das Glück! Wer wünscht es sich

nicht? --

Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe -- jene, die sie ersehnte --

immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt

besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr

heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln,

zu beeinflussen, anzuregen.

Es würde sie erschöpft haben, ihre Nerven hätten überreizt davon werden

können, wenn nicht der Erfolg gewesen wäre.

Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurück -- er begann Reiz an der

Arbeit, Interesse für das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer ...

War es nicht genug Glück, das zu sehen?

Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige

Freundlichkeit des Gemütes und die große Pflicht zur Arbeit als voller

Inhalt genügte?

Daß es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewiß nicht

sagen ...

Allmählich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu -- all die

tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt

eine Kette von nicht mehr übersehbaren Gliedern -- und die umschlingt

dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem ...

Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht -- es war nur eine

lächerliche Kleinlichkeit gewesen. -- Und doch: wie hob es sie gleich.

Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk --

ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein käme, das ihr gestern

so unangenehm aufgefallen war -- sie merkte: es war fort!

Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um

deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. -- Es tat Klara wohl, daß

er es nicht mehr trug.

Wenn man keine heiße Liebe zueinander hat, fühlte sie oft, muß immer

wachsame Rücksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen.

Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhältnis zu ihrem Manne war sie

völlig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft für ihn empfand, wenn

auch niemals ihre Wärme für ihn, über die herzliche schwesterliche

Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte -- so mußte

dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie

wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend

etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war,

durfte ihr nie beikommen. Sie mußte und wollte ihr Dasein daran setzen,

damit das seine ihm nützlich und hell werde.

Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht übernommen worden,

und sehr klar.

Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhältnis zu ihr. Da fingen lauter

Rätsel an.

Das erste und größte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von

glühender, ausschließlicher, heiliger Liebe für eine Frau erfüllt zu

sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch

hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebärden, ihre

Mienen, ihre bedrängende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem

Rausch, was nur Liebe können sollte ...

Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Gründe der Verschiedenheit

zwischen Mann und Weib.

Sie wußte so wenig vom Wesen des Mannes, daß sie keinen Begriff davon

hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schönen jungen Weibes

auch für einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann.

Sie würde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr

anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt hätte, ohne jemals ihre

Schlafzimmertür zu öffnen.

Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das

Anrecht des Mannes an ihren körperlichen Besitz mit einer tapferen

Selbstverständlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an

alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen.

Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches

Rätsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen.

Klara wußte: sie würde im Frühling Mutter werden.

Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die große

Liebe.

In den Wundern der Mutterschaft mußte sie ihr erblühen, für den Vater

ihres Kindes.

Sie bemühte sich, wie sie hier saß und voll Andacht an die Zukunft

dachte und an all das Glück, das dann vielleicht über sie käme, immer

dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu

vergegenwärtigen.

Er war ritterlich. Das erleichterte alles.

Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, daß ihre Gespräche nicht

so eigentlich seine Interessen trafen.

Von seinem früheren Leben erzählte er sehr wenig. Höchstens einmal, wenn

Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre

Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schön es werden würde, wenn sie

nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er

bestehe darauf, daß die Kinder jedes Jahr eine große Reise machen

sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Plätze, wo

er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit »Freunden« eine

mehrwöchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den

»Freunden« sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so

lehnte er mit einem Lächeln ab und sagte: in sein jetziges Leben paßten

die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der

in ihr dies etwas kindliche und etwas törichte rührende Mitleid

auslöste, das unerfahrene Frauen haben können, wenn sie sich denken: ein

Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet.

Ein herdenmäßiges Gemeinsamkeitsgefühl regte sich dann ziemlich stark,

wenn auch unbewußt in ihr: der Hang des Weibes, zu trösten und das gut

zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach.

Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden

Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genährt durch

Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den

Dunkelheiten auf diesem Gebiet wußte sie gar nichts.

So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hüllen wußte, nur

interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten

schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage.

Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik.

Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der

Hauptsache. -- Die »Hauptsache« war für Klara ja nicht ihre Ehe und

seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk.

Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thürauf zum

erstenmal über künftige Tätigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas

furchtsamen Respekt vor Thürauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie

diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch

merkwürdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zügen

und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was

für einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein

Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. -- Nun, kaltes

Blut und fester Blick war wohl für seine Aufgaben nötig. Was gehörte

dazu, solchem Mann zu sagen: »Ich werde fortan mit dir arbeiten -- als

künftiger Besitzer -- als Teilhaber.« Aber Wynfried hatte den Geschmack,

das nicht zu sagen.

Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte,

mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: »Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird

viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre

Offenheit, Ihre Warnungen kann ich's nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie

mir bei, daß ich mir keine Blößen gebe -- vor den Abteilungsvorständen.

Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art -- nicht nur durch

Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begründen

versteht -- auch durch Zurückhaltung kann man's, die schon von fern nach

Unsicherheit aussieht.«

Soweit Klara sich schon traute, Männer wie den Generaldirektor zu

beurteilen, schien ihr, daß ihm das wohlgefallen habe.

Jedenfalls war das Verhältnis das beste, und da die ersten Monate doch

die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut.

Natürlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.

Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur

Regelmäßigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der

Militärzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er

davon freigekommen, als Einjähriger zu dienen. Das Wort »Pflicht« klang

nur ganz von fern an seine Ohren -- wie es so viele Worte tun, die doch

Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in

unbestimmter Zukunft näher zu befassen hat.

Es gab Tage, wo er es einfach nicht über sich gewann, ins Büro zu gehen,

sich auf dem Hüttenwerk auch nur zu zeigen.

Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und

antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann

brütete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschöpft

heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.

Ihr gutes Glück hatte Klara geleitet, daß sie ihre Sorge dann verbarg

und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekümmerlich oder wie

auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien

nichts Besonderes zu bemerken.

»Verzeih,« sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, »ich bin

heute unleidlich ...«

Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von

Eifer -- von erhöhter Liebenswürdigkeit.

Dann erzählte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von

den Ereignissen drüben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der

Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer »Severin« wieder

aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt

-- was für 'n humorvoller, frischer Mann der Kap'tän Fehrs. -- Oder: ein

neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen,

und sobald die Lübecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen

konnte, mußte Klara ihn taufen -- »Klara Lohmann« sollte er heißen und

nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu

welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der

Ingenieur Dröscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es

handelte sich darum, daß aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden

werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er,

Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als

Volontär auf dem Hüttenwerk Häphestos im Rheinland gearbeitet, wo man

bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz

ehrlich, daß er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen

müssen, daß er während seiner Zeit auf Häphestos nicht das

allergeringste Interesse für diese Dinge gehabt habe.

Da war Klara ganz erschreckt gewesen.

»Was sagte Vater?« fragte sie rasch. »Es war ihm sicher peinlich, daß du

solche Antwort geben mußtest. Was hast du denn getan damals auf

Häphestos?«

»Vater schwieg,« antwortete er nur.

»Bist du auf Häphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen

beschäftigt worden?« fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an.

»Ich -- nein -- ich mußte damals oft in Paris sein -- ein -- Freund dort

bedurfte meiner.«

Dann, in plötzlichem Entschluß, als sichere er ihren fragenden Blicken

etwas zu, sprach er: »Alles läßt sich nachholen -- Klara -- du sollst

noch Respekt vor mir bekommen.«

Und nach diesem Gespräch schien er eine Aufwallung von frischer

Lebensfreude zu haben -- war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde

von einem Gefühl der Beklommenheit ganz verwirrt -- ja -- so sah es aus,

als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm

sein Halt, sein Stolz. Da spürte sie noch etwas ganz anderes als jenen

Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rätsel und

vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein großer Naturzweck -- --

Ob sie wohl je dahin kommen würde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu

verstehen? Und die tiefsten Gründe seiner Unausgeglichenheit

aufzuspüren?

Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, daß

ihre Zweisamkeit sich im Frühling zur Familie erweitern würde.

»Schon Vater werden? -- Wie alt kommt man sich vor. -- Ja, das ist dann

wieder eine neue Lebensepoche -- man wird immer mehr Philister ...«

Sie sah ihn an -- starr -- staunend -- vor peinlicher Überraschung

stumm. Doch ehe es dazu kam, daß diese ihre Überraschung sich in Schmerz

auflösen konnte, erfaßte Wynfried schon ihre beiden Hände. Küßte ihr die

Rechte -- küßte ihr die Linke und sagte: »Welche erhebende Aussicht ...«

Und ließ sie allein -- als treibe ihn Verlegenheit fort.

Von da an kamen immer häufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen

mußte: liebt er mich doch? Es machte sie glücklich und ängstlich

zugleich -- --

Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben

-- einmal -- dann ... ja dann ...

Es wurde sehr stark an die Tür geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein

Ende. Sie wußte, wer kam und wer so klopfen ließ. Sonst war ihr erster

Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern

gesagt: »Du sollst dir deinen Glückwunsch von mir nicht holen. Ich

bring' ihn dir. So viel Höflichkeit steckt doch noch in mir altem

brüchigen Mann.«

Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm ärgerlich war, nur

einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.

Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefährt kleidete

gewissermaßen den alten Herrn nicht so gut -- im mächtigen Ledersessel

thronte er. Hier sah man so deutlich, daß ein Gelähmter darin saß.

Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefühl davon, denn er konnte sich

mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er täglich

neue Ärgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, daß sie von der

möglichsten Vollkommenheit sei.

Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch

genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden

Georg ab, der in militärischer Haltung dem Zuge folgte und einen

Damenpelz über dem Arm trug. Eine förmliche Prozession, und die junge

Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurückgezogen hatte, hob

der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet.

Eine Mütze war auch dabei. --

»Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein.

Hab' seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt,

für junge Damen was einzukaufen.«

»O wie schön. -- Prachtvoll, Vater -- wie danke ich dir --« Und sie

dachte: »Was soll ich nur damit?!«

»Hab' Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr

als vorderhand vom Eisenguß --«

»Wynfried?« fragte sie.

Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm -- er begriff: das war eine

überflüssige Bemerkung gewesen ...

»Na -- das kam mir vielleicht auch nur so vor -- er war sehr erpicht

darauf, daß ich dir was Statiöses schenke -- Klara ist zu uninteressant

angezogen ... sagte er.«

»Ich?« fragte sie wieder dazwischen; »kann man denn 'interessante'

Kleider haben?«

»Muß man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht

gekleidet,« sagte er mit Nachdruck. »Aber für Wynfrieds Geschmack muß es

Nerz und Hermelin sein -- sieh dir das mal an -- Leupold, laß mich da --

hol mich in einer Stunde wieder -- du weißt, der Kommerzienrat Kreyser

hat sich angemeldet. -- Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz

an --«

»Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.«

»Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings

sehen mag ...«

Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue

Wollmütze.

Der bittende Ton des alten Herrn rührte sie. Mit Vorsicht breitete sie

den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: »Wir müssen ihm schon

den Gefallen tun -- denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir

nach und nach zu bestehen.«

»Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn

aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichmaß fehlt

noch -- noch die Ausdauer -- aber es kommt! -- Alle Begabungen sind da

-- Thürauf ist oft ganz glücklich. -- Du kannst dir woll denken, daß

Thürauf und ich unter vier Augen keine schönen Redensarten über wichtige

Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara -- das

bist allein du! Meine Hoffnungen erfüllen sich. Ich kann kein Dankeswort

sagen ... Du weißt von selbst, was ich fühle ...«

Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus

vergangenen, schweren und doch erhebend schönen Zeiten füllten ihn. Von

der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten ...

»Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht -- mit all dem Segen, der du

uns bist -- nein, auch diesen Tempel des Gedächtnisses -- --«

Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe

Pendelscheibe zwischen den Alabastersäulen hin und her und her und hin

ging -- er sah den fiedelnden Amor an -- --

»Klara,« sagte er, »wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich

verstehen uns so. Aber heut ist so 'n Tag -- dein erster Geburtstag als

Frau Klara Lohmann -- da muß ich dir doch mal aussprechen, wie glücklich

es mich macht, daß du den Namen trägst, den ich deiner Mutter nicht

geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfüllt, daß du

meinem Einzigen hilfst, ein werktätiger Mann zu werden. Was er sonst ist

oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt

-- das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob -- mir scheint, du

bist glücklich! Anders zerfräß' es mir auch das Herz. -- Ich kann in

Frieden weggehen -- du weißt, wenn der Dunkle, der neben mir wartet,

nochmal mit der Sense ausholt ...«

Klara bückte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft.

»Nicht so -- o nein, Vater -- du bleibst noch Jahrzehnte bei uns --«

Er lächelte resigniert -- aber doch in jener Resignation, die Starke

sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen können, wie

ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird.

»Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm

ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem

Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in üble Hände. -- Ja, das hast

du erfüllt. -- Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterführen.

Das sehe ich schon. -- Wie herrlich, diese Beruhigung. -- Heut kommt

Kreyser -- ein alter Freund. -- Weißt du, was er will? Mit mir die

Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. --

Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, daß wir die Dinge da

in die Hand bekommen. -- Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit

vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. -- Kreyser hat kein Interesse

mehr an seinem Werk. -- Hatte einst auch gedacht: er arbeitet für Söhne.

Und nun? Einer im Duell gefallen -- üble Sache -- man spricht besser

nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo

Tuberkeln geholt -- fristet sich im Süden hin und soll nach Australien,

was ja als das Heilkräftigste gilt. -- Früher sagte Kreyser woll mal:

Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not

mehr -- wachsende Zuversicht. -- Höre, Klara, es ist dir doch angenehm?

Ich muß ihn bitten, daß er zu Tisch bleibt. -- Ihr habt so wie so

Gäste?«

»Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drüben zum

Frühstück eingeladen -- Likowski und seinen Oberleutnant,« sagte Klara

zerstreut.

»Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink 'ne Busenfreundin

geworden? Daß Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut

mich. Beide haben meine starke Sympathie.«

»Ach -- Agathe? -- Sie kommt sehr oft -- sie ist so wenig mit ihrem

Leben zufrieden -- ich glaube, sie hat sich nur an mich gehängt, um

irgend etwas Neues zu haben.«

»Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!«

Klara lächelte.

»Es ist unheimlich, wie du mich kennst.«

»Wo also waren sie? Ich nehme an, daß du keine Heimlichkeiten vor mir

hast,« sagte er scherzhaft.

»Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen -- bis

heute ...«

Sie kniete neben ihm nieder -- wie das oft geschah -- dem Gelähmten

schien sie dann am nächsten, konnte am besten zu ihm emporsehen -- oben

in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Stühlchen neben seinem Thron.

Sie faltete ihre Hände um seine Rechte. Die schlanken, weißen Finger

preßten förmlich diese große Männerhand ...

»Vater,« sagte sie leise, »ich glaube, dein Haus wird weiterblühen. Und

du mußt durchaus leben, damit du siehst, daß ich dein Enkelkind in

deinem Sinne erziehe.«

»Klara? ...«

»Ja,« sprach sie, »im April.«

Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das große

Auge ...

Darin blitzte ein Strahl heißer Freude auf ... Und gleich wurden sie von

feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Träne in

diesen gebieterischen Augen. --

Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen,

die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zukünftiges zog durch die

Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde

ihm beides zur Gegenwart. Dafür dankte sein Herz ihr inbrünstig. Und er

begriff es vollends, daß die Liebe zu ihr das Glück seines Alters

war. --

Um halb eins fanden sich die Gäste zum festlichen Frühstück ein. Die

Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin,

da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei

Treppen hoch ihren Fünfundsiebenzigsten -- ach, in so mageren

Lebensumständen -- Gerwaldchen habe mit einer Träne davon gesprochen,

und so was könne man doch nicht mitansehen. -- Und da habe sie ihr das

Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so daß die

alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun könne.

Das erzählte Agathe verschämt, weil sie halb und halb dachte, ihre

Gutmütigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders

konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf

Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hörte. Und diese

widerstandsunfähige Gutherzigkeit, so schuldbewußt gebeichtet, war sehr

liebenswürdig.

Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten.

Und Likowski berichtete, daß die alte Dame vor Ärger ganz krank sei,

weil sie hier heute fehlen müsse, denn offenbar habe sie in irgend

welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehöre verdienstvoll

hierher.

Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn

bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte für alle, die

ungefähr von den »Kapitänen der Industrie« etwas wußten, nahm man die

Vorstellung mit einem großen Respekt auf. Das bartlose, große,

fleischige Gesicht des stämmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die

nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier über der schweren Stimmung

lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er saß neben der jungen Hausfrau,

deren nächste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen

Geschäftsfreund des Werkes und persönlichen Freund ihres Schwiegervaters

zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in

seinem Fahrstuhl stets, als an dem für ihn bequemsten Platz, zu Häupten

des Tisches präsidierte.

Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen

Kreises geschieden. Denn ihr Gegenüber, der Hauptmann von Likowski, gab

sich immer väterlich und war heute in erbittertem und gespanntem

Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich:

»Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und

dreinzuschlagen, wenn's befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen

gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns

ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf übernächstes Jahr ... Sie

sollen mal sehen -- das ist das Schicksalsjahr. -- Dann geht's los! --

Nun, wir sind fertig! -- Es _muß_ mal kommen ...«

Klara mußte sich Mühe geben, zuzuhören. -- In ihr war eine stille und

doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres

Geburtstags ein Erlebnis werden würde. -- So war ihr manchmal zumut,

wenn Gäste kommen sollten. -- Dieselben Gäste -- aber immer kam eine Art

von Trauer oder Schwere über sie, gleich einer grenzenlosen

Enttäuschung.

Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und

lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine

so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines

faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen

Vergnügungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten

übel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu

beobachten, daß Stephan von Marning wenig sprach. -- Sie wußte längst:

Agathe hoffte auf ihn. Man hätte blind sein müssen, das nicht zu

erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen ...?

Denn dies war das Merkwürdige an dem Fall, den alle Menschen dieses

geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: »Welches Glück für den

unbemittelten jungen Offizier,« sondern jeder fragte: »Ob er sie wohl

nimmt?«

»Nein,« dachte Klara, »nein -- das ist nicht die Frau, die ich ihm

wünsche --«

Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar

vorstellte.

Wynfried hatte einmal gesagt: ein schönes Paar -- er groß, schlank,

dunkel -- sie so blond, üppig, ganz weiche Weiblichkeit und so

entzückend gepflegt --

Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, daß das

doch einfach unmöglich war ...

Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte

sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation

von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und

Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu dürfen.

Marning hörte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschließen. Sogleich

sagte Agathe, daß sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk

sehen zu dürfen, sie habe es nur nicht sagen mögen. Also gleich nach dem

Kaffee und der Zigarre. -- Zum Genuß dieser ließen die beiden Damen die

Herren eine halbe Stunde allein.

Agathe war sehr damit beschäftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich

sitze und wie Klara die dunkelgrüne Toilette finde. Der Seidenstoff sei

ihr ein wenig, ein Spürchen zu glänzend ausgefallen; für sie seien

stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prüfte ihr Bild

und war beinahe gerührt über all die Schönheit, der der eine immer noch

widerstand ...

Plötzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich

Klara an den Hals -- mit beiden runden Armen umschlang sie sie und

preßte sie heftig an sich.

»Klara,« sagte sie, »liebste, beste Klara -- schenken Sie mir das Du --

laß uns Freundinnen sein -- Du? nicht wahr. Du?!«

Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an

einen Menschen nahe anzuschließen. Und wenn ihr Agathe auch nicht

unsympathisch war -- wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend

einem Menschen sein? -- so schien ihr doch, als gebe die Gewährung des

»Du« einem anderen Wesen ein überraschendes, ja geradezu unbequemes

Anrecht auf ihre Nähe. Und ihr war, als möge sie lieber allein bleiben.

Eine Ablehnung schien unmöglich. Agathe erwartete eine solche auch

keinen Augenblick, küßte Klara heftig ab und sagte: »Ich muß dir gleich

was anvertrauen! Ich _muß_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich

liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja -- ich mag nicht mehr

leben -- ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.«

Sie begann zu weinen.

»Ihn?« fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie

nicht ...

»Gott -- du fragst?! Wen denn als Stephan Marning -- kann man anders? --

Und ich warte und warte -- im Sommer schien es -- ich hoffte -- damals

im August. -- Dann kam gleich das Manöver -- dann hatte er vier Wochen

Urlaub und war bei seinen Verwandten -- damals dachte ich: er will erst

seine Sippe fragen, fand's natürlich -- aber die haben ihm ganz, ganz

gewiß nicht abgeraten -- ich weiß es durch die Gerwald, die da

Beziehungen hat -- sein Onkel wünscht ja bloß, daß er reich heiratet. --

Dann kam er wieder -- ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen --

bringt immer Likowski mit -- ach nein -- umgekehrt: läßt sich von ihm

mitnehmen -- als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara --

ich _muß_ die Wahrheit wissen! ... Zeige mir gleich deine Freundschaft.

-- Weihe unser Bündnis ein, durch eine Tat -- sprich mit ihm -- klopfe

auf den Busch -- nein, frage geradezu -- sage ihm, daß ich Selbstmord

begehe, wenn er nicht ...«

Ihr Schluchzen nahm ihr die Fähigkeit, auch nur noch ein Wort

herauszubringen. Klara schob sie förmlich bis zur Chaiselongue, die quer

am Fußende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglück zum Tode

Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind -- vor

Liebesverlangen.

»Ich kann nicht leben ohne ihn,« jammerte sie.

Und dann wieder: »Wenn ich nur wüßte, warum? Bin ich nicht ganz hübsch

-- ich hab' Geld -- ich lieb' ihn -- so hat noch nie ein Weib geliebt --

so liebt ihn keine wieder -- nein -- ich will sterben ...«

Klara sah den Riß, der zwischen dem Gefühl dieser Frau und ihrem Gebaren

mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das

heftigste.

Sie schritt auf und ab. Sie war sehr blaß. Diese Szene war ihr ganz und

gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte ...

Das war Liebe! Die große Liebe, die lieber sterben als entsagen

will -- -- --

Es mußte berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fühlen zu

können -- --

»Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien -- o Gott -- nein --

das könnte ich nicht,« dachte sie.

Ihr schien, als nähmen so laute Klagen einer Leidenschaft Würde und

Größe.

Und es wurde von ihr verlangt, daß sie -- sie! -- unkeusch zum Manne --

zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmöglicher

Gedanke ...

»Nein,« sprach sie, »das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese

heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an

Geheimnisse rühren, die zu zart sind, als daß man sie laut ausgesprochen

haben möchte -- nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke:

was hülfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht,

und er wird schon eines Tags sprechen; -- wenn er dich nicht liebt, ist

es eine Demütigung für dich, daß ich sprach -- -- O nein! -- Du mußt

die Haltung finden, gefaßt abzuwarten.«

»Du hast gut von Haltung reden,« sagte Agathe und drückte sich ihr

geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder,

»wenn man einen solchen Mann hat -- der sich so auf Frauen versteht --

ja -- du kannst lachen --«

Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn

für den Augenblick.

»Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit ...«

»Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, daß er sich immer den

Freiherrn von Marning einlädt, wenn du kommst. Und du wirst gewiß oft

kommen ...«

»Das ist doch etwas!« seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der

Freude so bedürftig war, hoffte aufs neue.

Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Tränenspuren auf der

zarten Haut und ließen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch

verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung über die blonde Frau. Mochte er

es nur sehen, daß sie in Tränen und Gram verging ...

Nun hatte sie große Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewiß

schon im Salon seien.

Sie trat ein. -- Sie fühlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und

sahen, daß sie geweint hatte.

Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem

Geliebten hinüber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der

Ausdruck: »Ja -- sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich --

Grausamer ...«

Und Klara sah es wohl: über das Angesicht des Mannes flog ein leiser,

vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein -- ihr kam auch vor,

als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das

tat ...

Man wollte nun hinüber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da

war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte.

Und es hieß, Klara müsse den neuen Pelz tragen -- der Spender solle sie

noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer plötzlichen,

erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.

Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. -- Wie schwer ihr das kostbare

Stück auf den Schultern lag -- als fiele eine Last auf sie. Und da war

auch die Mütze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich

geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. --

Und es schien, daß Wynfried von ihrem Aussehen entzückt sei -- er

lächelte zufrieden -- nein, mehr: zärtlich!

Und Klara wurde rot. Sie wußte nicht warum -- sie hätte es nicht zu

sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst.

Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite

Barett von Nerzpelz, daran ein Büschel von Hermelinschwänzen schwarz und

weiß kokett über dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schönen

Gesicht mit den geraden, strengen Brauen über den sprechenden Augen gab

das einen merkwürdigen Glanz von Pracht und Würde. Sie schien nicht etwa

in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Fürstin.

Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue

Wollmütze ...

Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prüfend an. Er lächelte

wohlgefällig. Aber er sagte doch: »Schön! Sehr prachtvoll! Wynfrieds

Geschmack. Aber -- Klara -- weißt du noch -- deine pastellblaue

Wollmütze? Damit mocht' ich dich auch gern leiden ...«

Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans -- und entwich ihm

wieder ...

Ja, die arme kleine Wollmütze ... Und Klara hatte eine Erinnerung --

sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weißes

Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte ...

»Aber wir wollen doch gehen,« sagte sie matt. Sie fühlte sich plötzlich

so freudlos und wünschte, neben dem alten Mann bleiben zu können -- da

war ja ihr Platz -- der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt

für sie gab ...

»Ja, vorwärts!« ermahnte Likowski. »Mir ist es eine Erhebung -- immer,

wenn ich da mal 'rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen ließ --

der wollte keine Knechte ... Eisen verführt mich mehr als die köstlichen

Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen

verblenden möchte.«

»Ihre nicht!« lachte Agathe.

Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug,

daß an Thürauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf

legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.

Man schritt in munteren Gesprächen die Straße entlang, und schon kam

ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren

die beiden Herren für die übrige Gesellschaft verloren. Sie vertieften

sich in fachmännische Gespräche und gingen weit voran.

Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den

sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu nötigen gewußt hatte.

»Wir werden nicht für ernsthaft genommen,« sagte Agathe. »Und ich brenne

doch vor Lernbegier.«

»Ich erkläre Ihnen das alles auf populäre Art,« versprach Wynfried.

»Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die

zwei reden, hätten Sie doch nicht verstanden.«

»Es will absolut nicht in meinen Kopf, daß Sie was von solchen

schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.«

»Hallo! Das ist aber stark ...«

»Na ja -- gottlob -- ich hab' immer das Gefühl ... wie soll ich das

sagen -- na -- als gäben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch

noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit für uns armen Frauen hätte! ...

Denk' ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven

sich ab ...«

»Glauben Sie es mir -- ich entdecke da ganz neue Genüsse. Man ist

manchmal geradezu gepackt -- sehr ähnlich wie beim Sport. Und man hat

ein frisches Gefühl dabei -- kommt sich als fixer Kerl vor.«

»Ach so -- Sie wissen doch, wie's heißt: Ich spürte das kleine, dumme

Vergnügen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.«

»Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut --« gab Wynfried eifrig zu.

»Ohne dies Pläsier am Bewältigen geschähe vieles nicht,« sagte Stephan

Marning, und er dachte: »Das heißt doch aus der Arbeit nur ein Spiel der

Kräfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.«

Er fragte sich -- nicht zum erstenmal -- was für eine Art von Mann denn

wohl Lohmann der Sohn sei ...

Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde,

hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hörte zu. Sie hatte immer

eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah.

Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme

schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin -- er

ließ sich necken und neckte wieder. -- Vielleicht nahm er Agathe nicht

ernst. -- Das war die einzige Erklärung, die sie sich zu geben wußte ...

Es kam ihr mühsam vor, daß sie jetzt mit Menschen zusammen sein müsse.

Eine grenzenlose Traurigkeit drückte sie nieder. Sie mußte sich

zusammennehmen, um nicht zu weinen -- sie -- die nicht weinerlich

veranlagt war.

Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer -- und dennoch ging von ihrem

Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer

Seite ahnen ließ, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.

»Sie fühlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschöpft, gnädige

Frau?« fragte er.

Klara fuhr auf.

»Ich? Nein --«

Und sie wußte, daß sie sich aufzuraffen hatte.

Da waren sie nun am Tor, über dem mit großen schwarzen Buchstaben auf

grauem Schilde stand: Eisenhütte Severin Lohmann.

Und mit Rädern und Fußstapfen waren von drinnen her Kohlenspuren

gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem

Tor geströmt von dunklen Tönen. Das wirkte, als fließe die Düsterheit

des Bodens einem entgegen. Einem schwärzlichen Estrich glich er drinnen,

in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des

Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen

durchbeizte dichter und spürbarer die Luft, als man das Tor nun

passierte.

»Aufgepaßt!« mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte über einen

Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so daß er sie halten

mußte.

Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.

»Ich bin _wirklich_ gestolpert,« sagte sie -- so wie sie als Kind

vielleicht gesagt hatte: »ich habe wirklich nicht gelogen,« wenn man sie

bezweifelte.

Er mußte doch, entwaffnet, lächeln.

Sie gingen an allerlei kleinen Gebäuden vorbei, bogen um ein

retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien --

Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. -- Und dann standen sie

vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfünfzig hart

aneinandergepreßten Öfen zusammensetzte. Hoch über ihr zogen sich

schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab --

mächtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbsttätig und

rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die Öfen

hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und

Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten

kommend, seinen flüchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werkstätten

hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Kühlungen und Prozessen seine

Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.

Vor dieser Wand von Öfen streckte sich eine erhöhte eiserne Plattform

hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der

schmalen Türen öffnete sich. In höllischer Majestät bewegte sich

ruhevoll ein fast weißglühendes Stück Mauer heraus. Und eine

Gespensterhand drängte es weiter und weiter vor, eine gewaltige,

schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Männer,

mit Schläuchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam

vorwärtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine

Hand erinnernde Eisenstück, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in

die Tiefe des Ofens zurück, der seine Tür wieder schloß. Zugleich

zischten aus den Schläuchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetüm von

Form gewordenem Feuer. Weißer Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues,

dann ein schwarzes Gewölk. Was glühende Mauer gewesen, lief dunkel an,

ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander,

durchstochen und gestoßen von den langen Eisenstäben der verräucherten

Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, daß dieser

Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und daß von diesen

hundertundfünfzig schmalen Türen bald die eine, bald die andere sich

öffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu

entlassen.

Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den Öfen zu bringen.

Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen,

kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmäßigen, länglichen

Stücken, gleich großen Holzscheiten -- nur daß sie grau waren und rauh

ihre Oberfläche. Das seien »Gänze«, sagte Wynfried, das heißt: das

Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptsächlich produzierte.

Agathe hustete und ängstigte sich und hatte gedacht, alles könne auf sie

herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, daß

der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte

sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. -- »Wenn ich

liebe, kann ich alles!« dachte sie.

Wynfried erklärte. Er führte die Gesellschaft zu dem trichterförmigen

Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrücken

kommend, die gepulverte Kohle hineinschütteten, während an der Wand

dieses Bassins in stumpfer Unaufhörlichkeit ein Becherwerk das

Kohlenpulver aufschöpfte und in die Rohre goß, die man oberhalb der Öfen

gesehen.

Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Förderwagen

einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter

grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hügel dieses Erzes.

Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben

schon verrieten, daß sie verschieden an Gehalt waren. -- Und es schien,

als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein

Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen

Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben

glühte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wärme spanischen Bodens.

Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie

wunderbar sprechend -- weißlich, durstig-trocken lag der Kalkstein

gehäuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von

wo er kam, und sah unwillkürlich die weißüberpuderten Zypressen an den

dürren Rainen trauern. --

Über den Köpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der

verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte

herab -- irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drüben stand, gleich

einer dünnen Säule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine

Flammensäule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu

Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in ständig wechselndem Spiel.

Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es

wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flämmchen schwebten

sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der

großen Flamme herangerissen.

»Oh!« sagte Agathe bewundernd, »wie in der Walküre.«

Klara begann allmählich zuzuhören, was ihr Mann sagte -- wie er es

sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen,

daß er klar und sicher vortrug. -- Daß Stephan Marning und Likowski voll

Sammlung zuhörten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das

tat ihr wohl -- es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit,

dies lähmende Gefühl von Leere allmählich von ihr. Woher war es

gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, beängstigte

Empfindung davon, daß es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei.

Vom Wasser her kamen Windstöße, die Wolken jagten am Himmel; fern im

bläulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas

Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerfließen schien, von

blaugrauen Streifen quer überschnitten -- kein Ball mehr -- kein Rund --

nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank.

Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.

Überall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es

keine Dämmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag

der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter -- und immer den der

Arbeit.

Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf

des natürlichen Lichtes mit dem künstlichen.

Nun hieß es: in eines der Maschinenhäuser! Denn, nicht wahr? Baronin

Agathe mußte begreifen: all die zauberhafte selbsttätige Bewegung der

Förderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies

Aufsaugen von Gas aus den Öfen in die Rohre und das Hinüberleiten des

Gases in die Eisentürme, die »Winderhitzer« hießen und eigentlich nur

übermenschlich große Blasebälge seien; all das Wasser, das in Unmengen

aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles -- jeder Betrieb hier

mußte von Maschinen getrieben werden.

Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges

Gesicht.

Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschöpfe

aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen.

»Hier ist es aber sauber!« rief Agathe beglückt aus. Der Belag des

Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein.

Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mußte.

Sie war so peinlich ...

»Ja,« sagte Wynfried, »ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der

Sauberkeit mitten im Betriebe. -- Maschinen sind wie schöne Frauen --

sie wollen geputzt und -- geschmiert werden, mit dem Öl der

Schmeichelei ...«

Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.

Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die

ihre untere Hälfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen

Tierrücken, über die hellere Hautstreifen liefen, waren sie.

Riesenräder, aufrecht, halb über, halb unter dem Boden, drehten sich

rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf.

Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige

Geräusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinfließendem Geschwätz

begleiten.

Andere klappten mit Eisenzähnen, wie Riesen im Märchen, die für ihre

leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.

Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah,

bekam man zuletzt das unheimliche Gefühl, zwischen lauter Lebewesen zu

sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere

Körperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde -- aber ein

pulsierendes Dasein wie sie -- --

»Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen?« fragte Stephan.

»Keinen Schimmer!« sagte Wynfried achselzuckend. Und er wußte nur, daß

die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mühlheim-Ruhr stamme

und daß die zwei da drüben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen

gekommen. -- Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die

sie vervollkommnet hätten, arbeiteten ja für das Werk, in dem sie

engagiert waren -- ihre Namen wußte man nicht.

»O,« sagte Likowski, »ist es tragisch? Ist es groß? Ungerecht?

Wundervoll? Was wäre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen

Helden der Arbeit, der täglichen, selbstlosen Hingabe an unsägliche

Mühen. -- Und kein Ruhm -- kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere

auch nicht -- wir arbeiten und schuften ohne zulänglichen Lohn, ohne

Anerkennung, noch umfeindet -- damit das hier geschützt ist -- damit

solche Dinge blühen -- uns groß machen. -- Ich hab' so'n Gefühl: wir

stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier --«

Er drückte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. -- Stephan gab

stark, gleichsam tröstend, den Druck zurück. Er wußte ja, wie der

Hauptmann sich quälte. --

Und er dachte: »Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum -- nicht nur

das der Arbeit -- auch das des Gefühls -- schweigend sich bezwingen --

ja -- wer das muß ...«

Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.

Agathe fing an zu klagen: es werde ein bißchen mühsam. Sie hatte doch

nur ganz dünne Schuhe an mit so hohen Hacken -- es ging sich schlecht

damit.

»Nur noch zu den Hochöfen,« sagte Klara, »das ist doch die Hauptsache.«

Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten

Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten

Erzen und Kalk gefüllte Schachträume mit einem Panzer von Steinen und

Eisen umgeben waren. Dieser hochgetürmte, nach oben zu sich verjüngende

Umbau gab den ragenden Hochöfen den burgenartigen Charakter. Galerien

liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Türen bemerkte. Und

um den ganzen untern Körper des Ofens rannen mit Rauschen und Plätschern

unaufhörlich kühlende Wasser.

Hinten an den Ofen stieß die Gießhalle; man mußte eine primitive Treppe

emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried.

Agathe fühlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem

Ungetüm, in dem eine Höllenhitze von zweitausend Grad Celsius wütete!

Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken -- das ging natürlich über

menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb

interessant, halb schauerlich war.

»Kann das bersten?« fragte sie zu Wynfried zurück.

»Doch -- es kommt vor -- trotz des besten Materials, das für den Umbau

verwendet wird. -- Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung

gibt. -- Gase sich entwickeln --«

»O Gott!« sagte Agathe, raffte ihre Röcke noch höher und enger zusammen

und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strümpfe und die

koketten Schuhe. Er faßte Agathe recht kräftig um die Taille, von hinten

her, und schob sie so vorwärts, Stufe um Stufe. Und als sie oben

angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit

den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen

einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen.

Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thürauf, und Agathe hatte das

Bedürfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment über das Werk zu

machen.

»Wie ist es malerisch!« schwärmte sie.

»Eine andere Art malerische Schönheit als ein See im Mondschein

zwischen Waldbergen,« sprach Stephan von Marning. »Wie viel mehr sagt

_diese_ uns heutigen Menschen.«

»Ja, das ist die Romantik der Industrie,« bestätigte der

Generaldirektor.

Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gäste an sicheren Platz zu

stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf

einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen

trefflichen Überblick hatten auf die schräge Ebene der Gießhalle, die

eigentlich ein Schuppen ohne Wände war, deren Dach auf Pfeilern ruhte.

Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter

lauter kurze Rinnen getieft -- die Formen für den Guß der »Gänze«. In

unübersehbarer Zahl und Regelmäßigkeit zogen sie sich hin, in ihrer

Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das fließende Eisen

strömen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen.

Überall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt

-- wachsam hieß es den feurigen Fluß lenken und fördern, falls er sich

irgendwo sollte stauen wollen.

Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten -- als seien sie

die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspieß wagerecht durch die

Lande schleppten -- eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie

zum Stoß gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gießloch

vor. Hallende Töne zitterten über das Rauschen der Wasser hin -- wieder

und wieder stießen die Männer mit den von nassen Tüchern umwickelten

Händen den Eisenstab gegen den Verschluß -- berannten die Festung des

Feuers. -- Und da krachte es -- Funken schossen hervor -- Garben von

Sprühpünktchen -- und weißgolden, von leichten Trübungen da und dort

überhaucht, floß das glühende Eisen.

Düstere Glut warf einen rötlichen Schein in den Raum der Gießhalle, wo

die sich bückenden und von Sandwall zu Sandwall hinübertretenden

Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der

schiefen Ebene füllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem fließenden

Eisen -- das sah aus, als hätten sich lauter Goldstreifen hingelegt --

eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde.

Und vom Vorherde, unten am Ofen, floß auch schon die Schlacke ab -- ein

Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen schoß er hernieder in das mit

Wasser halbgefüllte Wagengefäß, das die Masse nachher zur Schlackenhalde

rollen sollte.

Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. --

Rauch wölkte. -- Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. -- Draußen,

zwischen dem Gestänge und Gedränge umqualmter Eisenlinien, sah man den

blauen Abendhimmel.

Welch ein Stück Leben! Welche Welt voll Größe und erschütternder

Schönheit!

Die junge Frau fühlte sich erhoben und befreit.

Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich quälender

Unruhe? Was die unbedeutenden Rätselfragen in einem einzelnen, kleinen

Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur

bezwingen! --

Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.

Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlöslich

verbunden -- als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit

ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit -- es würde, es sollte auch

einst die Welt ihres Kindes werden ...

Ihre Seele ward wieder froh ...

Und irgend eine Empfindung nötigte sie, die dunklen Augen zu suchen,

denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war.

Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten

sich ihre Blicke.

Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, daß ihre Seelen in der

gleichen Andacht erhoben seien.

6

Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem

Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In

dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wünschte ein Gott zu

sein, um der Natur befehlen zu können. Seine wartende Aufregung setzte

sich in Zorn um -- nicht gegen irgend einen Menschen -- nein, in diesen

unbestimmten Zorn über menschliche Ohnmacht. Und er mußte sich doch

fassen. --

Sein Sohn war verreist. Unglücklicherweise! In diesen furchtbaren

Stunden hätte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel

sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit großen

Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften ...

Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn

unwürdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten.

Jetzt war es ein ernster, anständiger Grund, der ihn fortzwang.

Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine

Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten

April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thürauf hätte die Vertretung

des Geheimrats übernehmen können -- wie so oft, seit dieser an seinen

Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt

gewesen, daß bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds

Vermögen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin

Lohmann draußen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitänen der

Industrie für das Haus eintreten solle.

Der Geheimrat wußte ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu

verschaffen -- noch besaß er es kaum. Er mußte Vertrauen zu sich

erwecken -- wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte

wahrscheinlich mehr von dem früheren Lebejüngling gewußt als der Vater

selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als

wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der

Geheimrat wußte auch: die bloße Tatsache, daß er zu dieser Sitzung nicht

Thürauf, sondern seinen Sohn entsandte, ließ die Herren aufmerken,

erweckte die wohlwollendsten Gedanken.

Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung

Anfang März stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin

anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor.

Es schien dem Geheimrat unmöglich, daß der junge Ehemann jetzt seine

Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmöglichkeit, plötzlich

anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man würde denken, er

habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen

geschenkt.

Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte

interessierte ihn immerhin ein wenig. Außerdem: jedesmal wenn er hinaus

konnte -- wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto saß -- nach

Berlin -- nach Hamburg -- dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er

wieder jünger werde ... Als wenn ihm irgend was tröstend sage: na, die

Welt wartet ja noch auf dich. --

Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau,

diese großartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprüche zu

erheben ...

Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, daß sie bat, Wynfried

möge unbekümmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete

Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit einträte. Und

wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben hätte! ...

Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel

daran, daß Wynfried sich erprobte, in der Welt der großen Herren der

Industrie sich Zutrauen erwarb.

Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Köln zur Vorbesprechung und

Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof

hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt

schicken mußte. Sie verbot eine Rückberufung und daß man Wynfried

depeschiere.

Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn

fern zu wissen. -- Sie mußte sich ganz mühsam immer wieder klar machen,

wie wichtig doch das Ereignis auch für ihn sei. -- Er hatte so wenig

Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ...

Rücksichtsvoll war er immer -- und manchmal so zärtlich, als seien sie

wirklich miteinander in der großen Liebe verbunden, auf die Klara noch

immer wartete. --

Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die

Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der

zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde -- die wußte noch:

als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht

chloroformieren müssen, denn die gnädige Frau lehnte es ab, auch nur den

leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen

könne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwürde gelangt.

Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige

Leiden. Sie mußten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April

erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit.

Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte

die Fenster seines Erkers öffnen lassen und belebte sich an dem zarten

Frühlingszauber der Luft. Drüben überm weiten Gelände lag die Poesie der

Frühe.

Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein

Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.

Feierliche Würde war in diesem jungen Tag.

Da kam Leupold wieder einmal herein -- bleich, verwacht auch er.

»Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?«

»Was soll das? -- Was willst du mit mir ...«

»Die gnädige Frau lassen bitten ...« Und er hatte ein seltsam

verstocktes Gesicht.

»Meine Tochter? ... Meine Tochter?« murmelte der alte Herr verstört ...

irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl

an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut -- keine Sorge

-- nein gar keine. --

Er zitterte ...

Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche

Aufregungen waren nicht für seinen Herrn -- und Nächte durchwachen, wenn

man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um überhaupt zu

leben ... Alles verkehrt -- dieser ganze Zustand jetzt, mit einer

zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im

Gleichmaß hergegangen ...

Unter solchen Gedanken half er der mächtigen Gestalt in den Fahrstuhl

und schob ihn rasch zum Lift.

Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewußt hätte, warum

Klara nach ihm rief, würde er es gesagt haben ...

Unten riß schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar

und gewaschenem Gesicht die Tür des Lift auf.

Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das

Küchenpersonal, die Stubenmädchen -- fast als bildeten sie eine Gasse

... Und im großen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst

von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht,

klein, grau, gebückt und selig lächelnd; und mit verdienstvollem Gesicht

der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen

und dem Schmiß vom Mundwinkel bis zur Wangenhälfte, der ihm einen

Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte

Weibswesen.

Sie ließen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer

beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.

Stille Helden: Roman · 第 16 / 69 题